Aussiedlerseelsorge in der EKD

Tipps zur Beerdigung

12 Tipps zu Beerdigungen von Aussiedlern

Beerdigungen sind ein Arbeitsfeld, in dem nahezu jede/r Pfarrer/in und viele andere Menschen, die im Bestattungswesen arbeiten, mit Russlanddeutschen in Kontakt geraten. Durch die Geschichte und Mentalität der Aussiedler/innen ergeben sich Reibungs- und Konfliktpunkte, die für Einheimische ungewohnt und fremd sind. Die folgenden 12 Tipps sind zusammengestellt worden aus den langjährigen Erfahrungen, die in der Aussiedlerarbeit der Ev.- Luth. Kirche in Oldenburg gesammelt wurden. Die 12 Tipps wollen die kritischen Punkte aufzeigen und helfen, das Verhalten von Aussiedler/innen verstehbar zu machen.

Dabei gilt:
Nicht alle Aussiedler sind gleich !

Unter den Aussiedlern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und deren Angehörigen, die in Deutschland leben (hier kurz Russlanddeutsche genannt), ist es vor allem die Gruppe der traditionellen Familien, in denen der christliche Glaube eine große Rolle spielt. Wer in seiner Gemeindepraxis damit konfrontiert wird, sollte sich darauf einstellen, dass sich das Verhalten dieser Familien von den üblichen Verhaltensweisen der Einheimischen in einigen Punkten unterscheidet. Auf die wesentlichen Unterschiede soll hier hingewiesen werden.


1)   Eine Beerdigung von Russlanddeutschen braucht Absprachen

Weil Beerdigungen mit Russlanddeutschen anders sind als mit Einheimischen, müssen genaue Absprachen mit den Beteiligten getroffen werden. Familie, Bestattungsunternehmen und Friedhofsverwaltung müssen mit in die Vorbereitung einbezogen werden. Dazu gibt es am Ende des Heftes eine Checkliste.


2)   Russlanddeutsche trauern anders

In den traditionellen Familien gibt es die Sitte des lauten Klagens und Weinens angesichts eines Sterbefalles. Vor allem die Frauen (Familie, Dorfgemeinschaft) übernehmen die Rolle von „Klageweibern“ im Trauerhaus und bei der Beerdigung. Auch am Grab wird ohne Hemmungen geweint und laut geklagt.


3)   Russlanddeutsche haben ein anderes Verhältnis zur Leiche

Beerdigung 1970
Der Leichnam wird mit sehr wenig Scheu behandelt. Viele traditionelle Familien sind es gewohnt, den Leichnam selbst herzurichten, zu waschen und anzuziehen. Damit verbunden ist die Sitte, den Sarg offen aufzubahren. In den Herkunftsländern blieb er oft bis zum Einsenken offen. Der/die Aufgebahrte wird häufig und gerne besucht, zum Teil wird eine regelrechte Totenwache gehalten. Viele traditionellen Familien wünschen, dass der Sarg während der Trauerfeier geöffnet ist. Da das in Deutschland nicht möglich ist, müssen die Angehörigen zumindest über den Zeitpunkt des Schließens des Sarges informiert werden. Während der ganzen Zeit wird häufig Körperkontakt zum Leichnam gesucht. Streicheln und Umarmen gehören zu den Abschiedsriten. Die hohe emotionale Bedeutung dieser Abschiedsriten, macht der Aufschrei einer alten Aussiedlerin deutlich, die nach dem Besuch der Leichenhalle rief: „Ich hätte einen Hammer nehmen können, um die Glasscheibe zu zerschlagen! Warum konnte ich meinem geliebten, einzigen Kind nicht noch einmal über den Kopf und die Hände streichen?“


4)   Russlanddeutsche wünschen eine Erdbestattung

In den Herkunftsländern war die Erdbestattung durchgängig üblich. Der biblische Satz „Von Erde bist du genommen und zu Erde sollst du wieder werden“ spielt für die traditionellen Familien dabei eine große Rolle. In Regionen Deutschlands, in denen die Feuerbestattung die Regelbestattung ist, muss mit der Familie, der Friedhofsverwaltung und gegebenenfalls mit dem Sozialamt über die Möglichkeiten (und die Kostenübernahme) für eine Erdbestattung gesprochen werden.


5)   Eine Beerdigung von Russlanddeutschen dauert länger und hat viele Teilnehmer

Friedhöfe, die gezwungen sind, mit kurzen Taktzeiten für Beisetzungen zu arbeiten, sollten an diesem Punkt achtsam sein. In den Herkunftsländern dauerten Beerdigungen sehr lange, weil am Grab viele Predigten gehalten und viele Lieder gesungen wurden. Eine Trauerfeier in einer Kirche oder Kapelle war dort nicht möglich. Wenn nicht genügend Zeit in einem Andachtsraum zur Verfügung steht, sollte um so mehr Zeit am Grab eingerechnet werden. Auch deshalb, weil eine große Zahl von Menschen zur Beerdigung kommt, um Abschied zu nehmen, denn der Zusammenhalt unter den häufig in Deutschland verstreut lebenden Familienangehörigen oder alten Bekannten ist groß. In den traditionellen Familien kommt jeder zur Beerdigung, der es irgendwie ermöglichen kann. Dazu gehören ganz selbstverständlich auch kleine Kinder.


