Texte zum Schwerpunktthema

Der Seele Raum geben - Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung

Referat zum Sachthema "Der Seele Raum geben - Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung"

Prof. Dr. Fulbert Steffensky

Es gilt das gesprochene Wort.

Im März dieses Jahres (22.3.) behandelte das Wochenendjournal des Deutschlandfunks den Streit um den Wiederaufbau der Leipziger Paulinerkirche. Menschen erinnern sich an die Sprengung der Kirche im Jahr 1968. Sie erinnern sich, wie man sich an das Sterben eines Menschen oder gar an das Sterben Christi erinnert:

Als die Sprengung dann erfolgte, hörte man einen scharfen hellen Knall, und für Bruchteile einer Sekunde blieb die Kirche zunächst stehen. Die Zeit war sicher sehr kurz, aber sie reichte bei mir für den triumphierenden Gedanken: die Sprengung ist misslungen. Und kaum war das zuende gedacht, fing die Kirche an ..., wie im Schmerz, wie im Todeskampf, da gibt es diese berühmte Rosette, und die wurde plötzlich oval und verzerrte sich, riss in der Mitte durch.

Eine Frau: 

Wie eine Kreuzigung, denn es dauerte so 7 Tage, und das war dann vollbracht.

Ein Mann:

Mir kamen die Worte in den Sinn: Neigte das Haupt und verschied. ... Dann hat man die Kirche abgetragen, weggeschafft, so schnell wie möglich, in eine alte Kiesgrube, und hat verhindert, dass Leipziger sich bedienten mit Teilen der Trümmer. Um jede Erinnerung auszulöschen, schütteten sie anderen Schutt über den Schutt der Kirche, legten Mutterboden darauf, pflanzten Büsche, zogen einen Zaun, machten ein Tor mit einem Schloss und setzten Wächter davor. ...

Eine andere Stimme:

Damals haben wir Hinterbliebenen wirklich geweint. Dort hatten wir alle das Gefühl, wir haben einen nahen Angehörigen verloren. Wir haben uns manchmal gefragt, ob es  überhaupt berechtigt ist, derart zu trauern.

Eine andere Stimme erinnert an die friedliche Revolution von 1989, wo die Menschen sich zum Protest genau an der Stelle versammelt hatten, an der die Kirche gestanden hatte.

Da dachte ich, das ist die geistige Auferstehung der Kirche, denn dass die Revolution friedlich war, lag ja auch zu einem nicht geringen Teil daran, dass die Leute vorher in den Kirchen waren, um zu beten.

Die Kirche stirbt wie ein Mensch, die Kirche stirbt wie Christus: Kreuzigung, Todeskampf, der johanneische Tod: Es ist vollbracht. Er neigte sein Haupt und verschied, die Wächter vor dem Grab der Kirche, und schließlich die geistige Auferstehung in der Stunde der betenden Revolution. Wie kommt es, dass Menschen so empfinden angesichts eines Bauwerks? Wie kommt es, dass sie den Tod Christi in den Sturz eines Baues lesen? Es liegt an der Vieldeutigkeit des Begriffes Kirche. Was ist Kirche? Ein Sakralbau, das erwählte Volk Gottes, der Leib Christi? Die Bilder fließen ineinander, eines konnotiert das andere, und wenn wir das Wort Kirche sagen, sind wir nie ganz eindeutig. Von dieser Mehrdeutigkeit profitiert das Bauwerk. Ein Kirchbau ist nie nur, was er ist. Nie sind die anderen Bilder von ihm wegzudenken: das Volk Gottes, das in der Erinnerung an Christus miteinander in Frieden und Gerechtigkeit das Mahl teilt (1 Kor. 11); der Leib Christi, der sich darstellt in der Gemeinschaft seiner Glieder (1 Kor. 12) .

Darum haben die Menschen bei der Vernichtung der Paulinerkirche anders geklagt als über den Einsturz irgend eines Versammlungshauses. Das ist die Gnade einer jeden Kirche, dass sie immer mehr, schöner, würdiger ist, als sie ist; für jede von ihnen liegt schon ein opus operatum vor, ein schon für sie erworbener Reichtum: der Reichtum jener anderen Bilder von Kirche. Darum bestürzt es uns, wenn wir eine Kirche verfallen sehen. Darum hat Franz von Assisi gelitten, wenn er San Damiano und andere Kirchen schmutzig und einsturzgefährdet sah.

Der Kirchbau lebt von dem Reichtum jener anderen Kirche, die das Volk Gottes ist. Die Kirchen leiden auch als Bauten am Verrat jenes Volkes. Ob wir Kirchen bauen können, ob diese Bauten einleuchtende und verstehbare Zeichen des Geistes Christi sind, hängt davon ab, ob jenes Volk Gottes ein lesbares Zeichen jenes Geistes ist. Es ist also nicht nur eine ästhetische Frage, ob uns Bauten gelingen, es ist eine Frage des Geistes, der uns treibt. Wer sind wir als Kirche?

Ist der Horizont der Bibel noch im Horizont unserer real existierenden Kirche zu erkennen? In der Apostelgeschichte heißt: es: "Alle, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam."(2,44) Ob es je so war, wissen wir nicht. Aber es ist eine verpflichtende Grundidee. Wie ist es bei uns mit dieser grundlegenden Nota Ecclesiae? Normiert der Horizont der Gleichheit, der Geschwisterlichkeit und der Gerechtigkeit unsere Kirchen, oder haben wir ihn nur noch als Erzählung? Was heißt es, eine Erzählung zu haben, die so wenig normativ wird und das Leben einer Gruppe beeinflusst?

Das Neue Testament denkt von unten. Es denkt von den Kranken, die des Arztes bedürfen. Es denkt von den Armen her, die des Rechtes bedürfen. Woher denken unsere Kirchen? Wer sind ihre Adressaten? Ist es eine bürgerlich-kleinbürgerliche Schicht oder sind es die Armen, einer Gemeinde, einer Stadt, eines Landes? Wie ist es mit dieser grundlegenden Nota Ecclesiae?

Ich sage dies nicht kritisch oder moralisch. Ich sage es eher verzweifelt. Ich will die Volkskirche, mit ihrer Öffentlichkeit, mit ihrem Einfluss auf Staat und Gesellschaft, mit ihrer Sichtbarkeit, mit ihren Bauten, mit ihrem Religionsunterricht, mit den Fakultäten, mit der Möglichkeit der öffentlichen Rede in den elektronischen Medien und in den Printmedien. Ich plädiere nicht für eine Flucht in die Innerlichkeit, nicht für die Flucht vor der Verantwortung in die Unbeflecktheit. Aber die Gefahr ist, dass wir in der Heutigkeit ersticken; dass wir sagen, was die anderen sagen und denken. Die Gefahr ist, dass die Kirche ihre Fremdheit und ihre gegenwartskritische Kraft verliert. Die Gefahr ist, dass die Kirche sich selbst geläufig wird und dass sie die blinde Geläufigkeit einer Gesellschaft nicht unterbricht.

Ich komme nicht darum herum, die Kirche als Volkskirche zu begreifen, und zugleich sind wir verpflichtet, von der Bibel her zu bestimmen, was Kirche ist und was sie soll. Das ist der Widerspruch und das ist die Schwierigkeit unseres Unternehmens. Die Kirche kann, wenn sie Kirche bleiben will, ihre Gründungsidee nicht verraten. Hoffentlich scheint sie wenigstens noch blass durch das, was wir denken, was wir tun, wie wir mit unseren Konflikten umgehen, was wir zu unseren vorrangigen Optionen und Arbeiten machen. Die Kirche kann nicht ihr eigenes gegenwärtiges Sosein zum Maßstab ihrer Existenz machen; sie kann nicht den Geist der Zeit und der Zivilgesellschaft zum Maßstab ihrer Arbeit machen. Sie ist alten Ideen verpflichtet, sie ist unzeitgemäß, sie hat Dokumente und Urkunden, die nicht alles befehlen, alles erlauben und mit allem einverstanden sind. Sie ist eine Institution mit Texten. Normiert uns unsere normative Vergangenheit?

