Predigten und Bibelarbeiten
2. Tagung der 11. Synode der EKD, Ulm, 25. bis 29. Oktober 2009
Bibelarbeit (Matthäus 28, 16 – 20)
Präsident Dr. Reinhard Höppner
26. Oktober 2009
Was die Kirche tun soll, kann sie sich nicht selber aussuchen. Darin unterscheidet sie sich von allen Unternehmen dieser Welt. Sie erforschen den Markt und ermitteln die Produkte, für die ein Bedarf besteht, und bieten sie dann am Markt an. Manche meinen zwar, die Kirche müsse auch den religiösen Markt erkunden um dann die nachgefragten religiösen Produkte und Dienstleistungen – wenn möglich auch noch kostengünstig – anbieten. Aber dem ist nicht so. Die Aufgabe der Kirche ist einzig und alleine von ihrem Auftrag her bestimmt und Kriterien der ökonomischen Effektivität können dabei auch nur sehr bedingt eine Rolle spielen.
In diesem Herbst werden wir immer wieder erinnert an den Herbst vor 20 Jahren, an die friedliche Revolution, die von den Friedensgebeten ausging. Manche denken inzwischen, diese Friedensgebete wären erfunden worden zum Zwecke der Durchführung der Revolution. Aber so ist es nicht. Sie sind Anfang der achtziger Jahre im Zusammenhang mit den Friedensdekaden entstanden. Nicht ohne Widerstand auch innerhalb der Kirchen in der DDR sind sie dann insbesondere in den größeren Städten zu wöchentlichen Friedensgebeten geworden. Manchmal waren wir nur wenige, so dass wir uns oft gefragt haben, ob sich das noch lohnt. Aber die Wenigen haben durchgehalten. Es gab ja genug, was zur Sprache gebracht werden musste. Und dann, im Herbst 1989 wurden genau diese Friedensgebete ganz offenkundig gebraucht. Ohne sie wäre die Revolution sicher nicht so gewaltfrei und friedlich abgelaufen. Meine Lehre aus diesem Herbst: Tu das als notwendig Erkannte, tu es beharrlich und geduldig ohne Rücksicht auf scheinbare Effektivität. Es wird offenbar werden, dass genau dies gebraucht wird.
Was soll die Kirche heute tun? Sie kann es sich nicht einfach aussuchen. Es wird einzig und alleine bestimmt von ihrem Auftrag. Und der steht in komprimierter Form im sogenannten Missionsbefehl. Ich lese Matthäus 28, 16 – 20 in einer an die Bibel in gerechter Sprache angelehnten Übersetzung:
Die elf Jünger wanderten nach Galiläa auf den Berg, auf den Jesus sie gewiesen hatte. Und als sie ihn sahen, huldigten sie ihm. Einige aber zweifelten. Und Jesus trat zu ihnen und sagte: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Macht euch auf den Weg und macht zu meinen Schülerinnen und Schülern alle Völker, lasst sie mitlernen. Taucht sie ein in den Namen Gottes und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und lehrt sie alles, was ich euch aufgetragen habe, zu tun. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis Zeit und Welt sich vollendet haben.
Die Jünger, wir dürfen sie heute getrost Schülerinnen und Schüler ihres Meisters nennen, gehen zurück in ihren Alltag, ihre Welt nach Galiläa. Und sie gehen auf einen Berg. Berge sind seit Abrahams Zeiten die Orte der Gottesbegegnung. Und sie begegnen ihm dort wie vorausgesagt. Wie auch immer die Huldigung aussah – Luther übersetzt: Sie fielen vor ihm nieder – bemerkenswert ist, dass einige zweifelten. Wir finden keine Notiz davon, dass Jesus sie noch überzeugt hätte. Er kommt sofort zur Sache. Es gehört dazu, dass Schülerinnen und Schüler zweifeln. Jeder, der etwas von Pädagogik versteht, weiß, dass Zweifel zum Lernen notwendigerweise dazu gehört.