6)   Russlanddeutsche bereiten sich anders auf den Gottesdienst vor

Viele der Angehörigen, die nur zur Beerdigung anreisen, möchten vorher am offenen Sarg Abschied von der/dem Toten nehmen. Es muss geprüft werden, wie lange das vor der Bestattung noch möglich ist. Die Trauergemeinde versammelt sich dann ein oder zwei Stunden vor dem Beginn der Trauerfeier, um zu singen und zu beten, unter Umständen können auch schon einige Predigten gehalten werden. Dafür braucht es einen Raum und Absprachen mit den Zuständigen.

7)   Russlanddeutsche singen anders

Traditionelle Familien oder Dorfgemeinschaften, in deren Umfeld es Brüderversammlungen oder andere Formen des christlichen Lebens gab, sind zumeist sehr gut in der Lage, ihre vertrauten Lieder ohne Begleitung zu singen. Meistens finden sich einzelne oder ein kleiner Chor von Frauen, die anstimmen können und denen die Gemeinde folgt. Die Gesangbuchlieder sind nur zum kleinen Teil bekannt und werden für Russlanddeutsche grundsätzlich zu schnell gesungen. Es ist daher gut, vorher zu klären, ob eine Orgelbegleitung sinnvoll ist oder stört. Unter Umständen kann der gesamte Bereich des Gesangs in die Hände der versammelten Gemeinde gelegt werden. Gesang auf dem Weg zum Grab und am Grab sollte auf jeden Fall möglich sein (siehe dazu auch den Liederanhang).

8)   Russlanddeutsche predigen und beten anders

Wer die Beerdigung eines/einer Russlanddeutschen aus einer traditionellen Familie hält, muss sich darauf einstellen, dass „Brüder“ predigen wollen. Entweder im Gottesdienst oder am Grab. Hier sollte eine genaue Absprache erfolgen und geklärt werden, dass der/die Ortspfarrer/in die Trauerfeier leitet. Auch sollte an bei einigen „Brüdern“ nach ihrem Verhältnis zur verfassten Kirche fragen. Die Predigt der „Brüder“ ist grundsätzlich ermahnend und zur Buße rufend. Der Gedanke eines Gerichtes nach den Werken ist in dieser Form von Buß- und Erweckungspredigt anscheinend unvermeidlich. Auch die Predigt von Pfarrerinnen und Pfarrern wird auf diesem Hintergrund gehört. Wenn „Brüder“ und Pfarrer/in predigen, ist darauf zu achten, dass der/die Pfarrer/in als letzte/r predigt.

Zur Leichenpredigt gehört für Russlanddeutsche unabdingbar eine genaue Aufzählung der äußeren Daten des Lebens des/der Verstorbenen dazu. Die Familie ist meistens gerne dazu bereit, diese Daten zu sammeln oder hat sie für den Besuch des/der Pfarrer/in bereits zusammengestellt. Von Aussiedlern und Einheimischen wird es gleichermaßen als wohltuend empfunden, wenn das Vertreibungs- und Kriegsfolgenschicksal der Russlanddeutschen im Lebenslauf gebührend Beachtung findet. Oft ist das ein Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis.

Russlanddeutsche sind sehr gute Hörer, sie signalisieren dem/der Pfarrer/in, ob sie verstehen, zustimmen oder ablehnen. Das erleichtert die freie Predigt ungemein. Eine abgelesene Predigt ist oft zu nüchtern für Russlanddeutsche. Das gilt grundsätzlich auch für Gebete. Das persönliche, laute Gebet gilt in den Kreisen der frommen Russlanddeutschen das Erkennungszeichen für eine „bekehrte Schwester“/einen „bekehrten Bruder“. Auf diesem Hintergrund werden Gebete der Pfarrerin/des Pfarrers gehört! Zudem ist es möglich, dass eine versammelte Trauergemeinde laut betet (alle auf einmal), oder dass einige laut vor allen beten. Häufig geschieht das schon während der Vorbereitung auf die eigentlichen Trauerfeier.


9)   Russlanddeutsche tragen ihre Särge selbst

Sehr gerne übernehmen Familienangehörige oder enge Freunde die Aufgabe des Sargtragens. Hier sind Absprachen mit den Bestattungsunternehmen wichtig.


10)  Russlanddeutsche schaufeln die Gräber selbst zu

Gerne wird das Grab im Verlauf der Beisetzungsfeier selbst geschlossen oder die versammelte Gemeinde wartet, bis es die Friedhofsarbeiter geschlossen haben. Hier sind Absprachen mit dem Friedhofspersonal wichtig.


