Texte zum Schwerpunktthema

5. Tagung der 10. Synode der EKD, Würzburg, 05. - 09. November 2006

Referat zum Schwerpunktthema "Gerechtigkeit erhöht ein Volk - Armut und Reichtum"

The Rt Revd David Walker, Bishop of Dudley

Kapital der Verlässlichkeit

Ein Beitrag zum Schwerpunktthema
„Gerechtigkeit erhöht ein Volk"
der 5. Tagung der 10. Synode der EKD am 6. November 2006


Einführung

Ich bin sehr dankbar dafür, heute hier bei Ihnen in Würzburg zu sein. In meiner Zeit als Bischof ist dies erst mein zweiter Besuch in Deutschland. Der erste liegt etwas mehr als vier Jahre zurück. Damals war ich Mitglied einer Delegation einer Gemeinde in Dudley, die die Auferstehungsgemeinde in Bremen besuchte. Durch diesen Besuch habe ich gelernt, dass wir, wenn wir die Erfahrungen der Kirchen in unseren beiden Ländern miteinander teilen, nicht nur einander besser verstehen, sondern auch unsere jeweils eigene Situation in einem neuen Licht sehen können. Es tut mir nur leid, dass heute, wie auch damals, meine Sprachkenntnisse nicht gut genug sind, um in Ihrer Spra-che zu Ihnen sprechen zu können.

Ich freue mich besonders, auf einer Synode bei Ihnen zu sein, die Fragen von Reichtum und Armut diskutiert. Dies war nicht nur in den 23 Jahren meines eigenen Dienstes als Pastor und Bischof ein bestimmendes Thema, sondern dies ist auch ein besonders günstiger Zeitpunkt darüber zu sprechen, da die Commission on Urban Life and Faith (Kommission für städtisches Leben und Glaubensfragen) der Generalsynode der Church of England in der ersten Hälfte dieses Jahres ihren Bericht erstattet hat. Die in ihrem Bericht Faithful Cities (in etwa zu übersetzen mit: 'Städte des Glaubens und der Verlässlichkeit') enthaltenen Empfehlungen liegen Ihnen (angeheftet an die deutsche Fassung dieses Beitrags) in Übersetzung vor. Absicht dieses Berichtes ist es, der Arbeit der Kirchen in England Orientierung zu geben, wenn sie sich in den kommenden Jahren mit Fragen von Reichtum und Armut in unseren Städten auseinandersetzen. Und obwohl die Verbindungslinien hierzu nicht ausdrücklich dargestellt sind, so sind wir uns doch bewusst, dass der Bericht vieles enthält, das auch auf Reichtum und Armut in ländlichen Gegenden zutrifft.

Der englische Kontext

Faithful Cities ist nicht der erste Bericht über dieses Thema, an dessen Erstellung sich die Church of England beteiligt hat. Der 1985 vorgelegte Bericht Faith in the City (Glaube in der Stadt) hatte erheblichen Einfluss – bis dahin, dass er von einem Mitglied des Kabinetts von Frau Thatcher verurteilt wurde. In der damaligen Zeit litt England unter sehr hoher Arbeitslosigkeit. Wichtige Industriezweige wie Kohlebergbau und Stahlproduktion waren innerhalb weniger Jahre zusammengebrochen. Die Beschäftigungsaussichten, insbesondere für junge Männer, die im Norden Eng-lands die Schule abschlossen, waren sehr eingeschränkt. Große Teile des Bestandes an Sozialwohnungen waren vernachlässigt oder baufällig. Die Philosophie der Regierung war, Reichtum zu schaffen, der zu gegebener Zeit dann auch zu den Armen durchsickern würde. Es gab sehr wenige Belege, die diese Überzeugung hätten stützen können. Europäische Gelder, mit denen einige dieser Probleme hätten angegangen werden können, fingen gerade erst an in das Land zu fließen. Kirchengemeinden, darunter auch die, in der ich Dienst tat, waren oft führend in der Gründung von Projekten, um arbeitslose Erwachsene und Jugendliche umzuschulen.

