Beschlüsse

5. Tagung der 11. Synode der EKD, Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

Kundgebung: Theologische Impulse auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 - „Am Anfang war das Wort...“

07. November 2012

Kundgebung

der 11. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland

auf ihrer 5. Tagung


Theologische Impulse auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017

„Am Anfang war das Wort...“

„Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.“ (Lukas 5, 5-6)

Ein Wagnis bringt die Wende: „aber auf dein Wort...“. Simon Petrus und die anderen Fischer vertrauen dem Wort Jesu. Das ändert alles. Den Fang, den Tag, das Leben.

Christinnen und Christen zu allen Zeiten sind dieses Wagnis eingegangen: Auf nichts anderes zu vertrauen als auf Jesus Christus und sein Wort.


1. Todesangst und Lebenshoffnung

Wo kommen wir her?
„Da unser Herr und Meister Jesus spricht: ‚Tut Buße’ usw. (Mt 4,17), hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ (These 1 der 95 Thesen Martin Luthers)
 
Mit diesem Wagnis beginnt auch die Reformation. Gefangen in Angst, auf der Suche nach dem gnädigen Gott, leidet der Mönch Martin Luther an seiner Kirche. Fromme Übungen formelhaft abzuleisten oder Gnade durch den Kauf von Ablassbriefen zu erlangen, erkennt er als Irrweg. Gottes Liebe kann nicht käuflich sein!

So setzt er alles auf eine Hoffnung: Solus Christus, Christus allein – das Wort Gottes, das am Anfang war, das Mensch wurde und in dem alles neu wird. Mit seinen 95 Thesen will er wachrütteln und zum Disput einladen. Öffentlich. Diese Einladung schlägt er am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg.

Buße ist Umkehr, die Gottes Liebe in uns bewirkt. Die Fülle dieser Liebe verwandelt das ganze Leben, das Hoffen und Bangen, das Tun und das Lassen. Sie stellt den Menschen im Angesicht Gottes vor die Entscheidung, wonach er sein Leben ausrichten will.

Mit dem Ruf zur Buße stößt Martin Luther eine gewaltige Befreiungsbewegung an. Gott will den Menschen befreien aus innerer Enge und Selbstüberschätzung, von seinem Hang, wie Gott sein zu wollen und darum wie der Teufel zu handeln.

Diese Liebe Gottes kann dem Menschen zur Heimat werden. Geborgen in Gottes Liebe wird der Mensch frei von sich selbst, frei für Gott und den Nächsten, frei zur Hoffnung für das Leben. Das Netz ist voll – ohne unser Zutun.

Wo stehen wir?
In Gottes Liebe beheimatet vertrauen wir auf das Wunder des Fischfangs. Gott kann alles wenden. Diese Zusage gilt auch heute allen Menschen in ihren Todes- und Existenzängsten, in Sinnkrisen, unter den Lasten des Alltags und unter dem Druck der Leistungserwartungen, im Kummer über eigene Grenzen und im Zorn über Unrecht und Gewalt in der Welt. Frei geworden vom Druck, in diesen Nöten nur auf sich selbst vertrauen zu müssen, hält der Glaube die Frage nach Gott wach und ermutigt zur Verantwortung für die Nächsten und die Welt.

Gleichzeitig ist Gott für viele Menschen kein Thema mehr. Unsere Sprache erreicht sie nicht mehr. Damit können wir uns nicht abfinden.

Was hoffen wir?
Wir hoffen auf Umkehr zu einem Leben, in dem Gott und darum auch der Mensch im Mittelpunkt steht. Wir hoffen, dass viele Menschen mitten in ihren Nacht-Erfahrungen Vertrauen fassen können und ihr Leben von Gottes Liebe neu ausrichten lassen. Obwohl der Mensch dem Menschen so oft ein Wolf ist, geben wir die Hoffnung nicht auf, dass der von Gottes Liebe verwandelte Mensch dem Menschen ein Mensch sein kann. „Wir sollen Menschen und nicht Gott sein. Das ist die Summa!“ (Martin Luther 1530 in einem Brief an Spalatin)

Die Bibel ist der Grund, der uns trägt. Auf diesem Boden finden wir Antworten. Das von Martin Luther wiederentdeckte Evangelium macht uns frei, zu glauben, zu hoffen und zu lieben.


