Predigt im Gottesdienst zur Eröffnung der 7. Tagung der 10. Synode, St. Petri-Dom zu Bremen

Pastor Renke Brahms, Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche

02. November 2008

Renke Brahms im Eröffnungsgottesdienst

Es gilt das gesprochene Wort.

1.„Alles hat seine Zeit“ – ach, ein typisch evangelisches Motto, mögen manche denken. Alles hat seine Zeit - geboren werden und sterben, weinen und lachen, klagen und tanzen, schweigen und reden, Streit und Frieden – alles hat seine Zeit - das klingt ein bisschen wie: Alles ist möglich, alles hat seine Platz, alles darf sein! Und oft  alles gleichzeitig und gar nicht synchronisiert! Da pilgern die einen auf dem Jakobsweg und die anderen engagieren sich für weltweite Gerechtigkeit – oder sind es gar dieselben? Da bauen die einen Solaranlagen auf die Kirchendächer, die anderen bieten Glaubenskurse an und wieder andere wollen hauptsächlich singen. Alle wollen sie Frieden, aber die einen mit Militär und die anderen ganz ohne.

Und die, die von außen auf die Kirche gucken, fragen sich: Kann das nicht etwas einheitlicher sein in der Kirche - in diesen Zeiten der Unübersichtlichkeit? Wir brauchen doch Orientierung – und wenn sie die Kirche nicht bietet – wer denn dann? Und wenn sie die nicht bietet, wozu ist sie dann noch da?

Typisch Kirche? Typisch evangelisch? - Ja, hoffentlich typisch Kirche, hoffentlich nicht nur evangelisch! Das ist die herrliche Freiheit eines Christenmenschen, der sich berühren lässt von Gott, von den Mitmenschen und von der Schöpfung. Das ist der Schatz des Evangeliums von Jesus Christus, der uns in die Stille des Klosters führt, in das Engagement für junge Menschen auf einem Schiff und zum Eintreten für die bedrohte Schöpfung. Hier zeigt sich die Vielfalt der Menschen, die sich mit ihren Begabungen in diese Gesellschaft einbringen. Da erkennen Menschen für sich, was an der Zeit ist und engagieren sich auch dafür.

Es ist die evangeliumsgemäße Freiheit und Vielfalt und kein Grund zum Ärgernis. Unsere Gesellschaft braucht eine solche engagierte und vielfältige Kirche, die darum ringt, was an der Zeit ist, die den Raum für verschiedene Meinungen und einen offenen Dialog bildet. Und unsere Kirche braucht solche freien Christenmenschen. Wie wunderbar - wo immer sie sind – und wo immer so Kirche ist!

Um die Kirche aus dieser Vielfalt zu bauen, dient auch eine Synode, zu der wir uns hier in Bremen versammelt haben. Da wird Zeit zum Reden und Schweigen sein, zum Streiten und zum Frieden, zum Weinen vielleicht und zum Lachen - hoffentlich. Dabei werden wir darum ringen, ein eindeutiges Signal zu geben für das, was jetzt dran und zu tun ist, damit Gottes Schöpfung bewahrt bleibt.

2.Allerdings, liebe Gemeinde, bin ich mir nicht sicher, ob diese Hoffnung von dem - von Luther so genannten - Prediger aus dem Alten Testament geteilt würde. Oder um es besser zu sagen: ich bin mir sicher, er würde widersprechen. „Alles hat seine Zeit.....“ Das ist nämlich eher ein Ausdruck großer Skepsis: „Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.“ So beklagt der unbekannte Prediger seine Zeit. Diese Zeit Ende des 3. Jahrhunderts war auch geprägt von einer um sich greifenden Globalisierung. Israel wurde ein Teil der hellenistischen Welt, die Wirtschaft blühte und zeitigte zugleich große soziale Ungerechtigkeit. Geld und Gewinn bestimmten das Leben und stellten die alten Werte einer eher bäuerlichen Gesellschaft in Frage. Wissenschaft und Bildung erlebten einen enormen Schub und brachten eine intellektuelle Oberschicht hervor. In der Berührung mit der griechischen Philosophie verflüchtigte sich das Bild eines Gottes, der lebendig und persönlich an der Seite des Volkes und des Einzelnen geht. Gott wurde jetzt eher als  eine unerreichbare Schicksalsmacht wahrgenommen. Viele Menschen kamen mit dieser Entwicklung in einer unübersichtlichen Zeit der Umbrüche nicht mehr mit. Sie standen ihr ohnmächtig gegenüber und ihr Glaube bröckelte.

