7. Tagung der 10. Synode der EKD, Bremen, 02. - 05. November 2008
Texte zum Schwerpunktthema
Kundgebungsentwurf zum Schwerpunktthema "Klimawandel – Wasserwandel - Lebenswandel" - Vorlage des Vorbereitungsausschusses zum Schwerpunktthema
Klimawandel – Wasserwandel – Lebenswandel
I. Kundgebungsentwurf
II. 10 Schritte zur Konkretion:
„Aus Dankbarkeit für Gottes gute Schöpfung leben“
Vormerkung
Die 6. Tagung der 10. Synode der EKD in Dresden hatte als Schwerpunktthema der diesjährigen Synode festgesetzt: „Schöpfung bewahren: Klimawandel und Klimaschutz, deutlich gemacht am Beispiel Wasser mit seinen vielfältigen biblisch-theologischen, spirituellen, ökologischen, wirtschaftlichen, friedenspolitischen und handlungsorientierten Aspekten“. Um diesem Auftrag gerecht zu werden, legt der vom Präsidium der Synode berufene Vorbereitungsausschuss (VBA) der 7. Tagung der 10. Synode einen zweistufigen Beschlussvorschlag vor, der die beiden Texte enthält:
I. Kundgebungsentwurf
II. 10 Schritte zur Konkretion: „Aus Dankbarkeit für Gottes gute Schöpfung leben“
I. Kundgebungsentwurf
Klimawandel – Wasserwandel – Lebenswandel
Gott sei Dank: Wir alle sind ein Teil von Gottes guter Schöpfung und leben als Menschen mit vielen anderen Geschöpfen auf diesem Planeten. Diesen als schützenswerte Schöpfung zu begreifen, haben die Kirchen weltweit als springenden Punkt ihres Engagements für diese eine Welt erkannt. Es ist biblisch-theologisch gut begründet, wenn sich Christen für nachhaltigen Umwelt- und Naturschutz einsetzen und damit aller Schöpfungsvergessenheit wehren. Neben dem weltweiten Eintreten für „Frieden“ und „Gerechtigkeit“ ist das Engagement für die „Bewahrung der Schöpfung“ unaufgebbare gemeinsame ökumenische Überzeugung.
Aber: Unser Leben auf dem blauen Planeten ist nach wie vor in Gefahr. Seit gut dreißig Jahren beschwören Konzile, Weltversammlungen und Synoden, dass wir Menschen wissentlich die Zukunft des Planeten Erde mit Füßen treten. Die meisten von uns wissen: Der von Menschenhand mitverursachte Klimawandel bedroht alle Lebensgrundlagen. Wir sehen – aber viele von uns verschließen die Augen. Wir hören – aber viele von uns verschließen die Ohren. Das darf nach Gottes Willen nicht sein.
Gott sei Dank: Wir sind getauft auf den Namen des dreieinigen Gottes. Bei aller Verschiedenheit bekennen Christen im ökumenischen Geist gemeinsam das Sakrament der einen Taufe. Im Namen des dreieinigen Gottes getauft zu sein, bedeutet: Wir erkennen, dass kein Mensch sich das Leben selbst gegeben hat. Es ist ein Geschenk. Und so, wie unser Leib die reine Luft zum Atmen und das klare Wasser zum Trinken benötigt, lebt auch unsere Seele nicht aus sich selbst, sondern durch die Zusage des liebenden Gottes. Die Taufe hat mit Lebenswandel zu tun: „Wir sind mit Christus durch die Taufe begraben in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ (Röm 6, 4). Die Taufe ist so Zusage eines neuen Lebens. Diese Zusage darf geglaubt und soll in einem neuen Lebenswandel sichtbar werden.
Als Sakrament verbindet die Taufe untrennbar das Wort mit dem „Zeichen“ Wasser. Diesem Lebensmittel kommt – wie Brot und Wein – für Christenmenschen besondere Bedeutung zu. Wasser vergeudet man nicht. Wasser gehört der ganzen Menschheit. Wasser ist eine gute Gabe des Schöpfergottes. Die Bibel verheißt dem, der an Jesus glaubt, „Ströme lebendigen Wassers“ (Joh 7,38).
Mit dieser Kundgebung will die 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf Erkenntnisse zum „Klimawandel“ hinweisen, biblisch-theologisch über „Wasserwandel“ nachdenken und ethisch einen neuen „Lebenswandel“ einfordern. Damit soll der Blick für zwingend notwendige Schritte geöffnet werden.
