Weitere Berichte und Referate

5. Tagung der 9. Synode der EKD (5. - 10. November 2000, Braunschweig)

Einbringung des Kundgebungsentwurfs: Eins in Christus. Kirchen unterwegs zu mehr Gemeinschaft

Dr. Monika Lengelsen

Herr Präses, sehr geehrte Synodale, sehr geehrte Gäste!
Der Vorbereitungsausschuss hat seine Arbeit getan. Ihnen liegt der Kundgebungsentwurf "Eins in Christus - Kirchen unterwegs zu mehr Gemeinschaft" zur Beratung des Schwerpunktthemas 2000 "Ökumene als Gemeinschaftsaufgabe der EKD" vor.

Als im Dezember 1998 die VIII. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen den Abschluss der Versammlung und zugleich das 50-jährige Bestehen des ÖRK in Harare feierte, war noch einmal der ökumenische Enthusiasmus zu verspüren, von dem es heißt, dass er im 20. Jahrhundert entscheidend zur Bewegung der Kirchen aufeinander zu beigetragen hat.

So bedeutende Ereignisse ökumenischer Geschichte wie die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland 1948, der Konferenz Europäischer Kirchen 1959, die Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie zwischen lutherischen, reformierten und unierten Kirchen 1973 und die lutherisch-römisch-katholische Verständigung in Fragen der Rechtfertigungslehre 1999 markieren deutlich den Fortschritt zu mehr ökumenischer Gemeinschaft.

Dennoch, die weltweite ökumenische Stimme ist leiser geworden. In der Rückschau auf Harare bleiben Gottesdienst und Bibelarbeit als so genannte Herzstücke der Vollversammlung in Erinnerung. Trotz der vielfältigen ökumenischen Beziehungen zwischen den Kirchen, der zahlreichen Aktivitäten von Werken, Ortsgemeinden und Missionsgesellschaften - Ökumene besitzt nicht mehr die Aktualität vergangener Jahre. Nur, wenn das Bemühen um weitere Zusammenarbeit zwischen den Konfessionen zeitweilig zum Stillstand kommt, wenn Rückschritt oder sogar schmerzliche Zurückweisung evangelischer Partner geschieht, verkündet eine mediale Öffentlichkeit vorschnell das Ende der Ökumene.

Es ist richtig, "noch längst ist nicht die Gemeinschaft erreicht, die Gott für die ganze Christenheit auf Erden will". (Kundgebungstext)
Jedoch spricht dieser Zustand in keiner Weise gegen die Ökumene. Vielmehr ist das eine Frage der Gemeinschaftsfähigkeit, des Ökumene-Wollens aller an der Ökumene Beteiligten.

Um so wichtiger ist es, dass die Ökumene dezidiert auf die Tagesordnung von Kirchen und Gemeinden gesetzt wird. Die Synode nimmt hier mit der Beratung ihres Themas den Dialog auf, der die Stärkung des ökumenischen Bewusstseins und das gemeinsame Zeugnis der Kirchen in den Mittelpunkt stellt. Zeugnis und Dienst reden von Gott in der Welt, handeln mit Gott in der Welt, Mission und Diakonie waren die Themenschwerpunkte der beiden letzten Synoden, Ökumene "als das Streben nach sichtbarer Gemeinschaft im Glauben und im Gottesdienst, die Zusammenarbeit in der Mission und der gemeinsame Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" (Kundgebungstext) ist das diesjährige Thema.

Die Diskussion des heutigen Tages wird zeigen, welche Erfahrungen Kirchen der EKD in der Ökumene bisher gesammelt haben, wo sie im ökumenischen Prozess heute stehen, welche Aufgaben und Ziele sie in welchen Strukturen in Zukunft anstreben und welche Perspektiven sie leiten. Selbstvergewisserung und Handlungsimpulse werden gleichermaßen von diesem Thema ausgehen.

Aber auch nach außen, in die Öffentlichkeit bezeugte ökumenische Handlungsfähigkeit ist ein Zeichen der Glaubwürdigkeit der Kirchen in unserer Gesellschaft. In einer säkularen Welt, in einer Optionsgesellschaft, in der Kirche nur noch ein Angebot unter vielen darstellt, weiß sich Ökumene als missionarische, vielgestaltige Gemeinschaft der ganzen Welt verpflichtet.

