„Nur durch die Wahrheit wird aus Erinnerung Orientierung!“

Ratsvorsitzender Bischof Wolfgang Huber in Yad Vashem

11. April 2007

Am ersten Tag seiner Reise ins Heilige Land hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Gedenkstätte Yad Vashem besucht. Nachfolgend der Wortlaut des Grußwortes, das der Vorsitzende des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, bei dieser Gelegenheit sprach:

„Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland unternimmt eine Begegnungsreise durch das Heilige Land. Das geschieht in dieser Form zum ersten Mal. Wir werden viele Menschen treffen, alte Kontakte auffrischen, neue Begegnungen erleben, wir werden von Schwierigkeiten der christlichen Kirchen hören, aber auch Klärungen und Fortschritte der Verständigung feiern können. Aber der Morgen des ersten Tages unserer Reise führt uns – nach der freundlichen Begrüßung gestern Abend durch den deutschen Botschafter, den Propst und die deutsche evangelische Gemeinde – zuerst hierher, nach Yad Vashem, an den Ort der Erinnerung und der Mahnung.

Diese Gedenkstätte ist für mich persönlich bei jedem Besuch in Jerusalem ein wichtiges Ziel. Heute ist Yad Vashem für den gesamten Rat der EKD und alle, die mit uns gekommen sind, gleichsam unser Tor nach Israel, und das aus Gründen, die für uns unumgänglich sind. Wir wollen die Stätten des Heils hier in Jerusalem und im Heiligen Land nicht betreten, ohne zuvor die Stätte der Erinnerung an das Unheil der Shoah aufzusuchen und unsere Herzen für diese Erinnerung zu öffnen. Als Delegation aus Deutschland wollen wir unseren Weg durch Israel hier beginnen, in Achtung und Respekt vor den Opfern von Willkür, Grausamkeit und tötender Gewalt, verübt durch das nationalsozialistische Deutschland.  In Demut und Beschämung beugen wir uns vor dem unendlichen Leid, das von Deutschen, auch von Christen in Deutschland ausgegangen ist, und das in dieser Gedenkstätte Gesicht und Namen, Anschauung und Konkretion erhält. Hier in Yad Vashem bekennen wir uns dazu, dass uns das Einmalige und Unvergleichliche dieses Geschehens bewusst ist. Miteinander wollen wir unseren Glauben und unsere Kraft dafür einsetzen, dass sich etwas Derartiges nie wiederholt. Miteinander treten wir auch klar und entschieden denjenigen entgegen, die den Völkermord am europäischen Judentum leugnen wollen oder sich der politischen Verantwortung verweigern, die daraus folgt.

Wir wollen am Beginn unseres Besuchs in Israel anknüpfen an die berühmten Sätze, die der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland im Oktober 1945 in seinem Stuttgarter Schuldbekenntnis formuliert hat, als er sich dazu bekannte, dass auch durch uns „unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden“ ist und dass wir in den finsteren Zeiten der nationalsozialistischen Herrschaft „nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben“. Erst Jahre später wurde das „Schuldbekenntnis der Kirche“ bekannt, das Dietrich Bonhoeffer bereits im Jahr 1940 formuliert hatte und in dem es heißt: „Die Kirche bekennt, die willkürliche Anwendung brutaler Gewalt, das leibliche und seelische Leiden unzähliger Unschuldiger, Unterdrückung, Hass, Mord gesehen zu haben, ohne ihre Stimme für sie zu erheben, ohne Wege gefunden zu haben, ihnen zu Hilfe zu eilen. Sie ist schuldig geworden am Leben der Schwächsten und Wehrlosesten Brüder Jesu Christi“. „Brüder Jesu Christi“ hatte Bonhoeffer später in seinem Manuskript ausdrücklich hinzugesetzt. Er wollte damit den Bezug auf die Juden deutlich machen und die kirchliche Schuld an der Shoah zur Sprache bringen. Heute machen wir das zu unserem eigenen Bekenntnis.  

Denn erst diese Wahrhaftigkeit lässt aus der Erinnerung Orientierung für die Gegenwart erwachsen. Es sind doch nicht abstrakte Zahlen von Juden, die im Dritten Reich um ihr Leben gebracht wurden, sondern es sind Väter und Mütter, Kinder und Geschwister, es sind Schneider und Ärzte, Hausfrauen und Musiker, die in den Tod getrieben wurden. Man muss die einzelnen Gesichter, die persönlichen Biographien erinnern, um den Abgrund zu spüren, an den uns diese Gedenkstätte führt. Erst die Wahrheit und die Würde eines jeden einzelnen Lebens macht die Erinnerung konkret, erst die Wucht eines nachvollzogenen individuellen Schicksals kann zur Orientierung werden für die Verantwortung und die Aufgabe, die wir auch in die nächste und übernächste Generation zu tragen haben, wenn die Zeitzeugen und Überlebenden nicht mehr unter uns sind.

Ich komme auch als Berliner Bischof hierher nach Yad Vashem. Ich komme aus der Stadt, von der das Unheil ausging. In Berlin fand die unsägliche Wannseekonferenz statt; hier lebten Menschen wie Hitler und Himmler, Heydrich und Eichmann. Aber zugleich verbinde ich mit Berlin auch die Erinnerung an die Synode der EKD in Weißensee, bei der im Jahr 1950 zum ersten Mal namens der evangelischen Kirche die Schuld an der Verfolgung der Juden in Europa ausdrücklich benannt und eingestanden wurde. Die Synode erklärte ihre Bereitschaft, angesichts dieser Schuldgeschichte neu und anders über das jüdische Volk, über unseren in diesem Volk geborenen Erlöser Jesus Christus und über den christlichen Antijudaismus nachzusinnen. Die evangelischen Kirchen in Deutschland haben seither viele wichtige Schritte unternommen, um den Ungeist antijüdischen Denkens aus unseren Gebeten und Liedern, aus unserem Glauben und unserer Theologie zu tilgen. Immer wieder haben sich einzelne Landeskirchen, aber auch die EKD als ganze unzweideutig gegen alle Formen des Antisemitismus ausgesprochen.

Aber diese Aufgabe begleitet uns auch in die Zukunft: Das immer wieder neue Aufflackern von Antisemitismus in Deutschland beschämt uns. Wir treten als Kirchen deutlich dagegen ein, in großer Solidarität mit den jüdischen Gemeinden und dem Zentralrat der Juden in Deutschland. Damit diese Verpflichtung gegenwärtig bleibt, müssen auch unsere Kinder und Kindeskinder wissen, welche Verantwortung auf unser aller Schultern liegt. Die Wahrhaftigkeit in der Begegnung mit unserer Geschichte ist der einzige Weg in die Zukunft, um aus Erinnerung Orientierung werden zu lassen. Auch in Zukunft stellt sich die evangelische Kirche ihrer historischen Verantwortung, sie wird der erinnernden Wahrheit auch weiterhin die Ehre geben. Sie wird deshalb an der tiefen Solidarität mit Israel festhalten und sich an dem Mühen um Gerechtigkeit und Frieden nach Kräften beteiligen. Dabei vertrauen wir auf den HERRN, der will, „dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Frieden sich küssen, dass Treue auf der Erde wachse, und Gerechtigkeit vom Himmel schaue“ (Psalm 85, 11 f.).“

Hannover / Jerusalem, 11. April 2007

Pressestelle der EKD
Christof Vetter



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