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5. Tagung der 9. Synode der EKD (5. - 10. November 2000, Braunschweig)
Einbringung des Kundgebungsentwurfs: Christen und Juden
Professor Dr. Johann Michael Schmidt
"Im Namen des deutschen Volkes sind an den Juden in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft solch ungeheure Untaten und Verbrechen begangen worden, daß wir allesamt wahrlich nur einen Anlaß hätten, nämlich uns der ganzen Tragweite dessen, was in unserem Namen geschah, vor Gott und den Menschen zutiefst bewußt zu werden und uns alle zur Umkehr rufen zu lassen. Es kann keinen Frieden unter uns und mit anderen Nationen geben, wenn wir nicht alle von jeglichem Antisemitismus entschlossen abrücken":
So beginnt die Ansprache, die der damalige Präses der EKD-Synode, der Bundesminister des Inneren Dr. Gustav Heinemann im NWDR am 15. April 1950 gehalten hat. Sie war seine Reaktion auf mehrere antisemitische Vorfälle und Ausschreitungen, die damals Kirche und Gesellschaft, dann auch die Synode der EKD aufgerüttelt hatten.
Mit seiner Ansprache (s. Anlage) hat der damalige Präses der Synode das Programm und alle entscheidenden Punkte zum Thema Christen und Juden vorgegeben:
- Der Zusammenhang zwischen dem Schwerpunktthema "Was kann die Kirche für den Frieden tun?" mit den Thema Christen und Juden.
- Die Verstrickungen zwischen Antisemitismus mit seinen mörderischen Folgen und traditionellem religiös motivierten Antijudaismus.
- Die Aufgabe der Kirche, durch Umkehr und Überwindung des eigenen Antijudaismus die Überwindung des Antisemitismus zu befördern.
- Abkehr von der traditionellen Vorstellung, Israel sei verworfen und an seine Stelle sei die Kirche als das neue, wahre Israel getreten.
- Die Besinnung auf das Neue Testament, "was uns ... darin ... über das Volk Israel und unsere eigene christliche Existenz gesagt ist" (Röm 11,18).
Wie sieht es heute aus? In den vergangenen 50 Jahren hat sich jüdisches Leben unter uns ausgebreitet und entfaltet, es gibt in den großen Städten jüdische Gemeinden mit Synagogen und anderen Einrichtungen; die Zahl jüdischer Menschen hat durch Zuwanderungen aus der ehemaligen Sowjetunion stark zugenommen. Trügt mein Eindruck, dass im gleichen Maß Zahl und Ausmaß der Anfeindungen und Angriffe auf jüdische Menschen und Einrichtungen zugenommen hat? Fast täglich hören wir davon.
Zu solchen Anfeindungen und Angriffen kommen noch die Wirkungen der neu aufgeflammten Kämpfe zwischen Israelis und Palästinensern hinzu, die die unter uns lebenden und zu uns gehörenden Juden treffen. Ich denke an die Anschläge von Palästinensern, die in Deutschland Aufenthaltsrecht haben und die ihre Wut und Verzweiflung über die Lage ihrer Landsleute im Nahen Osten an Synagogen und jüdischen Einrichtungen hier in Deutschland auslassen. - Und ich denke auch an Kommentierungen zum Vorgehen der israelischen Seite mit Hilfe judenfeindlicher Klischees wie "alttestamentarisch jüdisches Rachedenken". ("Augen um Auge, Zahn um Zahn")
Vor 50 Jahren hatte die Synode Anlass genug, sich endlich zu einem grundlegenden, bekenntnishaften Wort durchzuringen. Heute gibt es leider nicht weniger Anlass, es ihr gleichzutun.
Das Schwerpunktthema 1950 lautete: "Was kann die Kirche für den Frieden tun?" Nach mehreren Aufforderungen von außen und auf Anstoß der Eröffnungsredner, vor allem des Generalsekretärs des Weltrats der Kirchen, Visser´t Hooft, brach zuerst im Vorbereitungsausschuss, dann auch im Plenum die Überzeugung auf, die Synode habe zuerst die Schuld der Kirche an dem jüdischen Volk zu bekennen und sich über ihr Verhältnis zu Israel zu erklären, ehe sie glaubwürdig ein Wort zum Frieden sagen könne. Heinrich Vogel, der Hauptinitiator und Verfasser des Entwurfs zu einem entsprechenden Wort, verwies auf Eph 2,14 "Er (Jesus Christus) ist unser Friede ... Wir haben uns an dieses Wort verhaften zu lassen, wie es da steht, in seiner ursprünglichen Bezogenheit auf Israel. Wir haben unsere Schuld an Israel zu bekennen ... Und wenn es wirklich so ist, daß die Schuld an Israel all dieses ungeheuerliche Ausmaß von Leid heraufbeschworen hat, was möchte dann für ein Segen darin liegen, wenn bewußt in dieser Sache etwas ausgesprochen würde ..." (116).
