4. Tagung der 11. Synode der EKD

Magdeburg, 6. bis 9. November 2011

Grußwort des Oberbürgermeisters von Magdeburg

Dr. Lutz Trümper

06. November 2011

OB Magdeburg, Dr. Lutz Trümper

Es handelt sich um eine unredigierte Fassung. 

Sehr geehrte Frau Göring-Eckardt,
sehr geehrter Herr Bundesinnenminister Friedrich,
Herr Ministerpräsident, meine Damen und Herren Landtagsabgeordnete, die heute hier in der ersten Reihe sitzen und das Parlament vertreten!


Herzlich willkommen in Magdeburg, der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, einer Stadt, von der Sie in den Reden, die vor mir gehalten worden sind, zwei Gebäude kennengelernt haben.

Gestern Abend hat sich der Ministerpräsident erlaubt, in die gute Stube der Stadt zu gehen und Sie im Namen der Landesregierung einzuladen. Wir waren auch dabei, weil es unser Gebäude ist. Die Johanniskirche ist die älteste Pfarrkirche unserer Stadt und ist in ihrer langen Geschichte von weit über 1000 Jahren fünfmal zerstört und fünfmal wiederaufgebaut worden. Sie steht sozusagen als Symbol für den Willen der Bürger dieser Stadt, sich nicht unterkriegen zu lassen, durch schwierige Zeiten zu gehen, immer wieder aufzustehen und zu zeigen: Wir sind da und wollen unsere Stadt weiterhin alleine – manchmal mit Hilfe und manchmal mit Partnern, die wir haben – gestalten und wieder aufbauen.

Dafür steht die Johanniskirche heute in herausragender Art und Weise. Sie ist, wenn man so will, ein Stadthaus geworden, in dem aber die evangelische Kirche auch fünf- oder sechsmal im Jahr Gottesdienste feiern kann und damit auch ein Stück weit an die alte Tradition erinnert.

Die Frage, die Frau Göring-Eckardt eben gestellt hat, nämlich was uns eigentlich hindert, in die Kirche einzutreten und in der Kirche mitzumachen, ist bei uns etwas Besonderes. Es ist auch heute im Gottesdienst zum Tragen gekommen, als die etwas mittelalterliche Dame – ich spreche vom echten Mittelalter – und die junge Dame, die sich vor vier Jahren hat taufen lassen, gezeigt haben, dass wir nicht nur Brüche im Stadtbild, sondern auch Brüche in dem haben, was die Menschen betrifft.

In unserer Stadt, die eine religiöse Tradition über Jahrtausende hat, gehören heute 85 Prozent keiner Kirche an. Das heißt, die übergroße Zahl der Menschen bei uns sind weder in der evangelischen noch in der katholischen Kirche; sie sind in gar keiner Kirche. Ob sie alle nicht glauben, ist eine ganz andere Frage, und ob sie alle keine christlichen Wurzeln haben und nicht ein Stück weit in der christlichen Tradition denken und handeln, ist auch eine ganz andere Frage.

Es gibt ganz konkrete Ursachen, warum das so ist. Sie wissen alle genauso gut wie ich, dass wir in unserer Stadt und im ganzen Gebiet der ehemaligen DDR eine besondere geschichtliche Periode hatten. Heute muss man sich Gedanken machen, wie alles wieder anders werden kann und wie auch der Zugang zur Kirche erleichtert werden kann.

Das waren nur zwei Beispiele, die gezeigt haben, dass es auch im Alter immer noch geht, dass man den Zugang findet. Man muss nur den Schritt machen.

Sie sind heute hierhergekommen und haben mich als Grußwortredner gebeten, was ich natürlich gerne wahrnehme. Sie haben das Thema „Missionarische Impulse“ für Ihre Tagung gewählt. Das ist die Auseinandersetzung mit den Fragen, was Menschen in diesen Tagen daran überzeugt und was sie hindert zu glauben. Mit der Reflexion solcher grundlegenden Fragen geht die Evangelische Kirche in Deutschland einmal mehr einen wichtigen Schritt auf die Menschen zu. Gerade durch diese große Basisnähe gehen von den Tagungen der Synode immer wieder auch Impulse für Alltag und Politik in Deutschland aus. Hier bietet sich die Gelegenheit, innezuhalten, Fragen zu stellen an die Gesellschaft, die immer mehr nach Leistung, Schnelligkeit, Flexibilität und immer weniger danach fragt, wie es dem einzelnen Menschen geht und wo er in seiner Situation auch Halt findet.

Diese Fragen beschäftigen uns auch in der Kommunalpolitik. Wie können wir es hinbekommen, dass die einzelnen Menschen mitgenommen werden, dass sie für ihr Überleben in ihrer Generation eine Chance sehen, dass sie mitgenommen werden, um mitgestalten zu können und am Aufbau und dem Leben der Gesellschaft teilzunehmen. Das gelingt uns nicht immer.

Ich habe es in dieser Woche schon einmal im Maritim in einer kleineren Runde erzählt, wie groß die Aufgaben noch sind, die vor uns liegen. Man muss sich immerhin vergegenwärtigen, dass es noch 20 000 Bedarfsgemeinschaften gibt bei einer Bevölkerungszahl von 230 000 Menschen. Wir müssen die Wirtschaft verstärken, wir müssen die junge Generation mitnehmen. Wir müssen alle gemeinsam mit dem Thema umgehen, das immer so locker umschrieben wird mit dem Begriff „demografischer Wandel“.

