Weitere Berichte und Referate
5. Tagung der 9. Synode der EKD (5. - 10. November 2000, Braunschweig)
Einführungsreferat zum Schwerpunktthema: Eins in Christus. Kirchen unterwegs zu mehr Gemeinschaft
Generalsekretär Prof. Dr. Konrad Raiser
Herr Präses, hohe Synode, liebe Schwestern und Brüder,
I.
ich möchte meinen Beitrag beginnen, indem ich Ihnen die Grüße des Ökumenischen Rates, seiner Amtsträger und Mitarbeiter überbringe. Diese Grüße verbinde ich mit einem dreifachen Dank:
- Zunächst für die Entscheidung des Präsidiums der Synode, die Synodaltagung im Millenniumsjahr 2000 unter das Schwerpunktthema "Ökumene" zu stellen. Diese Ökumene-Synode kommt in mehrfacher Hinsicht zur rechten Zeit oder, wie es im Kundgebungsentwurf heißt: "Es ist Zeit für mehr ökumenische Gemeinschaft."
- Sodann danke ich für Ihre Einladung an mich als Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, eine der Einführungen in das Schwerpunktthema zu übernehmen. Ich sehe darin ein Zeichen für die enge Verbundenheit der EKD und ihrer Gliedkirchen mit dem ÖRK. Zugleich gibt mir die Einladung die Gelegenheit, meine eigene Verwurzelung im kirchlichen und ökumenischen Kontext in Deutschland zu unterstreichen.
- Schließlich möchte ich auch von dieser Stelle aus noch einmal den Dank des Ökumenischen Rates aussprechen für die Einladung des Rates der EKD, die nächste Sitzung des Zentralausschusses des ÖRK im Januar/Februar des kommenden Jahres in Berlin/Potsdam durchzuführen. Ihre großzügige Sonderzuwendung hat es uns möglich gemacht, diese Einladung anzunehmen. Wir hoffen, dass dieses Ereignis dazu beiträgt, den Willen zu mehr ökumenischer Gemeinschaft in Zeugnis und Dienst zu stärken.
II.
Ich bin gebeten worden, in den dritten Aspekt des Schwerpunktthemas einzuführen: Mehr ökumenische Gemeinschaft beim Dienst in der Welt. Ich beziehe mich dabei auf den Ihnen vorliegenden Entwurf der Kundgebung Eins in Christus - Kirchen unterwegs zu mehr Gemeinschaft, der eine sehr gute Grundlage für die Aussprache bietet. Auf die Gefahr hin, Aussagen meiner beiden Vorredner zu wiederholen, möchte ich einige zustimmende Thesen zum Ansatz und zur Einleitung der Kundgebung voranstellen. Dabei geht es mir um die grundlegende Verständigung darüber, was mit "Ökumene" gemeint ist.
- Ökumene im Sinne des Kundgebungsentwurfes ist ein Beziehungsbegriff: Kirchen in lebendiger Gemeinschaft. Urheber der Gemeinschaft sind nicht die Kirchen, sondern Jesus Christus selbst. "Wir sind eins in Christus, aber noch nicht einig über die kirchliche Gestaltung dieser Einheit."
- Ökumene bezeichnet daher nicht einen Zustand, sondern einen Prozess: Kirchen auf dem Weg zu immer mehr Gemeinschaft. Einheit ist nicht ein statisches Ziel, sondern verwirklicht sich in Gestaltung und Vertiefung der in Jesus Christus geschenkten Gemeinschaft.
- Ökumene hat es mit dem Kirchesein von Kirche zu tun: Nur in ökumenischer Gemeinschaft der Kirchen untereinander können wir heute am jeweiligen Ort und in der einen Welt als Kirche leben.
- Ökumenische Gemeinschaft schließt alle Kirchen ein, die dem Ruf des Evangeliums zur Gemeinschaft im Glauben folgen. Die Vielfalt der Ausdrucksformen des Glaubens hebt die Gemeinschaft nicht auf, aber konfessionelle Selbstgenügsamkeit und Abgrenzung müssen überwunden werden.
- Ökumenische Gemeinschaft äußert sich daher in der Bereitschaft von Kirchen, in Zeugnis und Dienst gemeinsam zu handeln, "solange … keine tiefen Unterschiede der Überzeugung (sie) dazu zwingen, getrennt voneinander vorzugehen."
III.
