Schwerpunktthema

2. Tagung der 11. Synode der EKD, Ulm, 25. bis 29. Oktober 2009

Bericht des Kundgebungsentwurfes zum Schwerpunktthema „Ehrenamtliches Engagement in Kirche und Gesellschaft“

Klaus Eberl

26. Oktober 2009

Klaus Eberl

Eine Synode – das ist geballte Ehrenamtserfahrung! Presbyterinnen und Kirchenvorsteher, jahrzehntelang Engagierte, Menschen, die ihre Prägungen in der kirchlichen Jugendarbeit erhalten haben, Pfarrerinnen und Pfarrer, die viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen haben, Expertinnen und Experten, die mit Ehrenamtsförderung befasst sind.

Das darf nicht betriebsblind machen, den Blick verstellen für neue Entwicklungen, für Impulse, die sich mit Vertrautem kreativ verbinden. Auch für Stolpersteine, die auf dem Wege liegen. Dem Entdeckergeist ist im biblischen Votum zugesagt: „Wer der Gerechtigkeit und Güte nachjagt, findet Leben und Ehre.“

Im gesellschaftlichen Diskurs wird meist von Freiwilligenarbeit oder bürgerschaftlichem Engagement gesprochen. Ehrenamt – der Begriff ist stärker kirchlich besetzt. Wem gilt die Ehre? Den Menschen oder Gott? Können wir das Wort Ehre noch gebrauchen oder ist das Wort verbrannt? Wie auch immer. Dass die Sache, die hinter dem Wort steht, Konjunktur hat, haben wir in Kassel erlebt: Wertschätzung, Anerkennung, Wahrnehmung! Darum geht es.

Und wie verhält es sich mit dem Amt? Ist es austauschbar mit Dienst? Zumal der Amtsbegriff, man denke an die unterschiedliche Bewertung der Ordination von Prädikantinnen und Prädikanten in unseren Landeskirchen, durchaus – auch unter uns - umstritten ist.

Nicht umstritten, sondern geradezu protestantisches Profil ist das Miteinander von Haupt- und Ehrenamt in der Leitung der Kirche auf allen Ebenen. Nicht umstritten ist, dass gerade Ehrenamtliche als Experten des Alltags für die notwendige Erdung der Kirche sorgen.

Um die Dynamik des Themas zu verdeutlichen, verwendet der Kundgebungsentwurf gegensätzliche Begriffe zur Gliederung: zunächst „geistlich“ und „weltlich“. Dynamik nicht nur zur Veränderung des Ehrenamtes, sondern zur Veränderung der Gesellschaft und der Kirche. Im Jahr des Barmen-Jubiläums lassen wir uns daran erinnern, dass die Kirche die Aufgabe hat, die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten „an alles Volk“.

Empirische Studien liefern inzwischen recht präzise Einblicke ins Ehrenamt. Aber das, was Christen in Wirklichkeit in der Tradition des Volkes Gottes übernehmen, das ist naturgemäß etwas anderes: Engagement als Ausdruck des Glaubens. Das konfessionelle Ehrenamt deckt dabei in seinen Handlungsfeldern Aspekte und Instanzen der Wertebildung, auf die auch ein säkularer Staat dringend angewiesen bleibt. Der Kundgebungsentwurf hat die unverfügbare Dimension des Ehrenamts theologisch verortet in der Charismenlehre und im „Priestertum aller Getauften“. Philipp Stoellger hat in seinem Vortrag von der entscheidenden und nicht garantierbaren Voraussetzung der Kirche gesprochen, der Präsenz des Geistes Christi. Es ist diese Präsenz des Geistes, die Menschen mit unterschiedlichen Begabungen zusammenfügt zu einer Amts- und Dienstgemeinschaft, in der jeder und jede für sich erfreuliche, tröstliche aber eben auch anstrengende und schwierige Erfahrungen mit dem Ehrenamt macht. In Anlehnung an Calvins Ämterlehre werden in der Vorlage exemplarisch vier Aufgabenfelder der Kirche genannt, in denen sich Gemeindeglieder engagieren: Gottesdienst, Bildung, Leitung, Diakonie. Die müssen in Gemeinden, Kirchenkreisen, Landeskirchen weiter profiliert werden.

Es gibt aber nicht nur die Bewegung aus dem Glauben ins Ehrenamt, sondern auch umgekehrt. Häufig ist das konkrete Engagement Ausgangspunkt für eine Glaubensgeschichte. Junge Leute lassen sich z.B. auf ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem internationalen Versöhnungsprojekt ein und werden neugierig, warum gerade Christen diese Arbeit initiieren. Oder die Mitwirkung in einer Kirchenband schafft einen neuen Zugang zum gottesdienstlichen Leben einer Kirchengemeinde.
 