„Das durchschaue ich doch gar nicht mehr! Was können wir schon tun? Das wird doch alles ganz woanders entschieden. Es nützt doch alles nichts! Es kommt eben wie es kommt. Wir können doch daran gar nichts ändern!“ Diesen verunsicherten Menschen hat  der Prediger seine skeptische Stimme geliehen.

Und hat er nicht recht? Seien wir ehrlich: manchmal beschleicht uns doch auch diese Skepsis! Verleiht der Prediger nicht auch vielen von uns eine Stimme?

Wer versteht denn wirklich, was da gerade auf den Finanzmärkten dieser Welt geschieht? „Behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit!“ Das bekommt in diesem Zusammenhang eine ganz aktuelle und neue Bedeutung.

Wer kann sich wirklich eine Vorstellung davon machen, wie viel 400 Milliarden Euro sind? Stimmt es denn nicht? „Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon!“ Alles ist eitel und nur ein Haschen nach Wind, wie der Prediger immer wieder behauptet. Dass alles sehr schnell vergehen kann, zeigt die Finanzkrise geradezu handgreiflich. Da geht dem aufgeblähten Finanzmarkt die Luft aus und was dabei herauskommt, stinkt vor allem den kleinen Anlegern gewaltig. Das alles geschieht in einer virtuellen Welt und hat doch ganz reale Folgen für die gesamte Wirtschaft und den einzelnen. Verzockt werden Milliarden, die wir doch viel dringender brauchen für die enormer Herausforderungen durch Armut und Klimawandel, um Menschen einen gerechten Zugang zu sauberem Wasser und damit zum Überleben zu gewährleisten.

Ja, die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden! Und die Managergehälter sollten auf der bisher nach oben offenen Euro-Skala begrenzt werden. Aber seien wir vorsichtig und prüfen uns selbst mit unserer eigenen Schnäppchenjägermentalität und unserer Gier nach Mehr und vergänglichem Gewinn! Es ist doch auch eine Anfrage an unseren Glauben, an den Grund unserer Hoffnung, an unsere tätige Liebe zum Nächsten. Ob wir wirklich so viel besser gehandelt hätten, wenn wir Gelegenheit dazu gehabt hätten? Es ist doch auch eine Anfrage an unseren Glauben, an den Grund unserer Hoffnung, an unsere tätige Liebe zum Nächsten.

3. Die unglaubliche Nüchternheit des Predigers, sein biblischer Realismus könnte ein geradezu notwendiger und heilsamer Schritt zur Umkehr sein. „Pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit.“ Wahrlich: dieser Text ist kein Handbuch für Erfolgsenthusiasten und Dax-Kletterer, für Motivationstrainer und –trainierte. Indem der Prediger uns an die Vergänglichkeit aller Dinge und auch der Menschen erinnert, holt er uns auf den Boden der Tatsachen zurück.

Aber zeigt der Prediger uns auch, wie wir denn stehen und gehen können auf dem Boden der Tatsachen?

„Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ So sagt es unser Text. Das ist mehr als das, was vor der Frankfurter Börse  in den Tagen der Krise an einem Würstchenstand geschrieben stand. Dort war zu lesen: „Liebe Leute, esst und trinkt, so lang es schmeckt, schon dreimal ist das Geld verreckt!“

Was der Prediger rät, ist mehr als ein zynischer Kommentar oder ein Pfeifen im dunklen Wald. Fröhlich sein, essen, trinken und guten Mut haben – das ist evangelische Freiheit, auch in schwierigen Zeiten zu feiern. Oder erlauben wir uns das gar nicht mehr vor lauter moralischer Anstrengung?