"Ökumene ist kein Selbstzweck. Die Suche nach der Einheit im Glauben dient der Verkündigung des Evangeliums. Der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden in der einen Welt braucht die vereinten Kräfte der Kirchen." So heißt es in der Einleitung zum dritten Teil der Kundgebung unter dem Titel Mehr ökumenische Gemeinschaft beim Dienst in der Welt.
Diese Einleitung ruft zu Recht in Erinnerung, dass die Zusammenarbeit in der Mission und der Dienst an den Menschen in der einen Welt zu den Ursprungsimpulsen der ökumenischen Bewegung gehören. Das ist wichtig angesichts einer starken Tendenz, das Verständnis von Ökumene auf die Bemühung um die sichtbare Einheit der Kirchen einzuengen. Nach evangelischer Überzeugung gehört der Weltbezug in der Mission und im Eintreten für eine weltweite Ordnung von Gerechtigkeit und Frieden unaufgebbar zum ökumenischen Auftrag der Kirchen.
Denn beide, die Mission als Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat und der Dienst im Geist des Evangeliums zielen auf ein Leben in Gemeinschaft mit Gott und den Menschen. Mission und Dienst haben ihr Ziel darin, allen Menschen durch das Evangelium das Leben in seiner ganzen Fülle zu erschließen. Evangelium: das ist die gute Nachricht von der Versöhnung; vom Sieg Jesu Christi über Sünde und Tod, Wahrzeichen unserer zerrissenen Welt; vom Heilwerden zerbrochener Gemeinschaft mit Gott und unter den Menschen. Darum geht es bei der Suche nach "mehr ökumenischer Gemeinschaft beim Dienst in der Welt" nicht nur um effektivere Formen der Kooperation, um bessere Koordinierung und Bündelung der gemeinsamen Kräfte. Die ökumenische Gemeinschaft ist vielmehr in sich selbst ein missionarisches Zeugnis für das Evangelium. Der gemeinsame Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden ist ein Zeichen für die Gemeinschaft, die dem Willen Gottes für alle Menschen entspricht. Mission und Einheit, ökumenische Gemeinschaft und die Verantwortung für die ganze bewohnte Erde gehören vom Zentrum des Evangeliums her unlösbar zusammen.
Zu Recht weist der Kundgebungsentwurf darauf hin, dass sich die Rahmenbedingungen für die Wahrnehmung des missionarischen Auftrags und des weltweiten Dienstes der Kirchen seit den Anfängen der ökumenischen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts verändert haben. Die heutigen Herausforderungen sind verbunden mit den Auswirkungen der Globalisierung, den Erfahrungen religiöser und kultureller Pluralität und - teilweise als Reaktion darauf - dem Anwachsen einer Kultur der Gewalt. Eine genauere Analyse der Prozesse und Zusammenhänge ist hier nicht möglich. Aber auch so ist deutlich: Die Herausforderungen an die Kirchen in der Welt des 21. Jahrhunderts lassen sich nur gemeinsam beantworten. Wenn es die Organisationen und Strukturen ökumenischer Zusammenarbeit der Kirchen nicht schon gäbe - man müsste sie heute schaffen als "Instrumente gemeinsamen Redens und Handelns", um in der Ära der Globalisierung zu bestehen.
IV.
Der Kundgebungsentwurf weist hier beispielhaft und überzeugend auf den von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen angestoßenen "Verständigungsprozess über die gemeinsame Aufgabe der Mission und Evangelisation" in unserem Land hin. In der Tat: Wir brauchen den "Aufbruch zu einer missionarischen Ökumene" und eine Intensivierung der Partnerschaft von Kirchen in der Mission.
Und sobald wir beginnen, Deutschland und Europa als missionarische Kontexte wahrzunehmen, erweist sich die ökumenische Diskussion über "Evangelium und Kultur" als unmittelbar relevant. Wir erkennen dann, dass die historischen Konfessionskirchen eingepasst waren in eine langsam zerfallende Kultur. Sie haben Schwierigkeiten, das Evangelium in die heutige, radikal veränderte kulturelle Situation hinein zu verkündigen. Aber die Herausforderung stellt sich auch in anderen Kontexten: Wie kann das Evangelium als die gute Nachricht von der Versöhnung, der Heilung zerbrochener Gemeinschaft in einer radikal individualisierten Kultur so Gestalt gewinnen, dass diese Kultur sich im Kraftfeld des Evangeliums verwandelt?
