Aussiedlerseelsorge in der EKD

Rezensionen

Bücher und Filme zur Aussiedlerseelsorge

Joachim Willems
Lutheraner und lutherische Gemeinden in Russland
Eine empirische Studie über Religion im postsowjetischen Russland
Martin-Luther-Verlag, Erlangen, 2005, ISBN 3-87513-142-8, kartoniert, 30,00 €

Mit den Gemeinden Omsk, Moskau Orenburg, Sol-Ileck und Orsk ist ein Spektrum von lutherischer Kirche in Russland zur Basis der Untersuchung gemacht worden, das den städtischen Raum einschließlich der Hauptstadt wie den ländlichen, die brüdergemeindliche Tradition wie die Neu- bzw. Wiedergründungen der 90er Jahre, Leitung durch Frauen wie durch Männer ebenso wie Zukunftsfähigkeit und Stagnation repräsentiert. Zudem sind beide Teilkirchen der ELKRAS auf russischem Territorium erfasst.

Die Arbeit von Willems bietet einen umfassenden und differenzierten Blick auf die Situation der ELKRAS in den Jahren 2000 und 2001. Damit ist sie für alle, die den Weg dieser Kirche begleiten, eine grundlegende Orientierung. Mit ihrer komprimierten Darstellung der Geschichte der Lutheraner ist sie für alle interessant, die aus deutscher Sicht die historischen Wurzeln der unter uns lebenden brüdergemeindlich geprägten wie säkularisierten Russlanddeutschen verstehen wollen.

Kernpunkt der Überlegungen zur gegenwärtigen Situation ist die „Ethnokonfessionalität“. Religion ist in der postsowjetischen Gesellschaft weiterhin in traditionelle Festlegungen eingebunden, über die zwischen religiösen und nicht religiösen Menschen weitgehend Konsens besteht: Katholizismus wird mit Polen assoziiert, Luthertum mit Finnen und Deutschen; Tartaren und Kasachen sind Muslime und Russen orthodox. Dem Aufbrechen dieser Zuschreibungen gilt das besondere Interesse der Arbeit von Willems.

Für die ELKRAS-Gemeinden auf dem Boden der russischen Föderation werden so drei Gemeindemitglieder-Typen herausgearbeitet, die sich in den Gemeinden sammeln. Die Kenntnis dieser Typologie kann äußerst hilfreich sein beim Verständnis konfliktreicher Situationen in den Gemeinden und den Leitungsgremien der Kirche.

Traditionale Gemeindemitglieder nennt Willems diejenigen, die mit der Bibel, dem lutherischen Katechismus und Basiskenntnissen vom kirchlichen und gemeindlichen Leben vertraut sind. Bei ihnen muss es sich nicht nur um ältere, brüdergemeindlich geprägte Menschen handeln. Auch jüngere Mitglieder treten in Erscheinung, die erst spät praktizieren, was sie aus der Geschichte ihrer Familien kennen.

Traditionelle Gemeindemitglieder nennt Willems diejenigen, die in der ethnokonfessionellen Festlegung beharren und die sich eine Ablösung der lutherischen Kirche von deutscher Sprache, Tradition und Kultur nicht oder nur schwer denken können. Auch sie können in der Regel einem Unterricht und einem Gottesdienst in russischer Sprache wesentlich besser folgen als in deutscher. Sie legen dennoch größten Wert auf kirchliche Arbeit auf Deutsch. Ihre Besonderheit besteht darin, dass sie nach ihrem Selbstverständnis als die „wirklich traditionalen“ Mitglieder auftreten. Das Konfliktpotential aus dieser Differenz zwischen Selbsteinschätzung und wirklicher Beziehung zu Religiosität ist groß.

Häretische Gemeindemitglieder nennt Willems im Anschluss an die Terminologie Peter L. Bergers Menschen, die nach dem Kennenlernen von Glauben, Gemeinde und evtl. auch Kirche bei den Lutheranern unabhängig von ihrer ethnokonfessionellen Herkunft eine Wahl getroffen und sich für diesen Weg und diese Mitgliedschaft in einer Glaubensgemeinschaft entschieden haben. An ihnen wird deutlich, wie sehr der postsowjetische Raum Anteil hat an der Auflösung traditioneller Festlegung und an den mit der Globalisierung verbundenen Wahlmöglichkeiten in Bezug auf alle Bereiche des Lebens.

Eine soziologische Dissertation ist zu einem guten Teil auch Darstellung von Methodik und fachspezifischen Überlegungen. Trotzdem ist für die kirchliche Arbeit ein Lesebuch entstanden, das bei der Entwicklung von Konzepten etwa in der Zusammenarbeit von ELKRAS und fördernden Partnerkirchen Grundlagen klären kann.