11)  Russlanddeutsche machen Photos von Toten und Gräbern

In vielen Familien finden sich die typischen Abschiedsbilder von Toten in einem eigenen Photoalbum. Darauf ist - wie auf dem auf der folgenden Seite abgedruckten Beispiel - die Familie zu sehen, die um den offenen Sarg herumsteht. In den Herkunftsländern waren die Särge oft verziert und mit frommen Sprüchen bemalt. Heute werden häufig der (offene) Sarg, die Grablegung und das Grab mit daneben posierenden Angehörigen photographiert oder gefilmt. Für Angehörige, die nicht zur Beerdigung kommen können, ist dies eine wichtige Möglichkeit zu Teilhabe an der Trauerfeier.


12)  Russlanddeutsche legen Wert auf die Teilnahme am „Tränenbrot“

Das an die Beerdigung anschließende Essen ist ein wichtiger Bestandteil der Beisetzungsfeier. Wer es möglich machen kann, sollte unbedingt daran teilnehmen. Das gemeinsame Essen dient der Erinnerung an die/den Toten ebenso wie dem Kontakt in der Großfamilie und dem Freundeskreis, gerade weil die Teilnehmer oft weit voneinander entfernt leben. Lied und Gebet gehören in den traditionellen Familien selbstverständlich zum „Tränenbrot“ dazu. Pfarrer/innen werden häufig gebeten, Gebete zu sprechen.
 

Liederanhang

Es gibt einige Beerdigungslieder, die sowohl im Evangelischen Gesangbuch (Stammteil) als auch im „Geistlichen Liederschatz“ abgedruckt sind. Der „Geistliche Liederschatz“ ist eine jüngere Zusammenstellung beliebter Lieder der Russlanddeutschen, die sich inzwischen weit verbreitet hat. Die Lieder, die in beiden Gesangbüchern abgedruckt sind, werden in der nachstehenden Liedübersicht zusammengestellt. Die
Übereinstimmung beschränkt sich dabei zumeist auf den Text. Die Melodien sind, mit Ausnahme von „So nimm denn meine Hände“, bis zur Unkenntlichkeit verschliffen oder es werden andere Melodien gesungen. Die Liednummern und Strophen folgen dem Evangelischen Gesangbuch, mit GL wird der „Geistliche Liederschatz“ abgekürzt.

Ach, bleib mit deiner Gnade  EG 347,1-6 / GL 1298
Befiehl du deine Wege EG 361, 1-2+4+11 / GL 651
Christus, der ist mein Leben EG 516, 1+3 / GL 1068
Es ist gewisslich an der Zeit EG 149, 1+2+5 / GL 1111
Ich habe nun den Grund gefunden EG 354, 1-4 / GL 530
Jesu geh voran EG 391, 1-4 / GL 423
Jesus lebt, mit ihm auch ich EG 115, 1-2+5+6 / GL 174
Jesus nimmt die Sünder an EG 353, 1+2+4+8 / GL 408
Liebster Jesu wir sind hier EG 161, 1-3 / GL 263
O Haupt voll Blut und Wunden EG 85, 1+2+4+8 / GL 148
So nimm denn meine Hände EG 376, 1-3 / GL 1300
Such, wer da will ein ander Ziel EG 346, 1-4 / GL 373
Wachet auf ruft uns die Stimme EG 147, 1-3 / GL 1127
Was Gott tut, das ist wohlgetan EG 372, 1+4+6 / GL 1063
Wer weiß, wie nahe mir mein Ende 530, 1+2+4+7 / GL 1064


Checkliste

1. Aufbahrung

* Ist die Aufbahrung des Leichnams geklärt?
* Ist der Leichnam für die Angehörigen zugänglich?
* Ist der Sarg während der Trauerfeier geschlossen?
* Wissen die Angehörigen, wann der Sarg geschlossen wird?

2. Trauerfeier

* Ist der Raum bereits 1-2 Stunden vor der Trauerfeier für die Angehörigen nutzbar?
* Ist der Raum für die Trauerfeier ca. 1 Stunde lang nutzbar?
* Ist das Verhältnis zu „Brüdern“, die predigen wollen, geklärt?
* Weiß der/die Organist/in, dass unter Umständen ohne Orgelbegleitung gesungen wird?
* Ist geklärt, wer während der Beerdigung die Lieder anstimmt?
* Ist der Lebenslauf für die Ansprache vollständig?
* Kann ich frei predigen?
* Ist geklärt, wer den Sarg trägt?

3. Am Grab

* Weiß die Friedhofsverwaltung, dass die Beisetzung länger dauern kann?
* Ist geklärt, wer das Grab schließt?

4. „Tränenbrot“

* Ist genügend Zeit für einen ausführlichen Besuch?
* Bin ich darauf vorbereitet, frei zu beten?


Adressen

Verfasser:
Pastor Dr. Ralph Hennings
Blumenstr. 19
26219 Bösel

zu beziehen über:
Aussiedlerseelsorge in der EKD
Postfach 21 02 20
30402 Hannover
http://www.aussiedlerseelsorge.de/


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