Klimawandel
„Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen“ heißt es in der Bibel (Ps 24,1). Diese Überzeugung prägt unseren Glauben: Gott ist der Schöpfer und Ursprung allen Lebens. Er hat die Erde zum Wohnen geschaffen (Jes 45,18) und dem Menschen als seinem Haushalter auf Erden eine besondere treuhänderische Verantwortung zugewiesen: Er soll die Erde bebauen und bewahren (1. Mose 2,15) und Verantwortung für die Mitgeschöpfe – für Tiere, Pflanzen und die unbelebte Natur – übernehmen. Die Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen (1. Mose 1,26) stellt ihn in diese Verantwortung hinein. Sie für die Schöpfung wahrzunehmen, ist uns hier und heute dringender denn je aufgegeben.
Die neuesten Ergebnisse der Forschung lassen keinen Zweifel mehr daran: Die beschleunigte Klimaerwärmung ist von uns Menschen verursacht und stellt eine ernsthafte Bedrohung an allen Orten der Welt dar. Etwa 20-30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten werden aussterben; empfindliche Ökosysteme einschließlich vieler Zentren der biologischen Vielfalt sind bedroht; extreme Wetterereignisse wie Trockenheit, Hitzewellen sowie Starkregenfälle und Hochwasser werden sich häufen; ökonomisch schwache Regionen und Bevölkerungsgruppen sind überdurchschnittlich gefährdet und viele bewohnte Gebiete werden durch einen Anstieg des Meeresspiegels überflutet und unwiederbringlich verloren gehen, ihre Bewohner werden umsiedeln müssen. Die politischen, ökonomischen und sozialen Folgen dieser Phänomene werden erheblich sein, wenn die betroffenen Gesellschaften keine oder nur unzureichende vorbeugende Anpassungsmaßnahmen treffen. Verteilungskonflikte um Böden, Wasser und Nahrung werden sich verschärfen, Migrationsströme anwachsen und die Wahrscheinlichkeit Klima induzierter Konflikte innerhalb von und zwischen den Staaten zunehmen. Von den Folgen des Klimawandels sind vornehmlich nicht die Verursacher, also die Industriestaaten, sondern insbesondere die armen Länder, vor allem in Afrika südlich der Sahara, betroffen.
So dramatisch die Auswirkungen des Klimawandels auch sein mögen: Noch besteht die Möglichkeit, diese durch konsequentes Handeln zu mildern. Das Problembewusstsein ist insgesamt angewachsen, die technologischen Optionen im Bereich der regenerativen Energien haben sich deutlich verbessert und politische Instrumente (wie der Emissionshandel) werden derzeit erprobt oder bereits eingesetzt. Zwar sind nach Einschätzung der Fachleute der Klimawandel und viele seiner negativen Folgen nicht mehr zu verhindern, sondern nur noch zu begrenzen. Aber das neue Ziel der internationalen Staatengemeinschaft lässt die Bewältigung eines moderaten Klimawandels immer noch möglich erscheinen, wenn die Klimaerwärmung (möglichst) auf einen Anstieg der durchschnittlichen Jahresmitteltemperatur von unter 2 Grad Celsius gehalten wird.
Um dieses Ziel zu erreichen, wird es maßgeblich darum gehen, eine Trendwende in der Treibhausgas-Emissionsentwicklung einzuleiten. Erforderlich dazu ist mindestens eine Reduktion der globalen Treibhausgas-Emissionen um etwa 1 Prozent pro Jahr. Bis zur Mitte des Jahrhunderts müssen die globalen Emissionen um 50 Prozent – gemessen am Niveau von 1990 – abgesenkt werden; dies wird nur gelingen, wenn die Industrienationen ihre Emissionen um 80 bis 90 Prozent senken. Zusätzlich wird es notwendig werden, weitere Maßnahmen zur Anpassung an unvermeidbare Folgen zu finanzieren. Gerade dabei müssen die reichen Länder, die ganz überwiegend den Nutzen der hohen Treibhausgas-Emissionen für sich beanspruchen, den armen Ländern bei der Bewältigung dieser Anpassungsmaßnahmen helfen.
Auch der globale Wasserkreislauf der Erde wird von der Klimaerwärmung beeinträchtigt. Denn ein wärmeres Klima hat zur Folge, dass es zu veränderten Niederschlagsmustern und einer geringeren Verfügbarkeit von Wasser sowie zu häufigeren und intensiveren extremen Wetterereignissen wie Dürren, Überschwemmungen und Stürmen kommt. Darüber hinaus lassen das Abschmelzen der Polkappen und die Erwärmung der Meere die Meeresspiegel ansteigen; in tief liegenden Küstengebieten kommt es vermehrt zu Überschwemmungen, Landverlusten und zur Versalzung von Böden, Gewässern und Grundwasservorkommen.