Nach Absicht Heinrich Vogels sollte es nicht "um eine lehrmäßige Aussage" gehen - dann "müßte man in diesem Sinne vollständig sein" -, sondern "um ein aktuales Bekenntnis und zwar in eigener Schuld" (323). Dem ist die Synode gefolgt und hat nach einigen Änderungen schließlich einstimmig das Ihnen vorliegende Wort verabschiedet.
Würdigung und Fortschreibung der Erklärung von 1950, unter diesen Leitworten haben wir das Vorhaben dieser Synode und danach auch die Aufgabe unseres Vorbereitungsausschusses verstanden. Würdigung bedingt Beschäftigung mit der Situation von 1950 und der Vorgeschichte. Dazu liegt Ihnen in der Handreichung ein Abschnitt vor. Ich hebe nur noch einmal hervor, wie stark die Entwicklung in Kirche und Theologie nach 1945 durch die Erfahrungen des Kirchenkampfes bestimmt waren und wie stark die Verstrickung der theologischen Streitpunkte im Kirchenkampf mit der "Judenfrage" nachgewirkt hat. Ich nenne als Beleg das "Wort zur Judenfrage", das noch zwei Jahre zuvor (1948) der Bruderrat der EKD in Darmstadt veröffentlicht hatte.
Fortschreibung soll auf der Grundlage nachfolgender Synodalerklärungen der Gliedkirchen und der drei Studien "Christen und Juden" des Rates der EKD erfolgen. Darüber informiert ein weiterer Abschnitt in der Handreichung. Der Abschnitt führt 16 Gliedkirchen (von 24) auf, die sich überwiegend in Synodalerklärungen, z.T. aber auch in ihren Grundartikeln (immerhin 7) zum Verhältnis "Christen und Juden" geäußert haben.
Die Handreichung enthält noch zwei weitere Abschnitte: Einer handelt von Äußerungen aus der römisch-katholische Kirche und deutet auf den Zusammenhang mit unserem Schwerpunktthema Ökumene hin, besonders auch auf bemerkenswerte Übereinstimmungen: Wenn wir auf evangelischer Seite auf einen weitreichenden Konsens zwischen den Gliedkirchen verweisen können - die Studien Christen und Juden II und III belegen ihn -, können wir die katholische Seite einbeziehen. Ich denke an das Bekenntnis zur Treue des Gottes Israels und zur bleibenden Erwählung seines Volkes sowie an die Überzeugung, dass das eigene Heil mit der Erwählung Israels verbunden sei.
Der andere Text in der Handreichung ist ein Artikel von Hartmut Ludwig aus den Ev. Kommentaren (Aprilheft d. Js.) über die Synode vor 50 Jahren. Er bereichert das Bild von der Synode damals durch Details und schärft den Blick für ihre theologische Bedeutung. H. Ludwig weist zudem auf die schwache Wirkung hin, die die Erklärung in den Gliedkirchen gefunden habe. - Dazu sprechen die Daten eine deutliche Sprache: Erst 25 Jahre später (1975) ist die erste Studie des Rates der EKD erschienen und erst 1980 die erste wegweisende Erklärung der rheinischen Kirche. Allerdings schon 1960 hatte die Berlin-Brandenburgische Kirche die Erklärung von 1950 bekräftigt, eigene Versäumnisse seit damals beklagt und sie ein Stück fortgeschrieben: "Der immer wieder durchbrechende Judenhaß ist offenkundige Gottlosigkeit. - Darum erarbeitet euch die biblische Erkenntnis, daß unsere Rettung von der Erwählung Israels nicht zu trennen ist" (R. Rendtorff/H.H. Henrix, Die Kirchen und das Judentum, 1988, S. 552).