Heute, 21 Jahre später, ist die Lage deutlich anders. Im Vergleich zum größten Teil Europas ist die Arbeitslosigkeit in England ziemlich niedrig. Die positive Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sogar noch viele Arbeitskräfte aus den neuen Mitgliedsstaaten angezogen, die in unserem Land arbeiten wollen. Sie übernehmen Arbeiten, die Einheimische nicht erledigen wollen: z.B. in der Landwirtschaft, im Hotel- und Gaststättengewerbe und in der Lebensmittelindustrie. Eine erhebliche Erneuerung der städtischen Infrastruktur und des Wohnumfeldes hat stattgefunden. Der Anteil der Menschen, die Eigentümer des Hauses sind, in dem sie wohnen, ist Jahr für Jahr kontinuierlich gewachsen. Und obwohl es seitens der Kirchen vielerlei Kritik an der Regierung von Tony Blair gibt, würden die meisten von uns zugestehen, dass tatsächliche und effektive politische Veränderungen stattgefunden haben, um den Anteil der schlimmsten Armut in der Bevölkerung zu verringern. Dennoch - die Kluft zwischen den Ärmsten und dem Rest der Gesellschaft hat sich weiter vergrößert. Und die schnell zunehmende ethnische und kulturelle Vielfalt unserer städtischen Gebiete hat zu Argwohn und Misstrauen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften geführt. Der Bericht der Commission on Urban Life and Faith versucht, auf diese derzeitigen Umstände zu reagieren.

In gutem Glauben

Der Bericht Faithful Cities beginnt mit drei 'Glaubensüberzeugungen':

  • Gott ist die Quelle allen Lebens und der Eine, aus dem die ganze Schöpfung ihren Sinn und ihre Eigenart bezieht.
  • Menschsein bedeutet, dass wir alle 'zum Bilde und Ebenbilde Gottes' geschaffen sind und dass deshalb jede und jeder von uns eine angeborene und nicht reduzierbare Würde hat.
  • Unsere Tradition ruft uns in die Beziehung mit Gott, weil der Sinn und Zweck des Menschen sich in Gegenseitigkeit, Liebe und Gerechtigkeit erfüllt.

Dem werden vier moralische Regeln hinzugefügt:

  • Persönliche und gemeinschaftliche Transformation,
  • Nächstenliebe,
  • Sorge für 'den Fremden',
  • Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit.

Faithful Capital

Nichts von dem, was ich gerade gesagt habe, ist besonders neu oder ungewöhnlich. Der Schlüssel zum Verständnis des Berichts und des Ansatzes, wie die Kirchen auf moderne Städte reagieren wollen, liegt allerdings im Konzept des Faithful Capital. Den englischen Kirchen ist der von dem Amerikaner Robert Putnam in seinem Aufsatz(1) 'Bowling Alone' ('Allein kegeln') geprägte Begriff des Sozialkapitals (social capital) heute sehr vertraut. Nach Putnams Begrifflichkeit müssten sich die Kirchen als Reservoirs sehen, die Kapital zusammenschweißen, verknüpfen oder durch Brückenschlag verbinden. Neben der Sprache Putnams haben die Kirchen einige weitere Begriffe entwickelt. Spirituelles Kapital beschreibt die Ressource, die einem Gemeinwesen durch die in ihr vorhandenen betenden, auf Gott hin ausgerichteten und engagierten Gläubigen und religiösen Gemeinschaften hinzugefügt wird. Religiöses Kapital bezieht sich auf den Beitrag, den religiöse Körperschaften als Institutionen mit Gebäuden, Aktivitäten und zentralen Persönlichkeiten zu einem Ort leisten. Diese Begriffe wurden von der Joseph Rowntree Foundation(2) entwickelt(3). Zwar finden manche Theologen auf der linken Seite des politischen Spektrums die Verwendung des Wortes 'Kapital' in so vielen verschiedenen Formen gefährlich, für die meisten allerdings hat sich diese Wortwahl als nützlich erwiesen.

Faithful Cities fügt dieser Begriffssammlung den Ausdruck Faithful Capital hinzu. Die Engländer verwenden gern Wörter, die eine weite Spanne von Bedeutungen und Konnotationen mit sich bringen. Und an dieser Stelle tut es mir besonders leid, dass meine Rede für Sie übersetzt werden musste. Auf Englisch beschreibt das Wort 'faithful' zunächst eine Person, die voll des Glaubens ist. Entsprechend steht der Ausdruck Faithful Capital für den Beitrag zu unseren Gemeinwesen, den Männer und Frauen leisten, die voll des Glaubens sind und in diesen Gemeinwesen leben und ihren Glauben praktizieren. In dieser Hinsicht ist er dem Begriff des religiösen Kapitals sehr nahe.