2. Fromm und politisch

Wo kommen wir her?
„Dass wir als Jünger Christi erkannt werden, so wir einander lieb haben, wie Christus uns hat lieb gehabt, darin steht das Gesetz und die Propheten, der rechte wahre Gottesdienst...“
(Huldrich Zwingli in seinem Entwurf für Berchtold Hallers Schlussansprache 1528)

Die Jünger vertrauen Jesus Christus mitten im Alltag ihrer Arbeit. Sie erleben das Wunder, dass nach vergeblichem Mühen ihre Netze voll sind. Auf dieses Wunder hoffen Menschen bis heute, mitten in ihrer Arbeit, so mühsam sie sein und so vergeblich sie scheinen mag.

Die Spiritualität der Reformatoren gründet im Wort Gottes und ist auf den Alltag ausgerichtet. Sie ist fromm und zugleich leidenschaftlich politisch engagiert zum Wohl der Menschen.

Die Kirchenmusik und insbesondere der Gesang der Gemeinde erlebten einen nie gekannten Aufschwung. Gottesdienst geschieht im Dienst an und im Dank für Gottes Wort, aber auch im Dienst am Mitmenschen. „Arbeite so, als ob du beten würdest; bete so, als ob du arbeiten würdest.“ (Martin Luther) Kampf und Kontemplation, Arbeit und ihre heilsame Unterbrechung gehören zusammen: Der Schufterei des Alltags hat Gott Grenzen gesetzt, indem er Unterbrechungen im Tageslauf und einen Tag der Ruhe einsetzte.

Wo stehen wir?
Der Gottesdienst ist Quelle christlichen Lebens. Hier ist Konzentration auf Gottes Wort, wo andernorts Zerstreuung ist; hier ist Gemeinschaft, wo andernorts Vereinsamung ist, hier ist Stille, wo andernorts Lärm ist. Evangelische Gottesdienstkultur versteht sich auf die fröhliche Feier des Abendmahls, auf die kraftvolle Predigt des Evangeliums, auf Gesang und Musik. Sie dient Gott mit Herzen, Mund und Händen. Sie will Menschen geistliche Heimat sein.

Der Alltag ist Herausforderung für den Glauben. Die verschiedenen reformatorischen Strömungen haben auf unterschiedliche Weise ein entschiedenes Ethos alltäglicher Bewährung hervorgebracht. Sie haben sich für die gerechte Gestaltung des Gemeinwesens eingesetzt. Die vielfältige soziale Arbeit der Kirche, die öffentlichen Stellungnahmen zu sozialen Fragen, aber auch die Diakonie in Unternehmen, Werken und in den Kirchengemeinden legen davon ein eindrucksvolles Zeugnis ab. Dieses Erbe führen wir weiter.

Was hoffen wir?
Wir hoffen, dass der Weg, evangelischen Gottesdienst zum Lobe Gottes mit allen Sinnen zu feiern und ihn nicht intellektuell zu verengen, weitergegangen wird. Wir freuen uns am Reichtum evangelischer Spiritualität.

Die Leistungen in Ausbildung, Beruf und häuslicher Arbeit, die das protestantische Ethos hervorgebracht hat, bedürfen einer starken geistlichen Verankerung. Solcher Verankerung eröffnen sich auch Wege zur Umkehr in den sozialen und politischen Nöten der Zeit wie beispielsweise die Entwicklung anderer Formen des Wachstums.


3. Scheitern und Versöhnen

Wo kommen wir her?
„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben, nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst.“ (aus der 1. Frage des Heidelberger Katechismus)

Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? – diese Frage trieb damals nicht nur die Reformatoren um. Im ausgehenden Mittelalter wurde dies vielen Menschen zu ihrer zentralen Lebensfrage. Wie kann ich selig werden, wo mein Leben doch durchzogen ist von Scheitern und Schuld?

Unser Netz ist voll, erleben die Jünger. Gott schenkt seine Liebe konkret. Die Einsicht in die Vergeblichkeit des eigenen Tuns verwandelt sich in die Erfahrung der Fülle. In der Mitte der Theologie aller Reformatoren steht das „pro me“ – das „für mich“. Die Entdeckung, dass Christus gerade „für mich“ gestorben und auferstanden ist, ist für sie die Antwort auf ihre zentrale Frage: Selig werden kann niemand aus eigener Kraft. Nur weil Gott uns unser Scheitern und unsere Schuld vergibt, wird unser Leben mit Gott und mit sich selbst versöhnt.