Diese Gemeinschaft lebt aus der Kraft des heiligen Geistes, der sie bewegt und ihr die Freiheit schenkt, mehr Ökumene zu sagen und zu wagen, wie es der Kundgebungstext unternimmt. Je nach ökumenischem Standpunkt mag dieses zu zaghaft oder zu heftig erscheinen.

Als der Vorbereitungsausschuss im Januar seine Arbeit begann, hat er zunächst aus der Fülle dessen, was Ökumene umfasst, die Bereiche ausgewählt, die besonders Ökumene als Gemeinschaftsaufgabe der EKD betreffen. Sowohl der Dialog mit den Weltreligionen als auch das Verhältnis zu Israel wurde deshalb nicht bearbeitet. Ein eigener Kundgebungsentwurf wird sich ja mit dem Thema "Christen und Juden" beschäftigen.

Der Ihnen vorliegende Kundgebungsentwurf beschreibt schwerpunktmäßig und zugespitzt in drei Abschnitten Handlungsfelder der Ökumene, die in Zukunft als Gemeinschaftsaufgabe der EKD verstärkt in den Vordergrund treten sollen. Es ist einmal die innerprotestantische Gemeinschaft. Zum anderen ist es die Gemeinschaft mit der römisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen, und es ist die Gemeinschaft mit Partnern in der weltweiten Ökumene. In letztere wurde die Synode bereits heute Morgen durch die Andacht von Dr. Kim eingeführt.

"Gemeinsame Gottesdienste, das für- und miteinander Beten sind Lebensquelle der Ökumene." Gleich im Anschluss an diese Einbringung werden drei ökumenische Gäste in Impulsreferaten die Rolle der EKD im weiten Beziehungsfeld von Ökumene im eigenen Land, in europäischer und in internationaler Ökumene beleuchten. Entsprechend den drei Themengebieten wird Frau Oberkirchenrätin Rut Rohrandt aus der Sicht der Ökumene-Referentin der Nordelbischen Kirche und aus der Sicht der Vizepräsidentin der KEK die EKD und ihr Verhältnis zur protestantischen Ökumene und ihre Bedeutung in der KEK beschreiben und bewerten. Herr Bischof Dr. Joachim Wanke, Vorsitzender der ACK, wird den Blick lenken auf die EKD in ihrem Verhältnis zur Einheit mit den getrennten Kirchen. Herr Professor Konrad Raiser, Generalsekretär des ÖRK in Genf, wird die EKD und ihr Verhältnis zu Zeugnis und Dienst in der Welt behandeln. Ich freue mich über die Bereitschaft, die Ökumene-Arbeit der EKD mit Anfragen von außen unter die Lupe zu nehmen.

Der bereits seit Sonnabend stattfindende ökumenische Markt der Möglichkeiten gibt allen Anwesenden die Gelegenheit, ökumenische Partner, ökumenische Einrichtungen und Werke und lebendige Ökumene in aller Farbigkeit schon kennen zu lernen. Den Synodalen, die eher den intellektuellen Diskurs bevorzugen, wird der sogenannte Synodenreader in den "Mitteilungen aus Ökumene und Auslandsarbeit der EKD" ausreichendes Informationsmaterial zu den Themenbereichen liefern, die nicht explizit im Kundgebungsentwurf zur Sprache kommen konnten.

Die dort veröffentlichten Abhandlungen und Berichte unterstützen das Bemühen des Kundgebungstextes, den Standort der EKD im ökumenischen Prozess weiter zu bestimmen, ihr Verhältnis zu den verschiedenen Dialogpartnern zu formulieren und neue Perspektiven ökumenischen Handelns zu entwickeln mit dem Ziel, die innerdeutsche Ökumene zu stärken, in Europa deutlicher die Stimme zu erheben und evangelisches Profil zu schärfen.

Die Präambel des Ihnen vorliegenden Kundgebungstextes umreißt, der Gattung entsprechend, in einigen Leitsätzen zunächst theologische Grundzüge des Ökumene-Verständnisses. Sie stellt fest, dass Gott die eine Kirche Jesu Christi geschaffen hat, die überall da existiert, wo Gottes Wort verkündigt und geglaubt wird. Gemeinschaft im Glauben über alle Konfessionen und Unterscheidungen und Trennungen hinweg geschieht nach seinem Willen. Aufgrund der Taufe sind wir Glieder der einen Kirche Christi, wir sind eins in Christus.

