Evangelischer Gottesdienst zum Dialog der Religionen

Präses Kock: „Unterschiede im Glauben hindern nicht am Frieden“

08. Dezember 2002

Es gilt das gesprochene Wort! 

„Nichts wird hier vermischt miteinander, aber wir wollen einander kennen lernen“, so der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Manfred Kock, in seiner Predigt zum 2. Advent. Auch Vertreter des Judentums und des Islam waren der Einladung zu dem evangelischen Gottesdienst im Zeichen des Dialogs der Religionen gefolgt. „Wir glauben daran: Gott tritt in den Dialog mit allen Menschen“, so der Duisburger Pfarrer Ernst Raunig, der die Liturgie des Gottesdienstes zum 2. Advent in der Friedenskirche zu Duisburg-Hamborn leitete. Der Gottesdienst wurde am Sonntag, 8. Dezember, ab 9.30 Uhr live im ZDF übertragen.

„Gerade das friedliche Miteinander und das gemeinsame Handeln ist enorm wichtig. Ich halte es für das Wichtigste in der ganzen Welt“, so Hüseyin Cetin zur Adventszeit und Ramadan, den Tagen der Offenbarung Gottes bei Christen und Muslimen. Zusammen mit Michael Lawton von der Liberalen Jüdischen Gemeinde Köln war Hüseyin Cetin vom Islamisch-Türkischen Kulturverein Marxloh Pollmann zu Gast beim evangelischen Gottesdienstes zum 2. Advent. Hier erzählten sie von ihrem Zugang zur Offenbarung Gottes. Die Predigt hielt der Ratsvorsitzende der EKD und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland Manfred Kock.

Es seien dies Tage der Besinnlichkeit, der Verständigung, des gemeinsamen Miteinanders, so Hüseyin Cetin. Der Koran als Quelle der Offenbarung bedeute für ihn inneren und gesellschaftlichen Frieden. Dieser werde „nur durch den Dialog im regelmäßigen Austausch der verschiedenen Religionen und Kulturen gefördert. Frieden in der Welt ist nicht möglich ohne Frieden der Religionen.“ Im Koran heiße es: „Sprich: Wir glauben an Gott und was auf uns herab gesandt war, und was herab gesandt ward auf Abraham, Isaak, Jakob und die Stämme, und was gegeben ward Moses und Jesus und den Propheten von ihrem Herrn. Wir machen keinen Unterschied zwischen einem von ihnen, und ihm sind wir ergeben.“

An die Gemeinsamkeit, „dass wir alle an eine Offenbarung glauben, die ihren Niederschlag in einem Text findet“ erinnerte Michael Lawton mit Blick auf die drei heiligen Schriften. Das Wesen des Judentums sei die Ethik. „Der Glaube, das Ritual – dies alles sind nur Wege, - Kommentare, die wir studieren müssen. Ein ethisches Leben, das die ganze Menschheit einschließt, ist unser Ziel.“

Eine Achse des Friedens gegenüber fanatischen Menschen

In seiner Predigt verwies der Ratsvorsitzende der EKD, Manfred Kock, auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei Religionen. Das muslimische Glaubenszeugnis sei den Christen zwar fremd, weil sie glaubten, dass nach der Offenbarung Jesu keine andere neue noch hinzukommen müsse, so der Ratsvorsitzende, „trotzdem bekunden wir Achtung gegenüber denen, die in anderer Tradition aufgewachsen sind und unter uns leben. Nichts wird hier vermischt miteinander, aber wir wollen einander kennen lernen, um uns der Wahrheit des eigenen Glaubens umso ernster versichern zu können.“ Gegenüber fanatischen Menschen müsse eine Achse des Friedens gebildet werden: „Wir müssen zeigen, dass unsere Unterschiede im Glauben uns nicht am Frieden hindern. Radikalen Kräfte missbrauchen die Religion zur Rechtfertigung für gewaltsame Übergriffe“, so der Ratsvorsitzende.

Die Offenbarung Gottes im Evangelium für diesen Sonntag helfe dabei, denn sie verweise auf die Offenheit des Glaubens für die Zukunft des Friedens und der Gerechtigkeit. Mitten in eine apokalyptische Endzeitstimmung hinein würde im Lukasevangelium die Ankunft Gottes in Jesus Christus vorbereitet. „Die Verse beschreiben das Ende der Welt in erschütternden Bildern.“ Auch heutige Welterfahrung spiegelten ein solches Bild wider: „Ökologische Krisen, nationalistische Kriege, fundamentalistischer Terror, das Anwachsen von Hunger, Flucht und Vertreibung – und entsprechend die Katastrophen im persönlichen Leben: lebensbedrohliche Krankheiten, die Angst vor dem Altern, Einsamkeit und die zahllosen Depressionen hinter all den glitzernden Fassaden. Wie geht es weiter mit unserer Welt?“

Der Evangelist Lukas nennt die Trostworte Jesu: „Sehet auf, erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Lukas habe die Sorge umgetrieben, dass Menschen sich von der Angst überwältigen ließen, die durch Katastrophen, durch Verfolgung und durch tiefgreifende Erschütterungen des Lebens ausgelöst würden, so Präses Kock. „Lukas war auch besorgt, Menschen könnten immer wieder dem Fanatismus verfallen und Glaubensgewissheit mit Unduldsamkeit verwechseln. Jesus sagt: Fürchtet euch nicht, Gott ist der Eine und Einzige Herr der Welt. Lasst euch nicht von anderen Herren niederdrücken. Er regiert, darum lasst den Kopf nicht hängen.“ Auf alle Völker habe Jesus diese Botschaft ausgeweitet: „Die Ketten und Fesseln der Schuld, die Qualen der Ungerechtigkeit und der Tyrannei werden ein Ende haben.“

Hannover, 6. Dezember 2002
Pressestelle der EKD
Anita Hartmann

Hinweis: Predigt im Wortlaut

Informationen zum Gottesdienst finden Sie im Internet unter:
http://www.fernsehgottesdienst.de/16_1138.htm



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