Grußworte (Auswahl)

7. Tagung der 9. Synode der EKD Timmendorfer Strand, 3. - 8. November 2002

Dr. Martin Robra im Auftrag von Dr. Konrad Raiser

Ökumenischer Rat der Kirchen

Sehr geehrter Herr Präsident, verehrte Synodale, liebe Schwestern und Brüder in Christus,

ich überbringe Ihnen die Grüße des Generalsekretärs des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Dr. Konrad Raiser, zusammen mit seinen besten Wünschen für das Gelingen dieser Synode. Wir haben in der vergangenen Woche in Genf nach dem ökumenischen Fürbittenkalender für die Kirchen in Deutschland und auch für diese Synode gebetet, dass sie ihren Beitrag leistet zum Aufbau der einen Kirche Jesu Christi, die wir im Glauben bekennen und als deren Zeugen wir in die Welt gestellt sind.

In der Diskussion um die Hauptvorlage wurde insbesondere die Beziehungsgestalt menschlichen Lebens hervorgehoben. "Ich bin Mensch in Gemeinschaft. Ich gehöre dazu, darum existiere ich." Das ist die Bedeutung des afrikanischen Leitbildes des Ubuntu, das dem biblischen Zeugnis so nahe kommt. Eine solche Zielvorstellung wird gegenwärtig jedoch vor allem durch drei große Herausforderungen einem harten Realitätstest unterzogen:

  1. Ich nenne zuerst die Dominanz wirtschaftlicher Interessen. Das Menschenbild des homo oeconomicus, das weitgehend die Wirtschaftstheorie bestimmt, reduziert den homo sapiens auf ein kalkulierendes, auf das Eigeninteresse ausgerichtetes Wesen. Menschen werden als Individuen und nicht als Personen in Gemeinschaft gesehen, als wesentlich wettbewerbsorientiert und nicht kooperativ, als konsumorientiert und nicht bereit zum Teilen mit anderen, als vor allem materialistisch und nicht spirituell. Hier genügt nicht der moralische Appell an die Solidarität mit den Schwächeren, sondern das gelebte Beispiel alternativer Ansätze und die Durchsetzung von Rahmenbedingungen für die Wirtschaft, in denen die soziale und umweltbezogene Beziehungsdimension der Wirtschaft gegenüber dem Profitinteresse in den Mittelpunkt gestellt wird. Dieser Gedanke wurde von der Vollversammlung des ÖRK 1998 in Harare nachdrücklich bekräftigt. Unterstrichen wurde, wie sehr die Folgen struktureller Ungerechtigkeit das Bild des Menschen als Ebenbild Gottes bedrohen und zerstören.

  2. Die zweite grosse Herausforderung besteht in der beschleunigten Entwicklung neuer Technologien, insbesondere der Gentechnologie. Nicht wer wir als Menschen sind, sondern, wie wir uns in die Zukunft hinein entwerfen, muss nun in gesellschaftlichen Prozessen mit grösstmöglicher Beteiligung der Menschen diskursiv ausgehandelt werden. Diese Aufgabe ist zu wichtig und weitreichend, um sie einer relativ kleinen Zahl von Wissenschaftlern und Wirtschaftsvertretern zu überlassen, die gemeinsam die Richtung der Forschung und technologischen Entwicklungen bestimmen. Unser Menschenbild, unser Verständnis des Lebens selbst und unsere Lebensentwürfe werden von diesen Veränderungen tiefgreifend erfasst. Der ÖRK hat begonnen sich mit diesem Problembereich auseinander zu setzen, indem er die Beiträge seiner Mitgliedskirchen sichtet und aufeinander bezieht. Das gilt auch für die Kundgebung dieser Synode.

  3. Lassen Sie mich als dritte grosse Herausforderung die wachsende Interdependenz verschiedener Kulturen und Religionen und jene oft gewaltgeladenen Konflikte, die dadurch entstehen, hervorheben. Die Ereignisse des 11. Septembers des vergangenen Jahres haben die wachsende Bedeutung dieses Problembereiches dramatisch unterstrichen. Unterschiedliche Lebensstile und Lebensentwürfe prallen aufeinander, in denen auch unterschiedliche Menschenbilder zum Ausdruck kommen. Mit der Dekade zur Überwindung der Gewalt hat der ÖRK mit seinen Mitgliedskirchen diese Herausforderung angenommen.
     In diesem Zusammenhang möchte ich mich nur kurz auf das zwischen den orthodoxen Mitgliedskirchen und anderen Mitgliedskirchen des ÖRK geführte Gespräch beziehen. Die von der Sonderkommission geleistete Arbeit sollte in dem weiteren Rahmen eines nach dem Fall der Berliner Mauer und der Auflösung der Sowjetunion neu notwendig gewordenen Dialoges zwischen dem von Rom geprägten Westeuropa und dem vom griechischen Konstantinopel geprägten Ost- und Südosteuropa gesehen werden, um seiner Bedeutung wirklich gerecht zu werden.

Alle drei von mir genannten Problemkreise werden durch die Auswirkungen der ökonomischen Globalisierung und der politischen und kulturellen Dynamiken, die sie begleiten, verstärkt und verschärft. Im Zusammenhang mit dem Programm des ÖRK zur ökonomischen Globalisierung und gerade auch mit der Dekade zur Überwindung der Gewalt, nehmen wir wahr, wie wichtig es ist, über die Engführungen eines stark individualistisch geprägten Menschenbildes, das sich vor allem im europäischen Raum entwickelt hat, hinauszugehen und Gerechtigkeit, Solidarität und wechselseitige Anerkennung als grundlegende Dimensionen des Zusammenlebens zu bekräftigen.

Lassen Sie mich damit schließen, dankbar zwei Sätze aus dem Bericht des Ratsvorsitzenden aufzugreifen, der sich auf den ÖRK bezieht.  Es heißt dort: "Unser Interesse an einem starken ÖRK ist nach wie vor groß. Wir brauchen ein multilaterales Instrument, um die Kirchen verschiedener Traditionen und Kulturen miteinander im Gespräch zu halten und ein gemeinsames Handeln zu koordinieren." Wenn die EKD Synode dies bestätigt, wird das auch für andere Mitgliedskirchen des ÖRK ein wichtiges Signal sein.

Gott segne Sie alle und diese Synode.

Dr. Martin Robra im Auftrag von Dr. Konrad Raiser

Bei den Grußworten handelt es sich um nicht redigierte Texte!



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