Die sichtbare Gestaltung dieser Einheit ist Ziel aller Ökumene. Sich diesem Ziel weiter zu nähern ist Gemeinschaftsaufgabe der EKD. Christen erfahren oft noch in ihrer und durch ihre Kirche die Beschränkung auf das je eigene Bekenntnis, die je eigene Konfession, die der Einheit des Glaubenszeugnisses entgegensteht. Dieses zu überwinden ist Gemeinschaftsaufgabe aller Christen, die dann gelingen wird, wenn die Trennungen überwunden werden, die durch die Bestimmung des je eigenen kirchlichen Profils deutlich zu Tage treten.

Allerdings heißt Überwindung des Trennenden nicht Verzicht auf eigene Identität und Prägung. Einheit bedeutet nicht Einheitlichkeit. In Verantwortung vor der Welt, in der in zahllosen Kriegen Menschen gequält, vertrieben und getötet werden, angesichts von Gewalt und Ungerechtigkeit und der beständigen Vernichtung der Umwelt - auch in unserem eigenen Land - und in Verantwortung vor Gott sind die Kirchen zu mehr Gemeinschaft aufgerufen.

ACK, KEK und ÖRK sind dienliche Instrumente. Ökumene ist Bestätigung und Anspruch zugleich, weiterhin den Grundkonsens im Verständnis des Evangeliums zu suchen, damit Kirchen sich gegenseitig anerkennen und Gemeinschaft in Wort und Sakrament gewähren. Beispielhaft haben 1973 protestantische Kirchen verschiedenen Bekenntnisstandes in Leuenberg jahrhundertelange, alte Gegensätze durch den Abschluss einer Konkordie überwunden. Die EKD war hundertste Signatarkirche.

Beginnend mit der innerprotestantischen Gemeinschaft wendet sich der Kundgebungstext zuerst an das eigene Haus, die EKD als Gemeinschaft lutherischer, reformierter und unierter Kirchen, die selbst ein Modell von Kircheneinheit darstellt. Ihr ökumenisches Handeln spiegelt sich in einer Fülle von Beziehungen und Aktivitäten der Ortsgemeinden, Gliedkirchen und kirchlichen Werken, der Verbände und Bünde. Dies sind die Handlungsgebiete für das gemeinschaftliche Handeln. Die EKD wird dieses Handeln in Zukunft effektiver gestalten können.

Auch im gesamteuropäischen Entwicklungsprozess kommt der EKD eine wichtige Rolle zu. So ist sie besonders im Rahmen der KEK beauftragt, einen Beitrag zur gesamteuropäischen Entwicklung und zur Weiterarbeit an einer europäischen Friedensordnung zu leisten und für die Sicherung des kirchlichen Selbstbestimmungsrechts im Entwurf der Charta der Grundrechte der EU zu sorgen.

In diesem Zusammenhang schlägt der Kundgebungstext vor, dass die Vollversammlung der Leuenberger Kirchengemeinschaft zu einer regelmäßig tagenden Synode wird, die die evangelische Stimme in Europa stärkt und die evangelische Gemeinschaft intensiviert.

In einem zweiten Abschnitt wendet sich der Kundgebungstext der Gemeinschaft mit der römisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen zu. Als im letzten Jahr die gemeinsame Erklärung zur Rechtsfertigungslehre zwischen Lutherischem Weltbund und der römisch-katholischen Kirche veröffentlicht wurde, waren hoffnungsvolle Erwartungen an die Gestaltung der zukünftigen Gemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche geknüpft, so hinsichtlich der Weiterarbeit in Fragen gegenseitiger Gastbereitschaft beim Abendmahl, des Amtes und der Anerkennung ökumenischer Gottesdienste.

Inzwischen hat die Veröffentlichung der vatikanischen Erklärung "Dominus Iesus" den gemeinsamen Verständigungsprozess gestört, dessen Hoffnungspotenzial dem Vorbereitungsausschuss Perspektiven neuer Formen von Gemeinschaft zu öffnen schien.