2. Sammlung und Sendung. Dem Reformprozess der EKD ist dann und wann vorgeworfen worden, er konzentriere sich zu sehr auf die kirchliche Binnenperspektive. Mit dem Schwerpunktthema Ehrenamt haben wir die Chance, einen deutlich anderen Akzent zu setzen. Im Profil einer „Kirche für andere“ muss das Ehrenamt jedenfalls mehr sein als ein Mittel zur Selbsterhaltung. Im Profil einer Kirche, die sich als Funktion der Liebe Gottes zur Welt erfährt, bleiben Sammlung und Sendung immer aufeinander bezogen.

Es fällt auf, dass ein großer Teil der kirchlich stark verbundenen Menschen sich außerhalb der Kirche ehrenamtlich engagiert. Sie tun es in Parteien, bei der Freiwilligen Feuerwehr, in Kulturzirkeln, im Sportverein, in der Umweltgruppe. Dennoch sollten wir uns davor hüten, in einen Konkurrenzkampf um ehrenamtlich Engagierte zu treten. „Suchet der Stadt Bestes!“ (Jer 29,7) sagt Jeremia. Er bewahrt damit das Volk Gottes vor Selbstgenügsamkeit und Milieuverengung, vor einer falschen Hoffnung auf ein weltloses Heil in einer heillosen Welt. Nicht um Konkurrenz, sondern um Bündnisse muss es in Zukunft gehen. Um Zusammenarbeit für die Stadt, für das Dorf, für das Quartier. Rauschenbach macht in seinem Beitrag, der im Lesebuch abgedruckt ist, darauf aufmerksam, dass Menschen mit Konfessionszugehörigkeit sich statistisch häufiger ehrenamtlich engagieren als andere. Und dass in den Untersuchungen zum Freiwilligenengagement die Rolle der Kirchen traditionell unterbewertet wird. Die kirchennahen Einrichtungen seien die wahren Sieger in Sachen Freiwilligenengagement.

Der Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski prognostiziert: „Nicht Ufos, Lufttaxis oder rollende Bürgersteige werden das Gesicht der Stadt der Zukunft prägen, sondern Singles und Senioren, Baugemeinschaften und Mehrgenerationen-Häuser, Tausch- und Helferbörsen in jedem Stadtteil sowie Nachbarschaftstreffs in jedem Kiez.“ Er sagt einen deutlichen Wertewandel voraus. Künftig wird es um bessere Lebensqualität gehen. Soziale Netzwerke, Ehrenamt und Familie sowie Vertrauen, Verantwortung und Verlässlichkeit spielen dabei eine zentrale Rolle. Eine Herausforderung für Kirchengemeinden, denn sie stehen mit der Bürgergemeinde in einer Wechselbeziehung. Die Kirche unterliegt gesellschaftlichem Wandel und verwandelt gleichzeitig die Welt durch das Evangelium. Eine Kirche, die sich dieser Herausforderung stellt, kann zum Ferment im Quartier werden. Sie ist Expertin in der Entwicklung von Netzwerken. Sie ist nahe bei den Menschen. Gottesdienste, die die Menschenfreundlichkeit Gottes leben und erlebbar machen, können zentrale Knotenpunkte des Gemeinwesens werden, indem sie Christen motivieren, sich zu engagieren – in der Kirche oder (!) in der Zivilgesellschaft. Entscheidend ist nicht wo, sondern in welchem Geist sich Menschen engagieren.


3. Der kirchliche Auftrag und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Passt das zueinander? Zweifellos bewegen sich zur Zeit ganz unterschiedliche Ehrenamtstypen in der kirchlichen Landschaft. Da ist der altruistische Typus. Selbstlos werden Aufgaben übernommen, weil sie erledigt werden müssen, ohne danach zu fragen, was man selbst davon hat. Oft über Jahre und Jahrzehnte hinweg. „Ehrenamt als Gabe“ hat Stoellger das genannt. Viele Frauenhilfen leisten ungezählte Arbeitsstunden für die Gemeinde. Kindergottesdiensthelferkreise entwickeln erstaunliche Kreativität. Kirchmeister kümmern sich kompetent um die Finanzen und sorgen durch basisnahe Systeme der Steuerung dafür, dass die großen Verwerfungen vermieden wurden. Oft sind es Menschen, die durch den Pfarrer oder die Pfarrerin angesprochen wurden. Oder durch andere Ehrenamtliche. Oder sie haben schlicht eine konkrete Notlage gesehen und sich angeboten. Studien belegen aber, dass die Zahl der Menschen, die sich so engagieren abnimmt.