Doch im Englischen wird das Wort 'faithful' für gewöhnlich im Sinne von loyal, verlässlich, 'jemand, der auch unter Druck nicht aufgibt' und 'jemand, auf den wir zählen können' verwendet. Und speziell mit dieser Bedeutung verwendet auch der Bericht diesen Ausdruck. Die kirchlichen Gemeinschaften in unseren städtischen Gebieten sind faithful (verlässlich), weil sie vor Ort bleiben und weiterhin jahrein jahraus den Menschen dienen. Unsere ärmsten Gemeinwesen sind von einem hohen Maß an Kurzlebigkeit gekennzeichnet: Der durchschnittliche Verbleib eines Bewohners in einem bestimmten Haus liegt oftmals bei gerade einmal achtzehn Monaten. Die Kirchen geben diese Gemeinwesen nicht auf. Wir bleiben dort und beten und tun in ihnen unseren Dienst. Man kennt uns, wir sind respektiert und werden oft als die Stimme der Gemeinschaft angesehen. Unsere Pfarrer leben mitten in diesen Gemeinwesen. Unsere Kirchengemeinderäte bestehen aus ihren Bewohnern. Wir hören nicht auf, unsere Gebäude und Projekte weiterzuentwickeln oder umzubauen, um mit ihnen zu arbeiten.

Der Bericht vertritt den Standpunkt, dass dieses Kapital zu den wichtigsten Beiträgen gehört, die die Kirche (und gelegentlich auch einige andere religiöse Gemeinschaften) bereitstellen. Religiöse Gemeinschaften sind nicht nur physisch anwesend, sondern sind aktiv, pflichtbewusst und manchmal leidenschaftlich engagiert. Sie sorgen sich um die, die am meisten Fürsorge brauchen und die die Gesellschaft manchmal völlig vergessen hat, und treten für sie ein. Aus der Sicht der Regierung kann dies sowohl eine wertvolle Ressource als auch eine Quelle der Irritation sein. Kirchliche Gemeinschaften bieten Wege zu größerem Zusammenhalt des Gemeinwesens und zur Erneuerung von Stadtteilen und Nachbarschaften. Doch andererseits können ihre unverwechselbare und den Konflikt nicht scheuende Sprache des Glaubens, ihre Werte, die die Regierungspolitik eher herausfordern, als sie zu unterstützen, und ihre Arbeitsweise, die sich mit den zeitlich begrenzten, ergebnisorientierten Regierungsprogrammen nicht so leicht verknüpfen lässt, eine große Herausforderung darstellen.

Die Anwendung unserer Theologie

Die gängige Meinung in der britischen Gesellschaft spricht lautstark von der Notwendigkeit der 'Toleranz'. Die Traditionen des Glaubens, die in den von mir dargelegten theologischen Konzepten enthalten sind, gehen über diese ziemlich passive und paternalistische Auffassung hinaus und ersetzen sie durch das sehr viel stärkere Konzept der Gastfreundschaft. Gastfreundschaft bietet die Möglichkeit, über die Grenzen der Vielfalt hinweg zu teilen, und bringt uns dazu, Unterschiede nicht lediglich anzuerkennen, sondern sie positiv zu erleben.

Viele Jahre lang konzentrierte sich die Diskussion über die Lebensqualität in Großbritannien fast ausschließlich auf wirtschaftliche Aspekte. Die Kirchen wurden dabei oft marginalisiert, weil große Teile unserer Arbeit von Freiwilligen geleistet werden und daher nicht so einfach in ökonomischen Größen messbar sind. Die neue Labour-Regierung hat hier seit 1997 für eine Erweiterung gesorgt, indem zunächst das Konzept der sozialen Ausgrenzung aufgegriffen und dann Politikansätze verfolgt wurden, die zur Herstellung sozialer Inklusion als geeignet galten. Diese sollen Menschen, die durch Armut, Krankheit, Behinderung, ethnische oder andere Gründe marginalisiert wurden, wieder in den Mainstream der Gesellschaft zurückbringen. Durch den Bericht Faithful Cities stehen die Kirchen jetzt an vorderster Stelle wenn es darum geht, diese Debatte noch einmal auszuweiten. Wir fragen etwa nach dem, was Wohlergehen und Glück sowohl für die einzelnen als auch für Gemeinschaften fördert. Eine ermutigende Anzahl von Politikern stoßen in dieser Debatte zu uns. Der Bericht hebt als zentrale Faktoren insbesondere hervor:

