Aussiedlerseelsorge in der EKD

Religion

Kurzer geschichtlicher Überblick

Aussiedlerseelsorge: Beten

Aus welchen Gründen und auf welchen Wegen gelangten Deutsche nach Russland und darüber hinaus nach Mittelasien bis an die Grenzen Chinas?

Bereits im Mittelalter ließen sich gut ausgebildete Deutsche in den Städten Rußlands nieder, weil sie sich davon wirtschaftlichen Gewinn versprachen. So errichteten Kauf- und Bauleute, Ärzte und Verwaltungsfachleute, Soldaten und Offiziere in russischen Diensten bereits 1575 die erste evangelische Kirche in Moskau. Im 17.Jahrhundert wurde Fachleuten im Bereich Militärwesen, Medizin und Bergbau und auch Handwerkern die Möglichkeit gegeben, sich in den Städten anzusiedeln, um dort die Wirtschaft voranzutreiben.

Im 18.Jahrhundert wanderten dann in mehreren Schüben viele tausend Deutsche nach Rußland ein, teilweise um den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen und kriegerischen Auseinandersetzungen in ihrer Heimat zu entgehen, teilweise auch, um ihren Glauben in den weiten Gebieten Rußlands ungehindert leben zu können. Dabei standen apokalyptisches Gedankengut und separatistische Bestrebungen oder auch eine erhebliche Distanz der Glaubenden gegenüber dem Staat im Hintergrund. Die Ansiedlung bäuerlicher Kolonien begann.

Das Manifest Katharinas II vom 22. Juli 1763 versprach den Einwanderern Land, freie Religionsausübung (Missionieren war jedoch untersagt, damit der mitgebrachte Glaube auf die deutschen Siedler begrenzt blieb), Wehrdienstfreiheit, Steuererleichterungen, günstige Kredite und manch andere Privilegien, die die deutschen Einwanderer erheblich besser stellten als die russische Landbevölkerung, die sich noch in Leibeigenschaft befand. Aus allen Teilen Deutschlands kamen die Einwanderer, auch aus Hessen. Kirchen, Bethäuser und Schulen wurden errichtet und den Deutschen wurde zugestanden, sich selbst zu verwalten und weiterhin ihre Muttersprache zu sprechen. Die Ansiedelung erfolgte in den Gruppen, die miteinander die Heimat verlassen hatten, so dass konfessionell homogene Ortschaften entstanden.

Die ersten Einwanderer siedelten an der Wolga nördlich von Saratov. Dort sollten sie die neuen Grenzgebiete des russischen Reiches erschließen. Bis 1766 wanderten etwa 30.000 Deutsche in die Kolonien an der Wolga ein und bildeten dort ein geschlossenes deutsches Siedlungsgebiet mit über 50% dt. Bevölkerung.

Als zweites Siedlungsgebiet wurde ab 1786 Neurußland, d.h. die Region nördlich des Schwarzen Meeres mit Deutschen besiedelt. Dort ließen sich verstärkt auch flämische und westpreußische Mennoniten nieder, eine Gruppe, die sich erheblich von den anderen Siedlern unterschied und als eigenständige Gruppe auch absetzte. Diese Besiedlung wurde sehr gezielt und sukzessive vorgenommen, wobei die Anwerber darauf zu achten hatten, daß es sich um fähige Landwirte handelte – meist aus Württemberg, aus der Pfalz und aus Baden.

Als drittes Siedlungsgebiet ist Wolhynien in der Nordukraine zu nennen (1816-61). Die Kolonisten hier stammten überwiegend aus Sachsen, Schlesien und Pommern.

Weitere Siedlungsgebiete lagen im Kaukasus, in Westsibirien und an der oberen Wolga bei Samara.

Die erste Siedlergeneration hatte manche Hindernisse zu überwinden: Selten wurde das versprochene Baumaterial vorgefunden, die Kredite kamen sehr zögerlich und die örtlichen Behörden arbeiteten unzuverlässig. Das verzögerte die Entwicklung der Kolonien erheblich.

Man geht davon aus, daß bis 1862 insgesamt 100.000 Deutsche nach Rußland ausgewandert sind, um sich dort als Bauern und Handwerker eine neue Existenz aufzubauen. Vor allem stark pietistisch Geprägte, Mennoniten und Endzeitbewegte wanderten vorwiegend aus religiösen Motiven aus.

Um diese genauer zu erfassen, flechte ich nun einige geschichtliche Informationen ein:
Von Anfang an, also schon Ende des 18.Jh., gab es in den Gemeinden, die von den deutschen Siedlern in Rußland gegründet wurden, Pfarrermangel, weil nur sehr wenige Pfarrer mitgekommen waren und es lange dauerte, bis aus den eigenen Reihen Pfarrer nachwuchsen. So waren die deutschstämmigen Gemeinden froh, wenn ihnen Prediger geschickt wurden, die in Halle (August Hermann Francke), in Herrenhut (Zinzendorf) oder später auch in Basel (heute St. Chrischona) ausgebildet worden waren. Die Frömmigkeit dieser Prediger sagte den deutschen Kolonisten häufig mehr zu als das strenge Luthertum, das die Pfarrer mitbrachten, die in Dorpat im Baltikum ausgebildet worden waren.

Weil aber Eheschließungen und Konfirmationen nur von Pfarrern vollzogen werden konnten und man häufig auch bei der Feier des Abendmahls auf Pfarrer angewiesen war, gab es in vielen Gemeinden diese beiden Traditionen.

Hinzu kam, daß die Gemeinden aufgrund der weiten Zerstreuung ohnehin ein relatives Eigenleben führen mußten und sich übergemeindliche Strukturen nur sehr spärlich ausbildeten.

Infolge hohen Bevölkerungswachstums dehnten sich die Dörfer schnell aus, die Landreserven wurden ausgeschöpft und es kam zur Gründung von Tochterkolonien, die nicht nur in der Nähe der Mutterkolonien entstanden, sondern ab 1904 auch in Westsibirien und in der Altai-Region.

