3. Tagung der 11. Synode der EKD

Hannover, 07. bis 10. November 2010

Kundgebung: „Niemand darf verloren gehen!“ Evangelisches Plädoyer für mehr Bildungsgerechtigkeit

10. November 2010

K U N D G E B U N G

der 11. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland

auf ihrer 3. Tagung

zum Schwerpunktthema

„Niemand darf verloren gehen!“   Evangelisches Plädoyer für mehr Bildungsgerechtigkeit

Im Rahmen der Dekade zum Reformationsjubiläum 2017 ist das Jahr 2010 dem Thema Bildung gewidmet, denn die Reformation gestaltete nicht nur die Kirche neu, sondern war auch eine Bildungsbewegung. Diese Bewegung ist ganz entscheidend mit dem Namen des engen Weggefährten Martin Luthers, Philipp Melanchthon, verbunden. In Erinnerung an das reformatorische Bildungshandeln und in bewusster Anknüpfung und Fortsetzung des in der Evangelischen Kirche in Deutschland angestoßenen Reformprozesses „Kirche der Freiheit“, zu dem auch die Überprüfung des eigenen Bildungshandelns gehört, erhebt die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland das Thema Bildung unter dem Motto „Niemand darf verloren gehen!“ – Evangelisches Plädoyer für mehr Bildungsgerechtigkeit zu ihrem dies-jährigen Schwerpunktthema und verabschiedet hierzu die nachfolgende Kundgebung. Im Wissen um die Weite eines umfassenden Bildungsverständnisses konzentriert sie sich dabei auf die Bildungsbereiche, die Kinder und Jugendliche betreffen, denn sie sieht in diesen Bereichen einen vordringlichen und überfälligen Handlungsbedarf.


Bildungsgerechtigkeit gehört zum evangelischen Selbstverständnis

„Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1Tim 2,4). Dieser Gewissheit verdankt sich die theologische Kraft und Wirksamkeit der Reformation bis heute. Durch Bildung gewinnen Menschen Lebensorientierung, klären sie ihr Selbstverständnis und werden im Glauben sprachfähig. „Denn dazu insbesondere sind die Menschen erschaffen, dass sie einander über Gott und über das Gute unterweisen. Dafür hat Gott ihnen die Sprache gegeben. Deshalb steht außer Frage, dass dasjenige Leben, das sich in Lehren und Lernen entfaltet, das überhaupt Gott wohlgefälligste ist“ (Philipp Melanchthon). Leitbild der Reformatoren ist die Gemeinde von Christinnen und Christen, die die Bibel selber lesen können und von daher ihren Glauben verstehen, in ihm urteilsfähig sind und wissen, auf welchem „Glaubenswissen“ im Sinne grundlegender Erzählungen, Erfahrungen, Traditionen und Bekenntnisse christlicher Glaube und christliche Geschichte beruhen. Ein solcher „gebildeter, reflektierter und wissender“ Glaube distanziert sich von Fundamentalismen und pseudoreligiösen Ansprüchen, er schafft Freiheit zum Glauben und im Glauben, er schafft Freiheit, in der Welt den eigenen Glauben zu bezeugen und befähigt zum Dienst in der Welt.

Aus der so verstandenen Freiheit heraus traten die Reformatoren für ein öffentliches Schul- und Universitätswesen ein. Bildung sollte nicht länger das Privileg Weniger bleiben, sondern unabhängig von Herkunft und Stand sollten Bildungschancen und durch Bildung vermittelte Wege gesellschaftlicher Teilhabe eröffnet werden. Sie waren davon überzeugt: „Weder Bollwerk noch Mauern sind beständigere Schutzwehren der Städte als Bürger mit Bildung, Besonnenheit, Klugheit und anderen Tugenden geschmückt“ (Philipp Melanchthon). Die Reformatoren forderten deshalb, Bildung nicht auf einzelne Gruppen und Schichten zu begrenzen. Alle Menschen sollten befähigt werden, ihr Leben eigenständig und verantwortungsbewusst zu führen, an den Anliegen der Gemeinschaft Teil zu haben und den christ-lichen Glauben in der Gemeinde und in der Öffentlichkeit zu leben. Bildung und der Einsatz für eine so verstandene Bildungsgerechtigkeit gehörten für sie in den Lebensvollzug.