  • erfüllte und sichere Beziehungen im persönlichen Leben,
  • Beziehungen, die sich über das Persönliche hinaus ausbreiten, um gutes Gemeinschaftsleben und gute Gemeinschaftsbeziehungen zu schaffen,
  • Gesundheit, vor allem mentale Gesundheit,
  • Freiheit, einschließlich des Spielraums, an Entscheidungen teilzuhaben, die das eigene Leben betreffen,
  • eine Lebensphilosophie, einen Glauben oder eine Weltanschauung, die eine Hingabe an etwas jenseits des Strebens nach eigenen Interessen umfassen.

Allgemeiner gesprochen stellen wir einfach immer wieder die Frage, warum, obwohl unser Land reicher wird, seine Menschen nicht glücklicher werden.

(Stadtteil-)Erneuerung

Der Bericht stellt fest, dass die Kirchen in England trotz mehr als zwanzigjähriger Erfahrung bei der Beteiligung an Stadterneuerungsaktivitäten nicht so erfolgreich waren, wie es unseren Wünschen nach einem unverwechselbaren und effektiven Beitrag entsprochen hätte. Zu oft haben wir zugelassen, vom neusten Angebot an staatlichen Geldern kooptiert zu werden. Wir haben uns an von oben gesteuerten Konsultationen beteiligt, bei denen die Versprechen, dass die örtliche Bevölkerung echten Einfluss und Macht haben würde, wiederholt gebrochen wurden. Insbesondere in fragilen Gemeinschaften in den Stadtzentren wurden die Möglichkeiten unserer Leute in ungleichen Partnerschaftsprogrammen mit staatlichen Stellen über die Maßen belastet. Und allzu oft führte die Erneuerung eines Viertels zur Verdrängung der ursprünglichen Bewohner durch solche, die weniger bedürftig sind. Faithfulness erfordert eine kritische und keine lammfromme Partnerschaft mit den Stadterneuerungs- und Entwicklungsagenturen, wer immer sie auch sein mögen. Nichtsdestotrotz stehen wir weiterhin zu unserem erklärten Ziel, dass Armut der Geschichte angehören soll. Bei dieser Mission arbeiten wir gern Hand in Hand mit allen, die diese Ziele teilen.

Deshalb ruft Faithful Cities die Church of England und andere Denominationen dazu auf, mit wilder Entschlossenheit in den städtischen Gemeinschaften unseres Landes zu bleiben und zu ihrem Gedeihen beizutragen. Wir wollen eine breite und offene Debatte darüber, was eine gute Stadt ausmacht und was wirklich umfassendes Wohlergehen ihrer Bürgerinnen und Bürger fördert. Wir wollen die Sprache der Erneuerung, der Regeneration und der Wiedergeburt zurückgewinnen – gegenwärtig werden diese Begriffe häufiger in säkularen als in religiösen Gesprächen verwendet. Wir sind gerufen, Leben und Glauben in unseren städtischen Gemeinschaften zu feiern, und verpflichten uns, Gerechtigkeit für alle einzufordern. Wir sind Menschen mit einer Vision.


Schlussbemerkungen

Sie haben die Empfehlungen des Berichts gesehen. Ich möchte in diesem Vortrag nicht weiter auf sie eingehen. Zum einen, weil wir nur eingeschränkt Zeit zur Verfügung haben, vor allem aber, weil Faithful Cities nicht aufgrund seiner Empfehlungen beurteilt werden möchte. Sie sind Beispiele für die praktische Ausarbeitung der dargelegten Prinzipien. Dies ist kein Bericht, in dem die Empfehlungen zuerst feststanden und dann der Inhalt so verfasst wurde, dass er zu ihnen passt. Das gilt umso mehr, wenn wir unsere Gedanken außerhalb unseres eigenen Landes verbreiten. Die allgemeinen Prinzipien und Erfahrungen sind das Entscheidende.