Der Erste Satz des Auferstandenen Herrn klärt etwas auch für unsere Kirche heute Wesentliches. Mir ist alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben. Die Machtfrage ist also entschieden. Haben wir eben schon die Frage geklärt, warum uns Unternehmensberater nicht weiterhelfen können, so ist jetzt klar, dass es auch Politberater nicht können. Die sind näm¬lich zuständig für die Beratung in Machtfragen, aber die Machtfrage ist entschieden. Christen haben im Unterschied zu den Politikern ein großes Plus. Sie brauchen nicht wiedergewählt zu werden. Sie sind schon gewählt. In der Kirche sagt man wohl: erwählt. Also kann – ganz ohne Koalitionsgespräche – der Auftrag formuliert werden.
Dabei sei angemerkt, dass der Auftrag allen gleichermaßen erteilt wird. Hierarchien in der Jüngerschaft sind eine Erfindung der Kirchengeschichte. Immerhin hat Luther das Priestertum aller Gläubigen wiederentdeckt. Und damit sind wir beim Thema dieser Synodaltagung. Jeder Christ hat ein Amt, das begründet ist im Auftrag, den unser auferstandener Herr uns gegeben hat. Eine Arbeitsteilung richtet sich vor allem aus an dem Wort „Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat“. Jeder soll sein Talent einbringen. Die Vielfalt der Gaben dient einem gemeinsamen Ziel, die Botschaft des Evangeliums allen Völkern, oder wie Markus es sagt: aller Welt zu bringen. Das ist das eigentliche Ehrenamt in der Kirche.
Dem Text sind vier Aufgaben zu entnehmen.
Die erste: Macht euch auf den Weg. Wir sind ein wanderndes Gottesvolk, wandern durch die Zeit, Gott auf der Spur. Es ist der Weg der Nachfolge, vergleichbar der des Volkes Israel, das auf dem Weg in das gelobte Land ist und dem Gott Tag und Nacht vorangeht, tags in deiner Wolkensäule und nachts in einer Feuersäule. Es ist eine Suchbewegung, die ihn sucht. Es ist eine Lernbewegung, die stets gefasst ist auf die Überraschungen, die Gott für uns bereit hält. Wir wissen vom Volk Israel, dass Irrwege dabei nicht ausgeschlossen sind. Wer keine Fehler machen darf, lernt nichts dazu. Gott sei Dank haben wir einen fehlerfreundlichen, wie wir in der Kirche sagen, einen gnädigen Gott, der uns die Chance zum Lernen gibt.
Lernen bedeutet nicht, dass einer im Besitz der Wahrheit ist und sie den anderen beibringt. Die Praxis in unseren Schulen verleitet uns oft zu diesem Irrtum. Ein Lehrer, der nichts dazulernt, ist ein schlechter Lehrer. Wenn einer die Aufgaben verteilt und die anderen sie nur ausführen müssen, kann keine gute Lernatmosphäre aufkommen. Gemeinsam lernen, in der Gemeinschaft lernen, sich gegenseitig die Entdeckungen mitteilen, das ist die Aufgabe der Gemeinde, der Schülerinnen und Schüler Gottes. Ein Team von Ehrenamtlichen.
Die zweite Aufgabe heißt: Lasst alle Völker, lasst alle Welt mitlernen. Nehmt sie mit hinein in die Lerngemeinschaft, in die Gott uns gestellt hat. Durch diese Übersetzung, die das Denken in den Kategorien von Befehl und Gehorsam hinter sich lässt, tut sich ein ganz neues Verständnis von Mission auf. Wer lässt sich schon gerne missionieren. Das Wort hat zu Recht einen schlechten Klang. Viel zu oft und viel zu lange war Mission verbunden mit Unter¬werfung und Krieg. In vielen Regionen der Welt kann man die Verwerfungen, die ein falsch verstandenes Missionsverständnis mit sich gebracht hat, noch spüren. Das hat der Glaubwürdigkeit der frohen Botschaft geschadet, sie nicht nur in Verruf gebracht, sondern oft auch den Zugang zu dieser Botschaft verbaut.