Alles menschliche Bemühen um Gerechtigkeit gründet sich in der Gerechtigkeit, die Gott schenkt. Gott gibt niemanden verloren, er geht den Menschen nach, hilft ihnen auf, lädt sie in die Nachfolge ein (Lk 10,25ff.; Lk 15,1ff.; Lk 15,11ff.). In dieser Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes wurzelt der Auftrag, sich in besonderer Weise den Armen und Schwachen, den Benachteiligten und den Gescheiterten zuzuwenden und sich dafür einzusetzen, dass gerade sie gerecht behandelt werden und niemand von ihnen verloren geht. Dieser Auftrag hält dazu an, für eine bessere Gestaltung der Be¬dingungen des Aufwachsens und Lebens - gerade auch für Kinder und Jugendliche (Mk 10,13ff.) - immer dann einzutreten, wenn diese Bedingungen Chancen verwehren oder Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten hervor-rufen. Mit ihren Gaben und Grenzen sind alle auf Gemeinschaft angewiesen und bereichern sie. Diese Gemeinschaft erfahren gerade auch diejeni¬gen, die ihr Christsein in führender Position und Verantwortung bewusst leben. Für die christliche Gemeinde kommt dies im biblischen Bild vom Leib Christi zum Ausdruck (1Kor 12,22-26).

Im Vertrauen auf die Gerechtigkeit Gottes stehen Christinnen und Christen ein für die vorbehaltlose Achtung und Anerkennung der Würde des Einzelnen, weil sie selber durch Gottes Barmherzigkeit erfahren, dass menschliches Denken und Handeln, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl nicht nur von einer besseren Gestaltung der äußeren Lebens-bedingungen abhängig sind, sondern existenziell im vorbehaltlosen Angenommensein durch Gott gründen. Der Glaube an dieses Angenommensein befähigt zur Überwindung eigener Be-schränkungen ebenso wie zur gelingenden Realisierung von Lebensmöglichkeiten in der Gemeinschaft. Aus dem Glauben an Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit leitet sich das engagierte Eintreten von Christinnen und Christen für mehr Bildungsgerechtigkeit ab. Im Vertrauen hierauf sind sie in diesem Eintreten getragen, selbst dann, wenn sie darin unzulänglich bleiben oder gar scheitern. Denn die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit weisen über sie hinaus auf Gott, der immer wieder einen neuen Anfang eröffnet.

Ungerechte Bildungsverhältnisse fordern zum Widerspruch heraus

 Das gegenwärtige Bildungswesen entspricht noch immer nicht dem Verständnis einer zeit-gemäßen Bildung in der Wissensgesellschaft, wie es von der Evangelischen Kirche in Deutschland etwa auf der EKD-Synode 1994 mit dem Schwerpunktthema „Aufwachsen in schwieriger Zeit – Kinder in Gemeinde und Gesellschaft“, in der Denkschrift „Maße des Menschlichen“ oder in der Orientierungshilfe „Kirche und Bildung“ perspektivisch formuliert worden ist. Bildungsgerechtigkeit ist nach evangelischem Verständnis zugleich als Befähi-gungsge¬rechtigkeit auszulegen. Befähigungsgerechtigkeit meint mehr als die formale Eröffnung gleicher Chancen. Sie zielt ganz wesentlich auch auf die Gestaltung der personalen und institutionellen Voraussetzungen, die geeignet sind und dazu befähigen, Chancen zu nutzen, Förderung zu teil werden zu lassen, Leistungspotentiale zu entfalten oder Anstrengungsbe¬reitschaft zu einem erfolgreichen Ergebnis zu führen. Menschen dürfen weder auf ihre Leistungsfähigkeit reduziert noch an ihrer Leistungsfähigkeit gehindert werden. Neben die Fragen der individuellen Förderung und Forderung im Bildungswesen treten deshalb zugleich die Fragen nach den Voraussetzungen für eine gelingende personale Entwicklung und Bildung. So verstanden gewährleisten Bedingungen und Strukturen im gegenwärtigen Bildungswesen nach wie vor keine Bildungsgerechtigkeit. Damit wollen und werden wir uns nicht abfinden. Getragen von der frei machenden und zur Veränderung ermutigenden Botschaft des Evangeliums können und wollen wir vor allem nicht hinnehmen, dass

