Grußworte (Auswahl)

5. Tagung der 10. Synode der EKD, Würzburg, 5. - 9. November 2006

Grußwort der Stadt Würzburg

Dr. Pia Beckmann, Oberbürgermeisterin der Stadt Würzburg

05. November 2006

Dr. Pia Beckmann, Oberbürgermeisterin der Stadt Würzburg

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Ratspräsident Bischof Dr. Huber,
sehr geehrter Herr Landesbischof Dr. Friedrich,
sehr verehrte Frau Präses Rinke,
werte Damen und Herren Synodalen,
sehr geehrte Gäste der Synode,
meine Damen und Herren!

Herzlich willkommen in Würzburg!
Es ist für uns eine Auszeichnung, dass die  Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland Würzburg als Ihren Tagungsort ausgewählt hat. Wir wollen alles tun, dass Sie sich hier wohl fühlen und gute und fruchtbare Arbeit leisten können.

Sie haben sich eine alte Stadt zum Tagen ausgesucht. Wir sind zwar nicht ganz so alt wie Athen und Rom, aber immerhin deutlich älter als München und Berlin. 2004 konnten wir unseren 1300. Geburtstag feiern.

Das Christentum hat die 1300-jährige Geschichte unserer Stadt von Anfang an entscheidend geprägt. Doch erst der Übergang des Fürstbistums an Bayern im Jahr 1802 brachte den etwa 200 evangelischen Christen, die hier in Würzburg lebten, die Konfessionsfreiheit. Das 1803 von Kurfürst Max Joseph erlassene Toleranzedikt ist gewissermaßen die Geburtsurkunde der evangelischen Gemeinde in Würzburg. Seitdem hat die evangelische Kirche das Leben in unserer Stadt wesentlich mitgestaltet.

Das Wirken der beiden großen christlichen Kirchen ist bis heute ein zentrales Element der Identität Würzburgs. Die Kirchen nehmen den Menschen in den Mittelpunkt. Kinder, Jugendliche, Familien, Alleinerziehende, Suchtkranke- und -gefährdete, Schuldner, Gefangene, Langzeitarbeitslose, Wohnungslose und viele andere mehr stehen unter der besonderen Fürsorge der Kirchen. Kultur- und Bildungsarbeit sind nur ein weiterer Beitrag, der geleistet wird. Ohne die Kirchen wäre unser Würzburg nicht Würzburg!

Über 200 Jahre evangelisches Gemeindeleben haben in Würzburg etwas bewegt, aber auch über die Grenzen unserer Stadt hinaus Frucht gebracht:

So war das "Würzburger Evangelische Gemeindeblatt", das 1891 von Dekan Hermann Beck gegründet wurde, richtungsweisend für viele Gemeindeblätter in Bayern. Und mit dem Rudolf-Alexander-Schröder-Haus schuf Dekan Wilhelm Schwinn nach dem Krieg das erste städtische Bildungszentrum in der bayerischen Landeskirche.

Mit seinen vielfältigen Aktivitäten gibt das evangelische Bildungszentrum der gesellschaftlichen Diskussion in Würzburg immer wieder wichtige Impulse. Die international renommierten Bachtage und der angesehene Philharmonische Chor der Stephanskirche stehen für den herausragenden Beitrag der evangelischen Kirchenmusik zum kulturellen Leben in unserer Stadt.

Die Menschen erwarten von den Kirchen aber noch mehr.
Viele Menschen reagieren heute auf den rasanten Wandel in allen Lebensbereichen mit einem Gefühl der Verunsicherung und der Bedrohung.  Sie flüchten sich in Traumwelten und begeben sich in Abhängigkeiten, von denen sie nicht mehr los kommen, geraten in Armut und Not. Viele können ihr Leben nicht mehr selbst bewältigen.

