Grußworte
5. Tagung der 9. Synode der EKD (5. - 10. November 2000, Braunschweig)
Werner Steffens
Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Braunschweig
Sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender, Präses Kock, sehr geehrter Herr Präsident der Synode, Dr. Schmude, sehr geehrter Herr Landesbischof Krause, sehr geehrter Herr Ministerpräsident Gabriel, sehr geehrte Frau Bundesministerin Dr. Bergmann, meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordneten, sehr geehrte Mitglieder der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im Namen der Stadt Braunschweig begrüße ich Sie sehr herzlich in unserer Stadt. Wir freuen uns sehr darüber, dass Braunschweig zu den wenigen Städten Deutschlands gehört, in denen die Synode ein zweites Mal tagt. Wir hoffen, dass unsere Stadt auch in diesem Jahr wieder ein gutes Tagungsklima für Sie bietet, damit Sie recht bald wieder hierher kommen. Das ist sozusagen meine Begrüßungsformel.
Ihr Thema "Eins in Christus. Kirchen unterwegs zu mehr Gemeinschaft" wird in unserer Stadt und in der Region reges Interesse finden. Wir freuen uns, dass in unserer Stadt eine große Anzahl sozialer und kultureller Einrichtungen der Kirchen arbeiten und gemeinsam zum sozialen Ausgleich, zu einem gedeihlichen Zusammenleben und zu kultureller Vielfalt und Lebendigkeit beitragen.
Wir freuen uns, dass unser trotz größter Kriegszerstörung immer noch mittelalterlich geprägter Stadtkern eine große Anziehungskraft besitzt, nicht zuletzt durch die Schönheit der Kirchen und des Domes St. Blasii, Bauwerke und geistige Zentren - man vergisst ja gelegentlich, dass sie beide Funktionen haben, Bauwerke und geistige Zentren -, die uns Braunschweiger sehr emotional und herzlich mit unserer Heimatstadt verbinden.
Wenn Sie zum Verhältnis von Christen und Juden in Fortführung der Erklärung von Weißensee über einen Kundgebungsentwurf beraten, tun Sie dies in einer Stadt mit einer zwar kleinen, aber sehr aktiven jüdischen Gemeinde und in einer Stadt, die früh nach dem Krieg mit dem Buchbund Brunsvicensia Judiaca an die Schicksale der Juden unserer vor der Hitler-Gewaltherrschaft blühenden jüdischen Gemeinde in Braunschweig erinnert hat.
Am 8. November, also in der nächsten Woche, wird eine Lesung der Namen der verfolgten und getöteten Juden in Braunschweig an die Progromnacht erinnert, in der auch die Braunschweiger Synagoge verbrannte, und am 9. November legen wir an dem Platz neben dem jüdischen Gemeindehaus, wo die Synagoge stand, Kränze nieder. Für Braunschweig wurde ein Gedenkstätten-Konzept entwickelt, um dem Vergessen vorzubeugen und um neues Unrecht tatkräftig zu verhindern.
Diese Beiträge und die seit 1985 bestehende Städtepartnerschaft mit Kiryat Tivon in Israel sind insgesamt von allergrößter Bedeutung für die Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus in Braunschweig, für die verantwortungsbewusste Gestaltung der Gegenwart und für die Mobilisierung aller Abwehrkräfte gegen Neonazismus und Rassismus.