  • immer noch soziale Herkunft, Armut und Bil¬dungsferne über den Bildungserfolg entschei¬den; Teilhabe und Chancen werden so für viele Kinder schon von Beginn an eingeschränkt und ungerecht verteilt,
  • die Familie als der zentrale Ort primärer Bildung zu wenig in ihrem Erziehungs- und Bildungshandeln unterstützt sowie in eine gezielte Bildungsförderung einbezogen wird; in der Familienpolitik genießen staatliche Geldleistungen nach wie vor Priorität vor einer bedarfsgerechten und bildungsbasierten frühkindlichen Betreuung und Bildung zum Beispiel in Kindertageseinrichtungen und Familienzentren,
  • Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf zu selten gemeinsam mit ande¬ren Kindern und Jugendlichen erzogen und unterrichtet werden; noch immer herrscht in den Bildungseinrichtungen eine eher exklusive statt inklusive Bildung und Erziehung vor, welche die staatliche Verpflichtung im Sinne der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen nicht hinreichend berücksichtigt,
  • ungleiche Bildungschancen durch die Gestaltung des Schulwesens nicht nur nicht ausgeglichen, sondern in Teilen sogar verstärkt, soziale sowie ethnische Segregationen begünstigt und eine übergroße Streuung bei den schulischen Leistungsergebnissen hingenommen werden,
  • die Bildungssysteme in den Ländern weiterhin so unterschiedlich und unübersichtlich sind und es gerade auch wegen der fehlenden Vergleichbarkeit und Durchlässigkeit zu einem Bildungsgefälle und zu Bildungsbarrieren zwischen den Ländern kommt,
  • die religiöse, philosophisch-ethische und diakonische Dimension von Bildung in den unter¬schiedlichen Bildungsabschnitten vom Elementarbereich bis zum Tertiärbereich immer stärker in den Hintergrund gedrängt und so einem Bildungsverständnis Vorschub geleistet wird, das vornehmlich den Nutzen und die ökonomische Verwertbarkeit von Bildung in den Vordergrund rückt,
  • weiterhin viel zu viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss oder mit einem Bildungs-niveau verlassen, das kaum einen Anschluss an die Ausbildung zulässt, und in der Folge Jugendliche nach der Schulzeit zu lange in Übergangssystemen verbleiben,
  • das Hochschulstudium zunehmend einem Nutzen- und Effizienzkalkül unterworfen wird und wesentliche Wissenschaftsbereiche, so auch die der Geisteswissenschaften einschließlich der theologischen Wissenschaft, nachrangig behandelt und eingestuft werden,
  • nonformale Bildungsprozesse, die wie z.B. in der außerschulischen Jugendbildung eher selbstgesteuert und individuell erfolgen, im Vergleich zur formalen Bildung nicht ausreichend anerkannt, verdrängt und in ihrer Bedeutung zu wenig gewürdigt werden mit der Folge einer in wachsendem Maße defizitären Ausstattung.

Als einer der größten Träger von Bildungseinrichtungen in Deutschland weiß die evangeli¬sche Kirche, dass diese und weitere kritische Befunde in Teilen auch auf ihre Einrichtungen zutreffen. Insoweit richten sich unsere Kritik und unser Plädoyer nicht nur nach außen, sondern auch an uns selbst. Als Kirche wissen wir uns selbst aufgefordert, inhaltliche, strukturelle oder finanzielle Unzulänglichkeiten in den eigenen Einrichtungen zu überwinden.

Bildungsgerechtigkeit verlangt bildungsgerechtes Handeln

Die demografische Entwicklung in Deutschland, die Ergebnisse nationaler und inter¬nationa¬ler Bildungsvergleichsuntersuchungen oder die zunehmende Internationalisierung von Bildungszeiten und Bildungsabschlüssen fordern die Bildungspolitik in Deutschland heraus. Aus Sicht der Evangelischen Kirche in Deutschland muss die Politik mehr Bildungsgerechtigkeit für alle unabhängig von Herkunft und sozialem Hintergrund verwirklichen. „Niemand darf verloren gehen!“ ist für uns als Kirche kein bloßer Appell, sondern Programm. Bildungspolitik ist für uns insoweit immer auch Sozialpolitik, in globaler Perspektive auch Entwicklungspolitik. Deshalb treten wir für eine umfassende personale, soziale, kulturelle und praktische Bildung ein. Die Persönlichkeitsentwicklung ist durch den Erwerb eines profunden Verfügungs- und Orien¬tierungswissens zu stärken, weil dieses Wissen eine wesentliche Voraussetzung für Teilhabegerechtigkeit und selbstverantwortliche Lebensgestaltung darstellt. Zugleich ist die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme für sich selbst und für andere zu fördern, denn ohne die eigene Bereitschaft und ohne die Nächsten¬liebe des barmherzigen Sama¬riters ist keine wirkliche Solidargemeinschaft möglich.