Dagegen wächst das sog. „neue Ehrenamt“, das Ehrenamt im Modus des Tausches. Wer sich hier engagiert, will auch etwas davon haben. Kein Geld, wohl aber Anerkennung, Ausbildung, Einfluss. Es ist sicherlich kein Zufall, dass es Wartelisten für Ehrenamtliche in der Telefonseelsorge gibt. Die qualifizierte Ausbildung, die auf die anspruchsvolle Tätigkeit vorbereitet, macht dieses Engagement auch zum Gewinn für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Außerdem sind Kompetenzen und Grenzen der übertragenen Tätigkeit klar abgestimmt. Sind wir durch Aus- und Fortbildung wirklich gut auf dieses „neue Ehrenamt“ vorbereitet?

Die Differenz der verschiedenen Typen darf nicht verwischen, dass wir beides brauchen: den altruistischen Typ, den Wilhelm Löhe rigoros mit dem Diakoniemotto beschreibt „Mein Lohn ist, dass ich darf“. Und zugleich das „neue Ehrenamt“, das einen deutlich kritischen Akzent der Freiheit und Unabhängigkeit setzt. Der „Lohn“, um den es hier geht, ist nicht individueller Nutzen. Der „Lohn“ ist Sinnerfahrung und Begegnung.


Wenn wir im 4. Abschnitt das Verhältnis von beruflich und ehrenamtlich Mitarbeitenden erkunden, betreten wir vermintes Gelände. Die Ehrenamtseuphorie macht vielen Haupt- und Nebenamtlichen Angst. Als sei es fast ehrenrührig für die gute Arbeit, die sie leisten, Geld anzunehmen. Und in manchen Leitungsgremien mag sich angesichts leerer Kassen der Gedanke regen: Das kann man doch alles ehrenamtlich erledigen! Nun zeigen solide Analysen, dass die Gewinnung von Ehrenamtlichen eine arbeits- und kostenintensive Angelegenheit ist. Wer glaubt, durch Ehrenamt Personalkosten einsparen zu können und gleichzeitig Angebot und Qualität zu erhalten, hat nicht verstanden, dass das Ehrenamt anderen Logiken und Kulturen folgt als berufliche Arbeit. Hier hilft auch nicht eine „Quasi-Verberuflichung“  (R. Fischer) weiter, die z.B. durch Honorare die Unterscheidung von beruflicher und freiwilliger Arbeit verwischt – und damit dem Ehrenamt die Ehre raubt. Viele Jugendzentren, die Personal abgebaut haben, können ein Lied davon singen, dass dieser Wechsel eine Sackgasse ist.

Längerfristiges ehrenamtliches Engagement braucht die enge Anbindung an das Hauptamt. Dass dabei beruflich Mitarbeitende zentrale Aufgaben der Motivation, Begleitung und Ausbildung behalten bzw. neu gewinnen, versteht sich von selbst. Es ist gerade ihre Aufgabe, Freiräume für neue Ideen zu schaffen und dem Bedürfnis nach Selbstentfaltung Raum zu geben. Ein schwieriger Kulturwandel.


5. Das Ehrenamt in der Kirche ist natürlich auch abhängig von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dabei fällt auf, dass der politische Diskurs die zentrale Rolle der Kirche im ehrenamtlichen Engagement kaum wahrnimmt. Auch um Koalitionsvertrag kommt unter dem Stichwort Ehrenamt die Kirche nicht explizit vor. Vielmehr heißt es in einem Satzungetüm: „Wir wollen eine Nationale Ehrenamtsstrategie u.a. zusammen mit dem Nationalen Forum für Engagement und Partizipation umsetzen, ein Gesetz zur Förderung des bürgerschaftlichen Engagements verfolgen, das alle geeigneten Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Infrastruktur und Stabilisierung von Engagement und Partizipation berücksichtigt und zur Bündelung, Abstimmung und Weiterentwicklung von Förderprogrammen ein geeignetes bundeseinheitliches Förderinstrument aufstellen.“ Wir werden die neue Bundesregierung beim Wort nehmen und sie dabei unterstützen, das Ehrenamt zu stärken.

