Schwerpunktthema

2. Tagung der 11. Synode der EKD, Ulm, 25. bis 29. Oktober 2009

Ehrenamt zwischen Gabe und Tausch - Potentiale und Probleme des ehrenamtlichen Engagements

Prof. Dr. Philipp Stoellger, Systematische Theologie und Religionsphilosophie, Theologische Fakultät der Universität Rostock

26. Oktober 2009

Philipp Stoellger

1. Die Kirche lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das sie um des Glaubens willen eingehen muß.

2. Die entscheidende nicht garantierbare Voraussetzung ist die Präsenz des Geistes Christi.

3. Dieser Geist ist nicht leiblos und gespenstisch, sondern hat leibhaftige und soziale Gestalt: etwa die der gemeinsamen Lebendigkeit, der Leidenschaft für den Anderen und der Verantwortung für ihn.

Die ‚Taten der Liebe’, wie Kierkegaard es nannte, sind Medien des Geistes Christi. Daher lebt die Kirche auch von Taten wie dem ‚ehrenamtlichen’ Engagement.

4. In welchem Geist gelebt, geleitet oder gehandelt wird, macht den Unterschied, wie sich jemand engagiert – und auch: in welchem Geist damit umgegangen wird (seitens der Gemeinden wie der Leitungspersonen).

Es gibt eben leider auch den Geist der Eitelkeiten und Geltungsbedürfnisse, auf wessen Seite auch immer. Wer auf ‚persönlichen Zugewinn’ aus ist, wird vor allem ‚das Seine suchen’. Und wer vor allem selbst bestimmen will, wird darin auch vor allem ‚das Seine suchen’.

Die Moral von der Geschicht’ ist schlicht: der Gemeinde Bestes zu suchen wird erfordert selbstkritische Nachdenklichkeit. Für wen engagiere ich mich? Und in welchem Geist handle, leite und entscheide ich gerade?

5. Das ehrenamtliche Engagement birgt ungeheure Potentiale, aber eben deswegen auch das Potential von Konkurrenz und Konflikt:
Was will ich damit ‚eigentlich’?
Und: Wer entscheidet wie im Konfliktfall?

6. Vor diesen Gewissensfragen steht jeder.

Die Engagierten sollten sich selbstkritisch fragen, in welchem Geist genau sie sich engagieren.

Gleiches gilt für Gemeinden und Leitungspersonen: gerade weil das freiwillige Engagement so wichtig ist, muß man so genau wie möglich hinschauen: wie wird mit dem Engagement umgegangen, wie wird es aufgenommen? Immer in dem Geist, von dem die Kirche lebt?

Diese unbequemen Fragen haben zwei Dimensionen:
eine innere Dimension ‚in mir’: die der Nachdenklichkeit und des Gewissens, und eine äußere Dimension: die der Ordnung der Kirche und des Gemeindelebens.

7. Ist es vielleicht nur meine Vorstellung des Gemeindelebens, die von einer neuen Initiative in Frage gestellt wird? Sehe ich mich in Frage gestellt, meine Leitungsposition? Und umgekehrt: was will und bewirkt eine Initiative? Wem dient, wem nützt sie? Schließt sie aus oder schließt sie auf und andere ein?

Darum sollte es vor allem gehen: die Spielräume des Geistes zu öffnen, um Schließungen, Ausschließungen abzubauen (auch die Milieuverengungen, in denen wir leben).

8. Das ungeheure Potential, die Chance des ehrenamtlichen Engagements liegt darin: - etwas zu finden, gar zu erfinden, und einzubringen, worauf keiner bisher gekommen war.

- oder etwas zu übernehmen, was jedem dringlich scheint, aber keiner gern machen möchte.

- oder etwas zu tun, was auch andere gerne täten.

Wie auch immer: man gerät in einen Raum, in dem um Aufmerksamkeit gestritten wird – auch um Ehre und Amt. Und das ist nicht ungefährlich. 

9. Wenn ‚der neue Typ von Ehrenamtlichkeit’ sein Engagement vor allem als ‚Chance für die eigene Persönlichkeitsentwicklung’ verstehen sollte, ist das ambivalent. Denn dann könnte es im Grunde vor allem darum gehen, was man selbst davon hat.

Engagement hat sein Gravitationszentrum im Anderen, in den Anderen, für die man sich engagiert – und nicht vor allem in der eigenen Persönlichkeit. Daß das auch einem selber etwas ‚bringt’, ist gut und recht; aber es ist nicht das eigentliche ‚Worumwillen’.[1]

Klar scheint mir, daß reine Selbstlosigkeit ein allzu heiliges Ideal wäre, um menschlich zu sein.

Klar scheint mir auch, daß der Wunsch nach Anerkennung und Selbstentfaltung immer mitschwingt und das auch darf.

Aber – wichtig scheint mir auch, daß man hier unterscheidet: was faktisch mitschwingt, sollte man deswegen nicht als maßgeblichen Beweggrund feiern. Wer vor allem Anerkennung und Selbstentfaltung suchte – der suchte vor allem sein eigenes Bestes. Und das wäre nicht im Sinne des Geistes, von dem die Kirche lebt.

