Beschlüsse

6. Tagung der 9. Synode der EKD (4. - 9. November 2001, Amberg)

Situation in Israel und Palästina

Die Synode ist äußerst beunruhigt über die Situation in Israel und Palästina. Seitdem der Oslo-Friedensprozess als gescheitert gilt, ist eine Spirale der Gewalt ausgelöst worden, der bereits viele Menschen auf beiden Seiten zum Opfer gefallen sind. Die aussichtslos erscheinende eigene Situation führt auf palästinensischer Seite immer wieder zu Provokationen und Selbstmordattentaten. Die israelische Seite reagiert mit verschärften Besatzungsbedingungen, harten militärischen Vergeltungsaktionen und erneuter militärischer Besetzung von Autonomiegebieten. "Die Lebensbedingungen in den Autonomiegebieten sind durch Absperrungen, Ausreiseverbote, wirtschaftliche Abschnürung und erschwerten Zugang zu medizinischen Einrichtungen unerträglich geworden." (Ratsbericht)

Die hohe Arbeitslosigkeit unter den Palästinensern ist zu einem existentiellen Problem geworden. Der Tourismus ist an vielen Orten faktisch zusammengebrochen. Das betrifft in besonders starkem Maße die Region Jerusalem - Bethlehem - Beit Jala. In dieser Region lebt ein relativ hoher Anteil von Christen, mit denen viele Gemeinden in Deutschland in besonderer Weise verbunden sind. Viele Christen wandern aus Palästina aus. Die Christen, sowohl in Israel wie in Palästina, sitzen zwischen allen Stühlen - vor allem dort, wo sie sich vom Evangelium her für Versöhnung und Dialog mit Juden und Muslimen und für ein friedliches Zusammenleben von Israel und Palästina einsetzen. Sie brauchen unsere Solidarität.

Die Synode äußert deshalb folgende Bitten:

1. Die Synode bittet den Rat, die Regierung der Bundesrepublik Deutschland darin zu ermutigen, in den Bemühungen um Gewaltabbau und neue Verhandlungen nicht nachzulassen. Sie ist der Meinung, dass die deutsche Außenpolitik zwar nicht die entscheidende Vermittlerrolle spielen kann, dass sie aber in der EU und in der UNO aktiv darauf dringen sollte, dass die Völkergemeinschaft aktiver als bisher auf neue Friedensverhandlungen dringen und Lösungsvorschläge für die anstehenden Probleme einbringen muss.

Als vorrangig sieht die Synode an:

- Beendigung der Gewalt auf beiden Seiten
- Beendigung der Besatzung der palästinensischen Gebiete,
- Stopp des israelischen Siedlungsprogramms,
- Sicherung der Grenzen des Staates Israel,
- Lösung des Problems der palästinensischen Flüchtlinge
- die Klärung des Status von Jerusalem.
(Ratsbericht)

Die Synode hat auch mit Dank zur Kenntnis genommen, dass die Regierung umfangreiche Mittel zur Linderung der Not in den palästinensischen Gebieten zur Verfügung gestellt hat. Sie spricht die Hoffnung aus, dass die zuständigen Stellen diese Hilfe weiter fortführen.

2. Die Synode weist darauf hin, dass die Linderung akuter sozialer Not, längerfristige Wiederaufbaumaßnahmen sowie die Förderung von Menschenrechts- und Versöhnungsarbeit unserer verstärkten Aufmerksamkeit und Unterstützung bedürfen.

 Besondere Begleitung und Förderung brauchen auch die Schulen und Begegnungsstätten der ev.-luth. Kirche im Lande, die mit ihrer Friedens- und Versöhnungsarbeit einen Beitrag für ein künftiges friedliches Zusammenleben leisten.

 Die Synode bittet die evangelischen Hilfs- und Missionswerke, die bereits laufenden Hilfsmaßnahmen in Israel/Palästina zu intensivieren, um damit das Zusammenleben von Christen, Muslimen und Juden in der Region zu stützen. Damit könnte auch die Abwanderung von Christen gebremst werden.

3. Die Synode ruft Christen/Christinnen und Gemeinden in ihren Gliedkirchen auf, durch Besuche in Israel und Palästina die Solidarität mit Israel und Palästina deutlich zu machen. Viele Gemeinden und kirchliche Institutionen haben über das christlich-jüdische Gespräch und über Partnerschaften besondere Kontakte zu jüdischen und palästinensischen Freunden. Die Synode bittet sie, ihre Kontakte zu nutzen, um das Gespräch der beiden Völker vor Ort auf allen Ebenen wieder zu intensivieren und so zu einem friedlichen Miteinander in der Zukunft beizutragen.

