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5. Tagung der 10. Synode der EKD (Würzburg, 05. - 09. November 2006)

Vorstellung des Impulspapiers des Rates der EKD "Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert"

Landesbischof Jochen Bohl

07. November 2006

Frau Präses! Hohe Synode! Oft ist es bei solchen Einbringungsreden so, dass ihr Ziel darin besteht, das Auditorium für die Angelegenheit zu interessieren. Ich darf davon ausgehen, dass Sie das Papier gelesen haben. Insofern will ich es gern kurz machen.

Das Ziel, das der Rat - und ich darf sagen: auch die Perspektivkommission - verfolgt, lässt sich in wenigen Worten und in großer Schlichtheit beschreiben, liebe Schwestern und Brüder. Es geht darum, einen Aufbruch anzustoßen, einen Aufbruch für unsere evangelische Kirche auf ihrem Weg in ihre Zukunft; weil die Situation, in der wir uns befinden, und weil die absehbaren Rahmenbedingungen für unser Handeln eben diesen Aufbruch erfordern. Ecclesia est semper reformanda, aber dennoch wird es von Zeit zu Zeit besonders wichtig sein, dass wir diesen Gedanken mit dem Impuls eines Aufbruches verknüpfen. Es geht darum, dass wir eine Perspektive gewinnen, dass wir eine einladende, missionarische Kirche werden - wachsen gegen den Trend. Das ist die Kurzfassung des Zieles, das wir mit diesem Text verfolgen. Diesem Ziel soll dieser Impuls dienen.

Wir haben uns bei der Erarbeitung von zwei ganz schlichten Leitfragen führen lassen. Die eine Leitfrage hieß: Was passiert, wenn nichts passiert? Wie wird sich unsere Kirche in 25 Jahren darstellen, wenn die jetzt erkennbaren Entwicklungslinien sich ungebrochen so fortsetzen?

Es hat in der Vergangenheit enorme Abbrüche gegeben. Unsere Kirchen sind schwächer geworden, was ihre organisatorische Gestalt betrifft, aber auch was ihre Fähigkeit betrifft, Menschen an die Botschaft von Jesus Christus zu binden. Diese Abbrüche werden die Zukunft mitbestimmen. Sie reichen in die Zukunft hinein, sie setzen sich fort. Das bedeutet, in nackten Zahlen ausgedrückt: Wir werden davon auszugehen haben, dass sich die Zahl der Gemeindeglieder bis zu dem Zieldatum 2030 um etwa ein Drittel vermindert, von 26 Millionen auf 17 Millionen. Wir werden gleichzeitig davon auszugehen haben, dass sich die Einnahmen, auf denen die Finanzierung unserer Arbeit beruht, eher halbieren werden. Es gibt geografische Unterschiedlichkeiten, im Osten ist es anders als im Süden Deutschlands; aber das ist, auf das Ganze beschrieben, die Linie, die sich ergibt, wenn sich die allzu gut bekannten Trends fortsetzen.

Die Diagnose heißt: Es handelt sich um ein hochexplosives Gemisch aus schwindenden Ressourcen und gleichzeitigem Verlust an geistiger Prägekraft, des Abbruches geistlicher Traditionen im Leben unserer Kirchen. Es kann dazu führen, dass die Handlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt werden. Heute Morgen war in der Einbringung zum Haushalt die Rede davon, dass das auch zu Handlungsunfähigkeit führen könnte. So viel also zur ersten Leitfrage.

Die zweite Leitfrage hieß: Was tun? Dabei gehen wir davon aus, dass es um des eingangs zitierten Zieles willen und auch wegen des Grundsatzes von der Kirche, die immer wieder aufgerufen ist, sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen, einfach nicht infrage kommt, die Dinge so laufen zu lassen, wie sie sich abzeichnen. Es ist gut, dass es Chancen gibt, die wir ergreifen können, Chancen, die zum Beispiel mit dem noch diffusen Phänomen der Wiederkehr der Religion beschrieben sind. Dahinter verbirgt sich sicherlich die Möglichkeit von Chancen, die wir so über lange Zeit nicht gehabt haben.

