Grußworte
2. Tagung der 11. Synode der EKD, Ulm, 25. bis 29. Oktober 2009
Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Ulm, Ivo Gönner
25. Oktober 2009
Sehr verehrte, liebe Frau Göring-Eckardt, alle schon mehrfach herzlich begrüßten Gäste von nah und fern, liebe Mitglieder der Synode und natürlich die hohe Geistlichkeit! Seien Sie auch von mir im Namen des Gemeinderats und der Bürgerschaft herzlich willkommen geheißen. Man hat mir gesagt, ich solle Sie in fünf bis sieben Minuten so einstimmen, dass Sie auf den Rest des Programms geradezu neugierig sind.
Ich will mich gerne daran halten und freue mich, dass Sie nach Ulm gekommen sind, in unsere alte traditionsreiche Stadt, die Universitätsstadt, aber auch die Donaustadt, die Stadt, die die Nahtstelle zwischen Bayern und Baden-Württemberg bildet. Sie können ahnen, welch großen Herausforderungen wir uns allein dadurch jeden Tag zu stellen haben.
Wir sind mittendrin in Europa, und ich möchte die Gelegenheit nutzen, lieber Herr Ministerpräsident Oettinger, Ihnen bei allem Abschiedsschmerz, den wir beide miteinander mit Ihrem Umzug nach Brüssel verbinden – als Städtetagspräsident habe ich manch gepflegten, aber durchaus nützlichen Streit mit Ihnen ausgetragen –, von ganzem Herzen für Ihre neue Aufgabe alles Gute zu wünschen. Ein Baden-Württemberger ist geradezu prädestiniert für diese Aufgabe. Herzlichen Glückwunsch, lieber Herr Oettinger!
Ich grüße Sie, die Sie hier im Einstein-Saal sitzen. Wie Sie wissen, wurde Albert Einstein 1879 in Ulm geboren. Er hat 14 Monate seines Lebens hier verbracht.
Wie Sie aus Ihrer eigenen Biografie wissen, sind die ersten 14 Monate die allerwichtigsten Monate im ganzen Leben.
Denn in dieser Zeit erfährt der Mensch seine Prägung. Anschließend kommt eine Heerschar von Erziehungsberechtigten, Institutionen und anderen, die versuchen, einem das auszutreiben, was man in den ersten 14 Monaten gelernt hat. Bei Albert Einstein ist zu sehen, dass dies nicht gelungen ist. Er hat deswegen auch einen Nobelpreis bekommen. Lassen Sie also den Geist von Albert Einstein auf sich wirken.
Ich kann Ihnen dazu eine vielleicht animierende kleine Geschichte erzählen, die sich möglicherweise für Sie wie ein roter Faden durch Ihre Synode zieht. Albert Einstein hat seinen Nobelpreis übrigens nicht für die Relativitätstheorie bekommen – das hat bis heute niemand verstanden –, nein, er hat seinen Nobelpreis dafür bekommen, dass er die Formel entdeckt hat, wie aus Licht Energie wird.
So tagte auch der Ulmer Gemeinderat und hat sich überlegt, wie man einen Nobelpreisträger ehren kann. Das geht nach schwäbisch-bescheidener Art am Allerbesten dadurch, dass man eine Straße nach ihm benennt. Da ist der materielle Aufwand nicht so hoch, aber die Ehre groß. So wurde es dann auch gemacht. Als die Nazis 1933 in Ulm die Macht „übernommen“ haben – so sagt man immer irrtümlicherweise; denn man hat sie ihnen ja geradezu angeboten –, haben sie als erstes das Schild „Albert-Einstein-Straße“ abgeschraubt und ein Schild „Fichtestraße“ angeschraubt. Der arme Fichte kann gar nichts dafür, wofür er alles missbraucht wurde.
Nach dem Ende der Naziherrschaft ist der Gemeinderat wieder zusammengetreten und hat sich überlegt, was zu tun ist. Das abgeschraubte Namensschild „Albert-Einstein-Straße“ war natürlich nicht weggeworfen– eine zweite große schwäbische Eigenschaft –, sondern es war im Keller aufbewahrt worden. Man weiß ja nie, wann man es wieder braucht. Und so wurde aus der „Fichtestraße“ wieder die „Einsteinstraße“.
Einstein soll darufhin geäußert haben, er freue sich zwar sehr, dass eine Straße wieder nach ihm benannt werde. Es sei im Laufe seines bisherigen, schon reich dekorierten Lebens nicht oft vorgekommen, dass eine Straße zweimal nach ihm benannt werde. Sein Ratschlag an die Ulmer aber war: Damit sie in Zukunft für alle politischen und anderen Eventualitäten gefeit seien, sollten sie die Straße besser gleich „Windfahnenstraße“ nennen.
Dieser gute Rat von Albert Einstein gilt nicht nur den Ulmern. Denn wie oft – Hand aufs Herz! – halten wir in unserem ganz persönlichen, beruflichen, politischen und wirtschaftlichen Leben die Fahne in den Wind! Da möge sich jeder prüfen. Die Gesellschaft hier ist natürlich frei von jeglicher Anfälligkeit in dieser Richtung.
Es ist so leicht, die Fahne in den Wind zu hängen, und oft schwer, nach sorgfältiger Prüfung einen Standpunkt einzunehmen und auch, nach sorgfältiger Prüfung und herzlicher, heftiger Diskussion, diesen Standpunkt zu revidieren oder beizubehalten. Aber es ist immer verwerflich, die Fahne aus Opportunismus in den Wind zu halten. Das ist die Botschaft dieser kleinen Anekdote, mit der ich Sie herzlich grüße und Ihrer Tagung ein gutes Gelingen wünsche!