Durch das Erbrecht, das dem jüngsten Sohn alles zukommen ließ (während die übrigen Söhne landlos blieben und nur auf gepachtetem Land neue Hofstellen gründen konnten), entwickelte sich schnell eine Zweiklassen-Gesellschaft der Landbesitzenden und der Pächter. Denn die Pacht war oftmals so hoch, daß ein sozialer Aufstieg nicht möglich war. So wanderten Landlose auch in die Städte ab und lebten dort als Handwerker, Bauarbeiter oder Tagelöhner.

Schon bald wurde in Rußland eine zunehmend antideutsche Haltung erkennbar. Im Zuge einer Reform der Rechte der deutschen Kolonien, die diese mit der russischen Bevölkerung gleichstellen sollte, wurde die Situation der landlosen Bevölkerung verbessert. Für die deutschen Kolonisten bedeutete dies jedoch den Abbau mancher einst zugesagter Privilegien. 1871 wurde den Kolonien das Recht auf Selbstverwaltung entzogen. Russisch wurde als Amts- und Schulsprache eingeführt. Die Jungen wurden zur Wehrpflicht herangezogen. Obwohl den Siedlern Religionsfreiheit zugesichert worden war und manche Siedlergruppen vor allem aus religiösen Gründen ihr Land verlassen hatten, um in Russland ihren Glauben ungehindert leben zu können, begannen antikirchliche Maßnahmen schon in dieser Zeit. Das veranlaßte damals manche Deutsche, weiter nach Osten bis nach Sibirien zu ziehen oder auch nach Übersee auszuwandern, was in großer Zahl die Mennoniten taten. Dennoch standen sich die deutschen Bauern erheblich besser als die russischen Landwirte, die - 1861 aus der Leibeigenschaft entlassen - durch ihre Ablösungszahlungen so sehr verschuldet waren, daß sie zunehmend verelendeten.

Auch aus Wolhynien gab es eine Welle von Aussiedlungen, als im preußisch-russischen Grenzgebiet Konflikte ausbrachen, die erheblichen Druck auf die Deutschen dort auslösten. Während des ersten Weltkrieges wurden dann über 60% der Wolhynien-Deutschen ins Landesinnere umgesiedelt.
Bis zum ersten Weltkrieg lebten 2.448.500 Deutsche in Rußland.

Der erste Weltkrieg und die Oktoberrevolution markieren eine tiefgreifende Veränderung im christliche Leben der Deutschstämmigen in Rußland. Der öffentliche Gebrauch der deutschen Sprache wurde untersagt, in weiten Teilen Rußlands wurden auch Predigten, Amtshandlungen und Grabreden verboten, so daß nur noch liturgische Gottesdienste erlaubt waren. Das gemeindliche Leben wurde zunehmend kontrolliert und eingeschränkt. Die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation war untersagt, so dass religiöse Erziehung nur noch im Geheimen in der Familie stattfinden konnte. Die Gemeinden waren dadurch zunehmend auf sich gestellt, da natürlich zuerst die Leiter der Gemeinden eingeschüchtert oder gar inhaftiert wurden. Leider kehrten auch Geistliche ihren Gemeinden den Rücken und verließen Russland, so dass in solchen Gemeinden Ehrenamtliche die Leitung übernehmen mussten, wo bis dahin das Bewusstsein des allgemeinen Priestertums noch kaum ausgeprägt war. Es wurde eine schlichte, innige Frömmigkeit gepflegt. Man sang miteinander, betete und die Befähigsten legten die Bibel aus. Liturgische Vollzüge und theologische Gelehrsamkeit spielten dabei immer weniger eine Rolle.

In den 20er Jahren trat dann eine kurze Zeit der Entspannung ein. So wurde 1924 der Arbeiterkommune an der Wolga der Status einer selbständigen Republik zuerkannt, bis unter Stalin der Abbau der deutschen Eigenständigkeit aller deutschen Kolonien begann. Für die Entwicklung der Frömmigkeit der Russlanddeutschen ist eine Erweckungsbewegung an der Wolga wichtig, die in der Mitte der 20er Jahre zu großen Zusammenkünften von Gläubigen bei Brüderkonferenzen und Evangelisationen führte.

Durch Stalins Maßnahmen (ab 1935) kam das Leben in den deutschen Siedlungen völlig zum Erliegen. Lehrer, Pfarrer und andere Funktionsträger und Multiplikatoren fielen den stalinistischen Säuberungen zum Opfer. Die soziale und kulturelle Infrastruktur wurde zerstört. Vereine, Schulen, Verlage, Kirchengemeinden wurden aufgelöst und alle kirchlichen Strukturen zerschlagen.

Schon während des Bürgerkrieges wurden die Schwarzmeerdeutschen von plündernden Banden geplagt. Die Hungersnöte 1921 und 1932/33 durch übermäßige Besteuerung ausgelöst forderten viele Tote, wie auch die Entkulakisierung (Enteignung der Bauern) viele Tausende Menschenleben forderte. Die große Säuberung 1935-38 traf die deutsche Bevölkerung stärker als die russische, die aber gleichfalls unter allen diesen Maßnahmen erheblich zu leiden hatte.

Mit dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges (1941) begannen Deportation, Verbannung, Zwangsarbeit und damit eine unvorstellbare Leidenszeit unter härtesten Lebensbedingungen.
Die Rußlanddeutschen galten wie schon im ersten Weltkrieg als mögliche Kollaborateure und Volksfeinde und wurden darum umgesiedelt. Ab August 1941 wurden sämtliche Deutsche, die sich nicht im deutsch besetzten Gebiet befanden, systematisch vertrieben und mit Schiffen und Güterzügen nach Sibirien und Kasachstan deportiert (etwa 700.000 Menschen). Dort gab es weder Unterkünfte noch ärztliche Versorgung noch Nahrungsvorräte. Entweder wurden sie der ortsansässigen Bevölkerung zur Beherbergung zugewiesen oder in unbesiedelte Steppe gebracht, wo viele Menschen im harten Winter 1941/42 verhungerten oder erfroren.

