„Räume der Begegnung – Religion und Kultur in evangelischer Perspektive“

Statement des EKD-Ratsvorsitzenden , Präses Manfred Kock, auf der Pressekonferenz in Berlin

02. September 2002

Was passiert, wenn Pfarrer zeitgenössische Bildhauerinnen, Grafiker oder Maler Künstler einladen, in einer Kirche auszustellen - wie jetzt im Zusammenhang mit der documenta in der Kasseler Martinskirche? Oder was geschieht, wenn Theaterkünstler auf Gemeinden zugehen, um eine um moderne Tanzelemente erweiterte Bach’sche Matthäuspassion in einer neugotischen Kirche zu inszenieren? Oder was kommt dabei heraus, wenn Theologen mit Sportfunktionären ein munteres mehrtägiges Streitgespräch über Körperkult und Leibfeindlichkeit führen? Und schließlich: Was passiert, wenn die Evangelische Kirche in Deutschland einen Konsultationsprozess anstößt über das Verhältnis von Religion und Kultur?

Bei all diesen Gelegenheiten und Anlässen kommen Gespräche zustande, wo lang nicht gesprochen wurde. Solche Begegnungen führen bisweilen zu spannungsvollen, insgesamt aber heilsamen Auseinandersetzungen von Kirche und Kunst, Religion und Kultur. Kirche kann die Kunst an ihren Ursprung im Kult erinnern und Kunst kann die evangelische Kirche an jene protestantische Freiheiten erinnern, die unsere Kultur der Reformation verdankt. Auch wenn die Kunst Freiheit medial anders entfaltet als die Kirche, kann man gemeinsame Wurzeln feststellen, etwa dass Kunst und Kirche nur da Profil gewinnen und ihre jeweilige Freiheit behalten, wo der Mut zu konfessorischer Kompromisslosigkeit vor den Versuchungen des Ökonomismus bewahrt. Die klassischen Reibungsflächen aus voremanzipatorischen Zeiten sind damit nicht weggewischt, aber der Raum der Begegnung wird erweitert um die Spielräume der Gegenwart. Was für Kirche und bildende Kunst, oder die Theologie und die Welt des Sports, oder die Kirche des Wortes und die Welt der bewegten Bilder, oder die Theaterwelt und die Liturgie gilt, findet vielfache Entsprechungen auf anderen kulturellen Feldern.

Insgesamt lässt sich feststellen: Für das 21. Jahrhundert eignen sich weder Identifikations- noch Separationsmodelle vergangener Zeiten, um das Verhältnis von Religion und Kultur aus evangelischer Sicht zu beschreiben.

Die christlichen Kirchen sind ein Teil der Kultur der Gesellschaft, in der sie leben und wirken. Sie werden von ihr geprägt und sie gestalten sie mit. Christlicher Glaube ist eine Gottes- und Welterfahrung eigener Art, d.h. er hat nicht nur eine allgemeine religiöse Dimension, sondern er eröffnet auch eine unverwechselbare Sicht auf den Menschen und die Welt. Damit bietet er Perspektiven, die einzelne Christen zu kritischen Beobachtern und die Kirchen zu kritischen Dialogpartnern gegenüber der kulturellen Entwicklungen in unserer Gesellschaft machen können.

Aber wie sieht das Verhältnis von Protestantismus und Kultur an der Wende zum 21. Jahrhundert konkret aus und wie lässt es sich für die Zukunft gestalten? Um dieser Frage nachzugehen und mit eigenen Mitteln, aber auch mit Hilfe der Einschätzung anderer gesellschaftlicher Kräfte nach Antworten zu suchen, haben die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) im März 1999 einen Konsultationsprozess begonnen. Das seinerzeit vorgestellte Impulspapier "Gestaltung und Kritik - Zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur" war die Einladung an alle Interessierten, sich an der Diskussion zu beteiligen.

Die Reaktionen waren vielfältig. Beispielsweise befasste sich an der Universität Rostock eine internationale Konferenz mit Fragen der Medien- und Jugendkultur. Von Film bis Hip-Hop-Kultur, von religionspädagogischen Konzepten bis zum Gottesdienst reichte die Themenpalette. Wissenschaftlicher Diskurs verband sich mit konkretem Erleben.