Der Zugang zu sauberem Trinkwasser wird zu einem akuten Problem. Wassermangel, Verunreinigung des Wassers und fehlende sanitäre Versorgung bedrohen gegenwärtig das Überleben von mehr als 2,4 Milliarden Menschen. Heutzutage sterben bereits täglich 6.000 Menschen einen vermeidbaren Tod wegen Wassermangels. Der nicht zuletzt durch privatwirtschaftliche Interessen eingeschränkte Zugang zu Wasser führt zu Konflikten zwischen Menschen, Gemeinwesen, Regionen und Ländern. Diese Risiken sind vor allem in armen Ländern auf vielen Kontinenten zu finden. Insbesondere weite Teile Afrikas, Zentralasiens und des indischen Subkontinents sind betroffen. Aber auch Europa bewegt sich auf unsichere Zeiten zu. Extreme Wetterereignisse wie Stürme, Überschwemmungen, heftige Platzregen und Dürren werden zunehmen und die Landwirtschaft in südlichen Regionen wird unter extremem Wassermangel leiden.
Wasserwandel
Das für alles Leben nötige Wasser kennt zwei Aspekte: einen lebensbedrohlichen und einen lebenserhaltenden. Auch wenn der lebenserhaltende Aspekt des Wassers nach der Erfahrung vieler Menschen und auch in der biblischen Darstellung im Vordergrund steht, wird das Lebensbedrohende des Wassers nie übersehen. Wasser ist Quelle allen Lebens, aber zu viel oder zu wenig davon kann zur Bedrohung des Lebens werden. Wasser ist – entsprechend der biblischen Schöpfungsgeschichte – schon immer da und vom Land „geschieden“. Ohne Wasser ist Leben nicht möglich. Ein verantwortlicher Umgang mit dem Wasser als lebenswichtiger Ressource ist für den Glauben an Gott als den Schöpfer der Welt konstitutiv (1. Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses).
Diese Erkenntnis fordert angesichts regional unterschiedlicher Verknappung und Verschmutzung des trinkbaren Wassers und drohender Klimakatastrophen zu einem Mentalitätswandel heraus (1. Mose 1,28-30): Weder darf die Bewirtschaftung und Verteilung der Wasserressourcen den Marktmechanismen überlassen werden, noch kann ihre nachhaltige und klimapolitisch notwendige Sicherung den Macht- und Gewinninteressen weniger weltweit Agierender in Politik und Wirtschaft überlassen bleiben. Christen bringen sich, indem sie sich zu Gott als dem Schöpfer des Himmels und der Erde bekennen, auf allen Ebenen ihres kirchlichen Handelns in die sozioökonomischen und politischen Entscheidungsprozesse ein. Denn das gottesdienstliche Bekennen schließt die Übernahme gesellschaftlicher Mitverantwortung vor Gott (coram deo) unmittelbar mit ein. Biblisch-theologisch gesehen ist deshalb „Wasserwandel“ wesentlich ein Bild für den Mentalitätswandel: Er steht unter Gottes grundsätzlichem Ja, das sein Amen in der tätigen Umkehr findet (2. Kor 1,20) und in der Taufe begründet ist.
Die Noah-Geschichte erinnert daran, dass neben der Gewalt (1. Mose 6,13) das zerstörerische Kalkül und verantwortungslose Entscheidungsverhalten der Menschen (1. Mose 6,5), die ihren Gottesbezug verloren hatten (1. Mose 4,16), die primären Auslöser der Flut waren. Ihr „Dichten und Trachten“ war „böse“, d. h. unheilsträchtig von Anfang an (1. Mose 8,21). Deshalb hat Gott beschlossen, eine Flut über alles Lebendige auf der Erde zu bringen und die Regulierung der Wasserkreisläufe als gute Schöpfungsgabe (1. Mose 1,6-13 und 2,5-7.10) außer Kraft zu setzen. Dagegen steht im Abschluss der Noah-Geschichte Gottes Zusage, den Jahreszeitenwechsel, den Klima- und den Tagesrhythmus sowie den Vegetations- und Erntezyklus nicht enden zu lassen. Dies sagt Gott im Symbol des Regenbogens zu, obwohl sich an der Unheilsträchtigkeit des menschlichen Herzens, an der Zwiespältigkeit des praktischen Vernunftgebrauchs nichts geändert hat (1. Mose 8,21f.). Auch Mt 5,45 bestätigt diese Zusage, dass Gott über Böse und Gute seine Sonne aufgehen und es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte. Dies gehört zu den biblischen Grundgewissheiten jenseits von menschlicher Schuld und Verantwortung. Allerdings müssen wir heutzutage davon ausgehen, dass der Mensch auch in der Lage ist, durch seine technisch-industrielle Machtentfaltung Gottes Schöpfung zu gefährden und die Verlässlichkeit der Naturkreisläufe weitgehend außer Kraft zu setzen.