Die Schwarzmeerdeutschen, die sich im deutschen Besatzungsgebiet befanden, wurden beim Rückzug der deutschen Armee evakuiert und deportiert. Die SS brachte sie nach Polen zur „Germanisierung„ des Warthegaus, zwangsrekrutierte Jungen und Männer und brachte einen Teil der Rußlanddeutschen auch ins Reichsgebiet. Nach Kriegsende wurden sie alle erfaßt, ausgeliefert und durch die Rote Armee repartriiert, d.h. ebenfalls nach Sibirien, in den Ural oder nach Nordrußland verbannt.

In den sowjetischen Verbannungsorten wurden ab Herbst 1941 alle arbeitsfähigen Männer und Frauen (im Alter von 16 bis 60 Jahren) zur Arbeitsarmee eingezogen, um im Berg- und Straßenbau, in der Schwerindustrie oder im Wald zu arbeiten. Als nach dem Krieg die Trudarmee aufgelöst wurde, kehrten die Arbeitssoldaten an die Verbannungsorte zu ihren Familien zurück, wo sie dann bis 1956 unter Kommadantur gestellt wurden, so daß sie den Verbannungsort nicht verlassen konnten.

Stalins Maßnahmen und die unmenschlichen Bedingungen in den Arbeitslagern wie in den Kommandanturen hatten die Menschen so sehr eingeschüchtert, dass sie es nur noch insgeheim und ganz für sich wagten, ihren Glauben zu leben. Es gab fast kein schriftliches Material mehr und nur noch ganz wenige Gemeinden, so dass viele kirchliche Traditionen nicht mehr gepflegt werden konnten. Man war in dieser Zeit froh, überhaupt auf Christen zu treffen und gab sich häufig erst nach sorgfältiger Prüfung als Christ zu erkennen. In dieser Zeit spielten konfessionelle Bindungen fast keine Rolle mehr.

Trotz Vertreibung, Verfolgung, Arbeitslager und durch viel Leid und Not hindurch hat ein Teil der Russlanddeutschen an ihrem Glauben festgehalten. Als man ihnen alles nahm und sie auch ihre Bibel und ihr Gesangbuch nicht mehr behalten durften, haben sie sich an dem festgehalten, was sie auswendig wußten, und sich im geheimen gegenseitig das aufgesagt, was sie noch behalten hatten, um nicht noch mehr zu verlieren. Oder sie haben einige Blätter aus der Bibel oder aus dem Gesangbuch retten können, die sie dann gehütet und versteckt haben wie einen kostbaren Schatz.

Erst Stalins Tod 1953 und Adenauers Besuch in Moskau 1955 leiteten Veränderungen in den Lebensbedingungen für die Deutschstämmigen ein. Doch auch mit der Beendigung der Kommandantur wurde das Verbot aufrecht erhalten, sich in den ehemaligen deutschen Kolonien oder auch in anderen Teilen der westlichen Sowjetunion anzusiedeln. Dies führte zur Gründung neuer Siedlungen in Kasachstan, Westsibirien und in anderen mittelasiatischen Gebieten.

Als nach 1956 die Zeit der Arbeitslager vorbei war und sich die Deutschstämmigen wieder freier bewegen und an anderen Orten niederlassen konnten, war kirchliches Leben nur unter sehr eingeschränkten Bedingungen möglich. Die Zeit der Religionsfreiheit, als die Deutschen noch in konfessionell homogenen Dörfern lebten, blieb Vergangenheit. Registrierte Gemeinden durften Bethäuser einrichten und sich zum Gottesdienst versammeln. Kirchlicher Unterricht und jegliche Form der Einflußnahme auf Kinder und Jugendliche war jedoch weiterhin verboten, so daß religiöse Erziehung in den Gemeinden auch jetzt unmöglich war und ganz der Familie überlassen blieb. Viele jüngere Aussiedler haben daher nie Kontakt zu einer christlichen Gemeinde gehabt.

Dennoch bildeten sich wieder christliche Gemeinden, die an manchen Orten auch wieder eindeutig konfessionell ausgerichtet waren (Mennoniten und Baptisten). Vielerorts verstand man sich aber als evangelisch-lutherisch und pflegte dabei durchaus unterschiedliche Traditionen. Während in den einen Gemeinden wieder stärker Gottesdienste nach liturgischer Ordnung gefeiert wurden, pflegte man in anderen eher die Tradition der Brüdergemeinde oder Brüderversammlung.

Jede dieser Gemeinden mußte für sich die Frage der Registrierung der Gemeinde durch den Staat klären und Vor- und Nachteilen abwägen. Manche Gemeinden haben sich darüber zerstritten und schließlich gespalten, weil ein Teil der Gemeinde durch die Registrierung verstärkte staatliche Kontrolle befürchtete oder die Registrierung gar als Akt der Anbiederung an den antichristlichen Staat auffasste.

In den 60er und 70er Jahren folgten weitere Maßnahmen und Erlasse zur Rehabilitierung der Rußlanddeutschen, die sich aber nur sehr zögerlich auswirkten (Deutschunterricht, freie Wohnortwahl). Durch eine sehr beschränkende Bildungspolitik wurde für Rußlanddeutsche der Aufstieg in höhere Berufe verhindert. Lediglich pädagogische Berufe mit geringer Anerkennung standen den Rußlanddeutschen offen. Die überwiegende Zahl arbeitete in der Landwirtschaft. Ein eigenständiges kulturelles Leben wie auch die Religionsausübung wurde nur in geringem Maße geduldet. In allen diesen Fragen wichen und weichen die örtlichen Behörden erheblich von offiziellen Regelungen ab.

Vor allem aus Mittelasien kommen die Aussiedler heute zu uns, weil der seit der Zerschlagung der Sowjetunion dort aufkeimende Nationalismus ihre Lebensbedingungen erneut erheblich verschlechtert hat.


Statistische Angaben zur Religionszugehörigkeit

Ich beziehe mich auf das Land Hessen und hier auf das Jahr 1997:

58,8% der Aussiedler gaben an, evangelisch zu sein
17,6% römisch-katholisch
  9,7% russisch-orthodox
  5,3% andere Bekenntnisse und
  5,2% gaben an, keinem Bekenntnis zuzugehören.