Konkret möchten Betroffene nicht als Häretiker bezeichnet werden, wie im Austausch über diese Ergebnisse manchmal deutlich wird. Der Sache nach bleibt Willems Recht zu geben. Wer „lutherische Kirche in Russland auf russisch für alle, die wollen“ mit gestalten will, hat mit seinen Forschungsergebnissen gute Anhaltspunkte für die zukünftige Arbeit zur Hand.

Pastor Dieter Grimmsmann, Lingen


 
Fremde Heimat.
Deutsche Frauen aus Russland im Sauerland - Eine Dokumentation der Frauengeschichtswerkstatt Meschede
Stadtarchiv Meschede, Altes Amtshaus, Hauptstr. 38 - 40, 59872 Meschede-Freienohl, Ansprechpartnerinnen: Ursula Jung, Tel.: 0291 205-412, Gisela Bartsch, Tel.: 0291 205-166, 9,90 € - Nur noch wenige Exemplare vorhanden

Als Abschluss eines bemerkenswerten Projektes in der sauerländischen Stadt Meschede liegt seit 2004 eine Dokumentation mit dem Titel „Fremde Heimat. Deutsche Frauen aus Russland im Sauerland“ vor.
Um die zwölf an Geschichte interessierter Frauen aus Meschede haben sich vor zehn Jahren auf Initiative der Bestwiger Pastorin Heidemarie Wünsch und der Stadtarchivarin Gisela Bartsch zur „Frauengeschichtswerkstatt Meschede“ zusammengeschlossen.

Ihr Ziel war und ist es, die Bedeutung der Frauen in der (Lokal-)Geschichte ihrer Stadt und ihrer Umgebung herauszuarbeiten und zu dokumentieren, auch, um die Defizite einer männerfokussierten Geschichtsschreibung auszugleichen. Nach dem ersten Projekt zum Thema „gewandelte Lebenswelt“, das sich mit den Folgen der technischen Revolution für Frauen im Sauerland beschäftigt hatte, beschloss man, nun nach dem zu fragen, was für ein Schicksal russlanddeutsche Frauen im Sauerland zu erzählen haben.

Die ehrenamtlich tätigen Frauen haben mit den inzwischen ortsansässigen Frauen aus Russland oder Kasachstan Interviews geführt und dabei auch Sprach- bzw. Dialekthürden gemeistert. Neben der Frage nach der Vergangenheit interessierte man sich auch für die Lebenslage von Russlanddeutschen nach der Einreise in Deutschland und versuchte, auch von Einrichtungen, die für ihre Betreuung zuständig sind, ergänzende Informationen einzuholen. Darum hat die geschichtsinteressierte Frauengruppe die Landesstelle Unna-Massen besucht und war bei uns im Bodelschwinghhaus zu Gast, wo ich die Besucherinnen als äußerst interessierte, aber auch bereits wohl informierte Gesprächspartnerinnen erlebt habe.

Ich war sehr gespannt auf das Ergebnis ihrer Arbeit, also auf die daraus resultierende Dokumentation, die ich nun kurz vorstellen möchte.

Auf 144 Seiten, die schlicht aber ansprechend gestaltet sind (viele Schwarzweißfotos), nimmt die ausschnittweise Wiedergabe von Interviews mit russlanddeutschen Frauen, die immer wieder kurz kommentiert werden, den größten Raum ein. Zum Einstieg erfolgt ein knapper Überblick über die Geschichte der Russlanddeutschen, verständlich und lebendig geschildert. Exemplarisch wird allen weiteren Interviewausschnitten auf zwölf Seiten der Lebensbericht von Ludmilla Oldenburger vorangestellt, die 1974 eine gewisse Berühmtheit erlangte, als sie sich wegen der wiederholten Ablehnung ihres Ausreisewunsches nach Deutschland vor dem Regierungsgebäude des ZK in Moskau ankettete, womit sie letztlich die Ausreise ihrer Familie erreichte. Die heute in Sundern lebende Russlanddeutsche erzählt sehr detailreich ihre Familiengeschichte und ihre Leiden unter Stalin und seinen Nachfolgern bis zur Ausreise im Jahr 1976. Dem schließen sich kürzere Interviews mit anderen russlanddeutschen Frauen an, in denen die Leiden der Deportationen unter Stalin dargestellt werden. Auf fünfzig Seiten nimmt dann die Darstellung des Lebens in der ehemaligen UdSSR thematisch den größten Raum ein, unter den Aspekten des Familienlebens, der Spannung zwischen Assimilation und Bewahrung von Traditionen, der religiösen Situation und Beweggründen bzw. Erfahrungen in Bezug auf die Ausreise nach Deutschland.

