7. Tagung der 10. Synode der EKD, Bremen, 02. - 05. November 2008

Texte zum Schwerpunktthema

Einbringung des Kundgebungsentwurfes zum Schwerpunktthema "Klimawandel – Wasserwandel - Lebenswandel"

Pfarrerin Ulrike Trautwein

03. November 2008

Pfarrerin Ulrike Trautwein

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Präses, liebe Schwestern und Brüder!

Das Thema Klimawandel ist brisant wie nie zuvor! Die Schreckensnachrichten häufen sich in den vergangenen Wochen und Monaten, und es zeichnet sich ab, dass die Veränderungen durch den Klimawandel noch schneller vonstatten gehen als bislang gedacht. Und das passiert nicht zuletzt deshalb, weil der Raubbau des Menschen an der Natur solche Ausmaße annimmt, dass die Fähigkeit der Natur, sich dagegen zu wehren, nicht mehr ausreicht. Der Klimawandel mit seinen fatalen Folgen wird zurzeit von der weltweiten Finanzkrise überdeckt - das ist bedenklich, denn der Klimaschutz gerät dadurch in Gefahr, von der Prioritätenliste der weltwichtigen Aufgaben verdrängt zu werden.

Auf diesem Hintergrund war es nahezu prophetisch, dass wir im vergangenen Jahr auf der EKD-Synode in Dresden entschieden haben, den Klimawandel auf der diesjährigen Synode in Bremen als Schwerpunktthema in den Mittelpunkt zu rücken. Wir als Synodale müssen uns dafür einsetzen, dass nicht weitere kostbare Jahre verloren gehen, bevor wir unser Verhalten verändern.

Ja, ich rede von Schreckensnachrichten, weil das die Thematik genau trifft - eben auch in der darin mit anklingenden apokalyptischen Dimension. Aus meiner Sicht gehört es zu unseren Aufgaben, uns nicht weg zu ducken, sondern genau hinzuschauen. Und das können wir, weil in unserem Glauben der Dank an Gott für seine gute Schöpfung eine entscheidende Rolle spielt. Diesen Dank und diese Ermutigung wollen wir weitergeben, damit die Menschen nicht angesichts der großen Aufgaben, die vor allen Menschen gemeinsam liegen, vor Angst erstarren oder resigniert aufgeben, sondern im Vertrauen auf Gottes Bewahrung glauben, leben und handeln. „So dramatisch die Auswirkungen des Klimawandels auch sein mögen:“ - heißt es in unserem Kundgebungsentwurf - „Noch besteht die Möglichkeit, diese durch konsequentes Handeln zu mildern.“ (S. 3 Kundgebungsentwurf)

Ich darf Sie an die nicht unumstrittene Themenstellung für diese Synodentagung erinnern: „Schöpfung bewahren: Klimawandel und Klimaschutz, deutlich gemacht am Beispiel Wasser mit seinen vielfältigen biblisch-theologischen, spirituellen, ökologischen, wirtschaftlichen, friedenspolitischen und handlungsorientierten Aspekten.“ Als diese lange Themenformulierung im vergangenen Jahr von Oda-Gebbine Holze-Stäblein und der Präses gefunden wurde und die Zustimmung einer synodalen Mehrheit fand, stellte Präses Rinke mit Recht fest: „Jetzt haben wir ein großes Problem, weil der Vorbereitungsausschuss versuchen muss, aus diesem schwierigen Thema etwas zu machen.“ Vielen im Saal sprach sie damals aus dem Herzen, mir auf jeden Fall. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, in diesem Ausschuss mitzuarbeiten, geschweige denn, ihm vorzusitzen. Es war eine Herausforderung.

Zu meiner Überraschung und Freude sind wir im Vorbereitungsausschuss von Anfang an gut ins Arbeiten gekommen. Ich möchte in diesem Zusammenhang allen Mitgliedern des Vorbereitungsausschusses für die anregende und kollegiale Zusammenarbeit danken, auch unseren Geschäftsführern Herrn Dr. Hauschildt, Herrn Kiefer und Frau Dr. Knüppel sowie dem Pressesprecher Herrn Vetter.

Wir haben schnell den thematischen Dreiklang gefunden - und ihn doch immer wieder in Frage gestellt: Klimawandel - Wasserwandel - Lebenswandel. Dieser Dreiklang war zuerst eine gute Grundlage zur Weiterarbeit, dann aber nach mannigfaltigen Diskussionen auch der richtige Grundklang für die Debatte auf der Synode. Das Kapitel zum Klimawandel haben wir am kürzesten gehalten. Die Fakten sind hinreichend bekannt. Wer sich an dieser Stelle ausführlicher informieren will, kann dazu im ersten Teil unseres Lesebuches eine Fülle von Material finden.