Vergleicht man diese Zahlen mit den Zahlen Ende der 80er Jahre, so wird deutlich, daß die Zahl derjenigen, die sich zur russ.-orthodoxen Kirche bekennen, geringfügig wächst, daß insbesondere aber die Zahl derjenigen wächst, die zu keiner Kirche oder religiösen Gemeinschaft gehören.
Dies lässt sich durch die zunehmende Einreise von binationalen Familien erklären.


Typen der Familienreligiosität

Ich möchte nun fünf Typen von Familienreligiosität anhand des Kriteriums der kirchlichen Bindung (zugestandenermaßen holzschnittartig) beschreiben:

Typ 1 ist m.E. überwiegend bei den Mennoniten und bei den stark freikirchlich orientierten Brüdergemeinden vorzufinden.
Die Weitergabe des Glaubens in der Familie von Generation zu Generation funktioniert noch, oft sicher unter erheblichem Druck und Zwang sowie durch weitgehende Abschottung gegenüber der „bösen Welt„. Die Teilnahme am Sport- und Biologieunterricht in der Schule und selbst am Religionsunterricht bereitet erhebliche Probleme. Von Klassenfahrten und –festen werden die Kinder und Jugendlichen ferngehalten. Oberstes Identitätsmerkmal ist: „Ich bin Mennonit„ oder „Ich bin Glied einer freikirchlichen Brüdergemeinde.„ Die Außenseiterrolle wird bewusst und gern in Kauf genommen, sie gehört sozusagen zum Glauben dazu. „Ich bin der bessere Mensch, ich bin berufen und auserwählt und grenze mich dadurch auch von der bösen Welt deutlich ab.„

Typ 2 ist sowohl bei den stärker freikirchlich orientierten Brüdergemeinden als auch bei denen, die sich eher lutherisch verstehen, anzutreffen. Er zeichnet sich durch eine enge Zugehörigkeit der Großelterngeneration und eine intensive religiöse Erziehung der Elterngeneration aus. Dennoch erscheint die religiöse Erziehung der Elterngeneration aber aus der Perspektive der Großeltern als missglückt, weil in der Elterngeneration die enge Bindung nicht mehr fortgeführt wird. Es ist eine Störung eingetreten, die verschiedene Gründe haben kann: Öfter wurde mir berichtet, dass die Störung durch die Heirat eines Russen oder einer Russin eingetreten ist, also mit der Binationalität des Paares verbunden ist. Die Ehe mit einem Partner, der keine Beziehung zu einer religiösen Gemeinschaft hatte und keinen Zugang zur religiösen Gemeinschaft der Schwiegereltern fand oder wollte, führte zum Bruch. Dadurch ist das Verhältnis zur Großelterngeneration häufig gestört, zum Teil massiv. Unter Umständen kann man dann bei den Kinder wieder entdecken, dass der Glaube dennoch im Sinne einer fides quae (Glaubensinhalte) vorhanden ist. Die fides qua (Beziehung, die ich zu Gott habe, das Vertrauen zu Gott) tritt zurück. Weitergegeben werden an die Kinder häufig zwar noch die Glaubensinhalte, aber der Glaube wird nicht mehr gelebt, und deshalb ist in der Kindgeneration eine innere Verbundenheit zum Glauben häufig nicht mehr zu entdecken.

Ich möchte hierfür ein Beispiel nennen: Ich habe zur Zeit zwei Mädchen in der fünften Klasse im Religionsunterricht, die in einer Weise über den christlichen Glauben, über die Bibel Bescheid wissen, dass ich nur staunen kann. Ich bin dem in einem Pausengespräch nachgegangen und sie erklärten mir, dass ihre Mama bzw. ihr Papa ein frommer Mensch aus einer frommen Familie sei. „Aber die gehen heute nicht mehr in die Kirche. Aber meine Mama meint, das wäre trotzdem wichtig, deshalb hat sie mir das alles erzählt.„ Als wir im Zusammenhang mit Karfreitag und Ostern auf den Tod Jesu zu sprechen kamen, konnten sie die Bedeutung des Todes Jesu erklären und kannten viele Ostergeschichten, aber eine innere Verbundenheit war nicht wahrzunehmen.

Auch Typ 3 ist stärker bei den Brüdergemeinden und den eher freikirchlich lutherisch Orientierten zu entdecken. Er ist durch die Zugehörigkeit der Großelterngeneration zur Gemeinde und eine eher begrenzte Weitergabe des Glaubens an die mittlere Generation gekennzeichnet. M. E. erklärt sich die gestörte Beziehung der mittleren Generation zur Kirche dadurch, dass die Frömmigkeit der Großelterngeneration ganz stark abschreckend wirkt. Je mehr sich die Großelterngeneration bemüht, die Verbindung der mittleren Generation zur Kirche zu knüpfen, desto stärker schrecken diese mit dem Gefühl zurück: „Bloß das nicht!„ Das erklärt sich teilweise auch durch die Glaubensinhalte, auf die ich noch eingehe. Die gestörte Beziehung der Elterngeneration wird auch für die Enkelkinder bedeutsam. Ich spreche an dieser Stelle bewusst von den Enkelkindern, weil es besonders die Großelterngeneration ist, die für religiöse Erziehung eintritt. Die Enkelkinder erleben den Zwiespalt zwischen Eltern und Großeltern. Die Eltern pflegen eine lockere Zugehörigkeit zur Kirche, die aufrecht erhalten wird und besonders bei den großen kirchlichen Festen in Erscheinung tritt (Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Erntedankfest) sowie bei den Kasualien (Trauungen und Beerdigungen).

Auch dazu ein Beispiel: In der Brüdergemeinde in St. finden normalerweise mittwochs, samstags und sonntags Versammlungen im Gemeindesaal statt. Sind aber große kirchliche Feste zu begehen, feiern wir Gottesdienste in der Kirche, die auch die Elterngeneration, die sonst an den Versammlungen nicht teilnehmen, und deren Kinder, also die Enkelkindergeneration, mit feiern. Die Kinder und Jugendlichen singen und tragen Gedichte vor, die in den Wochen oder Tagen vor den großen kirchlichen Festen (teilweise widerwillig) angelernt sind, was man gelegentlich auch deutlich spürt. Mit den Inhalten, die sie vortragen verbinden sie wenig. Und gleich nachdem sie ihr Gedicht gesagt haben, werden sie durch ein kleines Geschenk entlohnt. Die Elterngeneration nimmt an diesem Geschehen teil, aber ich habe den Eindruck, sie sitzt oft gelangweilt und distanziert dabei.