Zu den inhaltlichen Aussagen der Fortschreibung haben wir den Ihnen vorliegenden Entwurf erarbeitet. Ich möchte mich auf folgende Hinweise beschränken:
1. Wir haben die Rede von der eigenen "Schuld" verschärft durch die Rede von der Verstrickung "in die Vorgeschichte und Ermöglichung der systematischen Vernichtung des europäischen Judentums". - In diesem Zusammenhang haben wir auch die Versäumnisse nach 1945 angesprochen. Auf die Gründe habe ich schon hingewiesen; ich füge noch einen mir wichtig erscheinenden Grund hinzu: die Trennung zwischen Antisemitismus mit seinen mörderischen Folgen und religiös theologisch begründetem Antijudaismus. Ich halte diese Trennung weder für historisch gerechtfertigt noch für dem Bemühen um ein neues Verhältnis zu Juden dienlich; denn sie beruht auf dem Anspruch der christlichen Seite, die Spielarten von Judenfeindschaft allein definieren zu können. Gerade aber die Frage, was als judenfeindlich gelte, kann nur im Gespräch mit Juden geklärt werden.
2. Wir halten uns mit unserem Anliegen an das der Synode vor 50 Jahren: Auch wir streben ein "aktuales Bekenntnis" an und keine Vollständigkeit erfordernde lehrhafte Erklärung. Das bedingt Kürze und offene Formulierungen. Wir sind uns bewußt, dass Kürze und offene Formulierungen mehrdeutig erscheinen und unterschiedlich verstanden und gedeutet werden können. Darin sehe ich aber nicht nur Anlass zu Streit, sondern mehr noch Anstoß zu Austausch und Verständigung auf dem Weg, auf dem wir fortschreiten und für den wir unsere Gemeinden gewinnen wollen. Es wäre ganz in unserem Sinn, wenn der Text durch seine Formulierungen Verhärtungen und Frontenbildungen abbauen könnte, die hier und dort über gliedkirchliche Erklärungen entstanden sind
3. Unser Entwurf will zwei Extreme vermeiden: Auf der einen Seite wollen wir die Anmaßung hinter uns lassen, einseitig über das jüdische Volk theologisch zu urteilen; dazu rechne ich auch die zuvor erwähnte Trennung von Antisemitismus und Antijudaismus. - Auf der anderen wollen wir eine Rede von Gemeinsamkeiten vermeiden, die Juden als bedrängende Vereinnahmung oder erstickende Umarmung empfinden. - Positiv gewendet: Wir zielen auf Formulierungen, die Vertrauen und Bereitschaft, Gespräch und Verständigung auf jüdischer Seite ermöglichen und fördern.
4. Um dieser Ziele willen stellen wir alle aufgeführten Gemeinsamkeiten unter den Vorsatz: "Wir erkennen als Gemeinsamkeiten mit Juden ..." und unter unsere christliche Perspektive. Zugleich wollen wir die Identität und das heißt die Andersartigkeit jüdischen Lebens und Glaubens wahrnehmen und achten. So wollen wir Vergewisserung der eigenen christlichen Identität, gegründet auf Umkehr, mit der Wahrnehmung und Achtung jüdischer Identität verbinden, gegründet auf dem festen Fundament der Gemeinsamkeiten, den Gott uns, Christen und Juden, nach unserer Überzeugung vorgegeben hat.
5. In Anlehnung an die Erklärung von 1950 haben wir uns auf solche Aussagen beschränkt, die wir für grundlegend auf unserem Weg der Umkehr halten:
- Das Gottesverständnis; es schließt die Erwählung Israels und Gottes Bindung an sein Volk ein und schließt die Trennung zwischen dem biblischen Israel und dem heutigen Judentum aus (Entwurf Nr. 1).
- Das Schriftverständnis; es zielt auf die Wahrnehmung der Jüdischen Bibel als "der Bibel Jesu und der Urchristenheit" und auf Folgerungen daraus, d.h. auf ein Verständnis des Alten und Neuen Testaments als "einer sich wechselseitig auslegenden Einheit - als Grundlage und Richtschnur für die Neubestimmung unseres Verhältnisses zum jüdischen Volk" (Entwurf Nr. 2).
- Das Christusverständnis; es bezieht die Bedeutung des Messias Jesus im Sinn von Vermittlung und Teilhabe ein. So haben wir in Nr. 7 Gemeinsamkeiten aus unserer Sicht, d.h. in der Verbindung mit unserem Christusglauben formuliert; vgl. auch Nr. 3 und 5.