Diese Machtentfaltung beruht auf einer vom abendländischen Christentum nachhaltig geprägten Mentalität im Umgang mit natürlichen Ressourcen, die wirkungsgeschichtlich auf die herkömmliche Auslegung der Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen (1. Mose 1,26f.) als Krone der Schöpfung zurückgeht und den „Herrschaftsauftrag“ von Vers 28-30 als Freibrief liest, sich die Erde nach Belieben untertan zu machen. Von der Vorstellung, allein den Menschen in den Mittelpunkt allen Denkens zu stellen, ist das vorherrschende Vertrauen in Technik und Wirtschaft zutiefst geprägt. Der „Herrschaftsauftrag“ ist in dieser Hinsicht falsch verstanden und führt dazu, den Gottesbezug auszuklammern, der im Respekt gegenüber Gott und seiner Schöpfung der Unverfügbarkeit allen Lebens Rechnung trägt. Dieses fehlende Respektbewusstsein bedingt und fördert eine technik-, wirtschafts- und fortschrittsorientierte Betriebsblindheit, die in ihrem Macht-, Erfolgs- und Gewinnstreben die Umwelt zu vergessen droht und soziale wie globale Gerechtigkeitsaspekte notorisch ausblendet.
Die Kirchen stellen sich zunehmend der Aufgabe, diese Mentalität auch als eigenes Erbe kritisch aufzuarbeiten und den notwendigen Bewusstseinswandel von seinen biblisch-theologischen Grundlagen her in die gesellschaftliche Debatte hineinzutragen. Damit wollen sie schöpfungs- und umweltethische Grundorientierungen in den politischen und ökonomischen Entscheidungsprozessen wirksam verankern. Denn die Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen begründet eben nicht einen unbegrenzten Herrschaftsanspruch, sondern ist als besondere Verantwortung des Menschen gegenüber Gott (coram deo) und seiner Schöpfung zu verstehen. Nur so bleibt der Herrschaftsauftrag, was er eigentlich ist: eine Segensverheißung (1. Mose 1,28). Aus dieser Gewissheit heraus kann und darf der Mensch theologisch verantwortet die natürlichen Ressourcen im Sinne einer die Generationen überspannenden Nachhaltigkeit zwar nutzen, aber nicht rücksichtslos ausbeuten.
Im gottesdienstlichen Handeln, im Bildungsengagement der Kirchen und in der Wahrnehmung theologisch begründeter gesellschaftlicher Verantwortung soll dies als Ausdruck des Bekenntnisses zu Gott, als Schöpfer des Himmels und der Erde, immer aufs Neue in Erinnerung gerufen und im Lobpreis Gottes für seine gute Schöpfung vergegenwärtigt werden (vgl. vor allem Ps 8 und 104). Im Lobpreis wird die Verzweckung der Schöpfung auf menschliche und vom Menschen gemachte Ziele immer wieder neu aufgebrochen und der Mensch aus seinen ich- und wir-bezogenen Befangenheiten heraus gelöst. So kann sich der Schleier der Blindheit gegenüber den Gefahren des Ressourcenverbrauchs, gegenüber den Gefahren des globalen Klimawandels, gegenüber den Gefahren gestörter Wasserkreisläufe lüften. Christen verstehen ihre politische und sozioökonomische Verantwortung auf den Spuren Noahs als Anwaltschaft für die geschöpfliche Mitwelt, die keine eigene Stimme hat und durch den Menschen stets gefährdet oder zerstörerisch aufs Spiel gesetzt wird.
