Gottesdienst zur Eröffnung der EKD-Synode in der Marktkirche Hannover: Predigt über Johannes 14,27

Bischofsvikar Landessuperintendent Hans-Hermann Jantzen

07. November 2010

Es gilt das gesprochene Wort.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, seit zehn Jahren gibt es in unserer Landeskirche das Signet für verlässlich geöffnete Kirchen. Eine Einladung, sich im Trubel des Alltags Zeit zu nehmen und zu besinnen. Unzählige Menschen nutzen dieses Angebot, nicht nur im Urlaub. Auch zwischendurch zur Marktzeit. Zehn Minuten durchatmen. Zur Ruhe kommen. Eine Kerze anzünden für den Frieden. Oder für einen Menschen, um den ich mich sorge. Die Gästebücher, die in vielen Kirchen ausliegen, sind ein beredtes Zeugnis dafür: „Danke für diesen wunderbaren Raum. Danke für die Ruhe. Hilf, dass wir uns in der Familie wieder vertragen! Lass Frieden werden in der Welt!“

Vielleicht ist das der tiefste Grund, warum Menschen eine Kirche aufsuchen: die Sehnsucht nach Frieden mitten in einer friedlosen Welt. Das große Portal der Marktkirche ist so etwas wie ein Bilderbogen dieser Sehnsucht. Vor 51 Jahren von Gerhard Marcks geschaffen, nehmen die einzelnen Szenen die schrecklichen Kriegserlebnisse der Menschen und ihre zaghaften Hoffnungen auf eine friedlichere Zukunft gleichermaßen auf. Vom Galgen, Massengrab und Panzer wandert der Blick zum Bauern, der sein Feld bestellt; zum Maurer, der sein Haus baut. Der Mutter, die um ihr totes Kind trauert, korrespondiert die Mutter, die fröhlich mit ihrem Kind spielt. Und über allem steht der auferstandene Christus. Er empfängt die Besucher mit ausgebreiteten Armen, so als spräche er zu jedem einzelnen: Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

„Meinen Frieden“, „Nicht wie die Welt gibt…“ Was ist das für ein Friede? Er ist die bleibende Gabe Jesu an seine Freundinnen und Freunde beim Abschied. Als der Aufer­standene später seinen verängstigten Jüngern wieder begegnet (Joh. 20), spricht er ihnen zu aller erst zu: „Friede sei mit euch!“ Das ist mehr als ein aufmunterndes Auf­die-Schulter-Klopfen. Das ist tröstliche Geistesgegenwart. Wo der Geist Jesu Christi wirkt, breitet sich der Friede Gottes aus. Übereinstimmung mit mir selbst, mit meinen Mitmenschen, mit Gott. Ich kann mit den Bruchstücken meines Lebens leben, weil Gott ein Ganzes daraus macht. Ich kann auf andere Menschen zugehen, weil sie Gottes Kinder sind wie ich. Ich bin mit Gott im Reinen, weil er ja zu mir sagt.
Auch wenn dieser Friede erst in der neuen Welt Gottes vollendet sein wird, ist er nicht weltfremd. „In der Welt habt ihr Angst,“ sagt Jesus an anderer Stelle. Gerade darum lässt er uns seinen Frieden. Damit uns die Angst nicht beherrscht. Sein Friede ist anders als das, was die Welt geben kann. Umfassender als das, was wir gemeinhin zustande bringen. Ein Friede, der von innen her wächst. Gegründet in einem tiefen Vertrauen. Der trägt, wenn ich den Boden unter den Füßen verliere. Der tröstet, wenn die Angst nach mir greift. Gerade darum gilt: „Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“

Stimmt das? Ist das von Erfahrung gedeckt? Wir haben vorhin noch einmal die starke Vision des Propheten Micha gehört: „Schwerter zu Pflugscharen“. Ein wahrhaft umwerfendes Motto. Es hat die ersten Friedensdekaden vor 30 Jahren beflügelt. Es hat ganz reale Mauern zum Einsturz gebracht. Bewegende Erinnerungen. Harald Bretschneider hat sie gerade noch einmal wach gerufen. Die vielen Menschen in Leipzig, Dresden oder in Berlin wussten nicht, wie der Staatsmacht reagieren würde, als sie aus den Kirchen auf die Straße drängten. Mit weichen Knien haben sie „Dona nobis pacem“ gesungen. Und sie haben die Kraft des Friedens, der vom auferstandenen Christus ausgeht, ganz real erfahren! „Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten. Sie ha­ben uns wehrlos gemacht“, wird Horst Sindermann, da­mals Vorsitzender des DDR-Ministerrates, zitiert.

Heute, 20 Jahre nach der deutschen Vereinigung, wis­sen wir um die Ernüchterung, die schon bald eingetreten ist. Waren die Gebete nichts wert? War der Friede nur eine kurze Illusion? Schwestern und Brüder, es gehört zum Wesen biblischer Verheißungen, dass sie nicht zu einem paradiesischen Endzustand führen, jedenfalls nicht in dieser Welt. Sie treiben uns an, das Menschenmögli­che zu tun. Sie geben uns den langen Atem, auch mit Stückwerk zu leben. Weil sie neue Verheißungen und Visionen aus sich heraus setzen.

