Grußworte

5. Tagung der 9. Synode der EKD (5. - 10. November 2000, Braunschweig)

Sigmar Gabriel

Grußwort des Niedersächsischen Ministerpräsidenten

Sigmar Gabriel

Sehr geehrter Herr Präses, sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender, meine sehr geehrten Damen und Herren!
Im Namen der Niedersächsischen Landesregierung begrüße ich Sie heute sehr herzlich hier in Braunschweig. Es freut mich sehr, dass Sie nach Ihren Synodaltagungen 1993 in Osnabrück und 1996 auf Borkum wieder einmal bei uns Gast in Niedersachsen sind. Und lassen Sie mich hinzufügen: Ich freue mich natürlich ganz besonders, dass Sie heute Gast in meiner Landeskirche sind. Herzlich willkommen in Niedersachsen und in Braunschweig!

Wenn ich auf Ihren Verlaufsplan der Tagung schaue, dann kann man nur feststellen, dass Sie sich ein straffes Programm gegeben haben. Unter Ihnen sitzt ja ein Synodaler, der im Zweitberuf Landtagspräsident ist, Herr Wernstedt. Wir können ja einmal gucken, ob wir etwas von dem straffen Programm lernen können.

Meine Damen und Herren, Sie haben sich, im Wesentlichen jedenfalls, zwei große Themen gesetzt. Das eine betrifft die Ökumene, das andre betrifft nach 50 Jahren noch einmal die Erklärung der EKD-Synode von Weißensee, um sich mit dem in der Vergangenheit nicht unproblematischen Verhalten von Christen zu Juden erneut auseinander zu setzen. Beide Themen, und auch das Leitthema heute "Kirchen unterwegs zu mehr Gemeinschaft", sollen je Menschen zusammenführen. Sie sollen Trennendes überwinden und haben eigentlich als Überschrift "Zusammenleben in Deutschland unter Christen und Nichtchristen". Ich finde, wir können viel gebrauchen davon in Deutschland und in Europa, aber auch in Deutschland, von diesem Wunsch und von der Arbeit zu einem besseren Zusammenleben. Denn wir müssen ja miteinander feststellen, dass offenbar auch in unserem Land und nach mehr als 50 Jahren einer stabilen und erfolgreichen Demokratie heute man immer weniger feststellt, was uns eigentlich miteinander verbindet. Beim Thema Ökumene stellen wir allerdings auch fest, dass neben allen wichtigen Themen, neben der Rechtfertigungslehre und anderen Dogmen, der Wunsch der evangelischen und der katholischen Christen offenbar weiter ist als der mancher Vertreter der beiden großen Kirchen. Ich finde es gut und hoffnungsfroh, dass sich in Deutschland die beiden großen Kirchen, die Christengemeinschaften, nicht haben beeindrucken lassen und sie keine Sorge haben, dass der Wunsch nach Ökumene gestoppt oder gehindert würde.

Sie haben ja einen Politiker um ein Grußwort gebeten. Wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, es gibt eine Erfahrung in der Politik. Ich gebe zu, wir beherzigen sie auch nicht immer, aber gelegentlich ist es ganz gut, ein bisschen zu schauen, was das Volk so denkt, und dass sich Funktionäre gelegentlich mehr daran zu orientieren hätten als an den eigenen Dogmen.

Sonst entsteht die Gefahr, dass man abgewählt wird. Und das, meine Damen und Herren, wollen wir alle miteinander nicht. Bei uns, das will ich zugeben, ist es ganz gut, wenn es manchmal passiert.

Meine Damen und Herren, das zweite Thema ist in Deutschland und in der Welt von genauso großer Bedeutung. Antisemitismus oder der Umgang mit Juden und dem Leben von Juden in Deutschland, in der Geschichte, in der Gegenwart und in der Zukunft ist nur ein Symbol und ein Teil der Auseinandersetzung, wie Menschen miteinander leben: friedfertig, tolerant und weltoffen oder gewalttätig, intolerant und sich gegenseitig gefährdend. Wir erleben in Deutschland in den letzten Wochen und Monaten, dass aus dem, was wir seit vielen Jahren kannten, eine weiterhin vorhandene Ideologie, die aber eher latent war, inzwischen konkretes Handeln nicht nur bei Wahlen, sondern auch auf der Straße, in Gewalt gegen Einrichtungen, gegen Friedhöfe, gegen Menschen unterschiedlichster Herkunft, nicht nur Ausländerinnen und Ausländer, alle, die als schwach gelten, wieder zur Tagesordnung gehört.