Wo stehen wir?
Die Frage nach der Versöhnung und der Rechtfertigung ist geblieben, auch wenn ihr Gewand anders aussieht. Sie begegnet uns heute in der Suche nach dem Sinn des Lebens, in der Suche nach Verwirklichung von Sehnsüchten und Lebenszielen, im Ringen um Anerkennung und Bestätigung, in der Suche nach dem Glück. Die Erfahrung ist die gleiche geblieben: Das Leben bleibt Fragment. Das perfekte Leben gibt es nicht. Und den Sinn seines Lebens kann sich niemand selbst aus eigener Kraft geben. Erfolg und Gelingen sind unverfügbar. Sie gründen nicht in fortwährender Leistung und im Streben nach unbegrenztem Wachstum. Die Botschaft von Kreuz und Auferstehung wirft vor dem Horizont der Ewigkeit Licht auf die dunklen und unversöhnten Seiten des menschlichen Lebens.

Das christliche Grundmotiv des Versöhnungshandelns Gottes im Kreuzestod Jesu war und ist niemals selbsterklärend gewesen, es weckt in vielen Menschen Zweifel und Fragen. Schon in der Bibel sind unterschiedliche Deutungen des Todes Christi angelegt, sie umkreisen alle das eine Geheimnis des Gnadenwillens Gottes in Jesus Christus.

Was hoffen wir?
Die Lutherdekade und die Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 verstehen wir als Chance, am zentralen Thema des Versöhnungshandelns Gottes im Kreuzestod Jesu gemeinsam weiterzuarbeiten, und laden alle Christen, gleich welcher Konfession, ein, um seine Aktualisierung zu ringen. Auch alle anderen laden wir ein, sich dem Geheimnis von der Erlösung durch Jesu Tod und Auferstehung zu nähern und den weiten Horizont christlicher Hoffnung auf die Ewigkeit bei Gott zu entdecken. Wir hoffen, dass sich mit dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 ein Aufbruch verbindet, diese Botschaft kraftvoll und zugleich verständlich zu allen Menschen zu bringen.

Überall auf der Welt werden unversöhnliche Wunden geschlagen und Gräben aufgerissen.
Versöhnung darf nicht die „Unterscheidung der Geister“ ersetzen. Wir hoffen, einen Beitrag zur Analyse von Unrecht und Konflikten leisten und auf der Grundlage wahrhaftiger Dialoge zur Versöhnung beitragen zu können.


4. Wahrheit und Liebe

Wo kommen wir her?
„All unsere Weisheit, sofern sie wirklich den Namen Weisheit verdient und wahr und zuverlässig ist, besteht in zwei Stücken: der Erkenntnis Gottes und unserer Selbsterkenntnis.“ (Johannes Calvin, Institutio, 1,1)

Wer ist der Mensch im Angesicht Gottes? Was ist der Mensch, dass Gott ihm die Netze füllt? Was soll er glauben, was soll er tun und was erlöst ihn? Um die Wahrheit hinter diesen Fragen wurde damals gerungen.

In der Religion geht es um die existenziellen, um die persönlichsten und letzten Fragen des Lebens. Deshalb provoziert Religion unweigerlich den Streit um die Wahrheit. Wer das Wagnis eingeht, alles auf die Karte seines Glaubens zu setzen, läuft Gefahr, anderen Glaubensüberzeugungen den Respekt zu versagen. Wenn Wahrheit und Liebe in einen Gegensatz zueinander geraten, wird der Glaube intolerant.

Dieser Gefahr waren auch die Reformatoren ausgesetzt. Sie waren begeistert und beseelt von ihrer befreienden Entdeckung und forderten für sich Freiheit der Gewissen. Ihre Begeisterung warf zugleich Schatten: Martin Luthers Ausfälle gegen die Juden oder gegen die Bauern im Bauernkrieg; die Verfolgung Andersdenkender bis hin zur Verbrennung Michael Servets 1553 in Genf. Der Reformation war die Toleranz in die Wiege gelegt – allzu oft blieb sie dort liegen. Es waren dann vor allem die Freikirchen, und unter ihnen besonders die Friedenskirchen, die den Gedanken von Toleranz und Gewissensfreiheit in der Welt ausbreiteten.