Konkret können Christen in allen Planungs- und Entscheidungsprozessen besonders wach und sensibel sein, um auf Unabsehbarkeiten und Unwägbarkeiten sowie auf Nebenwirkungen und Spätfolgen menschlichen Entscheidens und Handelns aufmerksam zu machen. Sie können nach der Verhältnismäßigkeit von Aufwand und Effekt, von Mittel und Ziel schauen, sowie darauf, ob Lösungsstrategien langfristig nicht neue und weit größere Probleme schaffen als die alten, die man damit zeitnah meint lösen zu können. Kritische Wachsamkeit und eine besondere Sensibilität bringen sie gegenüber den subtilen Formen von Lobbyismus auf, die oft mit vordergründig plausiblen Sachargumenten daherkommen, um damit doch nur wirtschaftliche Eigeninteressen zu verfolgen oder die politische Macht zu erhalten. In den Unannehmlichkeiten und Entbehrungen, die diese kritische Arbeit mit sich bringen kann, schöpfen Christen Trost und Widerstandskraft aus der Tauferinnerung und der Christus-Präsenz im Abendmahl. Im Vertrauen auf ihn können sie sich wie Petrus in den Wellen destruktiver Kontroversen gehalten und getragen wissen als Getaufte, die „mit Christus durch die Taufe begraben“ und auferweckt sind (Röm 6,4).
Lebenswandel
Der Klimawandel ist längst in vollem Gange. Darum fordert er einen neuen Lebenswandel. Denn die Beteiligung des Menschen daran ist höchstens graduell strittig. Wir Menschen werden die schon zutage getretenen Veränderungen kaum zurückbauen können. Das Klima verändert bereits die Lebensbedingungen auf diesem Planeten. Angesichts dieser Lage haben wir als Christenmenschen eine doppelte Aufgabe: mit aller Kraft und gemeinschaftlich zum Guten wenden, was noch gewendet werden kann und den Wandel der Lebensbedingungen auf dem Planeten Erde annehmen und nach neuen Überlebensmöglichkeiten suchen.
Dies sind keine neuen Aufgaben. Menschsein auf diesem Planeten hat sich immer unter dieser Aufgabenstellung vollzogen. Allerdings hat die aktuelle Situation eine grundlegend neue Qualität: Zum ersten Mal haben wir Menschen es mit einer globalen ökologischen Gefährdung zu tun. Dafür sind wir schlecht gerüstet, weil wir uns in unserer Entfremdung von den natürlichen Grundlagen unseres Daseins sehr lange in dem Wahn befunden haben und noch befinden, die Prozesse der Natur seien durch den Menschen auf Dauer beherrschbar. Wir haben fest damit gerechnet, die Steigerung unseres Lebensstandards auf diesem Planeten führe immer zu Verbesserungen der Lebensqualität, bleibe ohne negative Folgen und unsere Eingriffe in die Natur seien lokal begrenzt und ohne Auswirkungen auf das Ganze.
Die alte Weisheit, dass im Gewebe des Lebens alles mit allem zusammenhängt, holt uns ein. Zugleich werden wir neu mit der eigenen Ohnmacht und der Vergänglichkeit dessen, was der Mensch auf dieser Erde ist und schafft, konfrontiert. Die grundlegend neue Qualität der Herausforderung erfordert also auch neue Antworten – einen grundlegend anderen Lebensstil und Lebenswandel.
Die moderne Hirnforschung zeigt, dass Intellekt, Empfindungen, die Bildung religiöser Lebensverankerung und ethischer Normen Regionen auf der Landkarte des menschlichen Gehirns sind. „Herz“ und Hirn sind also näher beieinander, als es der Eigenwahrnehmung entspricht. Die Konsequenz im Blick auf den Lebenswandel: Die rationalen, emotionalen, religiösen, ethischen und moralischen Potenziale müssen stärker als bisher miteinander vernetzt werden. Die „Verinselung“ der Daseinsbereiche muss einem besseren Zusammenspiel Platz machen. So könnte vielleicht eine neue Motivation zu einem veränderten Lebenswandel entstehen. Glauben, Denken und Handeln müssen schon heutzutage enger als bisher aufeinander bezogen sein und sich im Horizont der Verantwortung vor der Zukunft des Lebens auf diesem Planeten bewegen. Die Wissenschaft muss die Folgen ihrer Ergebnisse mit bedenken. Wirtschaftliches Handeln muss sich an den mittel- und langfristigen Zielen des Überlebens aller orientieren. Politik muss die Gesetze des Marktes kritisch beobachten und neue Entwicklungen im Blick auf die Überlebensfrage prüfen. Alle sind aufgerufen, Eigenverantwortung zu übernehmen und sich den Aufgaben der Zukunft unter Einschluss der geschöpflichen Mit-Welt zu stellen.