Enden möchte ich mit einigen Überlegungen zu den verbleibenden Schwächen unseres Denkens in England. Und insbesondere auch zu Bereichen, bei ich der Überzeugung bin, dass Sie hier in Deutschland uns vieles zu bieten haben. Ich bin beeindruckt von der Art und Weise, in der Sie verschiedene Begriffe der Gerechtigkeit entwickelt haben. Vielleicht sagt es etwas über die jeweiligen politischen Orthodoxien in unseren beiden Nationen, dass Sie verdeutlichende Begriffe für Gerechtigkeit entwickelt haben wie Einkommensgerechtigkeit, Chancengerechtigkeit, Tauschgerechtigkeit und, vor allem anderen, Beteiligungsgerechtigkeit - während wir den Amerikanern gefolgt sind und mit dem Begriff Kapital arbeiten.

Ich denke, dass Ihre Arbeit auch zeigt, dass wir in Großbritannien zu individualistisch sind. Das Konzept der Solidarität, das in Ihren Schriften so deutlich zum Ausdruck kommt, ist in der unseren kaum erkennbar. Bestenfalls ist es noch implizit enthalten. Auch wurden wir von der politischen Orthodoxie niedriger Besteuerung, insbesondere niedriger Einkommensbesteuerung, zermürbt. Wir stellen ein Steuersystem, in dem die höchsten Steuersätze von den Ärmsten bezahlt werden, nicht ausreichend infrage. Und schließlich könnten wir manches von Ihren diakonischen Einrichtungen lernen, weil unser eigenes System so anders ist.

Es wird häufig gesagt, dass Briten und Amerikaner zwei Nationen seien, die von einer gemeinsamen Sprache getrennt werden. Ich bin der Überzeugung, dass es in Europa gerade die Unterschiede in der Sprache und die Notwendigkeit des Übersetzens sind, die uns helfen, genauer auf unsere jeweiligen Schilderungen zu hören und zu erkennen, was wir gemeinsam haben und was unverwechselbar ist. Und indem wir dies tun, gewinnen wir auch ein besseres Verständnis unserer eigenen Umstände. Ich hoffe, dass unsere Begegnung heute ein kleiner Beitrag in dieser Richtung ist. Noch einmal herzlichen Dank, dass Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, bei Ihnen zu sein.

[Übersetzung: Matthias Zeeb, SI der EKD, Oktober 2006]


Fußnoten:

(1)  Robert D. Putnam: Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community; London: Simon & Schuster, 2000.

(2) Anm. d. Übs.: eine 1904 von dem Quäker und erfolgreichen Schokoladenfabrikanten Joseph Rowntree gegründete Stiftung, die heute vor allem Forschung über verschiedene soziale Problemlagen sowie zukunftsweisende Pilotprojekte unterstützt.

(3) Faith as Social Capital.  Connecting or dividing? Sheffield Hallam University 2006,   ISBN  10 1 86134 837 1. Policy Press.



Anhang zum Beitrag von Bischof David Walker

Im Jahr 2006 veröffentlichte The Commission on Urban Life and Faith der Church of England ihren report

Faithful Cities - A call for celebration, vision and justice


Der Bericht endet auf S. 89-91 mit den folgenden
Empfehlungen

Unsere Kommission für städtisches Leben und Glaubensfragen (Commission on Urban Life and Faith) hat ihre Empfehlungen hier zur erleichterten Bezugnahme zusammengefasst. Sie wurden aus den im ausführlichen Bericht dargelegten Argumenten entwickelt.
Der Bericht wurde von der Church of England in Auftrag gegeben. Deshalb wenden sich einige der Empfehlungen direkt an diese Institution und ihre Mitglieder. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass sie auch für andere verantwortliche Organe innerhalb von Kirchen und Glaubensgemeinschaften von Bedeutung sind.
Wir richten Empfehlungen an die Regierung und andere Stellen, wobei es uns verschiedentlich nicht möglich war, die jeweils geeignetste Institution zu benennen. Wir legen unsere Beobachtungen dar, und um des Wohlergehens unserer Städte willen sollten sie aufgegriffen werden.