Typ 4 ist jener, mit dem wir als Kirche besondere Schwierigkeiten haben. Er ist insbesondere bei den Menschen anzutreffen, die durch religiöse Sondergruppen geprägt sind (Adventisten, Mennoniten, stark freikirchlich orientierte Brüdergemeinden). Hier ist es in der Elterngeneration zu einer ganz bewussten, massiven Abwendung von der strengen Religiosität der Großelterngeneration gekommen. Man hatte es irgendwann satt und ist ganz gezielt ausgebrochen , bringt aber einen reichen Fundus an religiösem Wissen mit, von dem aber kein Gebrauch mehr gemacht wird. Man ist sozusagen restlos bedient, teilweise auch aus Karrieregründen, weil es z.B. der Aufstieg in eine Schulleiterposition verbot, den christlichen Glauben zu leben.

Massive Auseinandersetzungen im Elternhaus dieser Elterngeneration waren auszustehen , wenn die Eltern in ihrer Kinder- und Jugendzeit zu den Pioniergruppen gehören wollten. Häufig gab es den Konflikt, dass die Kinder sich zweimal am Tag umziehen mussten, um die entsprechenden Insignien zu tragen bzw. nicht zu tragen. Einmal vor der Schule und einmal kurz vor dem Elternhaus. Und wehe, in der Schule fehlte das Tüchlein oder die Mutter entdeckte zu Hause das Tüchlein. In beiden Fällen war mit massiven Sanktionen zu rechnen.

Solche Zwänge haben zu einem massiven Bruch beigetragen. Deswegen fand und findet bewusst keine religiöse Erziehung der Kinder statt, und die Einwirkungen der Großeltern wurden und werden ganz bewusst deutlich unterbunden.

Bei dieser Gruppe tritt eine erhebliche Irritation ein, wenn die Kindergeneration eher zufällig, sei es über den Religionsunterricht in der Schule, sei es, dass ein einheimischer Freund in den Konfirmandenunterricht geht, plötzlich Interesse an Kirche und Glauben entwickelt. Dadurch wird sie gezwungen, sich mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen und den eigenen Standpunkt zu überdenken bzw. zu definieren: Lässt man die Kinder gewähren oder versucht man zu unterbinden?

Auch hier ein Beispiel: Im Februar fand im Predigerseminar Hofgeismar eine Pfarrerfortbildung statt, bei der eine Frau mit adventistischem Hintergrund erzählte. Als ihr Vater starb, müssen in einer Weise Maßnahmen der Gemeinde eingetreten sein, um die Mutter bei der Stange zu halten, die tiefste Verletzungen zugefügt haben, die bis heute wirksam sind, so dass die Frau nicht ohne Weinen über diese Vergangenheit sprechen konnte. Das zeigt, wie auch von religiösen Gemeinschaften Wunden geschlagen wurden, wodurch der Zugang zu christlichem Glauben massiv erschwert bzw. völlig blockiert ist.

Für die Mennoniten ist von Anfang an Kirchenzucht ein ganz wesentliches Moment des Gemeindelebens gewesen. Damit hatte Menno Simons, der diese Bewegung gegründet hat, schon zu kämpfen. Man muss sich in acht nehmen, um nicht von der allgemeinen Linie abzuweichen und ausgeschlossen zu werden. In mennonitischen Gemeinden kann das dazu führen, dass die erwachsenen Kinder aus der Gemeinde ausgeschlossen werden, wenn sie nicht die Gemeinderegeln befolgen. Und das bedeutet dann auch, dass damit die Familienbande abgeschnitten werden. Dort herrscht teilweise ein großer Druck. Es muss nicht so sein, aber es kann so sein. Das ist oft schwer zu durchschauen, weil jede mennonitische Gemeinde autark ist und es nur lockere Verbindungen und Absprachen untereinander gibt.

Typ 5 weist schon in der Großelterngeneration einen massiven Traditionsabbruch auf, der unter Umständen dazu führt, dass man noch das äußere Kriterium der Zugehörigkeit, die Taufe, aufrecht erhält, aber ohne jegliche begleitende religiöse Sozialisation, so dass sowohl bei der Eltern- als auch bei der Kindgeneration keine Bindung und keine Glaubensinhalte mehr vorhanden sind. Dabei handelt es sich aber nicht um eine bewusste Distanz zur Kirche, sondern es ist einfach nichts da und es hat auch nie eine Auseinandersetzung mit Glaubensfragen gegeben.

Am häufigsten vorzufinden sind nach meiner Beobachtung Typ 3und Typ 5.



Zur Frömmigkeit von Aussiedlerinnen und Aussiedlern

Die Mehrheit der Aussiedler, die zu uns kommen und in unseren Dörfern und Städten Heimat finden wollen, ist evangelisch - und zwar evangelisch-lutherisch, wie die Aussiedler zu sagen pflegen.

Ein Teil dieser evangelisch-lutherischen Christen sind zwar als Kinder getauft worden und wurden von ihren Großeltern auch christlich erzogen (Geschichten aus der Bibel wurden erzählt und Kinderlieder mit christlichen Texten gesungen). Aber das liegt für sie schon lange zurück, so daß sie sich kaum noch daran erinnern können. Nun würden sie vielleicht gern wieder in Kontakt zur Kirche treten und ihre Kinder taufen oder konfirmieren lassen. Aber sie fühlen sich dabei ziemlich hilflos und wissen nicht, wie wir alle diese Dinge handhaben und an wen sie sich wenden müssen.

Außerdem wird behauptet, dass das Taufinteresse bei Russlanddeutschen in den Herkunftsländern auch darauf zurückzuführen sei, dass sie sich als lutherisch ausweisen wollen, um damit ihr Bekenntnis zur deutschen Kultur für die Ausreise leichter glaubhaft machen zu können. Sicher ist nicht auszuschließen, dass einige so denken, ich halte es aber für problematisch, dies generell zu unterstellen.

