Grußworte (Auswahl)

4. Tagung der 10. Synode der EKD, (Berlin, 6. - 10. November 2000)

Grußwort der Deutschen Bischofskonferenz und des Erzbistums Berlin

Kardinal Georg Sterzinsky, Erzbischof von Berlin

06. November 2005

Sehr geehrte Frau Präsidentin, Hohe Synode, sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender, liebe Schwestern und Brüder,

zur 4. Tagung der 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hier in Berlin entrichte ich Ihnen als Bischof des Erzbistums Berlin und im Namen der Katholikinnen und Katholiken des Erzbistums einen herzlichen Gruß. Ich tue dies zugleich auch im Namen des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Karl Lehmann.

Als Sie für diese Tagung Berlin als Tagungsort bestimmten, wussten Sie, dass demnächst Bundestagswahlen stattfinden würden: im Jahr 2006. Und sicher hatten Sie im Blick, dass diese Tagung der Synode, in der Hauptstadt und am Vorabend von Bundestagswahlen, auch eine politische Zeitansage sein werde. Was wir alle nicht ahnten: dass wir nun Ende des Jahres 2005 die Wahlen bereits hinter uns haben. Wir befinden uns mitten in Koalitionsverhandlungen, die – so sieht es jedenfalls im Augenblick aus – bald zur Bildung einer, wie wir hoffen, stabilen Regierung führen werden, willens, die vor uns liegenden gewaltigen Aufgaben anzupacken, mit Mut und Entschlossenheit, nicht zuletzt mit sozialem Augenmaß.

Krisen sind, wie wir wissen, auch Chancen, in jedem Fall sind sie Herausforderungen. Dies gilt nicht nur für die Politikerinnen und Politiker, sondern auch für „die Kirchen“ (wie man zu sagen pflegt), Herausforderungen, die wir nur gemeinsam meistern können.

Die anstehenden, notwendigen und u.U. tief greifenden Reformen bringen aber auch Gefährdungen mit sich.
„Das Soziale neu denken“ verlangt sicher die Bereitschaft, manchen Verzicht hinzunehmen, ein Mehr an eigener Daseinsvorsorge selbst aufzubringen. Jedoch darf das „Soziale“ – das Solidarische – nicht verlorengehen. Es dürfen nicht überbelastet werden, die ohnedies schon am Rande stehen. Familien, zumal kinderreiche, seien hier nur als Stichwort und Beispiel genannt. Als Bischof des Erzbistums Berlin darf ich wohl auch darauf hinweisen, dass der Osten auch weiterhin auf die Solidarität der alten Bundesländer angewiesen ist. Nicht zu übersehen ist eine Neigung – in allen politischen Lagern –, in Fragen des Lebensschutzes Tabus zu testen und an Grenzen zu gehen. Dies betrifft besonders das menschliche Leben am Anfang und an seinem Ende. Wir können dem nur ein klares Nein entgegensetzen. Wenn wir in den Fragen der Wertorientierung  als Kirchen gemeinsam sagen und bezeugen, was „der Stadt Bestes“ ist (vgl. Jer 29,7), – wie mehrfach in Gemeinsamen Worten geschehen – ist dies ein ökumenisches Zeugnis hohen Ranges und großen Gewichts.

