Bericht des Rates der EKD, Teil A (mündlich), Kirche im Aufbruch - Dem Evangelium treu, den Menschen nah, Gottes Verheißung zugewandt
7. Tagung der 10. Synode der EKD, Bremen, 02. - 05. November 2008
III. „Lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“
(11) Dass ich an diese Aufforderung des Apostels Paulus (Galater 6,10) erinnere, hat bedrückende aktuelle Gründe. Es gibt Regionen der Welt, in denen Menschen Leib und Leben riskieren, wenn sie sich zum christlichen Glauben bekennen. Ich denke hier insbesondere an die Situation der Christen im Irak; ich denke freilich ebenso an die Lage von Christen im Iran, im Nordosten Indiens, in China und in anderen Ländern. Dabei beziehe ich andere religiöse Minderheiten in meine Sorgen ein; doch zugleich kann ich die Augen nicht davor verschließen, dass heute weltweit Christen mehr als alle anderen von Bedrängnis und Verfolgung betroffen sind. Dieses Leiden von Christen beim Namen zu nennen, ist auch eine Konsequenz aus der Aufforderung des Apostels, bei der Hilfe für jedermann „des Glaubens Genossen“ nicht zu vergessen.
Der Irak – ein Land, in dem seit der Epoche der alten Kirche Christen leben – wird durch vielfachen Mord und beständige Bedrohung systematisch von Christen entvölkert. Mehrfach hat unsere Kirche gemeinsam mit der katholischen Kirche die politisch Verantwortlichen auf die Situation der Christen im Irak hingewiesen und die notwendige Hilfe dringlich gemacht. Ich bin sehr dankbar dafür, dass Bundesinnenminister Schäuble diese Impulse aufgenommen und sich um die politische Durchsetzung eines Resettlement-Programms für diese Flüchtlinge aus dem Irak bemüht hat. Inzwischen wurde von irakischer Seite dargelegt, die Sicherheitslage habe sich verbessert und geflohene Christen hätten die Aussicht auf Rückkehr in ihre Heimat. Doch allein aus Mossul, der drittgrößten Stadt des Irak, sind in den vergangenen Wochen tausende Christen aus Angst um ihr Leben geflohen. Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass sich in Mossul eine regelrechte „Tötungskampagne“ (FAZ, 13.10.08) und eine „straff organisierte Vertreibungskampagne“ (HAZ, 15.10.08) gegen die Christen vollziehen.
Hilfe ist nötig; Deutschland und die Europäische Union dürfen sich ihrer Verantwortung nicht entziehen. Natürlich sind dabei ein abgestimmtes Vorgehen der deutschen Bundesländer und eine Verständigung innerhalb der Europäischen Union wünschenswert. Aber inzwischen führt dieses Abstimmungsbedürfnis dazu, dass die notwendige – und mögliche! – Hilfe zu Lasten der Flüchtlinge immer weiter verschleppt wird. Dafür habe ich kein Verständnis! Bestimmte Formen des politischen Schacherns vertragen sich nicht mit dem Eintreten für Humanität. Deshalb appelliere ich an die Bundesregierung, noch in diesem Jahr die Aufnahme irakischer Flüchtlinge in Deutschland im Rahmen eines Resettlement-Programms zu Wege zu bringen.
Natürlich hoffen wir darauf, dass Christen künftig im Irak sicher und frei leben können. Aber wir müssen auch die Stimme eines Pfarrers in der Nähe von Mossul hören, der sich mit seiner Gemeinde um die Aufnahme von Flüchtlingen bemüht, aber zugleich sagt: „Ich glaube nicht, dass es für die Christen in diesem Land noch eine Zukunft gibt“ (NZZ, 15.10.08). An Vergangenheit reich, in der Gegenwart bedroht, die Zukunft verschlossen – so stellt sich die Lage der Christen im Irak dar. Wenn ein Funken von Hoffnung entstehen soll, dann auch dadurch, dass wir Menschen, die ihrer Religionszugehörigkeit wegen verfolgt werden, Zukunft geben und eine neue Hoffnung eröffnen.
(12) Auch im indischen Bundesstaat Orissa und dem Nachbarstaat Karnataka ist es in den vergangenen Wochen und Monaten zu Gewalttaten gegen Christen gekommen. Zahlreiche christliche Schulen, Kirchen, Wohnhäuser und Hütten wurden zerstört. Christliche Geistliche wurden auf offener Straße verprügelt. Es wird berichtet, dass zahlreiche Mitglieder der Evangelisch-Lutherischen Jeypore Kirche Zuflucht in den Wäldern gesucht hätten aus Angst, in ihre Dörfer zurückzukehren. Auch die Evangelisch-Lutherische Gossnerkirche in der Provinz Jharkhand ist in die Bedrängnis einbezogen, die vom hinduistischen Nationalismus ausgeht. Wir treten in dieser Situation auf die Seite der in ihrem Leben und in der Freiheit des Glaubens gefährdeten indischen Christen und erheben unsere Stimme zum Gebet und zum politischen Protest.
(13) Ich bin dankbar dafür, dass Bischof Martin Schindehütte umgehend reagiert hat, als das Apostasiegesetz des iranischen Parlaments bekannt wurde. Die Verhängung der Todesstrafe bei Abfall vom Islam wäre dem neuen Gesetz nach strafrechtlich zwingend vorgegeben. Damit wird die Religionsfreiheit mit Füßen getreten. Die Entwicklung betrifft im Übrigen auch iranische Christen, die in Deutschland zum christlichen Glauben übergetreten sind und aus Furcht vor Verfolgung ein Asylverfahren angestrengt haben. Es ist in meinen Augen unausweichlich, dass dies bei der Anerkennung als Flüchtling berücksichtigt wird.
Sechzig Jahre nach der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird die Religionsfreiheit, also ein zentrales Menschenrecht, derart mit Füßen getreten, wie ich es gerade am Beispiel des Irak, Indiens und des Iran beschrieben habe. Gebe Gott, dass dies nicht der Geist ist, in welchem Menschen im 21. Jahrhundert miteinander umgehen!