Die Reformatoren schätzten die Vernunft neben der Heiligen Schrift als gottgegebene Quelle menschlicher Weisheit für das Handeln. So trieben sie die Bildung der Menschen voran und legten eine Wurzel für die spätere Aufklärung in Europa. Die Durchsetzung der Aufklärung allerdings wurde von ihren Nachfolgern oft bekämpft.

Wo stehen wir?
Die reformatorischen Kirchen nehmen ihre Verantwortung für die Gestaltung dieser Welt wahr, indem sie in die Bemühungen um den Frieden in der Welt die Erkenntnis einbringen: Die Religionen bieten Potentiale zur Versöhnung und zum Frieden. Ihre Selbstreinigung vom Geist der Gewalt ist die zwingende Konsequenz aus ihrer Geschichte.

Die reformatorischen Kirchen haben auch in das Erbe der Aufklärung Erfahrungen einzubringen. Sie erkennen, dass es heute nicht mehr möglich ist, an dieses Erbe anzuknüpfen, ohne die „Dialektik der Aufklärung“ mitzudenken: Aufklärung kann umschlagen in eine „Vergottung“ des Menschen bei gleichzeitiger Verachtung der Menschenwürde einzelner oder ganzer Gruppen von Menschen und in eine entgrenzte Hochschätzung der Vernunft mit ihren vermeintlichen Zweckrationalitäten, deren „Vernünftigkeit“ nicht mehr kritisch reflektiert wird. Darf der Mensch alles, was er kann? Wo setzt die Verantwortung seiner Freiheit Grenzen z.B. bei der künstlichen Veränderung des Erbguts, beim Handeln in der Finanzwirtschaft oder beim Umgang mit den natürlichen Ressourcen?

Angesichts der anhaltenden Faszination menschenverachtender Ideologien, von zunehmendem Fundamentalismus in den Religionen wie auch von hier und da zu beobachtender Vernunftverdrossenheit in Kultur, Bildung und Politik wissen wir uns den Errungenschaften der Aufklärung verpflichtet.

Was hoffen wir?
Wir hoffen, dass unser evangelisches Engagement dazu beiträgt, dass politische Heilslehren und rassistische Ideologien ihre Verführungskraft verlieren. Aus der Erfahrung von Willkür und Diktatur wenden wir uns gegen alle Formen von Menschenfeindschaft und Extremismus.

Wir hoffen, dass der Dialog mit anderen Konfessionen und Religionen vertieft wird. In diesen Dialog bringen wir das Erbe eines die Aufklärung schätzenden Glaubens ein, der Gott als Gott der Liebe und Freiheit versteht.

Wir suchen in Forschung und Wissenschaft den Dialog mit allen, die sich bemühen, diese Welt zu verstehen und zu gestalten. Wenn Vernunft und Glaube Geschenke Gottes an den Menschen sind, kann es einen grundsätzlichen Gegensatz zwischen beiden nicht geben. Sehr wohl aber kann es Grenzen menschlicher Einsicht geben. Dies zu erkennen, macht demütig.


5. Teilhabe und Gemeinschaft

Wo kommen wir her?
„Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweihet sei.“ (Martin Luther, An den christlichen Adel deutscher Nation, 1520)

Wer auf den Namen Jesu Christi getauft ist, hat Teil an allen Aufgaben der Kirche. Gott teilt seine Fülle an alle aus. Alle Getauften sind berufen, das Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen und weiterzugeben. Aus diesem Grundgedanken erwuchsen Impulse für die Kommunikation, die Bildung und die Emanzipation.

Die Nutzung des Buchdruckes zur Verbreitung theologischer Thesen und der Bibelübersetzung Martin Luthers sowie der Bibelübersetzungen der anderen Reformatoren, die Förderung des Schulwesens und die Gründung neuer Universitäten sowie die Beteiligung von Laien in kirchlichen Gremien waren in der Entwicklung der reformatorischen Kirchen entscheidend für die praktische Umsetzung des „Priestertums aller Getauften“.