- Das Kirchenverständnis; die aus dem Neuen Testament stammende Rede von der "Kirche aus Judenchristen und Heidenchristen" haben wir aus der Erklärung von 1950 übernommen. Damit hatte die Synode von Weißensee die Versäumnisse der Kirche an ihren judenchristlichen Gliedern angesprochen. Heute wollen wir "unsere christlichen Geschwister jüdischer Herkunft" erneut in den Blick nehmen; denn das ist in gliedkirchlichen Erklärungen nur selten geschehen. Dabei zielt die Art ihrer Wahrnehmung als "Zeugen unserer unlösbaren Verbindung mit dem bleibend erwählten Gottesvolk Israel" auf ihre Zugehörigkeit zu ihrem Volk, die für uns bestehen bleibt. Judenmission, die auf Herauslösung aus dem Judentum zielt, ist damit nicht vereinbar. Diese Unvereinbarkeit ergibt sich auch aus Nr. 10 unseres Textes, aus der Achtung der jüdischen Identität.
- Auch die Aussagen in Nr. 6 beschränken sich wie alle anderen auf die fundamentale Bedeutung, die das Verhältnis zum jüdischen Volk für uns hat; sie verzichten auf jede Wertung der hier bestehenden Ungleichheit zwischen Christen und Juden, setzen diese Ungleichheit aber voraus.
Anhang
Anlage zur Einführung zum Kundgebungstext "Christen und Juden"
Rundfunkansprache des Präses der Synode Herrn Bundesminister Dr. G. Heinemann am 15.4.1950 im NWDR
den Mitgliedern der Synode ausgehändigt zu ihrer Tagung in Berlin-Weißensee vom 23. bis 27. April gleichen Jahres.
Im Frühjahr 1950 gab es in Hamburg bei einem Prozess gegen Veit Harlan antisemitische Tumulte, und auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt wurden Grabsteine umgeworfen. Heinemann, Bundesinnenminister, erklärte dazu am 15.4.1950 im Westdeutschen Rundfunk:
Als Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland verurteile ich diese Vorgänge schärfstens. Im Namen des deutschen Volkes sind an den Juden in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft solch ungeheure Untaten und Verbrechen begangen worden, daß wir allesamt wahrlich nur einen Anlaß hätten, nämlich uns der ganzen Tragweite dessen, was in unserem Namen geschah, vor Gott und den Menschen zutiefst bewußt zu werden und uns alle zur Umkehr rufen zu lassen. Es kann keinen Frieden unter uns und mit anderen Nationen geben, wenn wir nicht alle von jeglichem Antisemitismus entschlossen abrücken. Es hat Gott gefallen, Menschen vielerlei Art und Rasse in gleicher Weise zu schaffen. Wer will darüber mit ihm rechten? Juden und Nichtjuden leben als Bürger des gleichen deutschen Staates beieinander. Niemand kann es verantworten, daß wir uns gegenseitig mißachten oder gar in unseren Menschenrechten versetzen. Ich bitte alle, die dieses hören, eindringlich, sich der großen Verantwortung bewußt zu werden, die ein jeglicher von uns als Staatsbürger und wir alle zusammen als deutsches Volk gegenüber jedem Menschen haben, der unter uns lebt. Ich bitte zumal die Christen in unserem Volke, dessen eingedenk zu sein, was uns im Neuen Testament über das Volk Israel und unsere eigene christliche Existenz gesagt ist.
Ich bitte alle, die eine öffentliche Verantwortung tragen, sich in dieser Verantwortung gegen den Antisemitismus zu bekennen. Ich bitte zumal die christlichen Gemeinden und ihre Pfarrer, in den Gottesdiensten die Verkündigung des Wortes Gottes auf das zu lenken, was hier etwa aus dem Römerbrief (XI,18) gesagt werden muß:
"Rühme dich nicht wider die Zweige, rühmst du dich aber wider sie, so sollst du wissen, daß du die Wurzel nicht trägst, sondern die Wurzel trägt dich."
- aus:
Gustav W. Heinemann, Einspruch. Ermutigung für entschiedene Demokraten, Hg. v. D. Koch, Bonn: Dietz, 1999, S. 87f.