Die Bedeutung dieses Themas mag man ermessen, wenn man sich anschaut, was bei der letzten großen Gewaltwelle in Deutschland passiert war. Zwischen 1970 und 1980 wurden 20 Menschen durch die damalige RAF ermordet. Die Reaktion unserer Gesellschaft war eindeutig. Sie war getragen von allen gesellschaftlichen Gruppen, allen Parteien, und sie hat neben mancher sozialpolitischen Debatte auch reagiert mit der notwendigen Härte eines demokratischen, aber doch starken Staates. Zwischen 1990 und dem Jahr 2000 sind in Deutschland inzwischen 93 - also fast 100 - Ausländerinnen und Ausländer umgebracht worden. Die Reaktion des Staates ist die Aufforderung zu Zivilcourage und Lichterketten. So wichtig Lichterketten und Zivilcourage sind, wir müssen aufpassen, dass wir nicht den Eindruck vermitteln, dass dann, wenn die politischen und wirtschaftlichen Führungseliten unseres Landes selbst Opfer von Gewalt werden, wir genau wissen, wie einheitlich und wie gemeinsam und wie stark wir darauf zu reagieren haben, aber dass wir dann, wenn es fast hundert tote Ausländer sind, wir relativ hilflos daneben stehen und lediglich zur Zivilcourage auffordern und uns dann auch im Wesentlichen vorbereiten auf Wahlkämpfe, die eher trennen, statt zusammenzuführen.

Ich habe mich deshalb sehr über dieses Motto der Synode gefreut, weil wir bei dem, was wir in den letzten Tagen öffentlich unter dem Begriff "Leitkultur" diskutiert haben, es eigentlich in Deutschland miteinander sehr leicht haben müssten. Die Leitkultur, die wir in Deutschland brauchen, ist eine, die die Menschen zusammenführt, die versucht, Trennendes zu überwinden, die Zusammenleben ermöglichen soll, die den Umgang mit Konflikten ohne Gewalt ermöglichen soll, die Menschen eben nicht trennt und spaltet, sondern in all ihrer Unterschiedlichkeit ernst nimmt und wahrnimmt als Subjekte und nicht als Objekte staatlichen Handelns, die versucht, auch die schwierigen Auseinandersetzungen, die es zwischen Menschen immer wieder gibt, in einer so brüchigen Industriegesellschaft wie der unseren, anhand eines Mottos "Unterwegs zu mehr Gemeinschaft" zu lösen.

Wenn wir in Deutschland Gewalt und auch Rechtsradikalismus erleben, dann erleben wir sie meist an den Rändern der Gesellschaft. In Wahrheit ist das ein Problem des Kerns der Gesellschaft. Je weniger uns zusammenhält, je weniger die Bindekräfte in unserem Land zusammenwirken, desto stärker werden die Zentrifugalkräfte und manchmal fliegen sie uns dann im wahrsten Sinne des Wortes um die Ohren. Deswegen kommt der Arbeit der evangelischen Christen in Deutschland, auch der katholischen, auch der anderen Religionsgemeinschaften, auch der Atheisten so viel Bedeutung bei, die Bindekräfte in unserer Gesellschaft wieder zu stärken, sie attraktiv zu halten, damit niemand glauben muss, er wäre verlassen von Gott und den Menschen und sich deshalb menschenverachtenden und gottesfeindlichen Ideologien und Taten zuwendet.

Ich wünsche Ihnen und uns allen miteinander, dass Sie in der Woche, aber dann auch im Alltag danach mit uns gemeinsam Wege und Möglichkeiten finden, diese Bindekräfte wieder zu stärken, Menschen zusammenzuführen und unterwegs zu sein zu einer guten Gemeinschaft. Alles Gute für Sie, für die Familien, die Sie haben, und für Ihre Tagung hier in Braunschweig. Glückauf!


Bei den Grußworten handelt es sich um nicht redigierte Texte!



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