Um der Kinder und Jugendlichen sowie ihrer Familien willen halten wir als Evangelische Kirche in Deutschland folgende Erfordernisse der Bildungsgerechtigkeit für besonders vordringlich:

  • Bildungsgerechtigkeit entscheidet sich am Anfang – deshalb sind Eltern in ihrer Erziehungs- und Bildungsaufgabe zu stärken, denn Familie ist der erste und wichtigste Bildungsort. Eltern tragen eine hohe Verantwortung, hierbei sind ihnen aufsuchende und unterstützende Hilfen im Sinne einer Erziehungspartnerschaft auf Augenhöhe anzubieten. Die Realisierung einer frühkindlichen Betreuung und Förderung verlangt die systematische Zusammenarbeit von Familie, Kindertageseinrichtung und Grundschule sowie die vermehrte Ein¬richtung und Förderung von Familienbildungs¬zentren und Mehrgenerationenhäusern. Wir fordern außerdem das Recht eines jeden Kindes auf einen Platz in einer Kindertageseinrichtung und wenden uns gegen einen lediglich ökonomisch begründeten Trägerwettbewerb auf Kosten der pädagogischen Qualität.
  • Bildungsgerechtigkeit ist unvereinbar mit Ausgrenzung – deshalb fordern wir umfas-sende Neuansätze für eine inklusive Bildung von der Kindertageseinrichtung bis zur Schule für Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf ebenso wie eine Vervielfachung der Anstrengungen zur Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund einschließlich ihrer Familien.
  • Bildungsgerechtigkeit setzt Gemeinsamkeit, Durchlässigkeit und Vergleichbarkeit, auch länderübergreifend, voraus – deshalb sind die bisherigen vielfältigen und kaum noch zu übersehenden Schulsysteme in den Ländern stärker aufeinander zu beziehen und zu vereinheitlichen. Bildungswege dürfen nicht an Ländergrenzen enden. Wir treten ein für eine verbesserte horizontale und vertikale Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Bildungswegen. Ausgehend von ihrer Gleichwertigkeit können wir uns einen eher allgemein bildend und ei¬nen eher allgemein und berufsbildend gestalteten Bildungsweg in den Ländern vorstellen, in denen das gemeinsame Lernen über die Grundschule hinaus gestärkt wird und unterschiedliche Lernzeiten bis zum Erwerb eines gleich¬wertigen Schulabschlusses zugelassen werden. Wir fordern dazu auf, die politische Gegen-überstellung von differenzierten oder integrierten Bildungssystemen ebenso wie die von einer Bildung in der Breite oder in der Spitze zu überwinden und den oft durchsichtigen Streit hierüber zu beenden.
  • Bildungsgerechtigkeit verlangt erweiterte Förderung und Unterstützung – deshalb müssen alle Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit zum Besuch einer Ganztags-kindertagesstätte und einer Ganztagsschule einschließlich sozialpädagogischer, schul-psychologischer und seelsorgerlicher Unterstützung erhalten. Dabei brauchen Ganz-tagseinrichtungen vielfältige Partnerschaften. Für eine Zusammenarbeit zwischen diesen Einrichtungen und anderen gesellschaftlichen Gruppen und Trägern wie den Kirchen sind hier geeignete und auskömmliche Rahmenbedingungen zu schaffen.
  • Bildungsgerechtigkeit zielt auf eine umfassende personale Bildung – deshalb brauchen Bildung und Religion einander. Die religiöse, philosophisch-ethische und diakonische Dimension von Bildung, die auf Sprach- und Dialogfähigkeit in religiösen und ethischen Fragen, auf Mündigkeit im Glauben sowie auf Mitempfinden und Mithilfe gegenüber dem Anderen setzt, gehört zum Kern des Bildungsauftrags einer jeden Bildungseinrichtung. Diese Dimension von Bildung wird in der Schule besonders im Religionsunterricht, in der Hochschule besonders in der Theologie thematisiert und vermittelt. Der Verfassungsrang des Religionsunterrichts nach Art. 7 Abs. 3 GG muss in allen Ländern Eingang in die Schulgesetze finden. Nur als gleichberechtigter Fachunterricht verwirk¬licht er die positive Religionsfreiheit nach Art. 4 GG und sichert die individuelle Teilhabe der Schülerinnen und Schüler verschiedener Religionen und Weltanschauun¬gen. Ferner leistet die wissen-schaftliche Theologie als universitäre Wissenschaft einen unentbehr¬lichen Beitrag zur Entwicklung der Orientierungskraft von Religion und Weltanschauung in der modernen, offenen Gesellschaft, der qualitativ und quantitativ nicht gefährdet werden darf.
  • Bildungsgerechtigkeit muss auch nach der Schulzeit gelten – deshalb ist die Ausbildung für alle Jugendlichen durch die Bereitstellung entsprechender Ausbildungs- und Studienkapazitäten seitens der für die Ausbildung und für die Hochschule Verantwortlichen zu gewährleisten. Das gilt auch für eine gerechte Ausbildungs- und Studienfinanzierung. Jugendliche ohne Schulabschluss müssen eine zweite Chance erhalten.
  • Bildungsgerechtigkeit widerspricht einer Geringschätzung von einzelnen Ausbildungs- und Studiengängen – deshalb darf eine anspruchsvolle Ausbildung in sozialen und diakonischen Berufen gesell¬schaftlich z. B. durch eine zu geringe Bezahlung nicht weniger anerkannt und gefördert werden als eine anspruchsvolle Ausbildung in Hand-werk oder Verwaltung; deshalb darf ein Studium in geistes- oder sozialwissenschaftlichen, in musischen oder künstleri¬schen Studi¬engängen z. B. durch eine finanzielle Förderung über Exzellenzinitiativen, Stipendien oder Drittmittel als nicht weniger bedeutsam eingestuft werden als ein Studium in naturwissenschaftlichen oder technischen Studiengängen.
  • Bildungsgerechtigkeit fußt auf Professionalität – deshalb sind eine qualitative, möglichst fachhochschulgestützte Ausbildung für Erzieherinnen und Erzieher sowie Gemeinde-pädagoginnen und -pädagogen und Diakoninnen und Diakonen sowie eine verbesserte Lehrerbildung in Univer¬sität und Studienseminar ebenso notwendige Voraussetzungen für eine gelingende Erziehung und Bildung wie eine umfassende Fort- und Weiterbildung und entspre¬chende Gestaltung der Arbeitsbedingungen für Erziehende, Unterrichtende und Lehrende.
  • Bildungsgerechtigkeit ist auf Bildungsprozesse jenseits von Schulpflicht und Schul-abschlüssen angewiesen – deshalb ist die außerschulische Jugendbildung als Beitrag zur umfassenden Persön¬lichkeitsbildung zu erhalten und schrittweise zu erweitern. Kinder- und Jugendarbeit schafft vielfältige Gelegenheit zur frühen Übernahme von Verantwortung; junge Menschen erwerben dabei soziale und alltagspraktische Kompetenzen zur gelingenden Gestaltung ihres Lebens. Außerdem sind die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe mit den schulischen Angeboten insbesondere im Ganz-tagsbereich systematisch zu verknüpfen; dies gilt auch für die Konfirmandenarbeit und andere Angebote religiöser Bildungsarbeit der Kirchengemeinden und -kreise für Kinder und Jugendliche.
  • Bildungsgerechtigkeit verlangt nach verschiedenen Wegen – deshalb sind Bildungs-einrichtungen in evangelischer Trägerschaft als notwendiger Teil des öffentlichen Bildungswesens nicht nur zuzulassen und anzuerkennen, sondern ideell und finanziell gezielt und angemessen zu fördern.