Es genügt nicht, was ich bisher über die Kirche gesagt habe. Ich habe sie beschrieben als Produkt ihrer selbst: sie ist so rein, wie sie rein ist; sie ist so eindeutig, wie sie eindeutig ist; sie ist so christlich, wie sie christlich ist. Dies ist wahr und es genügt nicht. Wir müssten verzweifeln, wenn wir nur die wären, die wir sind. Wir müssten an unserer Kirche verzweifeln, wenn sie nur die wäre, die sie ist. Wir sind nicht die Garanten unserer selbst. Wir leben, weil wir bezeugt sind. "Der Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind."(Rm 8,16) Wir gelingen nicht aus eigener Kraft. Wir sind, weil wir angesehen sind mit dem Blick der Güte. Wir  bewohnen uns nicht nur selbst, denn "der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat"(Rm 8, 11), wohnt in uns. Und so müssen wir uns nicht nur selber gebären und uns an uns selber wärmen. Wir haben einen Namen, ehe wir uns namhaft gemacht haben. Das gilt nicht nur für uns als einzelne. Es gilt für die Kirche. Und so ist die Kirche sich nicht nur aufgegeben, sie ist sich selber vorgegeben. Die Hoffnung, dass die Kirche sich nicht in sich selbst erschöpfen muss, wird in vielen Bildern gespielt. Sie ist die Gemeinschaft der Heiligen, sie ist der mystische Leib Christi, sie ist die heilige Kirche. Diese schwer zu verstehenden Bilder rennen gegen die trostlosen Offensichtlichkeiten. Wir leben in einem Haus, in der wir zu aller erst sein können, die wir sind. Wir leben in einem Haus, in dem wir uns nicht ständig beweisen müssen. Wir leben in einem Haus, in dem wir aufhören können, uns durch uns selbst zu rechtfertigen. Wir leben in der "einen heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche". Dies nimmt nichts vom Schmerz des Versagens der Kirche, und man kann sich nicht angesichts der äußeren Kirche auf der inneren ausruhen. Aber trösten kann uns der Glaube, dass wir auch als Kirche sind, weil wir angesehen sind, nicht weil wir ansehnlich sind.

Kirche – das ist das Volk des Geistes Gottes, Kirche ist der Leib Christi, Kirche ist Heiligkeit und Verrat zugleich. Unsere Kirchenräume sind in einem Zeugen der Heiligkeit des Geistes und sie sind Zeugen des Verrats. Viele unserer Bauten sind nicht zur Ehre Gottes gebaut. Sie sind manchmal Selbstdarstellungen der Macht. Es gibt Kirchen von brutaler Stimmigkeit, die nicht Zeugen der Schönheit Gottes sind, sondern Zeugen des geraubten Gutes der Armen. Die Grabmäler, die Triumphbögen, die Gemälde, die Formen und Maße zitieren Geist und Ungeist. Wir haben Kirchen, die nicht Gott verherrlichen, sondern in denen sich Kaiser, Könige, Päpste, Fürsten, Gilden, Geschlechter selbst verherrlicht haben. Wenn religiöse Gemeinschaften müde geworden sind, auf Gott zu harren, dann machen sie sich Gebilde, Götzen, die ihnen selber entsprechen. Sie verwechseln Gott mit dem ihm Ähnlichen, und diese Verwechselung ist meistens erst in den nächsten Generationen zu durchschauen. Auch das heißt Kirche sein und eine Tradition haben: verwickelt zu sein in die Güte und in den Verrat der Toten. Wir tragen den Tod der Toten in uns wie auch ihr Leben. Wir müssen den Toten vergeben, wie auch Gott uns, der lebenden Kirche vergeben muss. 
      

Wozu brauchen wir die Entäußerung des Glaubens in Räume und an Orte, in Zeiten und Rhythmen, in Begehungen, in Formen und Formeln? In seinem faszinierenden und bewegenden Buch beschreibt Leon Wieseltier die Geschichte des Jüdischen Kaddisch. Nachdem er die Bräuche der zwangsgetauften Juden in Spanien beschrieben hatte, die vorschreiben, dass man den Angehörigen des Toten Trauben, hartgekochte Eier und einen Krug Wasser schickte, schließt er seinen Bericht mit dem Satz: "In ihrer Speise lag ihr Glaube. Wenn sie ihre Eier kosteten, kosteten sie ihre Metaphysik." (L. Wieseltier: Kaddisch, München 2000, S.311)

Bürgerlich-protestantische Traditionen verlegen alles Wesentliche des Menschen in sein Inneres, in sein Herz, in sein Gewissen, in seine Seele. Alles Äußere steht unter dem Verdacht, Äußerlichkeit zu sein, Unwesentliches oder gar Abfall und Verderben. Jede äußere Religiosität steht unter dem Verdacht, Verrat an der Innerlichkeit zu sein. Dagegen der Satz von Wieseltier: "In ihrer Speise lag ihr Glaube. Wenn sie ihre Eier kosteten, kosteten sie ihre Metaphysik." Der Mensch erbaut sich nicht nur von innen nach außen. Er wird auch von außen nach innen gebaut. Der Geist kommt nicht mit sich selber aus, und er lässt sich nicht in die Innerlichkeit verbannen. Was nicht nach außen dringt; was nicht Form, Aufführung, Geste, Inszenierung, Haus und Figur wird, bleibt blass und ist vom Untergang bedroht. Der Geist, der seinen Ort nicht findet, ist wie eine Musik, die Partitur bleibt und nicht aufgeführt wird. "Jede neue Religion, die Bestand haben will – und sei es auch nur ein Jahrzehnt über ihr erstes revolutionäres Aufflammen hinaus -, muss den Schritt von der inneren zur äußeren Religiosität tun." (M. Douglas: Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigung und Tabu, Berlin 1985, S.81) Dass ihr Geist eine Stätte findet, dass er "statthaft" wird (G. van der Leeuw), ist die Bedingung der langfristigen Existenz.

Natürlich möchte ich Herz und Gewissen nicht diskreditieren als die Stätten menschlicher Entscheidung. Aber nicht nur, was von innen kommt, verunreinigt den Menschen oder erbaut ihn; auch was von außen kommt, erbaut oder trübt ihn. Der Mensch spielt sich nicht nur in seinem Inneren ab. Er ist auch Leib, und seine Seele tritt als Form, Figur und Geste nach außen. Sie spielt sich außen ab. Äußerlichkeit werfen idealistische Protestanten oft den Katholiken vor, und sie verkennen, dass das Äußere die gestaltete Seele ist. Wir glauben, beten und hoffen nicht nur mit unseren Herzen. Wiederum Wieseltier: "In ihrer Speise lag ihr Glaube. Wenn sie ihre Eier kosteten, kosteten sie ihre Metaphysik." Wir glauben, indem wir uns bezeichnen. Wir glauben, indem wir einen Ort aufsuchen, der verschieden ist von allen anderen Orten. Wir lesen den Glauben vom gestalteten Raum in unser Herz hinein – vom Altar, von den Bögen, von den bezeichneten Schwellen, von den Fenstern, vom Kreuz und von der Ikonostase. Wir lesen unseren Glauben von den fremden Formeln der Psalmen, des Glaubensbekenntnis und der Lieder Paul Gerhards in uns hinein. Wir brauchen uns nicht in der Kargheit unserer eigenen inneren Existenz zu erschöpfen.

Leon Wieseltier, der sein religiöses Judentum lange aufgegeben hatte und es wieder gelernt hatte an der Erforschung des Kaddisch, der Formel für die Toten, erzählt von der Erfahrung und den Niederlagen seines Betens.