Wir machen uns gegenwärtig gelegentlich ökumenisch „gegenseitig Stress“, wie man heute sagt. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, wie selbstverständlich vieles in den vergangenen Jahrzehnten geworden ist, wie selbstverständlich wir uns gegenseitig als Brüder und Schwestern in Christus wahrnehmen und dies auch leben. Wenn wir hier unsere Differenzen und Defizite beklagen, so doch im Wissen, dass viel erreicht ist. Natürlich ist nicht zu leugnen, dass wir bei der uns vom Herrn aufgetragenen Suche nach der Einheit – nach der „vollen, sichtbaren Einheit“, wie Papst Benedikt XVI. sie mit einer früheren Formulierung des Weltkirchenrats (Neu-Delhi 1961) in seiner Antrittsrede und in Köln beschworen hat –, auch an Grenzen kommen. Wir stoßen auf Differenzen, bei denen gegenwärtig in mancher Hinsicht ein „Konsens in Grundwahrheiten“, um die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre zu zitieren, nicht in Sicht ist. Die Diskussionen des vergangenen Jahres zum ordinationsgebundenen Amt haben uns dies schmerzlich in Erinnerung gerufen. Und festzustellen ist wohl auch, dass wir gegenwärtig unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was „volle, sichtbare Einheit“ meint; jedenfalls soll sie auch katholischerseits nicht „Rückkehrökumene“ sein. Wenn die derzeitige Situation der Ökumene als eine Phase der „Ökumene der Profile“ bezeichnet werden kann, wie Sie, Herr Ratsvorsitzender, es bei der Ökumenischen Begegnung mit Papst Benedikt XVI. im Rahmen des Weltjugendtags getan haben, dann brauchen wir uns dessen freilich nicht zu genieren. Die uns ganz unabweisbar aufgegebene Suche nach Vertiefung der Einheit – darin dürfen wir allerdings nicht nachlassen! - muss sich mit dem verbinden lassen, was uns vom Evangelium und von unserer tiefsten Glaubensüberzeugung als katholische und evangelische Christen bindet, in diesem Sinn unser Profil ausmacht.

Um Fragen solcher Art geht es auch beim Schwerpunktthema dieser Synodensitzung: „Glaubensfestigkeit und Toleranz - Christsein in einer Situation religiöser, weltanschaulicher und kultureller Vielfalt“. Gefragt wird nach dem rechten Verhältnis zwischen dem, was uns im Glauben trägt und worin festzustehen nach dem Zeugnis der Schrift unsere Identität als Christen bestimmt (vgl. Hebr 11,1), und der Toleranz des Anderen. Es geht nicht um die fröhliche oder resignierte Feststellung, es sei sowieso alles gleich oder gleich gültig und es komme deshalb auch letztlich so genau nicht darauf an. Toleranz ist die Duldung und Respektierung, dass Anderes anders ist und die Anderen anders sind. Es kann sich um eine erhebliche Spannungsbreite handeln. Berlin mit seiner Vielfalt an alten wie neuen Religionen, an Weltanschauungen, seiner kulturellen Vielfalt, seiner Vielfalt an Lebenssituationen und Lebensstilen bietet dazu reiches Anschauungsmaterial. Zum Spektrum gehört im Übrigen auch eine rein säkulare Lebensorientierung, die wir in Berlin sowohl in ihrer westlichen wie östlichen Ausprägung finden. Für uns Christen stellt sie wohl nach wie vor eine der stärksten Herausforderungen dar. Hier sind wir gefordert zu neuem missionarischen Zeugnis, das nicht im Gegensatz zur Toleranz gesehen werden darf. Alle Christen sind hier gemeinsam gefordert, alle christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Auch daran ist in Berlin kein Mangel, wie die Mitgliederliste des Ökumenischen Rats Berlin-Brandenburg eindrucksvoll unterstreicht.

Der Ökumenische Kirchentag vor zwei Jahren war dazu ein Probelauf. Man braucht Mängel nicht zu übersehen, aber man darf den ÖKT auch nicht klein reden. Als Zeugnis christlicher Gemeinsamkeit in vielen Formen und an vielen Plätzen hat er dieser Stadt gut getan. Dass Ihre Versammlung einen Beitrag dazu leistet zu zeigen, wie christlich „glaubensfestes“ Zeugnis, in Toleranz und in voller Bereitschaft zum Dialog, heute aussehen kann, das wünsche ich Ihnen und auch uns. Zur 4.Tagung der 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland wünsche ich Ihnen gutes Gelingen und Gottes reichen Segen.

06. November 2005



erweiterte Suche

 

Das könnte Sie auch interessieren...


Gesucht: Landeskirchen?

EKD-Kirchenkarte

Zu den verschiedenen Kirchen in den Regionen finden Sie am schnellsten über unsere Kirchen-Karte.