Im kurzen Kapitel „Fremde Heimat?“ reflektieren die Autorinnen ihre Erkenntnisse aus den Interviews, dabei schildern sie vor allem das Missverhältnis zwischen dem Wunsch der Russlanddeutschen, in Deutschland willkommen geheißen zu werden und dem Desinteresse, den Vorurteilen und der Ablehnung ihnen gegenüber bei den Einheimischen. Mit Ihrem Projekt wollen Sie dem entgegenwirken, indem sie die Zugewanderten selbst zu Wort kommen lassen und sie so den Hiesigen näher bringen. Dabei ist mit der Dokumentation eine Publikation entstanden, die mit einer großen Detailfülle und einer beispielhaften Empathie für die Situation der Russlanddeutschen den nicht unberührt lassen wird, der bereit ist, sich auf die Menschen einzulassen, die darin vorkommen. Dabei ist es gerade von Vorteil, dass hier keine „Experten“ schreiben, sondern einfach interessierte Bürgerinnen, die damit allen anderen Einheimischen zeigen, was es heißt, sich für das Fremde bei den Russlanddeutschen zu öffnen und dabei erstaunliche Entdeckungen zu machen und selbst bereichert zu werden.

Helge Hohmann, Unna-Massen
 

Christian Eyselein

Rußlanddeutsche Aussiedler verstehen.
Praktisch-theologische Zugänge.
Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig, 2006, 488 Seiten, 58,00 €, in alter deutscher Rechtschreibung


Wie ein Krimi
Ein spannendes, ja brisantes Buch  („obwohl“ eine wissenschaftliche Arbeit!), das ich streckenweise wie einen Krimi gelesen habe!

Verstehen ist das Ziel
Verstehen der neuen Bevölkerungsgruppe „Aussiedler“ ist das angestrebte Ziel, denn immer noch ist die Unkenntnis über geschichtliche Zusammenhänge beschämend – oft wissen nicht einmal die Mitarbeiter in den Ämtern Bescheid, betiteln die Neuankömmlinge als „Russen“ oder fordern: „Die sollen Deutsch lernen!“  Die Medien, darauf weist Eyselein mehrmals hin, tragen ihren Teil bei zu einem einseitig ablehnenden Aussiedlerbild. Nicht zuletzt manipuliert eine inhumane Grundstruktur, die allen politischen Lagern gemeinsam ist, das gesellschaftliche Denken: Die Suche nach dem „nützlichen Fremden“, ein ständiges Anwerben und Ablehnen und die konstante Abwertung  der Aussiedler und anderer Migranten durch restriktive Gesetze und Verordnungen.

Wanderungsgeschichte der Russlanddeutschen
Wer ist also dieser Menschenschlag, der durch Vertreibung und Verfemung geformt, sein Nationalgefühl nur noch auf Russisch formulieren konnte?
Bewegt las ich den schön kurzgefassten, mit Herz geschriebenen und gründlich recherchierten Abschnitt über die Wanderungsgeschichte der Russlanddeutschen, die voll Hoffnung begann und als Tragödie weiterging: Man hat die Zeit von 1914 bis 1945 als „dreißigjährigen Krieg“ gegen die Russlanddeutschen bezeichnet, der fast alle ihre bisherigen Siedlungen zum Verschwinden brachte! Wunderbar die liebevolle  Würdigung des pietistisch und erwecklichen Laienchristentums (ohne Pfarrer!), das in der Form der Brüdergemeinden die Repressionen überstand (wobei auch die besondere Rolle der Frauen bei der Weitergabe des Glaubens gewürdigt wird).

Analyse des Sowjetmenschen
Die spannende Analyse des „Sowjetmenschen“, der gezwungen war, ein Doppelleben in zwei Wertewelten zu führen, vermittelt die Einsicht, dass wir den Integrationsbemühungen und Identitätskonflikten der Aussiedler hilflos gegenüberstehen, wenn wir nichts über ihr Leben und das ihrer Familien in jahrelanger Isolation in einem kommunistischen System wissen.

Identitätsproblematik jugendlicher Aussiedler
Mit Herzklopfen versetzte ich mich hinein in die Identitätsproblematik jugendlicher Aussiedler, die sich permanent unter dem Druck sehen, das eigene Deutschsein nachweisen zu müssen und doch gleichzeitig ausdrücklich nicht wie Deutsche behandelt werden. Wie anders als durch Rückzug sollten sie auf diese Irritation reagieren?

