Jesus hat gesagt: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Und: den Armen wird das Evangelium gepredigt. Er hat sich genauso verhalten, indem er sich sehr parteiisch denen zuwandte, die im Glauben, im Materiellen und Sozialen mit den Anforderungen der Starken nicht mithalten konnten. Eindringlich hat er gezeigt, dass man nur so wahres Leben leben kann. Wo die Schwachen ausgesondert und die eigenen Schwächen verdrängt werden, kann sich nach Jesus wahres Leben nicht entfalten.
Das ist eine Botschaft, die unserem Alltag eindeutig widerspricht. Da steigen die Leistungsanforderungen stetig. Und wer nicht mithalten kann, wird aussortiert. Du bist nicht gesund, du willst dich um Kinder oder pflegebedürftige Eltern kümmern? Dann können wir auf dich leider keine Rücksicht mehr nehmen, denn du stehst den Erfordernissen der Wirtschaft nicht voll zur Verfügung. Viele spüren das in ihrem Beruf. In der Wirtschaft, aber zunehmend auch in sozialen Berufen. Immer schneller soll es vorangehen, immer neue Aufgaben bewältigt werden. Verlangsamung, um den Langsameren die Chance zu geben, mitzukommen, ist angeblich nicht möglich.
Sind wir diesem Zug der Zeit eigentlich ausgeliefert? Manchmal scheint es so.
Jesus sagt: ich lebe und ihr sollt auch leben. Ich höre daraus auch den Aufruf, sich diesen Mechanismen nicht einfach zu unterwerfen. Das beginnt mit dem Vertrauen darauf, dass stimmt, was Jesus sagt: Um das zu finden, was Leben wirklich lebenswert macht, ist die Orientierung an Gottes vorbehaltloser Zuwendung zu jedem Menschen der richtige Weg.
Christen stellen sich deshalb bewusst in die Nachfolge Jesu. Nachfolge heißt auch, dass auch wir uns in besonderer Weise den Schwachen verantwortlich fühlen und entsprechend handeln.
Das hat sehr konkrete Folgen. Christen sind aufgerufen gegenüber zunehmender Überforderung und Rücksichtslosigkeit kritisch zu sein.
Als einzelne müssen wir uns fragen, ob es uns wirklich gut tut, bei allem mitzumachen, was heute angeblich gefordert ist. Als Christen in leitenden Positionen haben wir die Verantwortung, auch den Schwächeren die Möglichkeit zu geben, durch ihren Einsatz in der Gesellschaft Anerkennung und Wertschätzung zu erleben. Nachfolge Jesu schließt dabei auch ein, um der Schwächeren willen auf eigene Vorteile zu verzichten.
Als Kirche müssen wir Stimme derjenigen sein, die Opfer unseres Systems sind. Und wir müssen denen deutlich widersprechen, die behaupten, nur in immer größerer Leistung liege das Heil der Menschen. Denn Jesus zeigt uns eine ganz andere Wahrheit.