Der Mensch muss nicht neu ‚erfunden’ werden. Er ist in Jesus Christus neu geschaffen, das ist die in der Taufe geschenkte Gewissheit. Es fehlt nicht an der Gabe, denkend in ein Verhältnis zum eigenen Tun und zur Welt zu treten. Gefragt ist „intelligente Liebe“ zur Schöpfung. Einzuüben ist eine Lebenseinstellung „mit dem Gesicht zum Volke“, mit dem Gesicht zur Menschheit auf diesem Planeten unter Achtung der Menschenrechte eines jedes einzelnen auf unversehrtes Leben. Einzuüben ist ein Lebenswandel, der in Verantwortung vor Gott für das Wohlergehen der Pflanzen- und Tierwelt und für die Bewahrung unserer gemeinsamen natürlichen Lebensgrundlagen Sorge trägt. Einzuüben ist ein dem Gedanken der Gerechtigkeit entsprechender Lebenswandel, der die Folgen der eigenen Lebensweise reflektiert und fragt: Was würde es für die gesamte Erde bedeuten, wenn alle so leben würden wie wir? Wenn unser Verhalten nicht für alle gelten kann, dann darf es auch nicht für uns gelten.
„Intelligente Liebe“ hilft, die eigene Provinzialität zu überwinden und die meist verborgenen globalen Zusammenhänge aufzudecken, von denen die eigene Lebensweise profitiert. Wir „essen“ mehr Wasser, als wir trinken: Reis, Zuckerrohr, Gemüse und viele Obstsorten, die wir importieren, werden unter hohem Einsatz von Wasser für unseren Konsum produziert. Es findet ein „virtueller Wasserexport“ von Süden nach Norden statt. Wir sind also unmittelbar an der Wasserknappheit in vielen Regionen der Erde beteiligt. „Intelligente Liebe“ schließt die Bereitschaft ein, sich den negativen Folgen des bisherigen Lebenswandels zu stellen und auf eine bewusste Begrenzung der eigenen Wünsche und Möglichkeiten zuzugehen.
Ein zukunftsfähiger Lebenswandel wird ein „4-D-Lebenswandel“ sein, d. h. bestimmt und orientiert an Dank, Demut, Denken und Dienst.
Dank: Ich darf leben. Mein Dasein ist von Gott gewollt. Ich bin in den herrlichen Lebensraum Erde eingebunden, dessen Güter mir jeden Tag neu zu Gute kommen. Aber nicht nur mir: Allen Lebewesen ist vom Schöpfer und Erhalter der Welt das Lebensrecht gegeben.
Demut: Ich bin nicht Herr und Herrin der Welt, auch nicht in meinem Haus, meinem Garten, meiner Familie oder Kommune. Die Frage nach den Grenzen meiner Möglichkeiten begleitet mich täglich als eine Frage des Schöpfers an mich: Was erlaubst du dir? Es gibt gesetzte Grenzen, die ich zwar erforschen und erkennen kann, die ich aber nicht verändern darf. Zu lange sind wir alle den Prinzipien der Machbarkeit und der Verwertbarkeit gefolgt. Jetzt bin ich mit all den anderen herausgefordert, mir Grenzen zu setzen; das Lassen zu lernen; die Geheimnisse und die Fremdheit der Natur zu achten und so wenig wie möglich in sie einzugreifen. Das kann auch bedeuten, Lebensräume fremder Kulturen nicht unnötig zu besuchen. Dadurch werden die Treibhausgase gemindert, die Erwärmung der Weltmeere verlangsamt und die Ressourcen geschont.
Denken: Ich kann denkend in ein Verhältnis zum eigenen Tun und zur Welt treten. Das bedeutet auch, dass ich die Folgen meiner eigenen Lebensweise reflektiere und mich der Frage stelle: Was würde es für die gesamte Erde bedeuten, wenn alle so leben würden wie ich? Wenn die Regeln, die meinem Verhalten gelten, nicht für alle gelten können, dann dürfen sie auch nicht für mich bestimmend sein. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit. Dies erfordert ein Umdenken und Umwandeln meines eigenen Lebensstils: nämlich meine Bereitschaft, mich den negativen Folgen meines bisherigen Lebenswandels zu stellen und auf eine bewusste Begrenzung meiner eigenen Wünsche und Möglichkeiten zuzugehen.