Meine Gebete wurden im wachsenden Maße zu verzweifelten Anstrengungen der Subjektivität, nichts anderes, und ich konnte nicht glauben, dass die Intensität meiner Gefühle für die Wahrheit dessen, was ich sagte, auch nur die geringste Bedeutung hatte. Den Beweis der Wahrheit zu erbringen stand nicht in meiner Macht. Mehr noch, kein Beweis, den ich erbracht hätte, wäre ein Beweis gewesen. Der Beweis musste von außen kommen. Ich war der Innerlichkeit überdrüssig. Ich sehnte mich nach der Äußerlichkeit, ihrer Gewissheit und Erhabenheit. Und so kam es, dass mein Gebet für mich schließlich zu einer Äußerungsform wurde, die mich trostlos und erniedrigt zurückließ, und ich gab es auf. Und jetzt bete ich morgens, nachmittags und abends. Die wunderbaren, vertrauten, kraftlosen Worte gehen mir leicht von der Zunge. Was mache ich? (Wieseltier S. 34)

"Ich war der Innerlichkeit überdrüssig!" Ein gefährlicher und wahrer Satz. Es geht nicht darum, sich selber wieder los zu werden, das eigene Gewissen, die eigene Sprache und das eigene Herz wieder zu verlieren an bannende Orte, Zeiten, Institutionen und heilige Mechanismen. Es geht nicht darum, weniger zu werden, als man ist. Es geht darum, mehr zu werden, als man von sich aus sein kann. Und so sucht man sich Verbündete für die Seele: die "Äußerlichkeiten" der Räume, der Rhythmen, der Bauten, der Formeln, der Gesten und Rituale. Es ist eine Flucht in die Fremde, die uns mehr werden lässt, als wir sind, nicht weniger. Man baut sich von außen nach innen. Ich nenne ein Beispiel für einen bezeichneten Ort, der an unserer Innerlichkeit baut. In der Nähe unseres Institutes in Hamburg stand die alte Synagoge. Sie wurde 1938 zerstört und dem Erdboden gleich gemacht. Als ich nach Hamburg kam, war dieser Ort ein Parkplatz, und ich wusste nicht, was an dieser Stelle Menschen gelitten und gehofft hatten. Vor etwa 20 Jahren wurde der Grundriss der Synagoge als Mosaik in den Boden eingelassen. Ich ging während meiner Dienstzeit fast täglich hier vorbei, und fast täglich redete dieser Ort zu mir. Er baut an meiner Innerlichkeit und an meinem Gedächtnis. Ich war nicht mehr allein angewiesen auf die Kraft meines Herzens. Die bezeichnete Stelle baute an meinem Herzen.

Der Raum baut an meiner Seele. Die Äußerlichkeit baut an meiner Innerlichkeit. Das ist die Erkenntnis eines älter gewordenen Glaubens. Jeder junge Glaube zweifelt mit prophetischer Geste an diesem Satz. Jeder Anfang und jede Bekehrung erzeugt einen antiritualistischen Impuls. Alle Anfänge stürmen die alten Bilder, Einrichtungen und Inszenierungen. Alle Anfänge sind bilderstürmerisch, und in ihnen sagt man jenen Satz des jungen Mannes aus Nazareth: Nicht was zum Munde hineingeht verunreinigt den Menschen, sondern was aus dem Munde herauskommt macht den Menschen unrein. (Mt 15,11) Nicht die Äußerlichkeiten entscheiden über den Menschen, sondern sein Herz. Und so fegt der junge Glaube im Sturm der Bilder alle Aufbauten hinweg. Er sagt: "Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind." (Apg 17, 24) Die Welt ist sein, sagt dieser junge Glaube. Eine besondere Stätte, eine besondere Zeit oder ein besonderes Haus ihm zuzusprechen, bedeutet die Leugnung seiner Universalität und der Heiligkeit aller Zeiten und Orte. Alles ist unmittelbar zu Gott, und er ist nicht einzuschränken auf die heiligen Besonderheiten. Das Allgemeine ist heilig, und wir brauchen keine aus dem Allgemeinen herausgeschnittenen heiligen Zeiten, Personen, Räume, Gesten und Instrumente.

Zum letzten Mal haben wir den prophetischen Aufstand gegen das heilige Besondere 1968 erlebt. Die 68er waren die wahren Protestanten, die Zeugen der Ethik und der Innerlichkeit. Sie riefen: Wohnungen statt Kirchen! Sie riefen: kein Geld für repräsentative Kirchtürme! Sie riefen: ein Stall für den Gottesdienst! Sie hielten die Aufteilung der Welt in sakrale und profane Welt für einen zu überwindenden gnostischen Pessimismus. Der Glaube selber desakralisiert, sagte damals Harvey Cox: " Die jüdisch-christliche Tradition hat den sakralen Raum aufs schärfste in Frage gestellt, von der Nomadengeschichte Israels angefangen, während des Exils, der Zerstörung des Tempels bis hin zu jenem Gespräch zwischen Jesus und der Frau, das wir als Motto unserem Artikel voranstellten." (in: H.-E. Bahr (Hg.): Kirchen in nachsakraler Zeit, Hamburg 1968, S. 97) Cox spielt an auf das Gespräch Jesu mit der Samariterin, in dem er sagt: Es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berg Garizim noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Die wahrhaften Anbeter beten an im Geist und in der Wahrheit. (Jo 4, 19-22)

Ich zitiere jene Theologen nicht, um sie zu schmähen, sondern weil sie recht haben. Ihre Skepsis gegen die herausgeschnittenen Sakralitäten ist unerlässlich. Und vielleicht wird es bald wieder nötig, gegen die neue esoterische Substantialisierung von Orten, Quellen, Bergen, Bäumen, Vollmondnächten, Steinen, Kräutern und Zeiten an die Skepsis und an den Bildersturm der 68er zu erinnern. Aber es gibt nicht nur deren Wahrheit. Es gibt auch die Wahrheit jenes älteren Glaubens, der die Orte, Räume, Zeiten sich als Zeugen sucht. Auf jeden Fall soll man nicht die eine Wahrheit mit der anderen erschlagen. Das sollen die Propheten wissen und ihr Widerpart, die müde und alt gewordenen Priester in den Kirchen, die in Räumen leben und die die Räume brauchen. Die Priester bauen Kirchen, die Propheten setzen sie in Brand.


Wozu brauche ich den heiligen Raum? Im heiligen Raum muss ich nicht eloquent sein. Der heilige Raum ist der Raum, in dem die Toten meine Zeugen sind. Hier wurde ihr Lebensanfang unter die große Geste der Taufe gestellt, hier haben sie geschworen, hier haben sie den Bruch ihrer Schwüre bereut, hier haben sie ihre Glück gefeiert und ihre Niederlagen beweint, hier wurden die letzten Gebete über sie gesprochen. Jeder Kirchenraum ist dunkel von der Patina der Seufzer, der Gebete, der Zweifel, der Hoffnung der Toten. Eine Tradition haben, heißt, an die Stelle der Toten treten, nicht nur um ihre Aufgaben zu übernehmen, sondern um Anteil zu gewinnen am Glauben und an der Hoffnung dieser Toten. Wir bauen uns von außen nach innen, und wir müssen nicht einmal die vollkommenen Meister unseres Glaubens sein. Eine Kirche ist nicht schon dann eine Kirche, wenn sie fertig gestellt und eingeweiht ist. Eine Kirche wird eine Kirche mit jedem Kind, das darin getauft ist; mit jedem Gebet, das darin gesprochen wird, und mit jedem Toten, der darin beweint wird. Sie ist kein Kraftort, aber sie wird ein Kraftort, indem sie Menschen heiligen mit ihren Tränen und mit ihrem Jubel. Ich muss im heiligen Raum nicht eloquent sein. Ich muss mir nicht in Dauerreflexion und Dauerberedung sagen, wer ich bin; was der Sinn und das Ziel des Lebens und des Sterbens ist. Der Raum redet zu mir und erzählt mir die Geschichte und die Hoffnung meiner Toten und lebenden Geschwister. Und so baut er an meinen Wünschen und an meinen Lebensvisionen. Es ist kein ästhetisches Urteil, wenn ich sage, dass alte Kirchen mir lieber sind als die neuen. Alte Kirchen haben mehr Vergangenheit, sie erzählen mehr.