Wasserwandel, der mittlere Teil unseres Entwurfes, beruht auf einem Kunstwort. Dieses Wort lässt vielfältige Assoziationen zu - auch biblische: Die Trennung von Wasser und Erde in der Schöpfungsgeschichte, die Noahgeschichte, der Wandel des Wassers in Wein, der Wandel auf dem Wasser, die Wasser der Apokalypse, um nur wenige zu nennen. In dem Kunstwort steckt aber auch die Ambivalenz, die ein entscheidender Aspekt des Wasserthemas ist: Wasser ist lebensnotwendig und lebensbedrohlich. Wir haben in diesem Kapitel den Raum geöffnet, das Thema theologisch in die verschiedenen Richtungen zu entfalten und zu vertiefen. Bei allem Nachdenken zum Thema Wasser sind wir uns darüber bewusst gewesen, dass nicht alle Katastrophen, die durch Wasser oder seinen Mangel ausgelöst werden, im Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen.

Die Entfaltung der Konsequenzen des Klimawandels am Beispiel des Wasserthemas macht in aller Schärfe deutlich, wie eng der Klimawandel mit Fragen der weltweiten Gerechtigkeit zusammenhängt. Nur als Beispiel: Die Zahl der Hungernden ist weltweit weiter gestiegen - eine der Schreckensnachrichten der letzten Tage - auf über eine Milliarde; man kann es sich nicht, man mag es sich aber auch nicht vorstellen. Eine lebensnotwendige Ressource ist so verteilt, dass sich vehement die Gerechtigkeitsfrage stellt. Da ist das Thema Krieg und Frieden deutlich vor Augen. Die These, dass Kriege im 21. Jahrhundert als Kampf um die Ressourcen stattfinden, hat viel Plausibilität - auch dazu finden Sie einen Text im Lesebuch.

Auch unsere eigene christliche Tradition müssen wir kritisch anschauen: Die herkömmliche Auslegung der Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen als Krone der Schöpfung hat wesentlich zur ausbeuterischen Mentalität der Menschen gegenüber der Natur beigetragen und den „Herrschaftsauftrag“ aus 1. Mose 1,28 als Freibrief gelesen, sich die Erde nach Belieben untertan zu machen. Es gilt, dieses Missverständnis aufzudecken und deutlich zu machen, dass wir eine besondere Verantwortung gegenüber Gott und seiner Schöpfung haben. Der Begriff der „Schöpfung“ schließt Mensch und Tier und die gesamte Natur als Geschöpfe zusammen und hält die Erinnerung daran wach, dass alles Leben von Gott kommt und etwas dem Menschen Vorgegebenes und Anvertrautes ist. Das stellen die Kirchen zwar schon seit Jahren, ja Jahrzehnten fest. Und es war auch nicht erfolglos, denn wie es in der Welt aussehen würde, wenn die Interpretation des Bebauens und Bewahrens nicht seit den 70er Jahren immer wieder genannt würde, ist schwer zu sagen. Aber der Bewusstseinswandel ist noch nicht dort angekommen, wo die Schöpfung erlöst aufatmen könnte. Und als Verantwortliche in der Kirche dürfen wir nicht vergessen, dass wir in dieser Situation nicht nur zu mahnen und nach Veränderung zu rufen haben. Vielmehr haben wir mit der Taufe und dem Abendmahl Sakramente als ein Geschenk Gottes, die wir miteinander feiern können. Dort empfangen wir die Freude, die Ermutigung, den Trost und die Widerstandskraft, die wir für unser Leben brauchen.

Damit komme ich zum dritten Teil, dem Lebenswandel. Die meisten Menschen wissen um den Ernst der Lage - die Medien sind Tag für Tag, Woche für Woche voll davon. Viele Menschen bemühen sich auch im Alltagsleben, Energie zu sparen, Müll zu trennen etc. Aber das allein reicht nicht aus. Wir sind alle umfassend in einen Lebensstil verstrickt, der so keine Zukunft hat und Veränderungen im großen Stil bedarf. Darum lautete die Frage, die uns im Vorbereitungsausschuss intensiv beschäftigte: Wie kommt es, dass wir uns trotz besseren Wissens so schwer damit tun, alle notwendigen Maßnahmen, die das Klima schützen und das menschliche Überleben auf unserem Planeten ermöglichen können, zu ergreifen? Wie kommen wir vom Wissen zum Handeln?