Die Kirche hat das Rezept, den Menschen in unserer Stadt und überall in Deutschland dabei zu helfen, Wert- und Sinnhaftigkeit zu erfahren, weil sie die Kraft bringende Botschaft Jesus Christi besitzt. Sie kann tragfähige Antworten über den Tod hinaus und in besonderer Weise Halt und Orientierung geben. Und das, meine Damen und Herren, braucht unsere Gesellschaft ganz dringend.

Ihr Kern-Thema in diesem Jahr ist „Gerechtigkeit erhöht ein Volk - Armut und Reichtum“.
Wie funktioniert Gerechtigkeit, wenn die Mittel knapp werden? Knappe Mittel kennen wir bei der Stadt genauso wie Sie bei der Kirche. Was kann man tun, trotz des Mangels, um Gerechtigkeit walten zu lassen?

Nur den Mangel bewältigen, wäre relativ einfach: Man könnte schauen, was sind die kostenintensivsten Bereiche, und diese dann abbauen. Was aber käme dabei alles unter die Räder? Entwurzelte Kinder und Jugendliche, psychisch kranke Menschen, Alte und Pflegebedürftige, Menschen mit schwerster Mehrfachbehinderung, Nicht Sesshafte, Arbeitslose….
Kann es das sein?

Nein, das Gegenteil ist gefordert: Wir müssen Inventur machen, überprüfen:
Was haben wir? Was ist heute nicht mehr so wichtig? Worauf kann man verzichten? Was brauchen wir unbedingt? Wie finanzieren wir das?
Mit einer solchen Generalinventur führt der vermeintliche Mangel zu einer neuen Chance. Wir haben die Möglichkeit, die Notwendigkeiten unserer Zeit neu zu buchstabieren.

Ein Paradebeispiel dafür ist die Christophorus-Gesellschaft in Würzburg:
Die vorhandene Doppelstruktur bei Aufgaben der evangelischen und katholischen Kirche wurde abgeschafft und mündete in die Gründung einer neuen Gesellschaft. Damit hat man einerseits auf die Finanznot reagiert, andererseits die für die Menschen in Stadt und Land notwendigen Aufgaben bewahrt: der Mensch blieb im Mittelpunkt der Betrachtung.
Davon zeugen die niederschwelligen Angebote für Menschen in Not, Obdachlosenhilfe, Bahnhofsmission oder auch die Wärmestube.
So war die Gründung der Christophorus-Gesellschaft, wie vieles andere, was gerade auch die evangelische Kirche anbietet, um mit den Worten von Johann Hinrich Wichern zu sprechen, ein „Bekenntnis des Glaubens durch die Tat der helfenden Liebe“; und dies ist - insbesondere in einer Zeit des Materialismus und der sozialen Kälte in unserem Land - notwendiger denn je.

Danke dafür! Und: Bitte machen Sie weiter so!

Lassen Sie mich zum Schluss bitte noch zwei Wünsche äußern.
Als Christin wünsche ich der evangelischen Kirche, ebenso wie meiner katholischen Kirche, dass das, was sie zu sagen hat, auch in Zukunft klar, unverwechselbar und einmütig ist – und sie mit ihrer frohen Botschaft viele Menschen erreicht.

Als Oberbürgermeisterin erhoffe ich mir zudem von unseren Kirchen, deutliche Botschaften zum Miteinander in unserer Gesellschaft, zum Wertekonsens und zu den großen Fragen der Zeit. Wenn der Nobelpreisträger für Medizin des Jahres 2000 die Forderung in den Raum stellte, „die Schaffung des Menschen in Zukunft Gott nicht mehr allein zu überlassen", dann zeigt das nur, wie sehr die Kirchen auf den Plan gerufen sind.

Unsere Staaten und Gesellschaften mögen sich weiter säkularisieren. Die Bedeutung der Religion für die Menschen, für das Zusammenleben der Menschen, wird damit nicht geringer, sondern wichtiger.

Ich wünsche Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren für Ihre Synode viel Erfolg und für die Beratungen und Ergebnisse Gottes reichen Segen, - und dass Sie sich in Würzburg so wohl fühlen, dass Sie gerne einmal wiederkommen!
Schön, dass Sie da sind!

 



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