"Räume der Begegnung. Religion und Kultur in evangelischer Perspektive"

Statement des Präsidenten der VEF, Pastor Dr. Wolfgang Lorenz, auf der Pressekonferenz in Berlin

02. September 2002

Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) zum Text der EKD und VEF
"Räume der Begegnung. Religion und Kultur in evangelischer Perspektive" (2002)

Im Jahre 1920, vor gut 80 Jahren, veröffentlichte der Sozial- und Wirtschaftshistoriker Max Weber seine berühmte "Protestantische Ethik". Unter anderem schrieb er darin auch ausführlich über den äußeren und inneren Konflikt der beiden Strukturprinzipien: ‘Kirche’ als Gnadenanstalt, oder ‘Sekte’ als Verein der religiös Qualifizierten. Auch, wenn dieses Etikett für niemanden ein Kompliment war, markierten sie doch eine Kluft, die von beiden Seiten durchaus als Feindlichkeit verstanden werden musste.

Die Kirchen, die Weber als "Verein der religiös Qualifizierten" bezeichnete, sind heute die Freikirchen, die mit der EKD ein gemeinsames Papier über Religion und Kultur in evangelischer Perspektive formulieren und herausgeben. Diese Kirchen sind in der Regel Gründungs- bzw. Mitgliedskirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK). Sie sind in vielfältigen Beziehungen mit den hiesigen Landeskirchen und Bistümern in gemeinsamem Zeugnis und Dienst verbunden. So ändern sich die Zeiten.

Diese Evangelischen Freikirchen haben weltweit und besonders auch in Europa im 18. und 19. Jahrhundert maßgeblich dazu beigetragen, die Erklärung der Menschenrechte mit der Unverlierbarkeit der Menschenwürde und der Freiheit von Religion und Gewissen mit zu formulieren und zu verteidigen.

Das 20. Jahrhundert ist so mehr und mehr geprägt worden durch ein Miteinander der Denominationen und Konfessionen, was sich meiner Meinung nach im 21. Jahrhundert fortsetzen und festigen wird. Ein "Kulturkampf", der etwa eine Konfession gegen eine andere aufbringt, ist gänzlich undenkbar. Auch ein Reden von christlicher "Leitkultur", die dem Christentum und seinen Kulturleistungen eine Goldmedaille umhängen möchte, wird von den meisten Christen als unangemessen abgelehnt. Das war auch nie das Ziel des Konsultationsprozesses und der Denkschrift, wie immer wieder vermutet wurde.

"Kultur" und "Kirche" haben heute für viele Zeitgenossen leider nur den ersten Buchstaben gemein. Gerade darum hat diese Denkschrift ihre besondere Bedeutung. Sie ist ein Ausrufungszeichen, vielleicht sogar ein kleines Denkmal für die nachhaltige Prägung, die unsere Kultur durch das Evangelium und den christlichen Glauben erfahren hat und noch erfährt. Das zu dokumentieren, ist ein lohnendes Ziel. Für evangelische Freikirchen in Deutschland, die sich hier zu Lande immer in einer Minderheitensituation befunden haben, ist der Anteil an dieser Prägung naturgemäß geringer als für die Landeskirchen. Aber immer geht es uns bei der Erschließung von Räumen der Begegnung für die Menschen unserer Zeit um das Proprium des kirchlichen Auftrages in Zeugnis und Dienst. Ich meine damit den missionarischen Auftrag als Inkulturation des Evangeliums in Wort und Tat. In diesem Sinne bleibt es eine dringliche und lohnende Aufgabe, das offene Gespräch zwischen Kultur und Kirche zu suchen. Dazu möge die Denkschrift beitragen.

Evangelische Landes- und Freikirchen möchten so noch mehr "Räume der Begegnung" schaffen, um, wie im Vorwort geschrieben, "eine Kultur der Differenzen zu entwickeln, die von der Beheimatung im Eigenen und von Respekt vor dem Anderen getragen ist".

Auf einen Aspekt evangeliumsgemäßer Kernkompetenz möchte ich noch besonders hinweisen: auf die "Kultur der Barmherzigkeit". Sie hat aus unserer Perspektive in EKD und Freikirchen übereinstimmend mit allen christlichen Kirchen sehr viel für eine christlich-kulturelle Prägung unserer Gesellschaft bewirkt. Ich bin davon überzeugt, dass in Zukunft das Wort "christlich" ein Synonym sein wird für "selbstlosen Dienst und den Werken der Barmherzigkeit". So sind die diakonischen Einrichtungen in Deutschland intensive "Räume der Begegnung" zwischen Kirche und Gesellschaft.

Abschließend möchte ich namens des Präsidiums der Evangelischen Freikirchen der EKD mit ihrem Ratsvorsitzenden Präses Manfred Kock für die freundliche Einladung zur Mitarbeit am einleitenden Konsultationsprozess und der sich daraus ergebenden Denkschrift danken. Mein Dank gilt Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber und allen Mitgliedern des Arbeitskreises für die Steuerung des Konsultationsprozesses und für die Erarbeitung der Denkschrift.

In Deutschland werden die Evangelischen Freikirchen auch in Zukunft Seite an Seite mit der EKD und allen anderen Kirchen ihre Aufgabe wahrnehmen, um Räume der Begegnung zwischen Kultur und Kirche zu suchen und zu schaffen.

Hannover/Berlin, den 02.September 2002
Pressestelle der EKD



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