Welche Gemeinschaft in Zukunft verbindlich sein wird, inwieweit die Vorstellung von versöhnter Verschiedenheit trägt, wird in künftigen Gesprächen auszuloten sein. Eine Ermutigung, einen Anstoß für diese Gespräche hat gestern die Rede von Bischof Homeyer gegeben.

Ökumene wächst von unten. Das ökumenische Miteinander im kirchlichen Alltag auf Gemeindeebene hat eine eigene Dynamik und folgt nicht immer zwangsläufig dem Schritttempo dogmatischer Reglementierung. So wirken konfessionsverschiedene Ehen, wie unser Kundgebungstext es feststellt, "konfessionsverbindend". Sie verlangen nach dem konfessionsübergreifenden Dialog in Fragen der Ehe und des Gottesdienstes.

Ökumene dient dem Einzelnen ebenso wie der Gemeinschaft. Das gilt auch für den Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin. Der Kundgebungstext bekräftigt die evangelische Einladung zu einem gemeinsamen Abendmahl.

Neben dem Dialog mit der katholischen Kirche ist das Gespräch mit den orthodoxen Kirchen ein weiteres Handlungsfeld im Hinblick auf mehr Gemeinschaft mit den getrennten Kirchen. In den letzten Jahren haben bis zu 1,5 Millionen orthodoxe Christen in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Die Kundgebung sieht in ihnen Mittler auf dem Weg zu einem stärkeren gegenseitigen Verständnis für die unterschiedlichen Ausbildungen von Theologie und Spiritualität.

Der dritte und letzte Themenbereich des Kundgebungstextes thematisiert Ökumene als die Gemeinschaft von Kirchen, die in Zeugnis und Dienst gemeinsam in der Welt handeln, in der Mission im Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Aus der Fülle der Aufgaben, die der EKD hieraus erwachsen, können nur einige angesprochen werden. Zu ihnen gehört die verstärkte Wahrnehmung des missionarischen Auftrags. Angesichts der zunehmenden Säkularisierung der eigenen Gesellschaft, in der Religion zum, wie es in der Politik inzwischen heißt, "vormodernen Wertekanon" verkommen ist, hat die Synode von Leipzig festgestellt: "Weltmission und missionarisches Handeln in unserem Land befruchten sich gegenseitig." Der Kundgebungstext ergänzt: "Ökumene ist der Weg der Mission."

Als globale Gemeinschaft eröffnet Ökumene durch Partnerschaften zu Kirchen und Gemeinden in anderen Ländern, durch die Begegnung mit den Gemeinden anderer Sprachen und Herkunft im eigenen Land sowie durch wachsende Auslandsgemeinden interkulturelle Lernfelder geistlichen und spirituellen Lebens. Der Weltgebetstag der Frauen ist dafür ein erfolgreiches Beispiel und zugleich eine Herausforderung, mehr Mut, mehr Lust zum ökumenischen Engagement zu zeigen.

Bei der Suche nach Frieden und Versöhnung sind Kirchen und Gemeinden gefordert, sich an friedensstiftenden Aktionen, wie der ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt, zu beteiligen. Die Entwicklung von Initiativen zur Gewaltprävention, zum Ausbau ziviler Friedensdienste sind, wie der Kundgebungstext formuliert, "für die EKD, ihre Gliedkirchen und Werke zentrale Aufgaben ihres Friedenshandelns".

Angesichts der Verarmung weiter Teile dieser Welt kommt dem kirchlichen Entwicklungsengagement große Bedeutung zu, sei es im Einsatz für die Entschuldung der ärmsten Länder, sei es im Einsatz für die zukunftsfähige Entwicklung oder die Entwicklung einer Ethik der Nachhaltigkeit.

Entwicklung als Gemeinschaftsaufgabe ist auf die Kooperationsbereitschaft aller sie tragenden Kirchen angewiesen, aber auch auf die Bereitstellung ausreichender Mittel, um ihren Auftrag erfüllen zu können, so zum Beispiel in den Bereichen Wirtschaftsethik, Bioethik, in der ökumenischen Diakonie oder um den Missbrauch von Kindern als Soldaten oder Arbeitssklaven, den Frauenhandel oder die Ausbreitung von Aids zu bekämpfen. Es bleibt noch viel zu tun, so was eint. "Doch lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus." Ich wünsche gesegnete Beratung.



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