Daneben gibt es die frommen Aussiedler, die sich auch in Deutschland brüdergemeindlich organisieren und zusätzlich zu den sonntäglichen Gottesdiensten der Gemeinden der Landeskirchen ihre eigenen „Versammlungen„ abhalten.

Sie sagen von sich, daß ihr Glaube sie am Leben erhalten hat, weil er ihnen immer wieder Kraft und Hoffnung gegeben hat.

Diese Menschen gehören in unseren Kirchengemeinden oft zu den treuesten Gottesdienstbesuchern. Wo immer mehrere von ihnen an einem Ort leben, versuchen sie, miteinander Kontakt aufzunehmen und sich als kleine Gemeinschaft zu treffen, die miteinander singt, betet und die Bibel liest.
Die Frömmigkeit, von der sie geprägt sind, ist die Tradition der Brüdergemeinde oder der Brüderversammlung. Es ist eine pietistische Frömmigkeit, die hier gepflegt wird, wie wir sie ähnlich aus den landeskirchlichen Gemeinschaften kennen.

Diese Gemeinschaften der Aussiedler aus den GUS-Gebieten haben sich teilweise der „Kirchlichen Gemeinschaft der Evangelisch-Lutherischen Deutschen aus Rußland„ mit Sitz in Bad Sooden-Allendorf angeschlossen. Diese steht mit über 150 lutherischen Brüdergemeinden in Verbindung und schätzt, daß es in Deutschland rund 300 lutherische Brüdergemeinden gibt.

Darüber hinaus gibt es auch freikirchliche Aussiedlergemeinden, z.B. baptistische und mennonitische, aber auch lutherische.

Nun zu den lutherischen Brüdergemeinden, deren Glieder zugleich Glieder der Landeskirchen sind:
Zusätzlich zum sonntäglichen Gottesdienst treffen sich die Glieder der Brüdergemeinden 2 bis 4 mal wöchentlich zu ihren Versammlungen. Fast alle gehören der älteren Generation an. Teilnehmer, die jünger als 60 Jahre sind, sind eher selten anzutreffen. Dies liegt daran, daß der Bruch in der religiösen Tradierung am stärksten in der Generation stattfand, die ab 1935 geboren ist.

Männer und Frauen sitzen häufig voneinander getrennt, die meisten Frauen tragen Kopftücher.
Schon lange vor dem offiziellen Beginn der Versammlung kommen die Gläubigen zusammen um miteinander aus dem Geistlichen Liederschatz, ihrem Gesangbuch, zu singen. Die Lieder werden recht langsam gesungen und haben häufig Kehrverse. Die Auswahl der Lieder erfolgt durch Zuruf der entsprechenden Liednummer.

Manche Brüdergemeinschaften haben einen Chor, der die Versammlungen mitgestaltet. Im Mittelpunkt der Versammlungen stehen dann drei Predigten, die entweder frei gehalten werden (als Ausdruck des Wirkens des Heiligen Geistes und als viva vox evangelii) oder aus einer Predigt-Sammlung verlesen werden (Carl Blum: „Gnade um Gnade„ und „Christus unser Leben„). Die Predigten werden von Brüdern gehalten. Sie sind umrahmt von Liedern, die auch von Schwestern ausgesucht werden können. Die Predigten werden mit freien Gebeten abgeschlossen. Am Ende der Versammlung steht ein Murmelgebet, kniend oder stehend, während dieses Murmelgebetes erhebt gelegentlich einer die Stimme und betet laut und deutlich. Das Murmelgebet wird mit dem Vaterunser abgeschlossen. Darauf folgt ein Segenswort.


Glaubensinhalte

Die Gläubigen kennen die Bibel gut. Sie schätzen die gesamte Bibel und kennen keinen Kanon im Kanon. Die Offenbarung des Johannes ist ihnen sehr wichtig.

Da diese Christen mehr oder weniger Anhänger der Lehre von der Verbalinspiration sind und eine historisch-kritische Schriftauslegung nicht kennen, ergeben sich im Gespräch mit ihnen immer wieder hermeneutische Probleme. Sie schätzen die Bibel als inspiriertes heiliges Buch, dem in allen Teilen zu folgen ist. Daraus erklärt sich auch, dass die Lutherausgabe von 1912 in Frakturschrift wertgeschätzt und immer wieder nachgedruckt wird.

Die Predigten der Brüder rufen zur Heiligung des Lebens, zur Umkehr und zur Buße auf und stellen die Bedeutung der Bekehrung heraus. Dieser stark gesetzliche Zug wird durch das regelmäßige Lesen der Predigten Carl Blums noch verstärkt.

Gott wird als der liebende Vater, aber auch als der strenge Richter wahrgenommen, der Nachfolge und gute Taten erwartet, der auch prüft und straft und in dessen Gericht es am Ende der Zeiten zu bestehen gilt.
Die Fragen, ob man im Buch des Lebens geschrieben steht und am Ende mit weißen Kleidern bekleidet wird, stellen sich daher immer wieder.

Auffällig ist auch eine tiefe Ergebenheit in den Willen und die Führung Gottes. Sogar Deportation und Kommandantura werden als Handeln Gottes gedeutet: Es ist auferlegte Prüfung, die es zu bestehen galt. Damit verbindet sich auch ein gewisser Stolz.

Das gesamte Leben wird als von Gott vorherbestimmt und geführt gedeutet. Während Wohlergehen als göttlicher Segen verstanden ist, wird Übelergehen als göttliche Prüfung oder auch als Strafe Gottes gedeutet.

Zeichen von Frömmigkeit ist es, die Mitteldinge wie Alkohol, Rauchen, Tanzen, Kartenspiel und ähnliche Vergnügungen zu meiden. Auch übermäßiges Sich-Schmücken gilt als unangemessen. Gehorsam, Ermahnung und Kirchenzucht sind wichtige Themen.