Faithful capital(1)

(1) Die Church of England muss gemeinsam mit ihren ökumenischen Partnern eine planmäßige, kontinuierliche und substanzielle Präsenz in unseren städtischen Gebieten aufrechterhalten.

Das bedeutet:

(1) In Bezug auf Gebäude müssen die örtlichen Führungskräfte in die Lage versetzt werden, vor Ort tragfähige Strukturen zu schaffen, in denen entschieden werden kann, wie die besten Gebäude für gottesdienstliche und Nachbarschaftszwecke ausgewählt, erworben und ausgestattet werden.

(2) Wir empfehlen die Verwendung des Community Value Toolkit(2) als ein Mittel, um Entscheidungen über die Verfügbarkeit und den Einsatz personeller Ressourcen zu treffen.

(3) Staatliche Stellen sollten 'leicht zugängliche' Zuschüsse bereitstellen, um die Heizkosten von Gebäuden, die für Nachbarschaftszwecke genutzt werden, zu subventionieren. Dabei sollten erneuerbare Energiequellen zum Einsatz kommen.

(4) Die Rückerstattung der Mehrwertsteuer sollte über die denkmalgeschützten Gebäude hinaus ausgedehnt werden und auch für Gebäude gelten, die in armen Stadtvierteln liegen, für die Stadtteilerneuerungsprogramme laufen.

(5) Die Kirchen müssen bei der Wertschätzung unseres öffentlichen Raumes und der natürlichen Umwelt unserer städtischen Gebiete eine Führungsrolle einnehmen.

(2) Führungskräfte aller Arbeitsbereiche müssen die Möglichkeit haben, mit städtischer und kontextueller Theologie und Praxis in Kontakt zu kommen.

Das bedeutet:

(1) Sowohl für Laien als auch für Ordinierte sollten Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung für den kirchlichen Dienst in der Stadt (city ministry) integraler Bestandteil der formellen kirchlichen Ausbildung und Zulassung sein. Diese sollte, wo immer möglich, ökumenisch erfolgen.

(2) Wir empfehlen die von der United Reformed Church eingerichtete Church Related Community Worker-Initiative(3) und bitten darum, dass sie ausgedehnt wird, so dass die Ausbildungseinheiten auch den Gemeinwesenarbeitern anderer Denominationen und Glaubensgemeinschaften zur Verfügung stehen.

(3) Bei der Anstellung, Ausbildung und kontinuierlichen Weiterentwicklung von Führungskräften, seien es Laien oder Ordinierte, sollte deren Kompetenz zur Befähigung anderer im Vordergrund stehen. Besonders wichtig ist es hierbei, zur Zusammenarbeit mit anderen im öffentlichen Leben zu ermutigen.

(4) Kirchen und Glaubensgemeinschaften sollten gemeinsam ein Forum für Stadtpolitik einrichten, um Themen, die mit städtischem Leben und Glaubensfragen verbunden sind, zu verfolgen und anzusprechen.

(5) Wir begrüßen die Regierungsinitiative zur Einrichtung einer Akademie für nachhaltige Nachbarschaften (Academy for Sustainable Communities) und bitten darum, dass der Beitrag der Religionen in die Überlegungen mit einbezogen wird.


Wohlstand und Armut

(3) Um das Gedeihen einer gerechten und fairen Gesellschaft zu erreichen, muss die Kluft zwischen denen, die in Armut leben, und den extrem Wohlhabenden verringert werden.

Das bedeutet:

(1) Die Regierung wird gebeten, die Auswirkungen der Einführung eines living wage(4) anstelle des Mindestlohnes zu bedenken.

(2) Die Regierung sollte die Kriterien, die sie für die Messung wirtschaftlichen Erfolges anwendet, um den von der New Economics Foundation(5) entwickelten 'Maßstab des inländischen Fortschritts' (Measure of Domestic Progress)(6)  erweitern.

(3) Wir empfehlen Initiativen, von Armut betroffene Menschen in die Lösung der Probleme in ihren Nachbarschaften mit einbeziehen. Wir empfehlen Pilotprojekte wie das Participatory Budgeting(7) und die Sustainable Livelihoods(8)  Programme.