Chancen liegen auch darin, dass die innerkirchliche Situation zu Hoffnungen Anlass gibt, weil wir uns über vieles nach der wegweisenden Synode von 1999 in Leipzig einig geworden sind.

Das Papier will dann die möglichen Aktivitäten und Akzentuierungen beschreiben und sagt das in vier Kernsätzen.

  • Geistliche Profilierung statt verwaschener Aktivitäten; wobei vorausgesetzt ist, dass es Aktivitäten mit diesem Prädikat gibt.

  • Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit. Nicht überall müssen wir alles tun und anbieten, aber wir müssen an jedem Ort in unserem Profil erkennbar bleiben.

  • Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an Hergebrachtem.

  • Außenorientierung statt Selbstgenügsamkeit. Damit ist gesagt, dass es so etwas wie das Phänomen der Selbstgenügsamkeit unter uns gibt.

Es geht dem Papier in dieser vierfachen Beschreibung der Aktivitäten um einen Kommunikationsprozess, von dem wir uns erhoffen, dass er einen Wandel der Mentalitäten in unserer Kirche zur Folge hat; einen Mentalitätswechsel also, ohne den jedenfalls der Gewinn einer Wachstumsperspektive für uns nicht möglich ist. Es kommt also darauf an, dass unsere Haltung dem Ziel dient, wachsen zu wollen. Ob die Kirche wachsen wird, ist eine andere Frage. Uns liegt ganz besonders daran, dass dies verstanden und gehört wird: es geht um einen geistlich-theologischen Impuls. Ob das, was wir intendieren, gelingt, ob es zu einer Wirklichkeit wird, an der wir uns dann auch freuen können, steht in der Verfügung des Herrn der Kirche. Sein Segen ist uns gewiss. Aber wir wissen ja auch, dass wir uns diesem Segen in den Weg stellen können. Ebenso ist es uns allerdings auch möglich, dem Segen des Herrn Wege zu bereiten, damit er wirksam werden kann unter uns und in unserer Welt.

Wir wollen uns mit den Kräften, die uns zur Verfügung stehen, mit den geistlichen, den geistigen und auch den höchst weltlichen Ressourcen wehren gegen eine Entwicklung, die unser Kirche-Sein und den Auftrag dieser Kirche, Christus zu bezeugen, beschädigen könnte.

Wichtig ist als nächster Punkt aus meiner Sicht, hervorzuheben, dass das Papier die Prozesse aufnehmen will, die in den Landeskirchen bereits landauf, landab stattfinden und sie verstärken und in einer gewissen Weise zielorientiert fortführen möchte.

Die Organisation der Kirche soll verbessert werden. Wir haben heute Vormittag davon gehört, dass es wichtig ist, ein Kennziffernsystem einzuführen und Benchmarks zu erarbeiten, was beispielsweise die Verwaltung einer Landeskirche in den einzelnen Bereichen ihres Handelns kosten darf.

Ein weiterer Reformprozess betrifft die Konzentration auf die Kernaufgaben, die das Kirche-Sein in dieser Zeit von uns erfordert. Es geht darum, unsere Stärken zu entdecken und diese Stärken dann auch entschlossen herauszustellen und weiter zu stärken. In all dem wollen wir den Auftrag der Kirche, das Evangelium zu bezeugen, herausstellen und die Mission als das Zentrum unseres Verständnisses vom Kirche-Sein in den Vordergrund rücken.

Erinnern möchte ich daran, dass es natürlich nicht darum geht, Zentralvorgaben zu machen - auch keine ekklesiologischen. Die Bedeutung unserer Landeskirchen und die Beschreibung ihres Miteinanders ist uns erstens vertraut und zweitens auch lieb. Es geht um einen Impuls. Selbstverständlich entscheidet jeder, der sich mit diesen Fragen beschäftigt, über die Art und Weise, wie er oder sie den Impuls aufnimmt oder ihn gegebenenfalls anders akzentuiert.

Sehr ungewöhnlich ist es - jedenfalls nach meiner Wahrnehmung - für ein kirchliches Papier, dass höchst konkrete Ziele benannt werden; das verbirgt sich ja jeweils zum Schluss jedes Kapitels unter den zwölf "Leuchtfeuern". "Leuchtfeuer" sind, wie auch immer man sie konnotieren mag, auf jeden Fall Orientierungspunkte, Landmarken. Vielleicht ist das auch eine Bedeutung des Bildes vom Leuchtfeuer, auf die wir uns verständigen können.