Die Kirche darf nicht den Fehler machen, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu unterschätzen. Schauen wir also immer wieder auf die Barrieren, die das Ehrenamt und damit die Teilhabe an wesentlichen Gestaltungsprozessen behindern: Arbeitslosigkeit und Armut sind Gift für das Ehrenamt, Bildungsferne und die hohen Mobilitätsanforderungen der Arbeitswelt ebenfalls. Die Erkenntnisse der Milieuforschung können uns helfen, Zugänge zu erleichtern und Ehrenamt als Beteiligungsform zu erschließen. Denn nahezu alle Menschen sind grundsätzlich bereit, etwas für andere zu tun. Nicht die Hilfsbereitschaft ist das Problem, sondern die Frage, welcher Engagementbereich erschwinglich und reizvoll erscheint. Und das ist, wie Claudia Schulz u.a. und andere untersucht haben, in den Milieus sehr unterschiedlich. Die sog. „Hochkulturellen“ suchen ihren Ort oft im Kirchenchor oder in Vereinen und Verbänden. Die „Kritischen“ verbinden ihr Engagement gern mit politischen Zielen, z.B. dem Kirchenasyl, die „Bodenständigen“ brauchen den Rahmen vertrauter Gemeinschaft, z.B. der Ulmer Münsterbauverein, für die „Mobilen“ sind zeitlich klar begrenzte, erlebnisintensive Engagements attraktiv, die „Geselligen“ sind für Nachbarschaftshilfe ansprechbar, bei den „Zurückgezogenen“ muss erst das Misstrauen gegenüber großen Institutionen überwunden werden. Wir müssen uns auf diese unterschiedlichen Motivationslagen einstellen. Eine sehr komplexe Aufgabe.


6. Ganz schön schwierig für eine Gemeinde, die persönliche Motivation und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Blick zu behalten. Wir wissen: Wer sich früh engagiert, bleibt lange dabei. Die Bindungswirkung kirchlicher Jugendarbeit ist enorm. Orte nonformaler Bildung entfalten eine Motivationskraft, auf die im Laufe der Lebensgeschichte immer wieder zurückgegriffen werden kann. Ähnliche Prägungen gehen vom Freiwilligen Sozialen, Diakonischen oder Ökologischen Jahr aus. Die Kundgebung weist darüber hinaus auf notwendige Brückenschläge zwischen Erwerbswelt und Ehrenamtsengagement und die neue Rolle der „dritten Lebensphase“ hin. Der demographische Wandel drängt geradezu die Neuentdeckung dieser Generation auf, ähnlich wie im 19. Jahrhundert die Jugend völlig neu wahrgenommen wurde. Menschen in der Generation 60+ haben vielfach Zeit, Energie und Erfahrung. Sie sind geprägt durch politische Aufbrüche und deshalb ansprechbar auf neue Formen des Ehrenamts, die ein hohes Maß der Selbststeuerung erfordern. Dafür müssen wir in der Kirche geeigneten Raum schaffen.


7. Am Ende der Kundgebung ein Ausblick. Ehrenamtsförderung ist eine zentrale Leitungsaufgabe. Als drängende nächste Schritte nennt die Kundgebung:  Entwicklung einer Fortbildungsstrategie und einer Würdigungskultur. Wobei Fortbildung auch eine Form der Würdigung ist.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Standards, die das Diakonische Werk für das Freiwilligenmanagement entwickelt hat. Sie sind im Lesebuch dargestellt und geben konkrete Hinweise, die auch für die Gemeindearbeit gut umsetzbar sind. Dabei werden die Kirchenkreise als mittlere Gestaltungsebene künftig eine noch größere Rolle spielen müssen, um ehrenamtlichen Engagement zu ermöglichen und weiterzuentwickeln.

Mit der Würdigung tun sich viele Gemeinden schwer. Nicht aus Undankbarkeit. Aber die entscheidende Währung einer Anerkennungskultur ist Zeit. Und die ist knapp. Zeit der Pfarrerinnen und Pfarrer sowie der anderen Hauptamtlichen für Besprechungen, Zeit der Gremien, um das wahrzunehmen und zu bestaunen, was Ehrenamtliche in unserer Kirche leisten.

Schließlich: Ehrenamt braucht Sichtbarkeit. Öffentliche Sichtbarkeit. Die Würdigung dient nicht nur der Motivation, sondern auch dem Lob Gottes, der Grund des Engagements ist. Sie ist geradezu eine spezifische Form der Mission.

Am Ende meiner Einbringung möchte ich die Menschen würdigen, die im Vorbereitungsausschuss mitgearbeitet haben und in dramatisch kurzer Zeit die Kundgebung erarbeitet haben. Im Ehrenamt natürlich. Herzlichen Dank dafür. Gleichermaßen gilt dieser Dank den beruflich Mitarbeitenden, Frau Coenen-Marx, Herrn Lammer und Herrn Gundlach, die all ihre Kraft eingesetzt haben, um die Gaben des VBA zu unterstützen und in konstruktive Bahnen zu bringen.



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