(4) Zwar muss der Staat mehr tun, um die Ungleichheiten anzugehen, doch auch die Kirchen haben die Pflicht, die gedankenlose Anhäufung von Wohlstand zu hinterfragen, die auf globaler und lokaler Ebene die Bedürfnisse der Armen ignoriert. Kirchen dürfen nicht davor zurückschrecken, einem selbstsüchtigen Lebensstil unter ihren Mitgliedern oder in der weiteren Bevölkerung entgegen zu treten.


Gleichheit in Verschiedenheit

(4) Sozialer Zusammenhalt hängt von der Fähigkeit der Menschen ab, in Harmonie zu leben. Insbesondere religiöse Gruppen müssen Rassismus, Faschismus und religiöse In-toleranz auf allen Ebenen der Gesellschaft bekämpfen.

Das bedeutet:

(1) Kirchen und religiöse Gruppen müssen gütige Gastfreundschaft zeigen, indem sie Isoliertes in Gemeinschaft bringen, über Spaltungen Brücken schlagen und Fernstehendes verknüpfen (through bonding, bridging and linking).

(2) Ein grundlegender Aspekt des Engagements in der heutigen Gesellschaft ist die Entwicklung von Netzwerken zwischen Glaubensgemeinschaften und säkularen Gemeinschaften. Beispiele guter Praxis sollten identifiziert und als Lernanstoß verbreitet werden.

(3) Die Entwicklung von Organisationen wie dem Interreligiösen Netzwerk (Interfaith Network), dem Rat für Christen und Juden (Council for Christians and Jews) und dem Forum Christen/Muslime (Christian/Muslim Forum) sollte finanziell unterstützt und ihre Einsichten sowohl von den religiösen Gruppen als auch von Regierungsstellen genutzt werden.

(4) Wir empfehlen selbstorganisierte Gemeinwesenarbeit und Gemeinwesenentwicklung (Community Organizing und Community Development) als Wege, um örtliche Bedürfnisse und Fragen der Gerechtigkeit anzugehen und gemeinsames Handeln anzuregen.

(5) Die Regierung muss die öffentliche Meinungsbildung in Sachen Einwanderung und Flüchtlings- bzw. Asylpolitik anleiten, statt von ihr getrieben zu werden. Insbesondere Asylbewerbern sollte gestattet werden, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen und durch bezahlte Arbeit ihren Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Es ist unannehmbar, Not und Entbehrung im Umgang mit 'abgelehnten' Asylbewerbern als Zwangsmittel einzusetzen.


Partnerschaft

(6) In partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Glaubensgemeinschaften und öffentlichen Stellen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene muss es größere Klarheit über die jeweiligen Erwartungen geben.

Das bedeutet:

(1) Staatliche Stellen und Glaubensgemeinschaften sollten eine umfassende Überprüfung der partnerschaftlichen Beziehungen mit Beteiligung von Glaubensgemeinschaften durchführen, um zu einer besseren und konsistenteren Praxis zu kommen.

(2) Kirchen und Glaubensgemeinschaften sollten sicherstellen, dass es in ihren Gebieten regionale Vorkehrungen gibt, um Partnerschaftsmaßnahmen zu veröffentlichen, zu pflegen und zu verfolgen und staatliche Unterstützung zu bekommen.

(3) Partnerschaftsvereinbarungen sollten die langfristigen Folgen kurzfristiger finanzieller Regelungen und die Deckung von Betriebskosten einschließen. Staatliche Stellen auf allen Ebenen müssen berücksichtigen, welche Belastung und Störung kleinen Freiwilligen- und Gemeinwesenorganisationen zugefügt werden, wenn sie sich ständig mit der Sicherstellung der Finanzierung befassen müssen.


Junge Menschen

(7) Staat und Glaubensgemeinschaften müssen die nicht-formelle Bildung junger Men-schen neu überdenken.

Das bedeutet:

(1) Der gesetzlich festgeschriebene Status des Dienstes für die Jugend (Youth Service) muss wiederhergestellt und durch die Kommunen ausreichend finanziert werden.

(2) Jugendarbeitern muss der key worker status(9)  zuerkannt werden, so dass sie auch in städtischen Gebieten eingestellt und dauerhaft gehalten werden können.