Die Leuchtfeuer sind in vier Kapiteln gruppiert. Bei den Kernangeboten kirchlichen Handelns geht es um die Stärkung der geistlichen Prägekraft; wie wir unser besonderes konfessionelles Verständnis profilieren können, und zwar in einer solchen Weise, dass die Menschen in ihrem alltäglichen Leben davon erreicht werden, dass sie davon profitieren können und dass sie davon geprägt werden.

In diesen Zusammenhang gehört das wichtige Stichwort von der Qualitätssicherung. Das hat auch etwas damit zu tun, dass wir in einer Zeit vagabundierender Religiosität leben und gut beraten sind, wenn wir uns auf das unverwechselbar Eigene unserer reformierten Konfession besinnen; die geistliche Prägekraft stärken.

Das Zweite: Die Mitarbeitenden in unseren Kirchen werden besonders in den Blick genommen, weil jedem deutlich ist, dass der angestrebte Mentalitätswandel voraussetzt, dass sich diejenigen, die die Kirche in ihrem haupt- oder ehrenamtlichen Engagement tragen, in diesen Prozess einbringen. Die Pfarrerinnen und Pfarrer werden als Schlüsselberuf für unsere Kirche herausgestellt und gewürdigt. Für sie wird es darum gehen, unter den Bedingungen der Zukunft zusätzliche Kompetenzen zu erwerben und die vorhandenen Kompetenzen zu pflegen. Insofern wir von einem Beruf sprechen, ist es auch angemessen, von Parametern zu sprechen, die in das Berufsleben hineingehören, z. B. von Leistung und Erfolg.

Das dritte Kapitel profiliert das Handeln unserer Kirche in der Welt, in der Diakonie und in der Bewährung des Bildungsauftrages, der zweifellos zum Eigenen der Kirchen der Reformation gehört. Damit wollen wir einen Beitrag zur Humanisierung der Gesellschaft leisten, und das durchaus angesichts der in dieser Zeit feststellbaren Krisen in der gesellschaftlichen Entwicklung. Es geht auch hier wieder um Konzentration. Mir persönlich ist es sehr lieb, den Gedanken zu verfolgen, wie wir die zwölf bedeutendsten Lieder, Gebete und Bibelgeschichten profilieren und wirkmächtig machen können.

Ein viertes Kapitel handelt von der Selbstorganisation, wobei ich denke, dass besonders der Gedanke der Dienstleistungszentren einer näheren Diskussion würdig ist. Es geht um Effektivitätssteigerung und um die Vermeidung von Doppelarbeiten. Ich persönlich möchte sagen, dass der Impuls bezüglich der Zahl der Landeskirchen eine öffentliche Wahrnehmung gefunden hat, die vor dem Hintergrund des Gesamtkontextes des Papiers doch eher als überzogen erscheinen muss.

Zum Schluss eines, liebe Schwestern und Brüder: Es geht keinesfalls um eine punktuelle Aktivität, die Veröffentlichung eines Papiers. Wir freuen uns darüber, dass es selten zuvor eine solch hohe Nachfrage gegeben hat; das Kirchenamt hat inzwischen 25 000 Exemplare versandt. Es geht auch nicht um den zweiten Punkt, den Zukunftskongress in Wittenberg im Januar, sondern es geht um eine langfristige Dimension, zunächst mit Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 und dann auf das Jahr 2030.

Es wird darauf ankommen, dass wir den Prozess gemeinsam gestalten. Die Grundordnung der EKD weist der Synode die Aufgabe zu, dem inneren Wachstum der Kirche zu dienen. Das ist eine wunderbare Beschreibung. Gerade auf den Beitrag der Synode als einem Akteur im Reformprozess richten sich große Erwartungen. Wenn dem inneren Wachstum gedient wird, wird wohl auch das äußere Wachstum gelingen können.

Im Übrigen möchte ich noch dem Synodalen Schumacher sagen, dass die Begleitung im Gebet hilfreich war.



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