Wozu brauche ich eine Kirche? Der heilige Raum arrangiert meine Gebete. Ich will ein einfaches Beispiel erzählen. Wir hatten die Angewohnheit, unseren Enkeln Märchen auf der dritten Treppenstufe in unserem Haus zu erzählen. Es war kein besonderer Kraftort, aber das Aufsuchen dieser Stelle arrangierte uns für die Erzählung phantastischer Geschichten. Der Ort brachte uns in eine Rolle: dort sind wir die Geschichtenerzähler oder die Geschichtenhörer. Der Kirchenraum arrangiert uns und bringt uns in eine Rolle: dort sind wir die Beter, die Hörer; wir sind die Singenden und die Nachdenklichen. Wir sind es anders als zuhause im Wohnzimmer oder im Arbeitszimmer. Räume bauen an unserer Innerlichkeit. Darum sprechen wir dort anders, verhalten uns anders, werden ruhiger oder auch unruhiger durch die Ruhe der Räume. Räume erbauen uns, wenn wir uns erbauen lassen. Ich habe es immer als Problem empfunden, dass die Stimme des Kirchenraumes unhörbar gemacht wird durch lautes Gerede vor dem Gottesdienst. Damit lässt man nicht zu, dass der Raum einen erbaut. Das Gelärme zerstört die Fremdheit des Raumes, die ein köstliches Gut ist.

Die heiligen Räume haben heute ihr Problem mit uns. Wir lieben die Fremde nicht! In narzisstischen Lagen versuchen Menschen, alles sich selber gleich zu machen und sich alles anzueignen. Sie wollen sich dauernd selber vorkommen, sie wollen die Wärme und die Unmittelbarkeit einer sich selbst feiernden Gruppe. Und so soll es auch im Gottesdienst und in der Kirche gemütlich sein wie zuhause im Wohnzimmer. Je individueller und je formloser die einzelnen und die Gruppen vorkommen, um so authentischer scheint der Gottesdienst zu sein. Die Selbstfeier der Gemeinde wird zur Gottesdienstabsicht. Dieser Selbstfeier werden die Texte, die Formen und manchmal auch die Räume unterworfen. Die Gemeinde will unmittelbar zu sich selber sein, und so verliert der Gottesdienst seine Fremdheit, seine Andersheit. Das Verhalten der Menschen wird ununterscheidbar vom Verhalten zuhause, im Wirtshaus oder auf einer Party. Die Sakralität der Handlung und des Raumes wird nicht aufgehoben, wie oben beschrieben, durch das prophetische Wissen um die Heiligkeit aller Orte, sie wird zerstört durch die Banalität narzisstischer Allgegenwart. Die alten Räume stellen sich in ihrer Fremdheit zum Glück solchen Versuchen noch in den Weg, damit wird die Komik solcher Selbstinszenierungen wenigstens durchschaubar. Ich hoffe, die Kirchen behalten ihre Fremde und das narzisstische Selbstinteresse findet keinen Niederschlag in Kirchbaukonzepten.

Wozu brauche ich eine Kirche? Der heilige Raum ist der fremde Raum, nur in der Fremde kann ich mich erkennen. Der Raum erbaut mich, insofern er anders ist als die Räume, in denen ich wohne, arbeite und esse. Ich kann mich nicht erkennen; ich kann mir selbst nicht gegenübertreten, wenn ich nur in Räumen und Atmosphären lebe, die durch mich selbst geprägt sind, die mir allzu sehr gleichen und die mich wiederholen. Die Räume, die mich spiegeln – das Wohnzimmer, das Arbeitszimmer – gleichen mir zu sehr. Der fremde Raum ruft mir zu: Halt! Unterbrich dich! Befreie dich von deinen Wiederholungen. Er bietet mir eine Andersheit, die mich heilt, gerade weil sie mich nicht wiederholt, sondern mich von mir wegführt. Kirchen heilen, insofern sie nicht sind wie wir selber. Ich war vor kurzem in einer modernen Kirche, die mich etwa so sehr berührte wie der Seminarraum, in dem ich meine Veranstaltungen abhalte. Er war arenaartig angelegt, auf jeder Stufe fanden sich ausreichend Sitzkissen für die Bequemlichkeit der Besucher. Der Altar war als solcher nicht zu erkennen. Man konnte ihn als kleinen Tisch oder als Lesepult betrachten. Der Raum war hell und bis zum Gähnen geheimnislos. Er enthielt einige geschmackvolle Plakate. Er wies in nichts über sich selbst hinaus. Es war ein erwartbarer Raum. Er hat mich nicht gebildet, weil er mir nicht entgegentrat, weil er mir nicht Einhalt gebot. Er hat mich nicht still gemacht, und es wäre unnatürlich gewesen, in diesem Raum mit meinem Nachbarn nicht zu plaudern. Es war ein Parlatorium, in dem es natürlich war zu parlieren und der einen Parliergottesdienst mit einer Parlierpredigt arrangierte. Ich vermute, dass die Fremdheit eines Raumes vor allem durch seine Langsamkeit hergestellt wird. Eine Kirche wird also gerade nicht ein Exzitations- und Erlebnisraum sein, sondern ein karger Raum, ein präziser Raum;  ein Raum, der mit geringen Mitteln arbeitet, ein Raum der Disziplin, ein Raum, der sich wehrt gegen die Superlative, von denen wir täglich umgeben sind.

Das eine Gegenteil dieser produktiven Fremdheit ist Gemütlichkeit, das andere Exzitation. Exzitation gibt es nicht nur als modische, es kann sie auch als herkömmliche geben. Ich denke an gewisse Barockkirchen, die in einer religiösen Dauerexzitation bestehen. Ich habe in solchen Räumen immer das Gefühl, ich müsste dort wenigstens ein unanständiges Graffito anbringen, damit das religiöse Fortissimo unterbrochen wird. Man kann nicht lange auf den höchsten Ebenen verweilen, ohne banal zu werden. Die Übersymbolisierung war schon immer ein Problem religiöser Formen und religiöser Sprache. In solcher Übersymbolisierung nimmt ein Zeichen dem anderen die Sprache und bringt es zum Verstummen.

Stil braucht Ruhe und Langsamkeit. "Stil braucht Muße." Sagt Peter Brook von der Theaterarbeit. (P. Brook: Der leere Raum, Berlin 1994, S. 95) Etwas weglassen können gehört zur hohen Kunst der religiösen Sprache, der Predigt, des Gottesdienstes und der Räume, in denen er stattfindet. Eine der Grundregeln für die Theaterarbeit von Peter Brook heißt: Frage dich, was du nicht tun oder sagen musst! Stil braucht Muße, Stil braucht Kargheit. Was würden unsere Räume, unsere Gottesdienste und die Predigten gewinnen, wenn diese Regel gälte!

