Selbstbewusster Protestantismus im kritischen Dialog mit der Kultur

EKD und Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) präsentieren gemeinsame Denkschrift "Räume der Begegnung"

02. September 2002

Die evangelischen Kirchen wollen "Räume der Begegnung" gestalten, in denen eine "Kultur des wechselseitigen Respekts" praktiziert wird. Im Dialog mit anderen Kulturträgern wollen die Kirchen den christlichen Glauben selbstbewusst ins Gespräch bringen. Dies betonten Spitzenvertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) anlässlich der Vorstellung ihrer gemeinsamen Denkschrift "Räume der Begegnung - Religion und Kultur in evangelischer Perspektive“ heute, 2. September 2002, in Berlin. Der Erarbeitung der Denkschrift vorausgegangen war ein dreijähriger Konsultationsprozess, in dem EKD und Freikirchen alle Interessierten in Gesellschaft, Kultur und Kirche zur Mitarbeit eingeladen hatten. Mit dem Impulspapier "Gestaltung und Kritik" war die Diskussion um das Verhältnis von Protestantismus und Kultur an der Schwelle eines neuen Jahrhunderts im März 1999 eröffnet worden.

"Die christlichen Kirchen sind ein Teil der Kultur der Gesellschaft, in der sie leben und wirken. Sie werden von ihr geprägt und sie gestalten sie mit", sagte der Vorsitzende des Rates der EKD, Präses Manfred Kock, bei der Vorstellung der Denkschrift. Um das Verhältnis von Religion und Kultur aus evangelischer Sicht zu beschreiben, eigneten sich "weder Identifikations- noch Separationsmodelle", fügte Kock hinzu. Während des dreijährigen Konsultationsprozesses sei "ein großer Bedarf nach innerprotestantischer Selbstverständigung" deutlich geworden. Der Protestantismus suche seinen Ort in einer Kultur, deren Bezug zur Religion sich mehrschichtig gestalte, betonte der Ratsvorsitzende. Einerseits sei der "unmittelbare institutionelle Einfluss der Kirchen wie auch die Reflexion über die Prägungen durch das Christentum" nicht mehr selbstverständlich. Andererseits erklinge nach Ereignissen wie dem 11. September 2001 oder dem Amoklauf eines Schülers im April in Erfurt der Ruf nach Orientierung und Halt besonders an die Kirchen.

Der Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), Pastor Dr. Wolfgang Lorenz, bezeichnete die Denkschrift als "Ausrufungszeichen, vielleicht sogar ein kleines Denkmal für die nachhaltige Prägung, die unsere Kultur durch das Evangelium und den christlichen Glauben erfahren hat und noch erfährt". Den evangelischen Freikirchen gehe es bei der Erschließung von Räumen der Begegnung auch um den missionarischen Auftrag: Die "Inkulturation" des Evangeliums in Wort und Tat. Unter Inkulturation versteht die Denkschrift einen Prozess, in dem Menschen in der Kultur der Kirche heimisch werden, weil die Kirche in ihrer Kultur zu Hause ist. Pastor Lorenz verwies in diesem Zusammenhang auf die "Kultur der Barmherzigkeit", die sehr viel für eine christlich-kulturelle Prägung unserer Gesellschaft bewirke. Die diakonischen Einrichtungen seien intensive "Räume der Begegnung" zwischen Kirche und Gesellschaft.

EKD-Ratsmitglied Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber, Vorsitzender der den Konsultationsprozess begleitenden Steuerungsgruppe, hob besonders den Aspekt der kulturellen und religiösen Pluralität unserer Gesellschaft hervor: "Angesichts von kultureller Vielfalt sucht evangelisches Glaubensverständnis einen Weg, der weder durch Abschottung noch durch Beliebigkeit geprägt ist". Im kulturell Eigenen beheimatet zu sein und gleichzeitig den Anderen zu respektieren sei das Ziel, so Huber. Die Denkschrift trete für eine Kultur der Differenzen und der Anerkennung ein. "Wahrheitsbewusstsein und Toleranz schließen einander nicht aus, sondern gehören zusammen." Der Text "Räume der Begegnung" vertrete einen selbstbewussten Protestantismus, gerade deshalb werbe er für die kritische Dialogbereitschaft, betonte Bischof Huber. Dieser setzte sich auch für eine verstärkte Bereitschaft der Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen ein, "Gastgeber und Auftraggeber für Kultur und Kunst zu sein".

Die Denkschrift wurde von einer ebenfalls von Bischof Huber geleiteten ad-hoc-Kommission vorbereitet und durch den Rat der EKD und das Präsidium der VEF verabschiedet. Auf ihren 95 Seiten erörtert sie zunächst neue Möglichkeiten einer Verhältnisbestimmung von Religion und Kultur in einer Zeit des Wandels. Sodann wird die Pluralität von Kultur als Chance für die angestrebten Begegnungen von Kultur und Religion entfaltet. In diesem Kapitel finden sich neben grundsätzlichen Überlegungen auch Erörterungen über das Verhältnis zur trivialen und zur avancierten Kultur sowie zum Zusammenleben in einer multireligiösen Gesellschaft. In einem dritten Teil werden Konsequenzen für das Handeln der Kirchen gezogen.

Berlin/Hannover, den 2. September 2002
Pressestelle der EKD

Die Denkschrift "Räume der Begegnung" ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen (ISBN 3-579-02376-4) und zum Preise von 7,95 €  im Buchhandel erhältlich.



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