Dienst: Mein Leben erschöpft und erfüllt sich nicht in der Sorge um mich selbst und mein Wohlergehen. Es warten lohnende Aufgaben jenseits der Eigensorge auf mich: Die Einbeziehung der Lebensinteressen aller Menschen in mein lokal begrenztes Denken und Handeln befreit mich von der eigenen Enge und gibt mir heilsame Perspektiven für das eigene Leben. Dienst ist keine punktuelle Serviceleistung, für die ich mich entlohnen lasse, sondern eine grundlegende Haltung gegenüber der Gemeinschaft, die mich trägt. Zu dieser tragenden Gemeinschaft gehören nicht nur die Verkehrsbetriebe vor Ort, nicht nur das (kommunale) Wasserwerk, das mich versorgt; nicht nur die Kirchengemeinde, in die ich mich einbinden kann. Es gehören auch dazu die Plantagenarbeiter, die Obst und Tee für meinen Tisch produzieren; es gehören auch dazu die gefährdeten Zonen der Erde, in denen Menschen ums Überleben kämpfen. Zum Dienst im Sinne einer „intelligenten Liebe“ gehört damit, politische und gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen.
Eine Lebensorientierung, die in Verantwortung vor Gott an Dank, Demut, Denken und Dienst ausgerichtet ist, gibt uns die Kraft, die ökologischen Herausforderungen, die sich auch im Klimawandel zeigen, anzunehmen, damit Leben weltweit eine Zukunft hat. Dafür wollen wir uns einsetzen. Als Christenmenschen vertrauen wir auf Gottes Segen für einen solchen Lebenswandel.
II. 10 Schritte zur Konkretion: „Aus Dankbarkeit für Gottes gute Schöpfung leben“
1. Für Gottes Schöpfung eintreten
Christenmenschen sehen in der belebten und unbelebten Natur Gottes Schöpfung. Ihr gebührt Wertschätzung, Achtung und Schutz. Als Menschen sind wir von Gott zur Mitverantwortung für die Bewahrung der Schöpfung berufen. Deshalb müssen wir den Klimaschutz als eine Querschnittsaufgabe verstehen. Als Christenmenschen und Kirchen wollen wir auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene dafür Sorge tragen, dass das Klima konsequent geschützt wird. Dies bedeutet vor allem eine Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen.
2. Schöpfungsverantwortung einüben
Die Gottebenbildlichkeit und der Herrschaftsauftrag des Menschen in der biblischen Schöpfungsgeschichte wurden in der Vergangenheit häufig als uneingeschränkte Verfügungsgewalt des Menschen über die Natur missverstanden. In Respekt gegenüber Gott dem Schöpfer bekräftigen wir eine nachhaltige Schöpfungsverantwortung. Wir vergegenwärtigen uns ihre biblische Grundlage stets aufs Neue und machen sie zum Leitbild des kirchlichen Handelns. Eingeübt und praktiziert wird diese Schöpfungsverantwortung in Gottesdienst, Predigt und Unterricht sowie im Bildungsengagement der Gemeinden und Kirchen und ihrer kritischen Wahrnehmung und Begleitung gesellschaftlicher Verantwortung.
3. Umweltarbeit in den Landeskirchen ausreichend ausstatten
In vielen kirchlichen Haushalten werden zunehmend weniger finanzielle Mittel und Ressourcen für die Umweltarbeit zur Verfügung gestellt. Dies steht im Widerspruch zu den gegenwärtigen Herausforderungen durch den Klimawandel und zu dem erklärten Selbstverständnis der Kirchen, sich für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Jede Landeskirche ist aufgerufen, haupt- und ehrenamtliches Engagement im Umweltbereich zu fördern und finanziell auszustatten sowie sich in entsprechenden Projekten zu engagieren.
4. Klimaschonende Mobilität fördern
Das Verkehrssystem insgesamt trägt zu einem wesentlichen Teil zur Erhöhung der Treibhausgas-Emissionen bei. Eine wirksame Reduktion der Emission von Klimagasen im Verkehr ist mit einer Veränderung des Mobilitätsverhaltens verknüpft: Öffentliche Verkehrsmittel sind gegenüber individuellen Verkehrsmitteln stärker zu fördern. Die Kirchengemeinden und Landeskirchen sind aufgerufen, Mitarbeitende und Gemeindemitglieder zu motivieren, möglichst klimaschonend unterwegs zu sein: Sie können Tickets des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) anbieten, zu Fahrgemeinschaften aufrufen, Dienstgänge mit Fahrrad oder ÖPNV unternehmen, Flugreisen reduzieren, möglichst Pkws mit niedrigem CO2-Ausstoß nutzen und gemeinsam darauf hinwirken, auf Autobahnen ein Tempolimit einzuführen und freiwillig eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h einzuhalten.