Eine Kirche ist ein Raum des Hörens. Über weite Strecken im Gottesdienst hören wir zu. Wir hören die Orgel, wir hören die Geschichten, wir hören die Predigt. Ein guter Raum verhilft zu einer anderen Weise des Hörens, als wir es aus einem Vortragssaal gewohnt sind. Das Hören ist meditativer. Man will nichts von den Bildern, Texten und Musiken, die man hört. Man will kommen lassen, was kommen will. Man ist Gastgeber der Bilder und der Texte. Man will sie nicht besitzen, nicht erjagen. Man will die Gebete und das Glaubensbekenntnis nicht füllen mit der eigenen Existentialität. Man lässt sich von ihnen in den Glauben von vielen ziehen. Sich nicht wehren und nichts beabsichtigen ist die hohe Kunst eines meditativen Verhaltens. Diese Haltung aber hat es in der Welt der Macher nicht leicht. Die macherischen Fähigkeiten sind in unserem Kulturkreis ins Immense gewachsen, und die pathischen Begabungen verkümmern. Wir fühlen uns allein als Macher gerechtfertigt, und unser Selbstverständnis bricht zusammen, wo wir als Macher an unsere Grenzen stoßen. Kann man in einer solchen Kultur auf etwas anderes hoffen als auf die eigene Stärke? Kann man sich hergeben? Kann man sich entlassen in das große Geheimnis der Welt? Wo wir auf diese imperiale Weise mit uns selber, mit der Natur, mit den Tieren umgehen, da verlieren wir unsere passiven Stärken: die Geduld, die Langsamkeit, die Stillefähigkeit, die Aufnahmefähigkeit, das Hören, das Warten, das Lassen, die Gelassenheit, die Ehrfurcht und die Demut. Wir verlieren die Kunst der Endlichkeit und der Bedürftigkeit.

Der Raum, der die passiven Stärken des Menschen ehrt und stärkt, darf nicht völlig zentralisiert sein. Er müsste den Menschen konzentrieren und schweifen lassen. Er darf nicht bannen wie der Kölner Dom in seiner vollkommenen Ausgerichtetheit, er darf nicht kokettieren und verführen wie die Birnau. Er darf nicht von fader linearer und funktionalistischer Klarheit sein, wie manche neue Kirchen. Als wir noch in Köln wohnten, sind wir ebenso viel in katholische wie in protestantische Gottesdienste gegangen. Unsere Kinder waren die katholischen reich geschmückten Kirchen gewöhnt. Bei einem Urlaub kamen wir in Holland in eine strenge und kahle kalvinistische Kirche. Unsere damals dreijährige Tochter sah sich um und stellte kategorisch fest: Is’ kein Gott drin! Ich möchte die katholische und die protestantische Begabung würdigen; die katholische Vorliebe für die Augenschönheiten und die protestantische für die Ohrenschönheiten und für die Skepsis gegen die Augenschönheiten. Der Glaube entwirft Bilder, und er birgt sich in die Bilder der Toten. Ein bildloser Glaube ist ein trostloser Glaube. In allen Grundsituationen seines Lebens kommt der Mensch nicht mit der puren Sagbarkeit aus. Die Sprache selber drängt in die Bilder. In der Bedrohung des Lebens reden wir von der anderen Stadt, in der alle Tränen abgewischt sind und in der der Tod nicht mehr sein wird noch Leid noch Geschrei. Wir reden vom Land, in dem die alten Gesetze nicht mehr gelten und in dem alles neu ist; so neu, dass die Blinden sehen, die Stummen ihren Gesang gefunden haben und die Lahmen ihren Tanz. Die Sprache verliert ihre Begrenzung und fängt an zu fliegen. Diese Bilder sind Flüge der Hoffnung. Sie sind keine Photos und sie halten nichts fest. Die Sprache kommt nicht mehr mit sich selber aus. Wie eine Welle die andere bricht und überholt, so überpurzeln sich die Bilder. Das Bild selber bricht das Bild und wird bilderstürmerisch. Bilder lehren uns wünschen, und je unbescheidener sie sind, um so mehr entheimaten sie uns aus der faulen Gegenwart. Bilder lehren uns die Sehnsucht nach dem Land des Jauchzens und nach einem unkompromittierten Leben. Und so wird der Mensch mit seiner gebildeten Sehnsucht zu einem unsicheren Kantonist in seiner eigenen Gegenwart. Er fühlt sich überall, wo die Blinden noch nicht sehen und die Lahmen noch nicht springen, an den Flüssen Babylons, auch am Rhein, an der Elbe und am Mississippi. Wer in seinen Träumen gebildet ist, ist ein Ausländer – überall.

Die Bilder der Fülle entlarven die Bilder vom falschen Leben. Unsere Gesellschaft hat die Sprache verloren, aber Bilder, die die Wirklichkeit irrealisieren, hat sie in reichem Maß. "Das Bild lehrt lügen!" heißt es beim Propheten Habakuk. Wem fällt dieser Satz nicht ein bei der Theatralisierung des Politischen vor Wahlen? Wem fällt das nicht ein bei den Parteitagen aller Parteien, vielleicht mit Ausnahme der PDS, der die Westgekonntheit noch nicht so geläufig ist. Auch Gebäude machen die Macht selbstverständlich. Ich denke an den Petersdom mit seiner glänzenden imperialen Geste, an den Platz mit den Kolonnaden von Bernini, die jedem jederzeit sagen, wie klein und nichtig man ist. Man braucht die Unfehlbarkeit des Papstes kaum noch in einer Lehre zu lehren. Die Inszenierung in den Gebäuden lehrt sie eher und kräftiger als jede Lehre.

"Das Bild lehrt lügen!" Die Bildlügen sind oft aus dem Besten unserer eigenen Tradition gebaut, aus Werten wie Glaube, Würde, Liebe, Vertrauen, Freiheit, Unverwechselbarkeit. Die Bilder und die schönen Inszenierungen versprechen und segnen. Die Inszenierungen versprechen Heil und sie segnen ab. Sie machen umstrittene und zwiespältige Sachverhalte zu unumstrittenen und guten. Diese Theatralisierungen segnen und legitimieren. Keine Macht kommt ohne die Segnung der Bilder aus. Eine Macht, die sich nicht legitimiert, bleibt nicht lange bestehen. In der Erzeugung des schönen Scheins wird die Wahrheit durch Pathos ersetzt.

Macht euch kein Bildnis!
Hebe deine Augen nicht auf zum Himmel,
dass du die Sonne siehst und den Mond und die Sterne!
Lass dich nicht verführen, sie anzubeten und ihnen zu dienen!

Der Glaube an Gott lehrt das Misstrauen gegen die Götzen und ihre Bilder. Es könnte sich ein Menschentyp herausbilden, der nicht mehr auf Argumente hören kann und  der nur noch durch Bilder und Inszenierungen zu gewinnen und zu überzeugen ist. Wir haben in den letzten Jahren gesagt, dass wir von der Bildhaftigkeit, der inszenatorischen Fähigkeit des Katholizismus lernen müssten. Der Mund wurde vielen Protestanten wässrig, wenn sie an deren Weihrauch, Glöckchengeklingle, Weihwasser und Messgewänder dachten. Ich vermute, wir brauchen heute noch mehr das Charisma der Kargheit und das Misstrauen gegen die Augenschönheiten, die uns die reformierte Tradition lehrt.