Die Friedensgebete, die in vielen Gemeinden bis heute die jährliche Friedensdekade begleiten, sind ein eindrucksvolles Zeichen dafür. Die Themen haben sich gewandelt: von der atomaren Abrüstung zur Zeit des Kalten Krieges bis zur Dekade „Überwindung von Gewalt“ mit so überzeugenden Projekten wie „Schritte gegen Tritte“, „Fair spielen – fair handeln“, die „Rote Karte gegen Gewalt“ oder Strategien gegen den Rechtsextremismus. Das Anliegen ist gleich geblieben: eine Gesellschaft, in der die Menschen ohne Angst in Frieden und Gerechtigkeit zusammen leben.

Dieser Tage rollt wieder der Castor-Transport von La Hague nach Gorleben. Zigtausende Menschen protestieren gegen die Vorfestlegung auf den Salzstock in Gorleben als Endlager für den hochgiftigen Atommüll, und das nicht nur im Wendland. Es ist eben kein regionales Problem. Und auch kein niedersächsisches. Darum bin ich der EKD-Synode dankbar, dass sie in dieser Frage – wie auch unsere Hannoversche Landessynode – klar Stellung bezieht.

In Sichtweite zu dem Erkundungsbergwerk steht ein schlichtes Holzkreuz. Seit 21 Jahren wird dort Sonntag für Sonntag um 14 Uhr das Gorlebener Gebet gehalten. Für mich auch ein Friedensgebet. Getragen von der Einsicht: nur wenn wir von festbetonierten Positionen umkehren, kann es Frieden geben. Die wirtschaftlichen Interessen der Energiekonzerne, die bereits getätigten Milliardeninvestitionen dürfen nicht der Maßstab für politische Entscheidungen sein, sondern das, was lebensdienlich und menschengerecht ist. So lange das nicht gewährleistet ist, wird in Gorleben weiter gebetet, in dem Vertrauen auf das Wort Jesu: „Meinen Frieden gebe ich euch – nicht wie die Welt gibt.“

Diese Zusage ist weltweit so nötig wie eh und je. Immer noch versetzen kriegerische Konflikte Menschen in vielen Teilen der Welt in Angst und Schrecken. Millionen von Flüchtlingen, unzählige Tote, vergewaltigte Frauen und traumatisierte Kinder sind die Folge. Für uns liegen die Szenen auf der Bronzetür der Marktkirche lange zurück. 65 Jahre: eine so lange Friedenszeit hat es in Deutschland bisher nicht gegeben. Ein Grund zu großer Dankbarkeit! Für die Menschen im Kongo, in Palästina und Israel, in Afghanistan oder im Irak sind die Bilder dagegen bittere Gegenwart.

Auch unser Land ist in kriegerische Konflikte verstrickt. Lange haben wir uns eingeredet, die Bundeswehr sei zu einem Friedenseinsatz in Afghanistan. Aber je mehr Zivilisten und Soldaten dort getötet werden, desto mehr wächst der Zweifel. Bei den Trauerfeiern in Selsingen oder anderswo erleben wir große Rituale und hören bewegende Worte. Aber lernen wir auch etwas daraus?
„Meinen Frieden gebe ich euch – nicht wie die Welt gibt.“ Wir können nur geben, wie die Welt gibt. Dazu mag im äußersten Fall auch ein militärisches Eingreifen gehören, um schlimmeres Unheil zu verhüten. Wir sollten uns jedoch mit unserm weltlichen und politischen Handeln an dem Frieden orientieren, den Christus schenkt. Sonst läuft die Sache schnell aus dem Ruder. Konkret heißt das für mich: wir brauchen ein Konzept, wie der Militäreinsatz in Afghanistan schnellstmöglich beendet werden kann. Wir müssen dem zivilen und demokratischen Aufbau des Landes stärker als bisher Vorrang geben. Und bei all dem auf jegliche westliche Überheblichkeit verzichten! Denn wirklicher Friede kann erst werden, wenn wir einander in unserer Eigenart wahrnehmen. Wenn wir den anderen als gleichwertig anerkennen, ihm seine eigene Würde als Ebenbild Gottes zuerkennen. Nur so kann es zur Versöhnung zwischen Menschen und Völkern über alle kulturellen und religiösen Unterschiede hinweg kommen.

Darum ist die Debatte über eine bessere Integration der Migranten in unserm Land so notwendig! Es ist gut, dass der Bundespräsident hier deutliche Worte gefunden hat. Zu Recht verweisen wir auf unser jüdisch-christliches Wertefundament. Aber das beinhaltet ja gerade: Vorurteile abbauen statt Ressentiments schüren. Versöhnen statt spalten. Fördern statt abhängen. Wir dürfen denen, die am rechten Rand der Gesellschaft zündeln, nicht das Feld überlassen. Für Christen muss klar sein: Wer Hass und Gewalt predigt; wer zum Verbrennen des Koran aufruft, selbst wenn er sich Pastor nennt und auf Gott beruft, tritt Gottes Frieden mit Füßen.

Es ist unsere Aufgabe als Christen und als Kirchen, das Bewusstsein für den umfassenden Frieden Christi wach zu halten – in Gottesdienst und Predigt, in Diakonie und politischer Streitkultur. Um unsere Verantwortung für die Welt zu schärfen, ist es gut, diesen Frieden hin und wieder auch leibhaftig zu spüren, ihn „einzuatmen“: in der Ruhe einer Kirche; beim Anzünden einer Kerze; bei einem stillen Gebet; unter den segnenden Armen des Auferstandenen. Wenn Sie nachher durch das Portal wieder hinausgehen, lassen Sie sich diesen Frieden noch einmal bewusst zusprechen als Ermutigung für unser Handeln in der Welt: „Den Frieden lasse ich euch. Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“

Es ist der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft. Der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



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