5. Wasser nachhaltig und verantwortlich nutzen
Im globalen Maßstab wird der Klimawandel zu regionalen Konflikten um Wassernutzung führen. Lokal darf im Sinne der Nachhaltigkeit nicht mehr Wasser dem Kreislauf entzogen werden als neu gebildet wird. Grundsätzlich muss mit Wasser sorgsam umgegangen werden. Im Sinne eines vorbeugenden Gewässerschutzes darf Wasser nicht unnötig und nicht unwiederbringlich verunreinigt werden. Auf internationaler Ebene sind rechtliche Instrumente zu entwickeln, die das Menschenrecht auf Zugang zu Wasser festschreiben. Auch Kirchengemeinden sind gefragt, Wasserversorgungsprojekte in anderen Regionen der Welt zu unterstützen und lokale Initiativen zur Reinhaltung des Wassers zu ergreifen.
6. Biologische Vielfalt erhalten
Mit dem Klimawandel gehen für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten hohe Belastungen und damit die Gefahr der Verdrängung oder Ausrottung einher. Die Vielfalt der Lebensräume und die biologische Artenvielfalt müssen erhalten werden. Sie sind die entscheidende Lebensgrundlage auch für das menschliche Wohlergehen künftiger Generationen. Die Kirchen und kirchlichen Einrichtungen nehmen ihre Schöpfungsverantwortung wahr, wenn sie ihre kirchlichen Außenanlagen und landwirtschaftlichen Flächen in Kirchenbesitz konsequent naturverträglich bewirtschaften.
7. Zukunftsfähig im Energiebereich handeln
Das heutige System der Energieversorgung und Energienutzung ist nicht zukunftsfähig. Energie muss nachhaltig genutzt werden. Strategien dafür sind: Energie einsparen, Energie effizient einsetzen sowie erneuerbare Energieträger nutzen, fördern und ausbauen. Im kirchlichen Bereich sollten das Umweltmanagement „Grüner Hahn/Gockel“ oder eine Zertifizierung nach der EMAS-Verordnung für alle kirchlichen Einrichtungen eingeführt, Energie effizient eingespart und vorhandene Gebäude mit Techniken zur Nutzung erneuerbarer Energien ausgestattet werden.
8. Am Ausstieg aus der Kernenergie festhalten
Kernenergie ist kein verantwortlicher Beitrag zum Klimaschutz und behindert den notwendigen Umbau der Energieversorgung. Vor allem sind ihre Risiken – insbesondere die nicht geklärte Endlagerung und das hohe Schadenspotential – nach wie vor ungelöst. Die Synode bittet den Rat, gegenüber der Bundesregierung dafür einzutreten, am Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie festzuhalten, dem Vertrieb dieser Technologie in Europa und weltweit eine Absage zu erteilen und den Ausstieg aus klimaschädlichen Energietechnologien weiter voranzutreiben. Es muss möglichst schnell ein vernünftiger Weg zur Lösung der Endlagerproblematik gefunden und zugleich müssen vorrangig erneuerbare Energien gefördert werden. Solange Kernkraftwerke aber noch betrieben werden, sollten Forschungsvorhaben, die die Risiken der Kernkraft mindern, unterstützt werden.
9. Bewusst nachhaltig wirtschaften
Ein umfassender Mentalitätswandel tut Not: Nachhaltigkeit und Verteilungsgerechtigkeit müssen künftig für den Umgang mit natürlichen Ressourcen handlungsleitend sein. Ein zukunftsfähiger Lebenswandel verlangt von uns Veränderungen in unserer Beziehung zur Natur, in der Wassernutzung, in der Ernährung, im Verbraucherverhalten, in den Produktionsbedingungen, in der Energieerzeugung, in der Wirtschaftspolitik und in vielen anderen Lebenswirklichkeiten. Wir als Christenmenschen und Kirchen müssen uns selbst in die Pflicht nehmen und uns dafür einsetzen, dass die Gesellschaft in all ihren Lebensbereichen umsteuert.
10. International Klimagerechtigkeit fördern
Der Klimawandel stellt uns vor eine Gerechtigkeitsfrage, denn seine Verursacher in den Industriestaaten leiden weniger unter seinen Folgen als arme Bevölkerungsgruppen mit niedrigerer Energienutzung in den Ländern des Südens oder zukünftige Generationen. Eine Lösung kann nur auf der Grundlage gesucht werden, dass jeder Mensch das gleiche Recht hat, Energie zu nutzen, um Leben verantwortlich zu gestalten. Wir sind als Teil der ökumenischen Gemeinschaft aufgerufen, für Klimaschutzmaßnahmen und Katastrophenvorsorge einzutreten und den Dialog über Klimafragen mit unseren ökumenischen Partnern zu suchen.