Alle Völker mitlernen lassen, das bedeutet auch, in einen Lernprozess mit den anderen Religionen eintreten. Das ist keineswegs eine Relativierung unseres Glaubens. Das bedeutet, dass wir unseren Part gelernt haben müssen. Wir müssen unsere Erfahrungen auf der Suche nach dem Weg, den Gott uns führen will, einbringen. Aber auch da müssen wir gefasst sein auf die Überraschungen, die Gott für uns bereithält. Wir wissen doch: Wer reich ist an Lebenserfahrungen braucht keine Angst zu haben, dass er von anderen über den Tisch gezogen wird. Er kann sich selbstbewusst und neugierig einlassen auf die Erfahrungen der anderen. Also bitte keine Angstreaktionen. Christen, die sich ihres Herrn gewiss sind, haben keinen Grund dafür. Und wer andere in den Lernprozess mit hineinnehmen will und soll, in den Gott uns gestellt hat, muss selber bereit sein zu lernen. Lernen ist die Praxis der Freiheit, hat Pablo Freire, ein Meister in der Pädagogik der Unterdrücken, einmal gesagt. Diese Freiheit ist genau die Freiheit eines Christenmenschen, von der Luther spricht, die Freiheit in der Lerngemeinschaft, in die Gott uns stellt.
Das von Markus gebrauchte Wort: alle Welt weist für mich noch in eine andere Richtung. Es geht darum, dass unsere Welt mitlernen soll. Die Gemeindeseminare, die wir zu DDR-Zeiten durchgeführt haben, dienten dazu, die Christenmenschen in einer atheistischen Welt sprachfähig zu machen. Das will gelernt sein! Werner Krusche erzählte gelegentlich die schöne Geschichte, wie er mit den Vikaren im Predigerseminar in Lückendorf diese Sprachfähigkeit trainiert hat. Leider ließen sich die atheistischen Genossen nicht in das Seminar einladen. Also band sich der kleine Krusche, Werner Krusches Namensvetter und Kollege im Predigerseminar, einen roten Schlips um und übernahm den Part des Atheisten. Mir scheint vergleichbares in unserer Welt von heute genau so erforderlich zu sein. Wir machen uns in der Regel nicht klar, wie weit entfernt die Sprache der Welt von heute von unserer in der Kirche gepflegten Sprache entfernt ist. Die hauptamtlichen Mitarbeiter mögen sich noch darüber hinwegtäuschen können. Die Ehrenamtlichen können es nicht, wenn sie ihrem Amt gerecht werden wollen. Ich habe das immer als eine besondere Herausforderung erlebt, nicht nur zu DDR-Zeiten sondern auch in der gesellschaftlichen und politischen Welt von heute.
Noch einmal Werner Krusche: Das Leben der Christen ist die einzige Bibel, in der die meisten Menschen heute noch lesen. Ich füge hinzu: Und lernen können. Dazu müssen sie die Sprache der anderen verstehen. Das Mindeste müsste doch sein, dass wir die Menschen neugierig machen auf den Schatz, den wir haben. Ob sie dann zum Glauben kommen, das können wir getrost Gott überlassen. Aber sie mit hineinnehmen in den Lernprozess, das muss doch damit anfangen, dass neugieriges Fragen entsteht. Diese Aufgabe, das ist das eigentliche Ehrenamt in der Kirche. Es macht mich immer wild, wenn wir den Eindruck erwecken, als wären die Laien in der Kirche dazu da, alle möglichen Hilfstätigkeiten zu verrichten. Klar, saubermachen gehört auch zu einer einladenden Kirche dazu. Daran beteilige ich mich auch: Aber das ist nicht das Eigentliche. Derartiges sollte nicht die Kernkompetenz sein, die Christen in das Leben der Kirche einzubringen haben.
Die dritte Aufgabe lautet in der klassischen Formulierung: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Von dieser Aufgabe will ich nichts weg¬nehmen. Aber die Übersetzung vom Eintauchen, die sicherlich textgemäß ist, bringt mich noch auf eine andere Fährte. Jeder hat das wohl schon einmal erlebt. Man taucht ein in eine Atmosphäre, die eines Festes oder auch die einer Clique. Auch in eine Lernatmosphäre kann man eintauchen. Man ist ganz beseelt davon. Fühlt sich angenommen und angekommen, wie ein Fisch im Wasser, seinem Lebenselixier. Es gibt sie, diese „Atmosphäre Gottes und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Darin einzutauchen heißt nicht nur, mit Wasser getauft zu werden, sondern auch diese besondere Gemeinschaftsatmosphäre erleben zu können. Sie erlebbar zu machen, gehört also zu dieser dritten Aufgabe dazu. So unver¬zichtbar der sakrale Akt ist, er reicht nicht aus. Das Patenamt – übrigens auch ein sehr anspruchsvolles Ehrenamt der Kirche – mag dafür ein Zeichen sein.
