Kock: Gegenüber dem Islam sind Dialogfähigkeit und kritische Wahrnehmung gefragt

Rede beim Johannisempfang vor Gästen aus der Politik

27. Juni 2002

Gegenüber dem Islam müssen die Fähigkeiten sowohl zum Dialog als auch zu kritischer Wahrnehmung gestärkt werden. Dazu rief der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Manfred Kock, am 27. Juni beim Johannisempfang des Bevollmächtigten des Rates der EKD in Berlin auf. Vor mehreren hundert Gästen - darunter Bundesminister, Staatssekretäre und Bundestagsabgeordnete - sagte Kock in der Französischen Friedrichstadtkirche, der Islam stehe in Europa vor der Bewährungsprobe, "ob er in der Lage ist, sich auf die Bedingungen einer freiheitlichen Demokratie und des weltanschaulichen Pluralismus" einzulassen.

Aktuelle gewaltsame Konflikte seien vielfach mit religiösen Motiven derart verworben, dass dies dem Ansehen der Religion schweren Schaden zufüge. „Es ist zum Ungläubigwerden“ sagte Kock in Anspielung auf ein Journalistenwort. Der religiöse Faktor wirke sich im Nahen Osten, auf dem Balkan, dem indischen Subkontinent oder in Nordirland überall dort in verhängnisvoller Weise aus, wo politische Ansprüche religiös begründet werden. So bleibe im Nahost-Konflikt kaum Raum für einen pragmatischen Ausgleich, wenn "territoriale Ansprüche und ihre Bestreitung religiös untermauert werden" und eine Seite Selbstmordattentäter zu Märtyrern stilisiere. Die jeweiligen Konfliktursachen dürften nicht auf das religiöse Motiv reduziert werden. Kock bezeichnete es als "Ärgernis", dass Medien in Berichten über den Nordirland-Konflikt immer wieder "Katholiken" und "Protestanten" einander gegenüber stellten. Es sei angemessener, von pro-irischen und pro-britischen Elementen zu sprechen.

Der Ratsvorsitzende räumte ein, dass es religiöse Traditionen gebe, die der Gewaltanwendung Vorschub leisteten oder sich zur Legitimation von Herrschaft und Unterdrückung instrumentalisieren ließen. In dieser Hinsicht liege auch ein Schatten über der Geschichte der christlichen Kirchen. Die christliche Theologie habe es jedoch gelernt, "die Heilige Schrift von ihrer Mitte her zu verstehen, von der Liebe Gottes in Jesus Christus". Auch mit Hilfe der Aufklärung habe man "einen kritischen Umgang mit den biblischen Geschichten" gewonnen. Dieser bewahre davor, biblische Aussagen losgelöst von ihren historischen Bedingungen zu deuten, hob der Ratsvorsitzende hervor. Auch in der islamischen Theologie gebe es inzwischen erste Ansätze für einen historisch-kritischen Umgang mit dem Koran, die sich allerdings noch kräftiger entwickeln müssten.

Neben einer "verschärften Erneuerung radikaler Religionskritik" machte der Ratsvorsitzende in der Debatte über Religion "eine neue Sensibilität für die positive Bedeutung der religiösen Dimension" aus, sagte Kock unter Hinweis auf die Dankrede von Jürgen Habermas bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. So gebe es im Blick auf Werte wie Menschenfreundlichkeit, Friedfertigkeit und Versöhnungswillen "in der Kultur der Menschheit nicht unendlich viele Ressourcen, die sich als fähig gezeigt haben, diese Tugenden hervorzubringen und kräftig zu erhalten". Die Ruf in die Nachfolge Jesu als Einladung und  Ermutigung zum Glauben gehöre auf jeden Fall dazu.

Berlin/Hannover, den 27. Juni 2002
Pressestelle der EKD



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