Die Evangelische Kirche in Deutschland wird diese Reformen und Positionen unterstützen und will ihnen im öffentlichen Bildungswesen zum Durchbruch verhelfen. Sie wird ihre eigenen Bildungseinrichtungen und ihr eigenes Bildungshandeln kritisch überprüfen und entsprechend weiterentwickeln. Sie ist sich dessen bewusst: Bildungsreformen sind nicht umsonst zu haben. Dies gilt sowohl für die kirchliche als auch für die staatliche Bildungs-finanzierung.

Die Evangelische Kirche in Deutschland fordert den Bund und die Länder auf, insbesondere die finanziellen Handlungsmöglichkeiten, die sich in der Folge der demografischen Entwick-lung in den nächsten Jahren etwa bezüglich des allgemeinen Schülerrückgangs eröffnen, zu nutzen und die gewonnenen Mittel im Bildungssystem zur Umsetzung der notwendigen Reformen einzusetzen. Sie fordert darüber hinaus, den Streit der staatlichen Ebenen über ihre Anteile an der Bildungsfinanzierung im Interesse der nachfolgenden Generationen umge-hend zu beenden und die Ziele des „Dresdener Bildungsgipfels“, insbesondere die Erhöhung der staatlichen Bildungsausgaben auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis zum Jahre 2015, konsequent zu verwirklichen.