10. Ich würde hier zwei Modelle unterscheiden:

Das ehrenamtliche Engagement als Gabe oder als Tausch.

Der Normalfall ist der Tausch: Engagement gegen Anerkennung etwa. Das zeigen die empirischen Studien in aller Breite: wer sich engagiert, erwartet etwas für sich davon: etwa Selbstverwirklichung und neue Chancen. Er ‚will etwas davon haben’ (Thomas Rauschenbach, 13).

Besonders wäre so gesehen im ehrenamtlichen Engagement nur, daß nicht tariflich gezahlt wird, sondern eine symbolische Ökonomie an die Stelle dessen tritt: es wird Engagement gegen symbolische Vergütung getauscht: etwa gegen Ehre und Amt. 

Diese Logik des symbolischen Tauschs wird von empirischer Seite als große Entdekkung gefeiert. Früher hätte man das Engagement ‚als einseitiges Geben, als gute Tat’ verstanden, heute aber wisse man es besser (13): es sei reziprok, eben ein Tausch, mehr nicht und nichts anderes.

11. Aber die Pointe und das Außerordentliche des ehrenamtlichen Engagements ist gerade, nicht nur Tausch zu sein, sondern auch Gabe. Und das ist etwas anderes.

Wer sich einbringt und anderen seine Zeit gibt, seine Lebenszeit, tut mehr als nur etwas zu investieren, um etwas zurückzubekommen.

Theologisch gesagt: wer Zeit gibt, wer sich selbst einbringt, der sollte nicht vor allem symbolische Vergütung suchen. Das Unbezahlbare des Engagements besteht gerade darin, nicht das Seine zu suchen, sondern der Nächsten Bestes.

Ich meine, Kirche und Theologie tun gut daran, diese Differenz von Gabe und Tausch zu machen. Sich an dem Unterschied von Gabe und Tausch orientieren, heißt etwas anders zu sehen.

12. Diese Differenz sitzt, und zwar ursprünglich in der Rechtfertigungslehre:

Gnade wird nicht ertauscht, auch nicht mit frommen Ablaßbriefchen. Und das christliche Leben ist nicht auf Lohn aus, nicht auf symbolisches Entgelt im Jenseits, sondern Liebe und Hoffnung geben hin, was sie haben, ohne Kalkül der Vergeltung.

Wer theologisch spricht, kann auf diese Differenz nicht verzichten, sonst macht er Grammatikfehler.

Es ist eine Frage, wie wir sehen und verstehen:
Im Zeichen des Tauschs wird immer ein eigener Nutzen erwartet: daß etwas zurückkehrt zu mir, daß ich etwas davon habe.

Im Zeichen der Gabe wird gerade auf diesen Nutzen verzichtet. Es wird gegeben bis zur Verausgabung. Die Liebe lebt so, und deswegen ist sie auch die Lebensform des Glaubens.

13. Auch wenn im alltäglichen Leben meist anders gelebt wird, können Christen es nicht lassen, so zu unterscheiden (auch wenn Empiriker sagen, so sei es doch gar nicht). Aber man sollte aus dieser Differenz keine falsche Alternative machen: In den Wirklichkeiten, in denen wir leben, ist immer der Tausch präsent. Daher ‚haben wir immer irgend etwas davon’.

Die Liebe lebt, wenn sie denn lebt, in den Wirklichkeiten, in denen wir leben – und nicht in einem Reich fern von dieser Welt. Also mag die Gabe ruhig symbolisch vergolten werden: mit Anerkennung und Bildungsangeboten, oder was auch immer man sich da einfallen läßt.

Daher sollte es nicht darum gehen, ein evangelisches Reinheitsgebot aufzustellen: nur was reine Gabe sei, sei wahrhaft, würdig und recht. Nur wer gar nichts erwarte, sei auf dem Weg der Gerechten. Das wäre übertrieben.

Aber es sollte nicht vor allem um das Seine gehen, nicht vor allem um Anerkennung und symbolisches Entgelt. Das könnte leicht in einer Marktkonkurrenz enden: wer das die attraktivere symbolische Vergütung bietet, der findet die meisten Ehrenamtlichen etc.

14. Die Rolle von Kirchenleitung und Gemeinden sehe ich weniger darin, möglichst attraktiv zu vergüten, sondern darin: Gabe zu ermöglichen und zu ermutigen mit Zugaben, (auch mit finanziellen). Wer seine Zeit gibt, um sich zu engagieren, den sollte man mit allen Mitteln fördern, die möglich sind. Nicht Vergütung, sondern Zugaben sind angebracht. So würde ich begründen, daß das Engagement gefördert und gestärkt werden soll.

Wer gibt, dem soll gegeben werden.

Und die vermutlich wertvollsten Gaben sind unbezahlbar und nicht käuflich: Aufmerksamkeit, Präsenz, das Mitspielen und der Dank. Das heißt: die Pointe des ehrenamtlichen Engagements ist nicht die sekundäre Belohnung, sondern es trägt seinen ‚Lohn’ in sich – wie das Musizieren. 