(3) Das spirituelle Wohlbefinden muss zentraler Bestandteil der Youth Matters (10)Strategie und ihrer Umsetzung sein.

(4) Räte für Glaubensfragen von Jugendlichen sollten entwickelt und entsprechend ausgestattet werden, um Respekt aufzubauen und zur zivilgesellschaftlichen Betei-ligung zu ermutigen.


(8) Wir empfehlen eine Überprüfung der Rolle und der Wirkungen konfessioneller Schulen auf den sozialen und nachbarschaftlichen Zusammenhalt in städtischen Zu-sammenhängen.


Church Urban Fund(11)

(9) Der Church Urban Fund ist eine lebenswichtige Ressource für das Engagement der Kirchen in städtischen Lebensbezügen. Die Church of England sollte ihn auch weiterhin unterstützen.

(10) Andere Denominationen, die Gelder zur Unterstützung von Gemeinwesenarbeit zur Verfügung haben, werden gebeten, ernsthaft zu erwägen, ob sie nicht mit dem Church Urban Fund partnerschaftlich zusammenarbeiten sollten, anstatt separate Strukturen aufrechtzuerhalten.


Was macht eine gute Stadt aus?

(11) Die Führungskräfte der Kirchen werden gebeten, im Lichte dieses Berichtes umfas-sende nationale Debatten über die Frage anzuregen, was eine gute Stadt ausmacht.

Übersetzung Matthias Zeeb [SI der EKD, Oktober 2006]


Fußnoten:

(1) Anm. d. Übs.: In Anlehnung an das Konzept des Sozialkapitals vertritt der Bericht die These, dass Kirchenge-meinden, Glaubensgemeinschaften und ihre Mitglieder – im Sinne eines Kapitals verlässlicher Präsenz – durch ihre Beiträge zur Gestaltung und Entwicklung ihrer städtischen Nachbarschaften eine besondere Ressource sozi-aler Gemeinwesenentwicklung darstellen.

(2) Anm. d. Übs.: ein Verfahren, nach dem Kirchengemeinden den Wert ihrer Beiträge zu ihrem Stadtviertel bestimmen können.

(3) Anm. d. Übs.: ein Ausbildungszweig für kirchliche Gemeinwesenarbeiter, der mit einer Ordination abschließt.

(4) Anm. d. Übs.: Gemeint ist ein Lohn, von dem sich in Würde leben lässt.

(5) Anm. d. Übs.: eine Forschungs- und Lobbyinstitution, die aus dem alternativen Milieu hervorgegangen ist und sich für eine soziale und ökologische Neuorientierung des derzeitigen Wirtschaftssystems einsetzt.

(6) Anm. d. Übs.: eine Messmethode, die die Entwicklung des Sozialprodukts um soziale und ökologische Aspekte korrigiert.

(7) Anm. d. Übs.: eine Methode, nach der über die Verwendung öffentlicher Gelder durch die Teilnahme eines breiten Spektrums von betroffenen Personen mit entschieden wird. In Deutschland auch unter dem Begriff 'Bürgerhaushalt' bekannt.

(8) Anm. d. Übs.: ein Begriff aus der neueren Theorie und Praxis der Entwicklungszusammenarbeit. Gemeint sind Programme, die arme und benachteiligte Personen und Bevölkerungsgruppen dabei unterstützen, mit ihren vorhandenen Fähigkeiten und materiellen wie immateriellen Ressourcen nachhaltige und krisenresistente Quellen des Lebensunterhalts aufzubauen.

(9) Anm. d. Übs.: Key Workers (öffentliche Bedienstete mit zentraler Bedeutung) können in den britischen Bal-lungszentren mit ihren hohen Lebenshaltungskosten an speziellen Unterstützungsprogrammen teilnehmen und haben z.B. Anspruch auf verbilligte Hypothekendarlehen.

(10) Anm. d. Übs.: Wortspiel; bedeutet zugleich 'Jugendangelegenheiten' wie auch 'Jugend ist von Bedeutung'.

(11) Anm. d. Übs.: ein seit zwanzig Jahren bestehender Fonds der Church of England, mit dem Graswurzelprojekte in den ärmsten Stadtregionen Englands unterstützt werden.



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