Grußworte
2. Tagung der 11. Synode der EKD, Ulm, 25. bis 29. Oktober 2009
Grußwort des Ministerpräsidenten, Günther H. Oettinger
25. Oktober 2009
Verehrte, liebe Frau Göring-Eckardt, verehrter Herr Ratsvorsitzender Bischof Huber, liebe Frau Huber, lieber Dr. Günther Beckstein, lieber Landesbischof Dr. July, hochverehrter Herr Bischof Dr. Zollitsch, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Gönner, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Seien Sie alle im Namen der Landesregierung von Baden-Württemberg gegrüßt. Ich freue mich sehr, dass Sie Ulm, die alte Reichsstadt und schöne Universitätsstadt, als Tagungsort ausgewählt haben. Ich wünsche Ihnen ertragreiche Tage, erfolgreiche Beratungen und gute Wahlen. Behalten Sie Ulm und Baden-Württemberg in guter Erinnerung!
Baden-Württemberg ist ein christlich geprägtes Land. In Baden und in Württemberg sind wir durch die Diözesen und Landeskirchen stark verwurzelt in der christlichen Tradition. Und ich darf für die Landesregierung sagen: Wir bauen darauf, dass die Partnerschaft von Staat und Kommunen einerseits und von Kirchen und Kirchengemeinden andererseits diesem Land auch in den nächsten Jahrzehnten Werte vermitteln und die Aufgaben gemeinsam bewältigen hilft.
Die Württembergische Landeskirche feiert in diesem Jahr ihr Reformationsjubiläum und wird 475 Jahre alt. Ulm hat sogar eine evangelische Tradition, die noch weiter zurückreicht als im Herzogtum Württemberg insgesamt.
Ohne die Reformation sähe unser Land sicherlich anders aus. Vieles von dem, was heute das Bild von ganz Baden-Württemberg in der Welt bestimmt – Liberalität, Traditionsverbundenheit, Fleiß, Erfindergeist der Menschen, der gute Ruf der Schulen und Hochschulen, die Dynamik der Wirtschafts- und Arbeitswelt, das menschliche Miteinander –, hat auch im württembergischen Protestantismus seine Wurzeln und bis heute sein Fundament. Man wird nicht so schnell eine Einrichtung finden, die dieses Land mehr und nachhaltiger geprägt hat als das evangelische Pfarrhaus.
Entscheidend für diesen nachhaltigen Einfluss war dabei besonders der hohe Stellenwert der Bildung im Protestantismus. Ich weiß, dass die Evangelische Kirche in Deutschland sich im nächsten Jahr dem Thema der christlichen Bildung in besonderer Weise annehmen will. Die Geschichte unserer Landeskirche ist dabei mit Sicherheit ein Anknüpfungspunkt.
So folgte der offiziellen Einführung der Reformation in Württemberg durch Herzog Ulrich bald schon eine bedeutende Bildungsoffensive, für die vor allem der Reformator und Verfasser der Großen Württembergischen Kirchenordnung, Johannes Brenz, wichtige Impulse gab. Es entstand damals, im 15., 16. und 17. Jahrhundert, ein flächendeckendes Volksschulwesen. Rund ein Jahrhundert später galt im ganzen Herzogtum die allgemeine Schulpflicht. Damit war Württemberg bildungspolitisch führend im damaligen Europa.
An diesem Schulsystem hat sich dann lange Zeit wenig geändert, und auch nach der Trennung von Kirche und Staat blieb das Schulwesen hier bis weit in das 20. Jahrhundert hinein in starkem Maße konfessionell geprägt.
Nach den Erfahrungen von Krieg und Nationalsozialismus war es eine Entscheidung der Politik, den Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg eine Mitverantwortung für das Schulwesen zu übertragen, um die Jugend wieder auf christlicher Grundlage zu bilden und zu erziehen. Heute haben wir viele von den großen Kirchen getragene Schulen und Kindergärten, die eine wertvolle Ergänzung zu den kommunalen und öffentlichen Schulen in unserem Lande sind. Diese Mitverantwortung begrüßen wir ausdrücklich.
Der Austausch in der Kultus- und Schulpolitik in Baden-Württemberg ist nicht immer spannungsfrei, oftmals kontrovers. Aber dieser Dialog führt zu einer Entwicklung, in der das öffentliche Schulwesen durch die Kirchen und ihre Schulen – wie auch umgekehrt – bereichert wird.
In unserer Landesverfassung heißt es ausdrücklich, dass die Jugend in Ehrfurcht vor Gott zu erziehen sei. Dies geschieht an unseren Schulen auch und gerade im evangelischen und im katholischen Religionsunterricht, der bei uns unverzichtbar bleibt. Der Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen ist ein wichtiger Beitrag zur Pflege und Stärkung der christlichen Wurzeln in unserem Land, und unsere Kinder besuchen ihn gern.
Auch wenn es die zunehmende Pluralisierung unserer Gesellschaft mit sich bringt, dass die Kirchen nicht mehr die einzigen Stimmen im Chor der Wertevermittlung sind – noch immer sind in Baden-Württemberg drei von vier Bürgern entweder katholische oder evangelische Christen. Wir sind unverändert ein christlich geprägtes Land.