4. Die Synode bittet den Rat, die Gliedkirchen auf die Versöhnungsprojekte in Israel und Palästina aufmerksam zu machen und um Unterstützung durch Fürbitte und Finanzen zu bitten. Sie denkt dabei besonders an die Fertigstellung von "Abrahamsherberge" in Beit Jala und an "Neve Shalom" in Israel.

5. Die Synode bittet die Gliedkirchen, kirchliche Gruppen und alle Gemeindeglieder, die sich um ein neues Verhältnis zum jüdischen Volk bemühen, gerade jetzt ihre Aktivitäten zu verstärken.

 

Abrahams Herberge

"In Beit Jala gibt es eine kleine, lebendige evangelisch-lutherische Gemeinde. Mit ihren rund 500 Mitgliedern und ihrem Pfarrer ist sie eine der wichtigsten Stützen im sozialen Gefüge der Stadt. Sie hat stets versucht, über die Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg junge Menschen zu fördern und sich für die Schwachen, Hilfesuchenden und Kranken einzusetzen: Mit einem Jungen-Internat gibt sie Kindern aus schwierigen familiären Verhältnissen einen verlässlichen Lebensraum, von dem aus sie die nahe Schule "Talitha Kumi" besuchen können. Die 1992 gegründete Sozialstation der Gemeinde ist zu einer der wichtigsten Einrichtungen dieser Art im Umkreis geworden ...
Im Bewusstsein, dass der Weg zu einer politischen Verständigung lang und schwierig werden wird, hat sich die Gemeinde zum Bau eines Begegnungszentrum entschlossen: "Abrahams Herberge" soll zu einem Ort werden, an dem Menschen konkret erleben und erproben können, wie Juden, Christen und Muslime miteinander reden. leben und wohnen können.
Bewusst werden drei Ziele miteinander verknüpft: Ein Gästehaus für ca. 56 Personen wird  Besuchergruppen aus aller Welt nicht nur einen angenehmen Aufenthalt bieten, sondern kann auch zum Ausgangspunkt von Begegnungen in Beit Jala, Betlehem und der Region werden. Das Haus wird 20 Arbeitsplätze schaffen und so das Einkommen weiterer Familien sichern helfen. Sobald es Erträge erwirtschaftet, soll mit diesen die Gemeinwesenarbeit der Kirchengemeinde ausgebaut werden. Nicht zuletzt sollen in "Abrahams Herberge" Jugendlichen aus Israel und Palästina, den Nachbarländern und der ganzen Welt Chancen zu gegenseitigem Kennenlernen und Verstehen gegeben werden." (Aus dem Faltblatt "Eine Brücke zum Frieden in Israel und Palästina)

Neve Shalom

"Neve Shalom / Wahat al-Salam ist der einzige Ort in Israel, an dem Juden und Palästinenser aufgrund ihrer eigenen, bewussten Entscheidung zusammenleben. Die Gemeinschaft ist getragen von gegenseitiger Achtung und dem Wunsch, die andere Seite besser zu verstehen. Dieser Weg des Friedens ist so lebendig wie die Menschen, die sich dafür entschieden haben. Sie streiten und finden Kompromisse, legen Konflikte offen und suchen gemeinsam nach Lösungen. Die Kinder wachsen in einer Atmosphäre der Toleranz und kulturellen Gleichberechtigung auf. Sie lernen die Traditionen beider Völker kennen und werden sich ihrer eigenen Identität bewusst. In der Grundschule und dem Kindergarten des Ortes wurde eine zweisprachige Pädagogik entwickelt, die in den letzten Jahren große Anerkennung gefunden hat.

Die Friedensschule richtet sich an arabische und jüdische Jugendliche und Erwachsene aus ganz Israel (seit den Osloer Verträgen auch aus den derzeit teilweise autonomen Gebieten, dem zukünftigen palästinensischen Staat). In Workshops und Seminaren begegnen sich hier jüdische und arabische Gruppen, erfahren die Geschichte der anderen, hören aufmerksam zu und reden aufeinander ein, lernen die andere Seite etwas besser kennen und damit auch sich selbst." (Aus dem Faltblatt "Herzlich willkommen in Neve Shalom")


Amberg, den 8. November 2001


Der Präses der Synode
der Evangelischen Kirche in Deutschland


Die Veröffentlichung der Beschlüsse erfolgt unter dem Vorbehalt der endgültigen Ausfertigung durch den Präses der Synode!



erweiterte Suche

 

Das könnte Sie auch interessieren...


Gesucht: Landeskirchen?

EKD-Kirchenkarte

Zu den verschiedenen Kirchen in den Regionen finden Sie am schnellsten über unsere Kirchen-Karte.