Ich habe bisher vor allem die Kirche als Ort des Gottesdienstes bedacht, ich habe also vor allem ihren Innenraum gewürdigt. Aber die Kirche ist sichtbar in der säkularen Stadt. Ein Mittel, einer Idee die Legitimität abzusprechen, ist, ihr die Sichtbarkeit zu verbieten. So ist es geschehen mit einigen reformierten Kirchen in lutherischen Städten, etwa in Lübeck. Sie durften zwar gebaut werden, aber sie durften sich nicht von Wohnhäusern unterscheiden. Zunächst ist es für die Kirche selber lebenswichtig, sich darzustellen und ein öffentliches Gesicht zu bekommen. Man wird auch, indem man sich vor anderen zeigt, ich werde der, als der ich mich bezeuge. Man ist der, als der man gesehen und wahrgenommen wird, und man kann sich nicht in seinen Absichten, Wünschen, Optionen verbergen, ohne dass diese nicht selber verblassen. Wahrheit braucht Öffentlichkeit, und die Präsenz des Geistes braucht Repräsentation. Es gibt viele Fälle der voreiligen Selbstverbergung in unserer Kirche, nicht nur in ihren Gebäuden, auch in ihrer Rede, im Konfirmandenunterricht, im Religionsunterricht und an anderen Stellen ihrer öffentlichen Rede. Vielleicht ist uns der Stolz abhanden gekommen, und die Gewissheit, dass wir Lebensschätze zu verwalten haben. Wenn man sich nicht zeigt, weiß man nicht, wer man ist. Die Rücknahme der Sichtbarkeit war Konzept bei einigen neuen Kirchbauten. Ich war vor einiger Zeit in Luzern, und ich suchte die katholische, von Walter Förderer erbaute Kirche. Sie ist ein Betonbau wie die Banken, die Einkaufszentren und die Wohnblöcke um sie herum. Als ich sie endlich gefunden hatte, war mir nicht klar, wo in diesem Komplex das Jugendzentrum, der Kirchraum und die Wohnung des Pfarrers war. Alles hätte alles sein können. Nicht-Unterscheidung war Konzept dieses Baus. Deutlichkeit separiert, ist die These von Förderer. Der Kirchbau darf keine Schwelle sein, die überwunden werden muss. Die Kirche darf kein "Konfessionsbau" sein. Was aber, wenn aus der moralischen Topographie einer Stadt die Kirchen verschwinden? Was, wenn nur noch die Banken, die Theater, die Museen und Bahnhöfe signifikante Gebäude sind; also Gebäude, die auf etwas hinweisen und die eine Lehre enthalten? Je säkularer, ungedeuteter, unbestimmter die Stadt ist, um so deutlicher sollen die Kirchen sein. Die Kirchtürme sollen das Stadtbild nicht beherrschen wie die Rivalitätstürme einiger Hansestädte. Die Kirchen sollen zur Verfügung stehen mit ihren Gebäuden, mit ihrer Sprache, mit ihren alten Gesten für die Zeiten, in denen Menschen sie brauchen; für die Zeiten wie die des 11. Septembers oder des Anfangs des Golfkriegs; für die Zeiten der Lebenseröffnung und des Lebensbeschlusses. Selbstverständlich können wir nicht mehr von der Christlichkeit unserer Gesellschaft ausgehen. Menschen glauben vielmehr auf Zeit: in den Zeiten des Glücks, des Unglücks, der Lebensniederlagen und der Höhepunkte des Lebens. Die Kirche ist auch eine Sprachverleihanstalt, eine Gestenverleihanstalt, eine Räumeverleihanstalt. Sie verleiht die Masken des Glaubens auf Zeit. Daran ist nichts Ehrenrühriges. Die Gastlichkeit der Kirche besteht darin, dass sie deutlich sie selber ist; nicht darin, dass sie sich verundeutlicht und versucht, wie alles andere zu sein. Je deutlicher eine Kirche ist, innerlich und äußerlich, um so mehr kann sie undeutliche Gäste ertragen. Was, wenn keiner mehr die fremde Sprache der Hoffnung hütet und verleiht! Was, wenn keiner mehr die Gebete kennt, die Poesie unserer Wünsche? Was, wenn nichts mehr die Alltäglichkeit und die Gewöhnlichkeit unterbricht? Was, wenn unsere Städte in der Sagbarkeit ersticken; wenn nie und an keiner Stelle mehr an den Namen Gottes erinnert wird? Was, wenn Menschen ihre Lebenshoffnungen nicht mehr an alte Geschichten knüpfen können und  die Visionen der Toten keine Stelle mehr haben?  Damit aber die Kirche zur Verfügung stehen kann, muss sie deutlich und sichtbar sein, deutlich innen und deutlich nach außen. Mir sind alle Konzepte von Niederschwelligkeit in der Sprache, in den Gesten, in den Bauten  verdächtig. Die säkulare Gegenwart braucht nicht die Anpassung der Kirchen, sondern ihre Fremdheit, ihre Besonderheit und ihre Klarheit. Die eigene Kenntlichkeit ist die Kirche einer unkenntlichen Gesellschaft schuldig. Kenntlich kann die Gesellschaft nur werden, wenn sie auf Kenntlichkeiten stößt. Kenntlich können junge Menschen nur werden, wenn sie auf erkennbare Menschen und auf kenntliche Institutionen stoßen. "In die Welt gehen, heißt wie die Welt werden" hat Werner Simpfendörfer vor 40 Jahren in seinen Thesen zum Kirchenbau gesagt und damit die Profanität der Räume eingeklagt. (in: Bahr, S.106) Er hatte damals recht gegen die klerikale Abgeschlossenheit und gegen die Uninteressiertheit der Kirchen an der Welt. Aber wir leben in anderen Lagen. Menschen ersticken nicht mehr an Überdeutlichkeiten, sie hungern nach Erkennbarkeit und nach Gesichtern.

Eine öffentliche Kirche ist eine geöffnete Kirche, zunächst im Sinne des Wortes. Wenn es wahr ist, dass der Raum unsere Gebete und unsere Ruhe arrangiert, dann muss er auch zugänglich sein. Eine öffentliche Kirche ist eine sich selber erklärende und zeigende Kirche. Ich denke hier vor allem dankbar an die neuen Konzepte und Praktiken der Kirchenpädagogik. Es ist ein Stück Mission. Christen erklären anderen, welche Schätze sie haben und was sie lieben. Mission heißt, zeigen, was man liebt.  Was man liebt, das zeigt man, und man hält es nicht in einem geheimen Winkel.

Die Kirche soll nicht nur im öffentlichen Stadtbild erkennbar sein, sie soll die Öffentlichkeit der Stadt in sich selber aufnehmen und sie verwandeln - die Leiden einer Stadt, die großen Fragen einer Stadt, den Diskurs einer Stadt, das Gewissen einer Stadt. Wir haben hier in Leipzig an der Nicolaikirche und an anderen ein wundervolles Beispiel. Hier haben sich Menschen versammelt, die Kirche war nicht mehr nur Gottesdienstkirche, sie war ein Ort der Klärung, der Entscheidung und des Erbarmens. Die Kirche wurde geheiligt, indem sie den Nöten der Menschen einen Raum und Sprache und Lieder gegeben hat. Auch die Gottesdienste gewinnen neues Feuer, wo sie genährt werden von der Glut der alltäglichen Sorgen. Was hieße das, wenn die Kirche ein Ort des öffentlichen Diskurses der Wichtigkeit eines Gemeinwesens würden? Was hieße es für die Art, wie man miteinander redet, wenn dies in einer Kirche geschieht? Eine Kirche verengt, wenn sie nur Ort des Gottesdienstes ist, und das sonntags von 10 bis 11 Uhr. Die Kirche gehört sich nicht selber, sie gehört den Leiden und den großen Fragen des Gemeinwesens. Kirche in der Stadt heißt Kirche für die Stadt. So sehr die Stadt in die Kirche geladen werden soll, so bleibt doch der Kirchenraum  ein Raum der Würde. Der Raum verliert seine Stimme, wenn man sich darin benimmt wie in allen anderen Räumen auch. Ich habe vor kurzem erlebt, wie in einem Konzert in einer Kirche auch Bier und Würstchen angeboten wurden, es war ein wahrhaft niederschwelliger Raum geworden. Unser Stolz müsste es uns verbieten, uns mit unseren Räumen bis zur eigenen Unkenntlichkeit anzubiedern. Wir sind unseren Kirchen Ehrfurcht schuldig.