Aus der Treue zur Bibel folgt die Unterordnung der Frau unter den Mann auch innerhalb der Gemeinde. Man sitzt getrennt - die Frauen hier, die Männer da. Die Männer predigen und leiten die Gemeinde, die Frauen haben manchmal die „Liedgewalt„.

Die Aussiedler tun sich schwer mit der Frauenordination. Weil sie sich aber andererseits zum Gehorsam gegenüber Autoritäten verpflichtet fühlen, bewerten sie die Ordination auch der Frauen höher als ihre Vorbehalte gegenüber der Frauenordination. Frauen in „Männerkleidung„ sind problematisch, insbesondere am Altar, und die Kopfbedeckung bei den Frauen ist eigentlich übliche und geforderte Praxis.

Gelegentlich nehme ich Endzeitstimmung wahr: Das gegenwärtige Zeitgeschehen wird auf der Folie der Offenbarung des Johannes bis dahin gedeutet, dass man vereinzelt Zeichen am Himmel wahrnimmt und Stimmen hört.

Die Aussiedler haben keine Erfahrung mit Mission und wenig Erfahrung mit diakonischem Handeln. Kirchliche Stellungnahmen zum Zeitgeschehen sind ihnen fremd.

Stellenweise gibt es fast einen „Bekehrungszwang„: Immer wieder wird nach dem Datum der persönlichen Bekehrung gefragt, bis dahin, dass Menschen die Tränen in die Augen treten, wenn sie ein solches Datum in ihrem eigenen Leben nicht nennen können, weil sich dann die Frage stellt, ob sie zu den Auserwählten gehören.

Ein weiterer Punkt ist - ähnlich wie die hermeneutische Fragestellung - dazu angetan, Konflikte mit Gemeindepfarrern und –pfarrerinnen herauf zu beschwören: das Wirken des Heiligen Geistes. Freie Gebete und freie Ansprachen sind Ausdruck dafür vom Heiligen Geist erfüllt zu sein. Vorformulierte Gebete werden eher unter die Rubrik Gedichte verbucht, die zwar nützlich zu hören, aber keine Gebete sind. Ähnlich ist es auch mit verlesenen Ansprachen, wobei die Predigten Carl Blums Sonderstatus genießen.

Glaube scheint mir vorrangig als Gehorsam und als Für-wahr-Halten dessen verstanden zu werden, was in der Bibel aufgeschrieben ist. Doch spielt auch der persönliche Gottesbezug eine wichtige Rolle. Dies ist besonders beim freien Gebet deutlich spürbar. Es mag verwundern, dass trotz des deutlich gesetzlichen Zuges des Frömmigkeit gleichwohl eine persönliche Beziehung zu Gott möglich ist. Diese gründet sich auf dem Glauben an die Gerechtigkeit und Treue Gottes, der ernstes Bemühen belohnt. Gleichzeitig wird das unverdiente Angenommensein betont. Beides steht jedoch unverbunden nebeneinander.

Das Beten und auch das Singen der Lieder ist hoch emotional besetzt und für diese Frömmigkeit sehr wichtig. Das spürt man insbesondere auch bei Beerdigungen.

Die Gruppen und Kreise, durch die sich unser Gemeindeleben vielfach auszeichnet, sind den Aussiedlern sehr fremd. Deswegen verirren sie sich zwar manchmal in solche Gruppen und Kreise, nehmen aber bald wieder Abstand, weil sie dort nicht finden, was sie erwarten, nämlich Schriftauslegung, Beten und Singen.

Diesen Abschnitt abschließend stellt sich die Frage, ob es einen Wandel in der religiösen Bindung mit zunehmender Dauer des Aufenthalts in Deutschland gibt.
Ich habe den Eindruck, dass sich insbesondere bei den freikirchlichen Brüdergemeinden und bei den Mennoniten der innere Zusammenhalt, das Wir-Gefühl, verstärkt hat, während bei denen, die ich Typ 3 und 5 zurechnen möchte, sehr rasch unsere volkskirchlichen Strukturen wahrgenommen und aufgenommen werden.

Die Ansprechbarkeit für Fragen des christlichen Glaubens ist in der Anfangsphase des Hierseins deutlich höher als später , wenn sich die psychosoziale Situation gefestigt hat. Das lässt sich auch am Entwicklungsverlauf des Integrationsprozesses beobachten. (Vgl. Arnold Gladisch und Valentina Epp S.XX in dieser Dokumentation).

Vor diesem Hintergrund ist zu überlegen, ob der Glaube als Lebensbegleitung angeboten werden kann und als Hilfe empfunden wird. Thetisch formuliert: Wenn man seinen Standpunkt, seine Identität annähernd neu gefunden hat, braucht man den Glauben nicht mehr, weil man es sozusagen allein und ohne Gottes Hilfe geschafft hat.


Die Jugendlichen

Sehe ich von den freikirchlich orientierten Brüdergemeinden, den Mennoniten und anderen kirchlichen Sondergruppen ab, für die der Gottesdienstbesuch ganz wichtig ist, scheint mir folgende Einschätzung als angemessen:

Für die Typen von Familienreligiosität, die wir als am häufigsten vorkommend betrachtet haben, scheint mir eine Spur von Kenntnis der christlichen Feste vorhanden zu sein. Sie wurden begangen, wenn sie auch meist eher einen folkloristischen Charakter hatten und weniger mit christlichen Inhalten gefüllt waren.
Es scheint auch einen diffusen Glauben an eine höhere Macht bzw. an höhere Mächte zu geben, wobei ich den Eindruck habe, dass die Vorstellung von Gott als Richter vorherrschend ist. Hier wirkt sich noch deutlich das Beispiel und Vorbild der Großelterngeneration aus. Die Jugendlichen besuchen unsere Gottesdienste nicht, und was sie an ihren Großeltern wahrnehmen, wirkt eher abschreckend auf sie. Die Gesetzlichkeit, der Zwang, der hohe Anspruch an Heiligkeit, die vielen Verbote und Versagungen - all das ist nicht verlockend.