Integration geschieht nicht von selbst
Christian Eyselein wirkte in der ersten Hälfte der neunziger Jahre als Pfarrer an der Apostelkirche in Neuburg an der Donau -  in einem bayerischen Schwerpunktgebiet des Aussiedlerzuzugs, dem Dekanatsbezirk Ingolstadt. Die Konfrontation der Neuzugezogenen mit der Ratlosigkeit und Ignoranz der Gemeinden ließ ihn nach besserem und angemessenem Verstehen Russlanddeutscher fragen. Daraus wurde eine wissenschaftliche Arbeit im Rahmen der praktischen Theologie, die untersucht, was in den letzten 15 Jahren im Blick auf die Integration russlanddeutscher Aussiedler sowohl geleistet als auch versäumt wurde, die ruhig und bestimmt zur Korrektur einer ihr Handlungsfeld verkennenden kirchlichen Praxis auffordert und klar macht, dass kirchliche Aussiedlerarbeit trotz des Rückganges der Zuzugszahlen keine zurückgehende Aufgabe ist! Integration geschieht nicht von selbst, auch wenn in Politik und Kirche immer wieder so getan wird, als werde sich die Sache schon beizeiten von selbst erledigen...

Unterwegssein mit Fremden
Was durch Aussiedler an christlichen Fragmenten nach Deutschland mitgebracht wird, ist das Erfahrungswissen von der Weghaftigkeit von Kirche – das in unserer sesshaften Volkskirche nicht mehr vorhanden ist. So sind die hiesigen Gemeinden herausgefordert, sich wieder auf den Weg zu machen und mit Fremden unterwegs zu sein, ihnen Lebensraum zu ermöglichen und sich als Herberge auf Zeit zu verstehen. Wir sind ja nicht die Gastgeber, sondern wir sind alle Gäste!

Aussiedlerseelsorge als Pilotprojekt
Aussiedlerseelsorge in Deutschland versucht, die Randständigen, die aus dem Atheismus zu uns hereingespült wurden, zu erreichen – an einigen Orten z.B. mit Zielgruppengottesdiensten in russischer und deutscher Sprache – sie ist im Grunde eine Vorarbeit für das, was die Kirche gesamtgesellschaftlich erwartet! Aussiedlerseelsorge sollte als Pilotprojekt verstanden werden, das sowohl Aussiedler als auch Einheimische im Blick hat, die sich fragen: „Werden unsere Kinder morgen noch Christen sein?“

Lektüre und Nachschlagewerk
Das Buch empfehle ich sowohl als Lektüre (Krimi!) als auch als Nachschlagewerk Seelsorgern und Seelsorgerinnen, Lehrern und Lehrerinnen (Deutsch-Geschichte-Religion). Es sollte in Schulbibliotheken und Kapitelsbibliotheken stehen (nicht nur in Bayern), und wenn es der eine oder andere der gescholtenen „Medienmacher“ in die Hand nähme, würde ihm das sicher nicht zum Schaden gereichen – ganz im Gegenteil!

Martin Abendroth, Neu-Ulm
 

Alexander Reiser, Reinhold Schulz
99 Anekdoten von Aussiedlern
BMV Verlag Robert Burau, Lage-Hörste, 2005

Was erleben Spätaussiedler/innen, wenn sie nach Deutschland ausgereist sind? Gefühlsmäßig befinden sie sich zwischen zwei Welten: Von den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion haben sie sich noch nicht richtig gelöst, in Deutschland sind sie noch nicht wirklich angekommen. Sie leben für einige Jahre in einem „Zwischenland“, so nennen die Autoren (beide Spätaussiedler) diesen Zustand. Die Ungeschicklichkeiten, Missverständnisse und undurchschaubaren Situationen, die überwiegend durch den Wechsel von einem kulturellen Umfeld (Russland, Kasachstan, Kirgistan) zum anderen (Deutschland) bedingt sind und die den Menschen in diesem Zwischendasein widerfahren, werden in 99 zweisprachigen Anekdoten z.T. eindrücklich dargestellt.

Zu Beginn meiner Lektüre erinnerten mich die kurzen heiteren Episoden u.a. an die Ostfriesenwitze, die in Deutschland eine zeitlang sehr populär waren. Vor allem aber die Kapitel „Deutsche Sprache“ und „Beim Einkaufen“ machen sehr deutlich, in wie vielen Kleinigkeiten sich die Probleme des Einlebens von Spätaussiedler/innen in die bundesdeutsche Gesellschaft manifestieren. Wenn auch manche Episoden eher flach anmuten, finde ich, dass es ein deutliches Zeichen von Integration ist, wenn eine zugewanderte Bevölkerungsgruppe beginnt, die eigene Situation ironisch unter die Lupe zu nehmen.

Marion Wiemann, Belm

 



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