Eine Sonderausstellung der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg kommt am 17. Dezember nach Braunschweig und wird über das jüdische Leben im 17. und 18. Jahrhundert in Europa am Beispiel der Städte Frankfurt am Main, Prag und Amsterdam informieren und die historische Entwicklung jüdischen Lernens skizzieren. Wir hatte im Übrigen gerade eine Ausstellung über Judenfeindlichkeit in der Schule; wir staunen ja, dass diese Dinge erst heute aufgearbeitet werden. Die Ausstellung ab 17. Dezember, von der ich eben sprach, wird den Titel haben "Vom Mittelalter in die Neuzeit - jüdische Städtebilder" und wird im Jüdischen Museum des Braunschweigischen Landesmuseums hinter Ägidien zu sehen sein. Als Sie heute aus dem Dom herauskamen, sahen Sie zur Rechten die Burg und den Löwen. Zur Linken befindet sich das Braunschweigische Landesmuseum, das alte Viehweg-Haus; früher stand dort "Viehweg" darüber. Dieses Braunschweigische Landesmuseum hat ein Jüdisches Museum. Es befindet sich neben der Ägidienkirche, Herr Bischof Homeyer. Dort also ist das zweite Landesmuseum, das Jüdische Museum, eingerichtet.
Die Ausstellung bietet Einblick in das Leben und das Denken von Juden, und wir erhoffen uns auch von dieser Ausstellung den Effekt, dass Kennenlernen und Informationen ausgezeichnete Gegenmittel gegen blinde Vorurteile und gegen die Schuld der Verdrängung und des Wegschauens sind.
Das heißt mit anderen Worten, wir müssen in solche Ausstellungen auch gehen. Das will ich ganz deutlich ansprechen. Man kann nicht fordern, dass wir Informationen geben, und sie dann nicht wahrnehmen. Wir müssen mit der Informationsgesellschaft umgehen. Ich erlebe das und habe wie Sie sicherlich alle diese Erfahrung. Aber wir müssen sie auch ansprechen.
Unser Interesse gilt also mehr und mehr der Frage: Wird es gelingen, den Rechtsradikalismus mit seiner schrecklichen Gewalttätigkeit und Ausländerfeindlichkeit, die politischen Weichensteller und Propagandisten zurückzudrängen und zum Schweigen zu bringen?
Braunschweig ist natürlich besonders sensibilisiert. Die meisten von Ihnen wissen, dass Adolf Hitler durch das Braunschweiger Land die deutsche Staatsangehörigkeit erhielt. Gerade in Braunschweig müssen wir im Hinblick auf die NS-Diktatur und den aktuellen braunen Terror besonders kritisch Verantwortung für unsere eigene Geschichte übernehmen und besonders aufmerksam für die Entwicklung der Gegenwart sein.
In Braunschweig arbeiten, studieren und leben Menschen aus 125 Nationen, das entspricht einer mittelgroßen deutschen Großstadt. In einer Stadt wie Braunschweig ist den meisten Menschen unter diesem Aspekt heute deutlich, was Weltoffenheit, Toleranz und Gastfreundschaft in der immer enger zusammenrückenden einen Welt bedeuten. Wir haben uns genau überlegt, wie man das ausdrücken kann. Die Menschen, ihre Unternehmen und Institutionen sind gerade hier in den weltweiten Wettbewerb einbezogen und wollen sich die Chance auf eine erfolgreiche Teilnahme an diesem Wettbewerb nicht durch rechte Propaganda und Gewalt zerstören lassen. Ich denke, das ist der Ansatz, die Bewusstseinslage der meisten Menschen.
Wir haben alles zu tun, um die aufgeklärte Gesellschaft zu verteidigen, dafür zu sorgen, dass diese Gesellschaft weiterhin bestehen kann, um eine moderne, friedliche Zukunft zu gestalten, und dazu verbinden sich die weltlichen und die geistlichen Kräfte.
Ich sage dies auch deshalb, weil wenige Meter hinter uns auf dem historischen Magni-Friedhof eine der ganz großen Persönlichkeiten unseres Landes und Europas beerdigt ist, nämlich Gotthold Ephraim Lessing. Er hat den Begriff der Toleranz der aufgeklärten Gesellschaft neu formuliert. Es ist schön, dass Sie heute in der Nähe von Lessing tagen. Vielleicht nutzen Sie die Gelegenheit und gehen in einer Pause einmal hinüber.
Ich begrüße Sie herzlich in Braunschweig und wünsche Ihnen eine ertragreiche Arbeit.
Bei den Grußworten handelt es sich um nicht redigierte Texte!