In der neuesten Shell-Studie wird bemerkt, dass knapp die Hälfte aller befragten Jugendlichen ungern über religiöse Dinge redet, und dass diejenigen, die weniger Klarheit über religiöse Dinge und auch über ihr künftiges Leben haben, sich besonders ungern äußern. Ich denke, dass zu dieser Gruppe auch die Aussiedlerjugendlichen gehören. Sie sind es nicht gewohnt, über derartige Fragen zu sprechen. Darauf angesprochen zu werden, löst bei ihnen zunächst einmal große Irritation oder auch Verwunderung aus. Grund dafür ist zum Teil, dass ihnen die kommunikativen Kompetenzen fehlen, weil sprachliche Schwierigkeiten vorherrschen, aber auch weil durch die Irritation eine Verstummung eintritt.

An dieser Stelle will ich noch einmal auf die „Babuschkas„ zu sprechen kommen, weil in meiner Arbeit die Großmütter immer wieder präsent sind. Die Rolle der sich sorgenden und bestimmenden Babuschka scheint mir auch bei den Familien, die in Deutschland leben, nach wie vor vorhanden zu sein. Wie sehr sich das in einer Großfamilie und als Familienreligiosität auswirkt, ist von Familie zu Familie unterschiedlich.


Die Aufgabe der Kirche

Wenn wir uns nochmals vergegenwärtigen, dass über 50% der Aussiedler von sich selber sagen, sie seien evangelisch, so lässt sich das nur dadurch erklären, dass die Taufe deutlich als äußeres Zugehörigkeitsmerkmal zur Kirche gewertet wird. Man erinnert sich daran oder man hat erzählt bekommen, dass man irgendwann einmal getauft worden ist. Aber das ist häufig dann auch schon alles, was an christlichen Spuren zu entdecken ist.

Dazu ein Beispiel: Ich habe vor kurzem in einer Familie zwei Kinder getauft. Als ich zum ersten Mal zum Taufgespräch kam und wir im Gespräch über die Familiengeschichte auch über Taufe sprachen, stellte sich heraus, dass die älteste Tochter und der jüngere Sohn nicht getauft waren, während der mittlere Sohn russisch-orthodox getauft war. Die Konfession der Eltern war beide Male mit katholisch angegeben. Als ich fragte, warum die beiden Kinder von einer evangelischen Pfarrerin getauft werden sollten stellte es sich heraus, dass es im Grenzdurchgangslager durch Kommunikationsschwierigkeiten Missverständnisse bei der Eintragung der Konfessionen gegeben hatte. In Wirklichkeit war der Vater evangelisch und die Mutter russisch-orthodox. Deswegen wurde dann auch ein Sohn, als ein russisch-orthodoxer Priester in der Nähe war, russisch-orthodox getauft.

Ich möchte den Jugendlichen den christlichen Glauben als Lebensbegleitung und Lebensperspektive anbieten. Er kann zur Orientierung beitragen, indem er Ziele und Werte vermittelt und Vorbilder aus der reichen kirchengeschichtlichen Tradition als Identifikationsfiguren bietet. So machen wir den Jugendlichen deutlich, dass sie geliebte Kinder Gottes sind und helfen ihnen damit, eine eigene Identität aufzubauen. Wir können sie Interesse, Annahme und Geborgenheit erfahren lassen und ihnen eine neue Heimat anbieten.


Mögliche Fragen- und Themenkreise:

- Die Frage nach mir selbst und nach dem anderen. Wer bin ich? Wer ist der andere? Das Verhältnis von ich und du als Grundrelation des Lebens.
Der fremde andere. Selbstliebe, Nächstenliebe, Feindesliebe.
Der geliebte Andere. Sexualität, Partnerschaft, Familie.

- Die Frage nach dem guten Handeln. Was gilt? Was ist gut? Regeln, Werte, Normen. Schuld und Vergebung. Initiative und Verantwortung.

- Die Frage nach dem Sinn, dem Ursprung und der Zukunft. Wozu bin ich da? Wohin gehöre ich? Sinn durch Leistung? Sinn im Angebot der Marktgesellschaft? Glück und Erfüllung als realistische Möglichkeit, als Lebensziel? Suchtproblematik.


Mögliche Arbeitsformen:

Da die meistenJugendlichen kaum Gelegenheit zu Erfahrungen mit gelebtem Glauben hatten, bieten sich solchen Formen an, die religiöses Erleben ermöglichen. Freizeiten und Blockveranstaltungen geben Raum zum persönlichen Gespräch, zu Erfahrungen von gelebter Gemeinschaft und zu liturgischem Feiern des Glaubens.
Dabei erhalten die Jugendlichen die Gelegenheit, die Leiter als mögliche Identifikationsfiguren zu erleben und erfahren Interesse und Anteilnahme.

Um die Sprachbarriere in den Hintergrund treten zu lassen und die Assoziation „Schule„ zu vermeiden, bieten sich kreative Arbeitsformen an sowie die Arbeit mit Symbolen und Bildern.
Ziel sollte m.E. die intensive Begegnung mit exemplarischen Inhalten und nicht die Vermittlung einer Fülle von Einzelheiten sein, weil „weniger mehr„ ist.

Pfrin. Dr. Gudrun Neebe

Literaturhinweise:

Eine ausführliche Literaturliste findet sich im Materialdienst der Aussiedlerseelsorge in der EKD, der jährlich erscheint und dort kostenlos angefordert werden kann.

Brake, Klaus: Lebenserinnerungen rußlanddeutscher Einwanderer: Zeitgeschichte und Narrativik, Berlin, Hamburg 1998

Grimmsmann, Dieter: Hut ab vor den Standhaften. Lutherisch-pietistische Frömmigkeit bei den zurückgekehrten Russlanddeutschen, in: Lutherische Monatshefte 11,1996, 5-7

Ruttmann, Hermann: Kirche und Religion von Aussiedlern aus den GUS-Staaten, Marburg 1996

Schlundt, Johannes: Die Gemeinschaftsbewegung unter der deutschen Bevölkerung in Russland bzw. der UdSSR in Vergangenheit und Gegenwart, Steinau, ohne Jahr.



Dieser Text als pdf-Datei: religion_aussiedlerseelsorge.pdf (ca. 86 kb)



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