Der Christus-Pavillon, war deshalb eine der Hauptattraktionen auf der EXPO 2000 in Hannover, weil hier ein Dialog zwischen Kirche und Kultur wirklich stattfand. Die Verbindung von ästhetischer Erhabenheit und christologischer Konzentration wurde dort im Wortsinn „begreifbar“ und -  wie die zahlreichen dokumentierten Besucherreaktionen zeigten - auch begriffen!

Eine lange Reihe von Tagungen Evangelischer Akademien befasste sich mit der Bewältigung von Konflikten zwischen moderner Kunst und Kirche, aber auch Gemeinden, Kirchenkreise, Citykirchen und andere haben diese Themen aufgegriffen.
Insgesamt wurde während des dreijährigen Konsultationsprozesses ein großer Bedarf nach innerprotestantischer Selbstverständigung deutlich. Unverkennbar sucht der Protestantismus seinen Ort in einer Kultur, deren Bezug zur Religion sich mehrschichtig vollzieht. Einerseits ist der unmittelbare institutionelle Einfluss der Kirchen wie auch die Reflexion über die Prägungen durch das Christentum in der gegenwärtigen Kultur nicht mehr selbstverständlich, andererseits erklingt nach Ereignissen wie dem 11. September 2001 oder dem mörderischen Amoklauf eines Schülers in Erfurt im April dieses Jahres der Ruf nach Orientierung und Halt besonders an die Adresse der Kirchen.

Mit dem nun zu Ende gegangenen Konsultationsprozess ist es gelungen:

  • erstens innerhalb des Protestantismus in unserem Land einen Dialog quer durch alle Frömmigkeitsmilieus zu führen,

  • zweitens die Frage nach einer evangelischen Kulturhermeneutik zu vertiefen und weiter zu klären, d.h. die Reflexion jenes wechselseitigen Verstehensprozesses von Kirche und Kultur, den ich in den eingangs exemplarisch illustriert habe - und

  • drittens zu einer Verbreiterung dieses notwendigen Diskurses in den Kirchen und Gemeinden beizutragen, denn wie der christliche Glaube heute praktisch und für andere Menschen in der notwendigen Deutlichkeit wahrnehmbar zu leben ist, ist eine grundlegende Frage unserer christlichen Existenz und deshalb nicht allein den theologischen Experten zu überlassen.

Die nun vorliegende gemeinsame Denkschrift der EKD und der VEF „Räume der Begegnung - Religion und Kultur in evangelischer Perspektive“ ist schon allein in ihrem Entstehungsprozess innerhalb des Konsultationsverfahrens ein Beispiel, wie unterschiedliche Positionen in einen fruchtbaren Dialog zu bringen sind. Die Einheit von Gestaltung und Kritik, den beiden im Impulspapier vor drei Jahren betonten Aspekten, wird hier anhand eines an der theologischen Denkfigur der Trinität orientierten Schemas entfaltet. Verstärkt tritt das gegenseitige Wahrnehmen des Anderen hinzu. Die Kirchen wollen Räume der Begegnung gestalten, in denen eine Kultur der Anerkennung des Anderen, eine Kultur des wechselseitigen Respekts praktiziert wird. Zum gelebten Glauben muss ganz selbstverständlich gehören, sich der Begegnung mit dem Fremden und den damit verbundenen unerwarteten Einsichten auszusetzen. Das Bild auf der Umschlagseite unserer Denkschrift vom „Tanz ums Kreuz“ des Malers Georg Baselitz veranschaulicht diesen Perspektivenwechsel auf seine Weise.

Als Vorsitzender des Rates der EKD danke ich den Vertretern der Freikirchen für ihre Kooperation. Besonderer Dank gebührt natürlich denen, die viel Arbeit aufgewendet haben, um das Ergebnis des Konsultationsprozesses zu sichern, allen voran Ratsmitglied Bischof Dr. Wolfgang Huber und Frau Petra Bahr von der Forschungsstelle der Ev. Studiengemeinschaft.


Berlin/Hannover, den 2. September 2002
Pressestelle der EKD



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