Es wird natürlich Kirchen verschiedener religiöser Dichte und Expressivität geben. Kirchen und Gemeindezentren in Neubaugebieten werden nicht mehr die fremde Würde der Katharinenkirche in Hamburg oder des Bamberger Domes haben. Sie werden einfacher und schlichter sein und dabei nicht ohne Würde. Vielleicht verwirklichen sie ein anderes Grundkonzept des Symbols Haus. Die alten Kirchen sind Weltenhäuser: sie sind langfristig und für Jahrhunderte gebaut, sie sind stabil, sie sind bergende Höhlen, sie sind Schöpfungshäuser. Aber es gibt eine anderes Symbol – das Zelt. Es bietet Schutz im Augenblick, es wird rasch aufgeschlagen und rasch abgerissen, es ist einfacher und ärmer, es ist das Symbol des wandernden Volkes und damit dem Geist des Christentums mindestens eben so entsprechend wie die großen Hauskirchen. Darum hat die Ladenkirche in Berlin nicht weniger ihr inneres Recht als der Dom jener Stadt. Der Zeltgedanke erlaubt auch das Experimentieren mit Kirchen, z.B. die eine eher als Jugendkirche zu benutzen, die andere als ökumenischen Raum, die andere eher als Meditationskirche. Kirchen sollen uns ja nicht bannen, sie sind Räume der Freiheit, und darum können sie Räume des Experiments sein. Wenn wir uns verlaufen und irren bei unseren Experimenten, können wir uns ja korrigieren. Wo man sich nicht irren kann, da ist man auch nicht wahrheitsfähig. Wir sollten als Christen nicht Irrtumsvermeider sein, sondern Wahrheitssucher.

Eine offene Kirche ist eine Kirche, die verwandten Geistern Obdach bietet. Ich denke hier vor allem an die neue Begegnung von Kunst und Kirche. Ich denke an die Gnadenkirche in Hamburg, die Marktkirche in Hannover, die Marienkirche in Lübeck, die sich öffnen für bildende Kunst, für Lesungen und für Musik. Gibt es eine Nähe von Kunst und der Sprache des Glaubens? Kann Kunst an diesem Ort heimisch werden? Wird der Ort zur Fremde durch die Kunst? Kunst und Glaube lehren uns weinen. In beiden ist, wenn sie sich selbst nicht verraten, eine aufrührerische Vorstellung vom Leben. In beiden wird der Geschlagene dargestellt als einer, der nicht geschlagen werden soll. Beide sind am stärksten, wo sie in der Revolte leben gegen die Korruptionen der Gegenwart. Ich will die Kunst nicht religiös machen, davor haben Künstler ja fürchterliche Angst. Aber beide riechen die Luft von einem anderen Stern, wo einer nicht Opfer des anderen werden soll. Beide wissen, was Transzendenz ist: der Überstieg über diese Gegenwart, die für viele unerträglich ist. Und so ist in beiden die Musik vom ganzen Leben – sie sind Vorspiel. Die Sprache der Kunst weiß, dass keiner stumm gemacht, keiner geblendet und keiner geschlagen werden soll. Mehr weiß sie nicht, ihre Würde ist die Untröstlichkeit. Der Glaube sagt einen Satz mehr, auch wenn ihm die Zunge dabei manchmal am Gaumen klebt: Er sagt, dass die Wüste einmal blühen wird; dass die Augen der Blinden und die Ohren der Stummen aufgetan werden sollen. Seine Pflicht ist es, die Unsäglichkeiten zu singen. Er kann sich nicht mit Feststellungen begnügen, sonst gäbe er die Solidarität mit den Toten auf.

Der Glaube und die Künste lehren loben, sie kennen diese große Grundfähigkeit des Herzens. Sie besingen das Leben. Sie sagen: "Geh’ aus, mein Herz, und suche Freud." Sie sehen Narzissus und Tulipan, sie hören die hochbegabte Nachtigall und sie kosten die edle Honigspeise und des Weinstocks starken Saft. Das genügt der Kunst. Der Glaube singt eine Strophe des alten Liedes mehr. Er singt: "Ach, denk ich, bist du hier so schön und lässt du’s uns so lieblich gehn auf dieser armen Erden: was will doch wohl nach dieser Welt dort in dem reichen Himmelszelt und güldnen Schlosse werden." Der Glaube kennt das zweite Gesicht der Dinge und ihren eigentlichen Namen.

Wo Kirche und Kunst sind, die sie sein sollen, lehren sie uns loben und sie lehren uns weinen. Darum ist es nicht fremd, dass Kirchen auch Herbergen dieser nahen Geschwister sind und dass gelegentlich in den Kirchen andere Lieder gesungen werden, als sie im Gesangbuch stehen. Im großen Gesangbuch des Lebens stehen die Lieder von Paul Gerhard und die Schreie des Psalmen nahe neben John Cage, Heinrich Böll und Pablo Picasso. Sie haben eine gemeinsame Mutter: die Sehnsucht nach dem Leben. Darum kann ich in einem tiefen  Sinn billigen, dass die Kirchen Gäste beherbergt, die ihr nahe sind und die verschieden von ihr sind. Eine Kirche ist ein kenntlicher Ort, der herausgeschnitten ist aus der Gleichförmigkeit und der Gleichtönigkeit der gewöhnlicher Orte. Seine Steine sprechen eine andere Sprache als die Sprache der Zwecke und Geschäfte. Auch wenn hier andere Stimmen singen als die einer christlichen Gemeinde, bleibt die Kirche ein Raum der Ruhe, der Stille und der Innerlichkeit. Was auch immer mit einer Kirche geschieht, so wünsche ich doch, dass dieser Raum kenntlich bleibt und seine Eigentümlichkeit behält. Zonen ohne Eigentümlichkeiten und ohne Sprachen haben wir genug in unseren monotonen Landschaften. So wünsche ich, dass diese Räume bleiben, was sie sind: die große Fremdsprache im Meer der Geläufigkeiten. Erst als solche machen sie aufmerksam, unterbrechen und erinnern.

Eine offene Kirche ist ein "Ort des Erbarmens", wie eine Erklärung aus Hamburg Altona die Kirche nennt. Ich denke an den besonderen Fall der Asylgewährung in einer Kirche. Solche Fälle und Konflikte haben sich in der letzten Zeit gehäuft und werden sich häufen. Sich zeigen heißt für Christen ja nicht nur, dass sie Kirchtürme bauen und dass ihre Gebäude deutlich sind. Der Geist Christi will ja nicht nur durch Gebäude und in Worten bezeugt werden, das Zeugnis will Fleisch werden in unserem Erbarmen und in unserer Entschiedenheit, mit der wir die Kirchen zur Verfügung stellen für Menschen, die zu Unrecht aus unserem Land entfernt und in die Ungewissheit gestoßen werden. Der Gottesfriede, im Mittelalter die treuga dei, ist eine der großen menschheitlichen Traditionen: zu bestimmten Zeiten oder an bestimmten Orten sind die Verfolgten nicht belangbar. Wenn sich auch nicht alle Gemeinden dazu entschließen können, in solchen Konfliktfällen Obdach und Asyl in den Kirchen zu geben, so sollten sie und sollte die Kirche als ganze wissen, welche Aufgabe der Stellvertretung die Gruppen und Kirchen auf sich nehmen, die Kirchenasyl gewähren. Sie sollten wissen, dass eigentlich das Asyl Normalität sein sollte und nicht Ausnahme.