Die Kirchen werden sich nicht nur als reine Wertevermittler sehen; im Zentrum ihrer Verkündigung steht nach wie vor der Glaube. Daneben wird bei uns aber auch jüdischer und, im Rahmen eines Modellprojekts, islamischer Religionsunterricht erteilt. Wir haben Respekt vor allen Religionen und Kirchen, die in unserem Land zu Hause sind. Der Religionsunterricht ist und bleibt auch in Zukunft für unser Gemeinwesen ein wichtiger Ort, an dem Kinder und Jugendliche, unabhängig von Herkunft und Orientierung, sich finden und sich fundiert mit existenziellen Fragen befassen können. Die Zusammenarbeit von Land und Kirche ist dabei traditionell von Vertrauen und von einem partnerschaftlichen Verhältnis geprägt.
Meine Damen und Herren, das Schwerpunktthema Ihrer diesjährigen Synodaltagung lautet „Ehrenamtliches Engagement in Kirche und Gesellschaft“. Ich glaube, auch dafür ist Baden-Württemberg ein geeigneter Ort – nämlich als das Land des Ehrenamts. Nirgendwo in Deutschland finden Sie mehr Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. 42 Prozent unserer Bürgerinnen und Bürger engagieren sich in der und für die Gemeinschaft, im sozialen, kulturellen, sportlichen, politischen, ökologischen und gerade im kirchlichen Bereich. Besonders freuen wir uns, dass sich viele junge Menschen freiwillig in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Bei den 6- bis 20-Jährigen sind es über 50 Prozent. Einige davon haben wir heute Morgen im Gottesdienst erlebt.
Die Evangelische Landeskirche in Württemberg ist dabei ein besonders großer Motor ehrenamtlichen Engagements. Ungefähr 140.000 Menschen sind in ihren Reihen von der Vorbereitung des Kindergottesdienstes bis zum Besuchsdienst in Altenheimen und in der Telefonseelsorge verdienstvoll aktiv. 30.000 helfen bei den sozialen Diensten des Diakonischen Werkes in Württemberg mit.
Keine Frage: Der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft und in den Kommunen hängt ganz entscheidend von den Bürgerinnen und Bürgern ab, die ehrenamtlich engagiert sind. Ohne sie und ohne ihren Einsatz würde es dem Leben in unseren Dörfern, Städten und im Land an Wärme und Herzlichkeit, an Schwung und Gestaltungskraft fehlen.
Für mich ist es auch ein Ausdruck lebendiger Demokratie und kommunaler Selbstverantwortung, wenn sich Staatsbürger vor Ort in den Dienst der Gemeinschaft stellen, wie sie es in großer Zahl tun. Ein demokratisches, ein freiheitliches Gemeinwesen wie unseres braucht solche Menschen, die bereit sind, zusammen mit anderen die Gestaltung ihrer Lebensumwelt ein Stück weit selbst in die Hand zu nehmen – gerade in Zeiten, in denen der Staat an seine Grenzen stößt.
Wenn es aber zutrifft, dass das Ehrenamt in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen wird, dann muss es die Aufgabe des Staates und der Städte sein, dies nach Kräften zu fördern. Qualifikation und Motivation sind wichtige Grundlagen dafür.
Auch hier haben wir eine gute Partnerschaft in Baden-Württemberg. Ein Schülermentorenprogramm mit dem Titel „Soziale Verantwortung lernen“ wird vom Evangelischen Jugendwerk in Württemberg und unserem Kultusministerium angeboten. Wir haben weitere Kooperationspartner in der evangelischen Schülerarbeit in Baden sowie bei der studierenden katholischen Jugend der Diözesen Rottenburg-Stuttgart und Freiburg, das heißt: eine Partnerschaft im ganzen Land.
Das Programm soll junge Menschen ermutigen und befähigen, ihr Umfeld verantwortungsvoll zu gestalten. Durch Ausbildung werden sie für Jugendarbeit in Schule und Gesellschaft motiviert und qualifiziert. Über 2.800 junge Menschen sind in den vergangenen Jahren zu Mentoren ausgebildet worden. Förderung heißt ganz praktisch, dass man ihnen die Befähigung gibt, das zu machen, was ihnen liegt, und zwar freiwillig im Ehrenamt. Der Staat stellt die hauptamtliche Beratung und die finanziellen Mittel ergänzend bereit.
Auch die besten Rahmenbedingungen würden nichts nützen, wenn in der Gesellschaft nur noch der persönliche Erfolg und ein hohes Erwerbseinkommen zählten und das Bewusstsein verloren ginge, dass Geben seliger als Nehmen ist.
Uns an diese ethischen Prinzipien immer wieder zu erinnern und gleichzeitig mit der Frage nach Gott allen menschlichen Allmachtsfantasien einen Riegel vorzuschieben, darin besteht nach wie vor eine der wichtigsten Aufgaben der Kirchen in unserem Land. Demut zu predigen und dazu zu erziehen, erscheint uns mehr denn je notwendig.
Damit leisten Sie ebenso wie mit Ihrem vielfältigen sozialen Engagement einen Beitrag zum inneren Zusammenhalt unserer Gesellschaft, der nicht hoch genug bewertet werden kann. Dafür danke ich Ihnen allen – in Baden-Württemberg und in Deutschland, im Hauptamt wie im Ehrenamt.
Ich wünsche Ihrer Tagung, Ihrer Synode viel Erfolg und danke dafür, dass die Kirchen in unserem Land segensreiche Partner von Staat und Stadt geblieben sind. Auch dafür eine gute Zukunft!