Dieser Begriff hat einfach zur Folge, dass wir immer weniger werden, und das nicht nur in Magdeburg und in ganz Ostdeutschland, sondern auch in Deutschland insgesamt, in Westeuropa  und inzwischen auch in den ehemaligen osteuropäischen Ländern, wie Polen, Rumänien, Ungarn. Überall ist es das gleiche Phänomen, und wir müssen uns Gedanken machen, wo die Ursachen liegen und was man als Politik, als Gesellschaft und als Kirche auf den Weg bringen kann, um eine Umkehr hinzubekommen. Das sind alles ganz spannende Fragen.

Sie sind zum zweiten Mal mit der Synode in Magdeburg nach 2004. Das ist eine besondere Ehre für unsere Stadt und auch eine Freude, da wir immer gerne Gäste in unserer Stadt empfangen. Ich habe gestern Abend gehört – ich war bei einem anderen Empfang -, dass es in Magdeburg heute kein freies Hotelbett mehr gibt. Das haben wir gern.

Wir haben es gern, dass Sie alle unsere Stadt besuchen und wahrnehmen. Ich habe vorhin nach dem Gottesdienst einen ganz kleinen Spaziergang gemacht und bin zur Elbe hinuntergegangen und von dort wieder hinauf ins Zentrum. Das war heute Morgen ein wunderbarer Moment. Man hat gesehen, wie im Sonnenschein langsam der Nebel von der Elbe verschwindet.

Was will ich damit eigentlich sagen? Wir haben uns seit der letzten Synode 2004 enorm angestrengt, das Leben wieder an die Elbe heranzubringen. Wenn Sie einmal Zeit haben, an der Elbe spazieren zu gehen, werden Sie sehen, dass sich da in den letzten zehn Jahren gigantisch etwas getan hat. Überall werden dort Wohnungen gebaut, wir haben die öffentliche Struktur geschaffen, damit man sich an der Elbe wohlfühlen kann. Es gibt Gaststätten, man kann Kultur genießen und einfach auch leben. Man braucht einfach ein Stück weit die Zeit, um innezuhalten, vielleicht am Sonntagmorgen an den Fluss zu gehen, um zu überlegen: Was habe ich in meiner Mission als Politiker, in meiner Mission als Mensch in den letzten Jahren getan? Das ist die Aufgabe, die vor uns liegt, die wir gemeinsam bewältigen müssen. Ich glaube, diese Momente kann man bei der Gestaltung, die wir vorangebracht haben, sehen und auch fühlen und daraus auch Kraft schöpfen.

Seit dem letzten Mal, als Sie hier waren und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Magdeburger Dom waren, gibt es auch von dort etwas Neues zu berichten. Wir haben vor drei Jahren Editha gefunden, Editha, die erste Frau des Kaisers Otto I. Lange Zeit ist von ihr gesagt worden, sie liege im Magdeburger Dom. Aber man hat nicht genau gewusst, wo, und hat lange gesucht. Und siehe da: Da, wo ihr Name darauf stand, war sie wirklich drin. – Das haben dann nicht alle gleich geglaubt. Dann ist es in zwei Jahren feinster Arbeit untersucht worden und am Ende war das Ergebnis: Sie ist es. Von daher wissen wir heute wieder hundertprozentig, dass im Dom Kaiser Otto seine Grablege hat und eben auch Editha.

Von der Johanniskirche - wenn ich das noch sagen darf -, wo Sie gestern Abend eingeladen waren, behaupten wir immer, dort liege Otto von Guericke. Wir wissen es aber nicht ganz genau. Wir haben das Grab noch nicht gefunden, aber wir behaupten es, und es hat noch niemanden gegeben, der das Gegenteil behauptet hat.

Von daher sind die beiden berühmten Persönlichkeiten, Otto der Große und Otto von Guericke, die unserer Stadt den Beinamen „Otto-Stadt“ verschafft haben, in diesen beiden wichtigen Gebäuden, die Sie gestern und heute schon kennengelernt haben.

Wenn ich Ihnen noch ein Gebäude empfehlen darf, das Sie besuchen sollten, wenn Sie schon hier sind. Das ist das Kloster unser Lieben Frauen. Das ist das älteste Gebäude der Stadt überhaupt, das noch erhalten ist, aus dem 11. Jahrhundert. Und wenn man sich den Domplatz in Gänze anschaut, kann man dort die Geschichte der Stadt über mehr als 1000 Jahre ablesen. Immer wieder sind neue Gebäude hinzugekommen, andere Gebäude sind verschwunden. Das neueste Gebäude, das unsere Stadtgeschichte über 1000 Jahre abrundet, ist das Hundertwasser-Haus, das erst 2005 in Betrieb gesetzt wurde. Es ist das letzte architektonische Zeugnis von Friedensreich Hundertwasser. Damit haben wir eine spannende Geschichte der Stadt, die die Brüche aufzeigt und auch, was wir noch zu tun haben, wo unsere Probleme liegen.

Das alles ist auch Gegenstand Ihrer Diskussionen in den nächsten Tagen. Ich wünsche Ihnen dafür gutes Gelingen und hoffe, dass Sie die Zeit finden, sich einiges von der Stadt anzuschauen. Und wenn Sie wiederkommen, sind Sie bei uns immer wieder gern gesehen.

Alles Gute für Ihre Tagung.