Da uns diese Frage auf den Nägeln brennt, nimmt sie den breitesten Raum in unserem Kundgebungsentwurf ein. Hier wird verhandelt, was wir von dieser Synode in unsere Landeskirchen, in unsere Werke und Verbände, in unsere Kirchengemeinden transportieren wollen: Wir können unseren Lebenswandel ändern! Und dazu muss der Mensch nicht neu „erfunden“ werden, wie es dort heißt: Vielmehr sind wir „in Jesus Christus neu geschaffen“, das wird uns in der Taufe versprochen.

In diesem Kontext haben wir den Begriff „Intelligente Liebe“ genutzt - zuerst einmal überraschend, ist die Allgemeinheit doch überzeugt, dass Liebe blind und unvernünftig macht, denken wir allein an das Gedicht: „Es ist, was es ist, sagt die Liebe“ von Erich Fried. Intelligente Liebe meint mehr, angesprochen ist die Liebe zur Schöpfung, die bereit ist, sich nicht allein in romantisierenden Gefühlen zu ergehen, sondern nachzudenken, Zusammenhänge aufzudecken und mutig und widerständig zu handeln. Ein solcher, von einer intelligenten Liebe geprägter zukunftsfähiger Lebenswandel orientiert sich an den vier Dimensionen Dank, Demut, Denken und Dienst und kann insofern auch abgekürzt  „4-D-Lebenswandel“ genannt werden.

Soweit unser Kundgebungsentwurf. Wir haben ihm noch 10 Schritte zur Konkretion unter dem Titel angefügt: „Aus Dankbarkeit für Gottes gute Schöpfung leben.“ Wir haben uns im Vorbereitungsausschuss bewusst darauf verständigt, diese Konkretionen zunächst nicht als Bestandteil des Kundgebungsentwurfs zu formulieren, und möchten darum bitten, sie zu einem späteren Zeitpunkt auch getrennt von der Kundgebung abstimmen zu lassen. Solche praktischen Anregungen haben sich in der Vergangenheit oft als hilfreich erwiesen, um die Inhalte unserer Kundgebung nach außen zu tragen und damit vor Ort weiter zu arbeiten. Gerade bei diesem Thema, bei dem es mehr denn je um schnelles konkretes Handeln geht, erschienen uns konkret umzusetzende Forderungen besonders wichtig. Darum haben wir auch im zweiten Teil des Lesebuches 16 gelungene Projekte aus ganz unterschiedlichen kirchlichen Einrichtungen zu Klima und Wasser vorgestellt. Diese Projektberichte mögen Sie wiederum anregen und zu eigenen Aktivitäten ermutigen.

Ich hoffe, dass am Ende - nach allen nötigen Diskussionen und Veränderungen - unser Kundgebungsentwurf nicht nur hier auf der Synode Zustimmung findet, sondern er gleichzeitig eine hilfreiche Grundlage für die Diskussionen in unseren Gemeinden und an anderen kirchlichen Stellen bietet. Wir wünschen uns, damit dazu beizutragen, dass die Landeskirchen die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, um an den unterschiedlichen Orten unserer Kirche und darüber hinaus handeln zu können.

Zum Schluss: Für mich ist die Erzählung vom Wandel Jesu auf dem See Genezareth zur tragenden Geschichte geworden. Sie erinnern sich: Das Boot der Jünger Jesu war durch heftige Wellen in Not geraten, und sie fürchteten sich, vom Wasser verschlungen zu werden. Jesus, der allein an Land zurückgeblieben war, bemerkte die Not seiner Freunde. Und er geht zu ihnen, geht aufs Wasser, bewegt sich außerhalb der Gesetzmäßigkeiten unserer Natur - und natürlich erschrecken sich die Freunde, halten ihn sogar für ein Gespenst und schreien, bis sie seine Stimme hören: „Seid getrost. Ich bin’s, fürchtet euch nicht.“ Und Petrus, immer der Mutigste, wagt sich nach vorne. Er will zu Jesus und vertraut darauf, dass er ihn tragen wird. Vertraut darauf, dass Jesu Kraft so groß ist, dass er ihn auf dem Wasser halten kann. Und tatsächlich, Jesu Kraft trägt ihn; trägt ihn solange, bis Petrus selber Zweifel kommen. Da erst beginnt er, zu sinken. Aber Jesus streckt ihm die Hand hin mit den Worten: „Du Kleingläubiger warum hast du gezweifelt?“ Und Petrus wird erneut gerettet ...
Verzagt, wagemutig, kleingläubig - in all diesen Lebensgefühlen können wir uns wiedererkennen. Darum bewegt mich diese Geschichte vom Wasserwandel und schenkt mir das Vertrauen, dass Jesu Kraft uns selbst in den unvorstellbarsten Situationen zu tragen und unser Leben zu wandeln vermag.



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