In diesem Sinn ist der Aufruf des Ökumenischen Rates zu einer "Dekade zur Überwindung von Gewalt" auch als Initiative einer missionarischen Ökumene zu verstehen. Denn: Die Bemühung um den Aufbau einer Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit ist nicht allein aus politischen Gründen dringend geboten. Vielmehr geht es darum, dem Einspruch des Evangeliums gegen den Kult der Stärke und des Eigennutzes, gegen die rücksichtslose Konkurrenz und ungestrafte Missachtung von Menschenrechten, gegen Auflösung moralischer Werte und Gemeinschaftsbindungen Raum zu schaffen. Die Kultur der Gewalt wurzelt in einer Verkehrung und Auflösung fundamentaler Werte. Sie ist Ausdruck der Unfähigkeit, in Beziehung zu leben. Ihre Überwindung muss im Denken und Fühlen der Menschen ansetzen. Die Dekade ist daher zuallererst ein Aufruf zur Umkehr an uns selbst, die wir dem Evangelium - und das heißt dem Doppelgebot der Liebe - gemäß zu leben versuchen. Eine neue Kultur des Friedens kann nicht verordnet werden. Sie formt sich in gelungenen Erfahrungen der gewaltfreien Konfliktlösung; im Durchleben von spannungsvollen Beziehungen in Partnerschaft und Familie, in Schule und im Arbeitsleben; und in der angstfreien Begegnung mit Menschen aus einer fremden Kultur, Rasse oder Religion. Wir haben Grund, mit der Umsetzung der Dekade in unserem Land und in unserer Kirche zu beginnen. Dann werden wir entdecken, dass es überall Bundesgenossen gibt, deren Beispiel uns ermutigen kann und die ihrerseits an unseren Erfahrungen interessiert sind. Diesen Austausch in ökumenischer Gemeinschaft soll die Dekade anspornen.
V.
Der Einsatz für wirtschaftliche und soziale Entwicklung ist seit drei Jahrzehnten ein zentraler Ausdruck des ökumenischen Engagements der EKD und ein Schwerpunkt in der Arbeit des ÖRK gewesen. Im Rahmen des konziliaren Prozesses haben wir gelernt, dass Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung unlösbar miteinander verbunden sind. Der Kundgebungsentwurf formuliert daher umfassend: "Ziel der Entwicklung in der einen Welt muss die Befreiung von Hunger und Armut, die Überwindung der Ursachen von Krieg und Gewaltanwendung und der Aufbau einer gerechten und nachhaltigen Wirtschaftsordnung sein." Von der Umsetzung dieser Zielvorstellungen sind wir freilich noch immer weit entfernt.
Die Auswirkungen des Prozesses der Globalisierung haben die Rahmenbedingungen kirchlichen Entwicklungsengagements spürbar verändert. Die Antwort darauf darf sich nicht damit begnügen, Strukturen zu konsolidieren und die Effizienz zu steigern, um im humanitären Bereich wettbewerbsfähig zu bleiben. Die kirchlichen Organisationen und Initiativen im Bereich der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung müssen in erster Linie erkennbar sein als Anwälte der Menschen und der Lebensfähigkeit menschlicher Gemeinschaften. Ihr Engagement für eine nachhaltige Entwicklung muss der kalten Logik der Macht und der berechnenden Rationalität des Marktes entgegentreten mit einer glaubwürdigen Praxis von Solidarität und Partnerschaft. Es muss darauf ausgerichtet sein, die Eigenständigkeit und Partizipation der Partner zu stärken.
Daher ist es richtig, dass der Kundgebungsentwurf ausdrücklich unterstreicht: "Entwicklung braucht Entschuldung", und damit das Leitwort der Erlassjahr-Kampagne aufgreift. Wir kennen inzwischen die dramatischen Auswirkungen der Verschuldung für die Lebensbedingungen in den ärmsten Ländern. Durch Strukturanpassungsmaßnahmen der internationalen Finanzinstitutionen ist die Situation noch erheblich verschärft worden. Ein Schuldenerlass, so nötig er wäre, würde die durch das globale Finanzsystem verursachten Verwerfungen nicht beseitigen. Eine nachhaltige Entwicklung, welche die menschlichen Gemeinschaften in ihren Rechten stärkt, erfordert ein Umdenken nicht nur in wirtschaftlichen und politischen Kategorien. Letztlich bedarf es der Umkehr im ethisch-spirituellen Sinn, und d.h. der Ausrichtung an einem alternativen Wertsystem. Im Zeitalter der Globalisierung liegt hier die unverwechselbare Chance und Aufgabe des kirchlichen Entwicklungsdienstes in der ökumenischen Gemeinschaft.