Ich habe bisher das Dorf nicht erwähnt und immer nur von der Kirche in der Stadt gesprochen. Ich meine alles, was ich gesagt habe, auch für die Kirche im Dorf. Von Stadt spreche ich deswegen, weil die Dörfer selber immer mehr städtischen Charakter haben. Hohe Individualisierung, Verlust von Öffentlichkeit, Verlust von Kenntlichkeit, Traditionsbrüche, Verlust von nachbarschaftlichen Solidaritäten, Mobilität, Zeitweiligkeit, Wechsel und Raschheit, Trennung von Arbeitsbereich und Wohnbereich, Informationsfülle und Weisheitsarmut sind Merkmale der städtischen wie der dörflichen Subjekte. Dörfer sind vermutlich nicht religiöser als Städte. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass in hohen säkularen Stadtzentren eine neue religiöse Aufmerksamkeit entsteht, die in den Dorfkulturen  noch nicht zu erkennen ist. Trotz des Schwundes von Religiosität wird die Dorfkirche wohl anders im Selbstbild auch der säkularen Dörfler vorhanden sein, als es etwa eine Kirche im Stadtteil Hamburg Altona oder in einem Stadtteil in Leipzig ist, wenn es nicht gerade der Michel in Hamburg oder der Dom in Köln ist. Die Kirche ist in den Dörfern sichtbarer, schon allein weil sie in der Architektur eines Dorfes oft zentral ist. Sie "gehört" sozusagen ins Dorf, selbst wenn man über ihre innere Notwendigkeit wenig zu sagen weiß. Das zeigen übrigens die Konflikte, die entstehen, wenn eine Kirche geschlossen werden soll. Auch Kirchenferne erheben ihren Protest. 


Einen besonderen Wunsch setze ich an das Ende meiner Überlegungen: Ich wünsche, dass unsere Kirchen Räume des Schweigens sind; ich wünsche dass unsere Kirche ein Raum des Schweigens ist. Wir haben das Schweigen verlernt. Wir haben es verlernt in unseren Gottesdiensten, in unseren Versammlungen und in unseren Räumen. Natürlich bin ich nicht gegen die Rede oder gegen das Wort. Aber ich bin gegen die Rede ohne das Schweigen. Schweigen heißt nicht nur still sein und nicht reden. Das Schweigen hilft dem Wort wahrhaftig zu werden. Das Schweigen wird gestört durch den Explikationszwang. Es ist der Zwang, alles zu erklären, was in unseren Gottesdiensten geschieht. Die Formen und Gesten verlieren ihre Kontur und ihre Klarheit, wenn sie durch ständige Rede eingeseift werden. Das Schweigen wird gestört durch Additionszwänge. Wir sind freier geworden in der liturgischen Gestaltung unserer Gottesdienste. Das ist gut so, alles soll möglich sein, aber nichts soll zufällig und beliebig sein. Die Häufung darf nicht liturgisches Prinzip werden. Ich erinnere mich an einen Aschermittwochsgottesdienst, der an seiner eigenen Fülle erstickt ist: ein großes Kreuz wurde feierlich hereingetragen, der katholische Karfreitagsbrauch, das Kreuz küssend zu verehren wurde aufgegriffen, man konnte seine Sünden auf ein Papier schreiben und an das Kreuz nageln, das Kreuz wurde verhüllt und wieder enthüllt, und so entstand ein banales liturgisches Geplapper. Unsere religiöse Phantasie kann auch an der Ausführlichkeit ersticken. Kargheit, Langsamkeit und Leere regen die meditative Phantasie an. Häufung trocknet sie aus. Die Häufung von Gesten, Worten oder Formen verhindert ihre Verdichtung. Geplapper und Intensität schließen sich aus. Eine Kirche sollte auch ein "leerer Raum" sein – ich verwende einen Begriff aus der Theaterarbeit von Peter Brook. Ein Gottesdienst sollte eine karger Raum sein. Erst dieser macht die Sprache möglich. Man kann einwenden: ist das anzustreben, wenn eine ganze Kultur zu einer Plapperkultur geworden ist? Man denke nur an den so oft geistlosen Umgang mit der Sprache in den Telemedien. Wem ist der "leere Raum" noch zuzumuten, wenn alle doch sonst in übervollen Exzitationsräumen leben? Wir müssen aber bedenken, dass unsere Kirchen nicht nur kulturelle Räume sind. Sie sind auch antikulturelle Räume. Sie sind auch Gegenräume gegen eine Kultur maßloser Banalität.

Ich habe noch einen anderen Grund, das Schweigen und die Kargheit unserer Räume und ihrer Gottesdienste einzufordern. Kirchen sind auch Orte der Anbetung. Anbetung hat als höchsten Ausdruck das Schweigen. 

Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten
und in Ehrfurcht vor ihn treten.
Gott ist in der Mitte, alles in uns schweige
Und sich innigst vor ihm beuge. (G. Tersteegen)

Anbetung ist ein Fremdwort geworden in unserer Theologie und in unserer Frömmigkeitspraxis. Ich vermute, dass die Skrupellosigkeit, mit der wir mit der außermenschlichen  Natur umgehen – mit dem Wasser, der Atemluft unserer Kinder und Enkel, mit den Bäumen und mit den Tieren – etwas zu tun hat mit dem Verlust des Wortes Anbetung und mit der Sache, die damit gemeint ist. Je mehr wir Gott verlieren, um so mehr werden wir uns selber Objekte der Anbetung. Sind unsere Kirchen Räume der Anbetung? Atmen unsere Gottesdienste den Geist der Anbetung? Anbetung soll kein Kastrationsbegriff werden, durch den alles andere in der Kirche verboten oder gedämpft wird. Ich will, dass unsere Kirchenräume Räume der Freiheit, der Revolte, des Witzes, der Schönheit werden, aber eben auch Räume der Anbetung.

Liebe Geschwister, die Kirche als Ort der Besinnung und Ermutigung! Lasst uns stolz sein auf unsere Kirchen und auf unsere Kirche. Lasst uns überlegen, was wir an dieser Kirche haben! Wir haben unsere Gottesdienste. Wir hören die Geschichten von der Freiheit und der Bergung des Lebens. Wir singen. Wo gibt es das, dass Menschen miteinander singen, ohne dass sie geübte Sänger sind? Wir teilen miteinander die Poesie unserer Gebete. Wir spielen im Abendmahl das große Spiel der Zuneigung Gottes zu den Menschen. Die Kirche ist nicht nur gefangen in sich selber. Ich denke an eine einfache kleine Selbstverständlichkeit, die Eine-Welt-Läden, die wir überall in unseren Kirchen finden. Schön, einen Horizont zu haben, der weiter geht als Flensburg und München! Das nimmt der Kirche die provinzielle Enge, und das lässt sie in mehr beheimatet sein als in der Dumpfheit des eigenen Ortes. Wir haben nicht nur unsere eigene Biographie, wir haben die Geschichten unserer Toten, einer Hildegard von Bingen und eines Franz von Assisi, eines Dietrich Bonhoeffer und eines Martin Luther King. Wir haben Texte, die uns nicht in der Gefangenschaft unseres eigenen Horizonts lassen.

Lobe ich damit die Kirche zu viel? Ist das Recht nicht eher Programm als Realität in unserer Kirche? Traurig genug, wenn es so ist! Aber es ist wenigstens Programm. Wenigstens das ist es in unseren Kirchen, und das ist nicht selbstverständlich. Nicht oft sind irgendwo Trost, Gerechtigkeit, Vergebung, Aufruhr gegen die Korruption Programm. Programm ist in unserer gegenwärtigen Gesellschaft nicht der Trost der Unterlegenen, sondern der Abbau der Sozialhilfe. Programm ist nicht die eine Welt, in der es eine gerechte Verteilung der Güter gäbe. Programm ist die Globalisierung des Unrechts und die Aussaugung der Völker. Die Kirche ist der Ort der verfemten Begriffe und der ausgestoßenen Wörter: Gerechtigkeit, Mitleid, Barmherzigkeit, Trost, Schutz des verfolgten Lebens, Sturz der Tyrannen. Und endlich ist die Kirche der Ort, an dem der Name Gottes genannt wird. Wohin sonst sollen wir gehen, wenn wir sie verlassen?