Wie Not wendende Arbeit und Feier des Lebens zusammengehören, lernen wir doch immer wieder in den Begegnungen in der weltweiten Ökumene. Mit welcher Gastfreundschaft begrüßen und bewirten uns die armen Gemeinden z.B. aus Togo oder Rumänien - und mit welcher glaubensgewissen Fröhlichkeit feiern sie ihren Glauben und das Leben.

Natürlich essen und trinken wir nicht allein an unseren Tischen. Wir holen die mit dazu, die es sich eben nicht alleine leisten können. Und so nehmen wir unsere Verantwortung für eine menschliche und soziale Gesellschaft wahr.

Einen zweiten Hinweis gibt uns der Prediger, der uns den Weg weist auf dem Boden der Tatsachen. „Das alles tut Gott, dass man ihn fürchten soll.“ Soweit hiermit eine Ehrfurcht vor Gott und dem Leben gemeint ist, könnten wir wohl zustimmen. Bei diesem Prediger ist es allerdings wohl eher die Furcht vor einem Gott, der verborgen bleibt.

Hier dürfen wir als Christenmenschen mehr glauben und mehr sagen als der Prediger aus dem Alten Testament glauben konnte und sagen mochte.

In Jesus Christus begegnen wir der Gottesliebe – einer Liebe, die die Ehrfurcht vor Gott und dem Leben vertieft – aber die Angst vertreibt.

Wir hören Jesus, wie er zu der Tochter des Jairus sagt: Komm, steh auf! Es lohnt sich, steh auf und lebe, steh auf und streite für den Frieden, für die Welt,  die bedroht ist – um Gottes Willen, steh auf! Für die Jugendlichen, für die bedrohte Schöpfung oder was immer es ist – du kannst nicht alles machen, aber suche, was für dich an der Zeit ist. Und nimm dir hin und wieder Zeit für die Stille, suche Gottes Nähe!

Und die Kraft seines poetischen Nachdenkens über die Zeit empfinde ich als einen dritten entscheidenden Hinweis auf den tragfähigen Grund, auf dem wir leben können. „Schweigen hat seine Zeit; reden hat seine Zeit.“ Nicht umsonst sind diese Zeilen in die mönchische Weisheit und Lebensweise eingegangen. Schweigen und reden. Und: Ora et labora – bete und arbeite. Ja, es ist an der Zeit, zu arbeiten und nicht nur zu reden – es ist höchste Zeit für einen Lebenswandel, der dem Klimawandel entgegenwirkt. Es ist an der Zeit, „aus Dankbarkeit für Gottes Schöpfung zu leben“ und entsprechend in der Kirche selbst und in der Weltgemeinschaft zu handeln. Es ist höchste Zeit, konsequent, konkret, international und nachhaltig zu wirtschaften. Es ist an der Zeit, Treibhausgase drastisch zu reduzieren und alles daranzusetzen, dass dies schnell geschieht – denn wir haben nicht mehr viel Zeit.

Und dennoch gehört das andere dazu: Abstand zu gewinnen aus dem Diktat des Kalenders und der tickenden Zeit.  Das Schweigen zu üben und die Hände gefaltet in den Schoß zu legen. Denn woher soll die Klarheit des Denkens und die Kraft zum Tun des Gerechten kommen, wenn nicht aus dem Hören auf Gottes Stimme und aus dem Beten. Darin gewinnen wir als einzelne Christenmenschen, als vielfältige Kirche und als Gemeinschaft der Kirchen aus allen Konfessionen unsere Mitte und unsere Einheit in aller Vielfalt.

Es liegt darin die große Chance, den lebendigen Gott zu suchen und sich ihm zu nähern. Wer sich dafür Zeit nimmt, dem wird Gott sich nicht verflüchtigen zu einer blinden Schicksalsmacht, sondern als Quelle des Mutes und als Brunnen der Fröhlichkeit eröffnen – der wird erkennen, was jetzt dran ist. Denn als Christenmenschen sind wir keine unbelehrbaren Besserwisser, wohl aber unbeirrbare Besserhoffer auf das Reich Gottes, dessen Freiheitsklang mitunter schon in kleinen Gedichten aufscheint.