Bildung ist Auftrag der Kirche

Bildung gehört zum Verkündigungsauftrag der Kirche. Den biblischen Auftrag „… und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Mt 28,20) verstehen wir deshalb als Bildungs-auftrag für die Kirchengemeinden, die Kirchenkreise, die Landeskirchen, die kirchlichen Vereine, Werke und Verbände. Er ist sowohl im christlichen Glauben, der auf Wissen und Verstehen angelegt ist, als auch im Generationenverhältnis begründet, das eine erzählende und erklärende Weitergabe der biblischen Überlieferung einschließt. Dabei verbindet der konstitutive Bezug auf das Evangelium als Zentrum des christlichen Glaubens die verschie-denen Handlungsfelder evangelischer Bildungsarbeit, so z.B. die Konfirmandenarbeit, die evangelische Kinder- und Jugendarbeit ebenso wie die Arbeit in den evangelischen Kinder-tageseinrichtungen, den evangelischen Familienbildungsstätten, der evangelischen Kinder- und Jugendhilfe, den evangelischen Schulen oder im evangelischen Religionsunterricht. Ohne diesen Bezug kann es kein kirchliches Bildungshandeln im evangelischen Sinne geben. Trotz aller Unterschiede sind die Bereiche und Orte evangelischer Bildungsarbeit wechselseitig aufeinander bezogen und Kirche wirkt in ihnen im Sinne des evangelischen Bildungsauftrags. Zahlreiche Angebote in der Gemeinde, in pädagogischen Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft, in Vereinen und Gruppen, die weder von den dort Tätigen selbst noch von der Öffentlichkeit ausdrücklich mit Bildung in Verbindung gebracht werden, leisten gleichwohl einen wichtigen Beitrag zur Bildung. Dies gilt in globaler Perspektive für die Ökumene und die kirchliche Entwicklungsarbeit.

Zur Erfüllung dieses Auftrags bittet die Synode die Landeskirchen, die Diakonie und andere evangelische Bildungsträger, trotz geringer werdender finanzieller Mittel gerade angesichts der Verantwortung für die heranwachsende Generation in der Kirche und mit Blick auf die Zukunft der Kirche in der kirchlichen Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen einen Schwerpunkt zu setzen und die hierfür erforderlichen personellen und sachlichen Mittel bereitzustellen.

Verantwortliches Bildungshandeln setzt auf Anerkennung, Dialog und Mitwirkung

Bildung ist auf gesellschaftliche und staatliche Unterstützung und Wertschätzung angewie¬sen. Das gilt besonders auch für kirchliche Angebote wie Schulen in evangelischer Träger¬schaft, für welche die Forderung nach Bildungsgerechtigkeit einen hervorgehobenen Stellen¬wert besitzt und die sich in besonderer Weise um Angebote für Menschen bemühen, deren Bildungsbedürfnisse und -möglichkeiten sonst nicht genügend berücksichtigt werden. Damit sie das staatliche Schulwesen ergänzen und bereichern können, brauchen sie auch als staatlich anerkannte Schulen den im Grundgesetz garantierten Spielraum für freie Schulen und eine angemessene finanzielle Unterstützung durch den Staat.

Bildungsgerechtigkeit ist nur im Zusammenwirken aller Beteiligten erreichbar. Die Evangeli-sche Kirche in Deutschland dankt allen in der Bildung Tätigen für ihre verantwortungsvolle Arbeit und sucht verstärkt den Dialog mit ihnen. Sie tritt für die Verbesserung der Bedingun-gen ihrer anspruchsvollen Arbeit ein und bietet ihnen auf verschiedenen Ebenen die Zusammenarbeit an. Sie wendet sich mit ihren vielfältigen Unterstützungs- und Beteili-gungsangeboten an Familien, Erziehende, Lehrende und Ausbildende, und lädt sie zur Mitwirkung ein.

Die Evangelische Kirche in Deutschland unterstreicht, dass sie ihren von den reformatori-schen Einsichten her begründeten Auftrag sowohl im kirchlichen als auch im öffent¬lichen Bildungswesen im Sinne Philipp Melanchthons weiterhin konsequent wahrnehmen wird:

„Zwei Dinge sind es, worauf das gesamte Leben ausgerichtet sein muss, nämlich Frömmigkeit und Bildung“.

 

Hannover, den 10. November 2010

 

 Die Präses der Synode

 der Evangelischen Kirche in Deutschland


 Katrin Göring-Eckardt