Wer seine Zeit anderen widmet, wird im Miteinander, in Aufmerksamkeit und Teilnahme finden, was er gesucht hat – nicht eigentlich in Ehre und Amt.

15. Solch ein Engagement gibt der Kirche etwas Ungewöhnliches Außerordentliches. Es geht über die Ordnung des Üblichen hinaus.

Das heißt manchmal: es verändert und erweitert die Ordnung.

Es kann aber auch eine Ordnung stören.

16. Wie soll sich dann die Ordnung zu ihm verhalten (die Leitung, die Organisation)? Die Ordnung von Kirche und Gemeinde ist um des Glaubens willen da, nicht umgekehrt. [2] Der Gipfel des Glauben ist nicht die Ordnung der Welt, sondern der Außerordentliche, der diese Ordnung überschreitet und verwandelt.

17. Sollte man dann das Engagement einordnen mit den Mitteln des Amtes und den Folgen von Pflichten und Anforderungen?

Würde nicht gerade das Besondere nivelliert, das Außerordentliche auf die Reihe gebracht? Das geordnete Ehrenamt hat Pflichten, kann gefordert und herangezogen werden etc. Es wird zum Teil der geregelten Ordnung.

Das ist ein Weg, den man gehen kann. ‚Ich würde lieber nicht …’

Denn das ist auch eine Engführung: die außerordentliche Gabe würde zum geordneten Tausch, mit allen Regeln und Pflichten.[3]

Und wenn die Engagierten so veramtet werden, kann das auch zu einem Ständewesen in der Gemeinde führen. Das ungeheure Potential des Engagements ist eben auch das Potential zu Konflikt, Konkurrenz und Eitelkeiten. Dem mit Ämtern zu begegnen, kann auch kontraproduktiv sein.

–– Ich kann und will das nicht entscheiden. Ich möchte das nur zu bedenken geben.

18. Die Frage der Ordnung kann man auch anders angehen: als ‚Ordnung von unten’: Wie aus dem Engagement selber eine Ordnung hervorgeht. Denn das ehrenamtliche Engagement ist eine Form der Bindung und Verbindlichkeit, und das nicht aufgrund des Amtes.

Das Engagement entsteht aus ungebundener Freiwilligkeit (so im ‚Lesebuch zur Vorbereitung’, Ralph Fischer, 67). Es fängt spontan und freiwillig an.

- Aber dabei bleibt es nicht, wenn’s gut geht.

Wer sich in der Verantwortung sieht, und wer einen Schritt ins Engagement wagt – der ist nicht mehr so frei wie zuvor.

Denn was freiwillig war, wird verantwortlich: für die Anderen.

Engagement gibt auch etwas auf, es gibt den Anderen etwas und verliert dabei die ungebundene Distanz.

Dieser gewagte Übergang macht einen Unterschied: wo einmal bindungslose Freiheit war, wird Verantwortung für etwas entstehen.

Und nach diesem Überschritt kann das Engagement nicht mehr ‚autozentrisch’ sein oder vor allem ‚Selbstentfaltung’.

Die ‚Ordnung von unten’ ist die Dimension der Bindung im Engagement: es wird verbindlich, wenn man Verantwortung übernimmt.

Es ist nicht besonders beliebt, diesen Überschritt zu riskieren. In ungebundener Distanz zu bleiben, um mal so, mal anders zu optieren – das wäre ein Engagement, das noch keine Verantwortung übernommen hat.

Aber eben das zu wagen, gehört zum ungeheuren Potential des ehrenamtlichen Engagements. Und das versteht sich keineswegs von selbst.

20. Es gibt eine vielbeklagte Erosion des moralischen Sinns für den Anderen. Ein verwandtes Problem ist der Ausfall des politischen Sinns für das Gemeinwesen. Demgegenüber ist das Außerordentliche am freiwilligen Engagement: Sinn für die An8 deren an den Tag zu legen. Ich sehe darin geradezu den Sinn der Freiheit: zu Bindung und Verantwortung zu werden.

Hier zeigt sich eine theologische Differenz: Der Sinn dieser Verantwortung ist nicht die Vergeltung, nicht der symbolische Tausch gegen Ehre und Amt. Das ehrenamtliche Engagement ist und bleibt außerordentlich. Es ist ‚mehr als in Ordnung’.

Fußnoten:

1 Im ‚Lesebuchs zur Vorbereitung auf das Schwerpunktthema’ heißt es: ‚Das freiwillige Engagement muß mit dem Bedürfnis nach Selbstentfaltung zusammenstimmen’ (Petry, 59). Daher dürfe (und solle?) es ‚autozentrisch’ sein (Ralph Fischer, 67). ‚Bezahlt wird mit Anerkennung und persönlichem Zugewinn’ (Bernhard Petry, 63)

2 Das kennt das Christentum: das Gesetz ist um des Menschen willen da, nicht umgekehrt.

3 Kierkegaard etwa wäre das widersinnig erschienen: Die Taten der Liebe galten ihm als nicht zu ‚veramten’ (als das Andere der amtlichen Ordnung).



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