Schließlich die vierte Aufgabe: Es geht ums Tun. Nun sind wir anscheinend bei den praktischen Dingen angekommen. Sie sind das Schwierigste. Zunächst hat das Tun noch einmal etwas mit dem Lernen zu tun. Wir wissen inzwischen, dass das, was die meisten unter Erziehung verstehen, vergebliche Liebesmühe ist. Die Kinder orientieren sich an den Erwachse¬nen und machen nach, was die ihnen vormachen. Wo Worte und Taten auseinander fallen, behalten die Taten die Macht.
Jesus hat zwar auch gepredigt, aber ganz oft war es die Auslegung oder Interpretation seiner Taten. Harvey Cox hat einmal gesagt, die Frage nach Gott kleidet sich heute oft in die Frage an einen Christenmenschen: Warum zum Teufel tun sie das? Wohl dem, der dann eine Antwort hat, am besten eine, die neugierig macht.
Aber dieses: „Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“, das zielt nicht auf die Einhaltung von Glaubenssätzen und Dogmen. Das zielt auf die Nachfolge in der Lebenspraxis. Lehrt sie, alles was ich euch aufgetragen habe, zu tun. Die Freiheit haben wir, nachdem die Machtfragen entschieden sind, nachdem er uns befreit hat: Wir können und sollen Kirche für andere sein. Auch darin unterscheidet sich die Kirche grundsätzlich von anderen Institutionen: Sie sind ja in der Regel Interessenvertreter ihrer Klientel in der Gesellschaft. Die Kirche wird ununterscheidbar von all diesen weltlichen Organisationen, wenn sie zu einer Interessenvertreterin der Christen wird. Nein, sie soll vor allem Kirche für andere sein.
Das mag manchmal nicht genau zu trennen sein. In den siebziger Jahren wollte die DDR eine Veranstaltungsverordnung durchsetzen, nach der jede in der DDR stattfindende Veran¬staltung angemeldet und damit faktisch genehmigt werden musste. Die Kirche widersetzte sich diesem Ansinnen: Kirchliche Veranstaltungen werden nicht extra angemeldet und was in unseren Räumen kirchliche Veranstaltungen sind, das bestimmen wir. Das sah zunächst wie Interessenvertretung der Christen aus. Dieser Kampf um Freiräume aber führte dazu, dass sich die Friedens- und Umweltgruppen in den achtziger Jahren unzensiert unter dem Dach der Kirche treffen konnten, eine Art politischer Diakonie, Kirche für andere, in diesem Falle die Gesellschaft, die Versammlungsfreiheit nicht zuließ. Über diese Art von Engagement gab es, das wird bei den Verklärungen 20 Jahre danach oft vergessen, auch innerhalb der Kirche Streit. Kirche für andere, aber bitte keine Störenfriede. Wir passen auch heute ganz gut auf, dass nicht gar zu Andersartige bei uns auftauchen. Ob das im Sinne der Aufforderung zur Nachfolge ist, möchte ich bezweifeln.
Für andere da sein gehört zum Auftrag der Kirche. Auch da also gilt: Ehrenamt in der Kirche ist nicht nur, nicht einmal vor allem Dienstleitung, um den Betrieb Kirche aufrecht zu erhalten. Die Zielrichtung heißt: Dienst für andere. Ich weiß wohl, dass viel auch an innerbetrieblichem nötig ist, um Dienst an andren tun zu können. Aber wir sollten gelegentlich die Wichtigkeiten sortieren und schauen, dass wir uns nicht zu sehr mit uns selbst beschäftigen und damit auch oft noch Kräfte von Ehrenamtlichen verschleißen.
Die Aussichten, dass wir das packen, sind eigentlich gut, weil – und das ist der unverzichtbare Schluss des Missionsbefehls – er bei uns ist alle Tage, bis Zeit und Welt sich vollendet haben.
Hoffentlich sind wir sensibel genug, das zu merken. Auch heute.