„Die hohen Wohltaten der Buchdruckerei sind mit Worten nicht auszusprechen. Durch sie wird die Heilige Schrift in allen Zungen und Sprachen eröffnet und ausgebreitet, durch sie werden alle Künste und Wissenschaften erhalten, gemehrt und auf unsere Nachkommen fortgepflanzt.“ (Martin Luther in seinen Tischreden)

Wo stehen wir?
„Gemeinsam reden, gemeinsam handeln, gemeinsam leiten“ – das macht nach der Kundgebung der EKD-Synode in Dresden 2007 die evangelische Kirchenstruktur aus. Teilhabe ist ein reformatorischer Grundgedanke. Basis aller gerechten Teilhabe aber sind Mündigkeit und Bildung, für die evangelische Christinnen und Christen sich einsetzen.

Was hoffen wir?
Wir hoffen, dass unsere Gesellschaft so gestaltet wird, dass gerechte Teilhabe für alle gewährleistet ist und niemand verloren geht.

Der Gedanke des Priestertums aller Getauften enthält starke Impulse für Kommunikation, Bildung und Emanzipation. Das Internet als Medium der Weitergabe des Evangeliums und neuer Formen der Seelsorge; weitere Anstrengungen zur Förderung der Bildung in Kindertagesstätten, Schulen und Universitäten sowie die Ermutigung zur Mitwirkung in Kirche und Gesellschaft gegen den Trend zur Vereinzelung sind Herausforderungen, denen wir uns stellen.

Die Reformation geht weiter
Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland regt ihre Mitgliedskirchen und die Kirchengemeinden an, die Zeit bis zum Reformationsjubiläum 2017 für eine intensive Beschäftigung mit den Kernthemen reformatorischen Glaubens zu nutzen: Was ist das Reformatorische an der Reformation? Was bedeutet die Rechtfertigung des Sünders für uns und für die nächste Generation? Wie berührt der Glaube mein Herz? Wie können wir unsere Weltverantwortung wahrnehmen?

Zu solchen Klärungen gehört auch, sich mit dem eigenen Schatten auseinanderzusetzen. Wo in unserer Geschichte falsche Entscheidungen getroffen wurden oder Unheil angerichtet wurde, braucht es Erinnerung, Klarheit und Distanzierung. Die Botschaft von der Versöhnung benötigen zuerst die, die sie verkündigen.

Die Reformation ist Weltbürgerin geworden. Sie gehört allen. In 500 Jahren hat sie sich über die Welt ausgebreitet und ist in ungezählten Ländern und Kulturen heimisch geworden. Von dort wandert sie zurück und beschenkt uns mit den Erfahrungen aus aller Welt. Wir freuen uns auf ein Jubiläum, das wir gemeinsam mit den Kirchen in Europa und weltweit feiern wollen.

Die Kirchen der Reformation stehen in der Nachfolge der Apostel und leben ihre Apostolizität in der Treue zum Evangelium, in gegenseitiger Fürbitte und Gastfreundschaft. Das Reformationsjubiläum 2017 wird die erste Jahrhundertfeier sein, bei der die evangelischen Kirchen aufgrund der 1973 geschlossenen Leuenberger Konkordie untereinander in Kirchen- und Abendmahlsgemeinschaft stehen.

Die Synode ermutigt die Kirchen, im innerevangelischen und ökumenischen Gespräch die gewachsenen Gemeinsamkeiten ebenso herauszustellen wie die bleibenden Verletzungen einzugestehen. Uns eint mehr, als uns trennt. Christus als Herrn der Welt für das 21. Jahrhundert zu verkündigen, ist die gemeinsame Aufgabe der ganzen Christenheit.

Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland lädt alle Menschen in Kirchen und Gemeinden, in Gesellschaft und Politik, in Ost und West, in Nord und Süd ein, auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 mit uns nach Wegen des Friedens und der Gerechtigkeit aus dem Geist des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zu suchen.

Ein herzliches Willkommen in den Kernlanden der Reformation! Wir freuen uns über alle, die kommen und mit uns nach Jesus Christus fragen und auf sein Wort hin hoffen, glauben und feiern!

Timmendorfer Strand, den 7. November 2012

Die Präses der Synode
der Evangelischen Kirche in Deutschland

Katrin Göring-Eckardt

Die Veröffentlichung der Beschlüsse erfolgt unter dem Vorbehalt der endgültigen Ausfertigung durch die Präses der Synode!