5. Tagung der 11. Synode der EKD

Timmendorfer Strand, 1. bis 7. November 2012

Das Reformationsjubiläum – ein Ereignis von Weltrang – Schlaglichter auf 2017

Steve Kennedy Henkel, Mitglied des Vorbereitungsausschusses zum Schwerpunktthema, Jugenddelegierter in der Synode der EKD

05. November 2012

Verehrte Frau Präses, hohe Synode,
liebe Schwestern und Brüder,

ich darf Ihnen hier ein Schlaglicht werfen. Was ein „Schlaglicht“ ist, das musste ich erst mal googeln und Wikipedia sagt, ein Schlaglicht ist in der Malerei eine aufgesetzte helle Stelle, ein Glanz. Oder aber es ist Licht, dass als Strahl oder diffus von der Seite auf etwas fällt. Ich verspreche Ihnen, ich werde mein möglichstes tun. Um das Bild nicht überzustrapazieren; ich werde im Folgenden auf drei Tugenden der Reformation eingehen, die mir als jungem Menschen besonders wichtig sind, wenn wir über 2017 nachdenken.

I. Reformation und die neuen Medien:

„Die hohen Wohltaten der Buchdruckerei sind mit Worten nicht auszusprechen. Durch sie wird die Heilige Schrift in allen Zungen und Sprachen eröffnet und ausgebreitet, (...) gemehrt und auf unsere Nachkommen fortgepflanzt.“ (Martin Luther, Tischreden)

Ohne diese „Wohltaten“ ist die Reformation kaum zu denken. Deutsche Bibeln machen die Runde im ganzen Land, den Armen und Analphabeten werden sie auf den Märkten vorgelesen. Flugblätter – schnell produziert – verbreiten die Botschaft der Reformation im ganzen Land.

Das war damals. Und heute? Die Bibel ist immer noch das meist verkaufte Buch der Welt, hier im Land der Reformation steht sie noch in vielen Bücherregalen – allerdings vielleicht eher in der Hoffnung, dass man nicht in eine so große Notsituation kommt, um darauf zurückgreifen zu müssen. Von Menschen, die Flugblätter verteilen, erwartet man in der Regel wenig Fruchtbares für das eigene Leben, und wer heute auf dem Marktplatz laut aus der Bibel vorlesen würde – nun das wäre den Wohlwollenden ein öffentliches Ärgernis, den weniger Wohlwollenden ein Fall für die Nervenheilanstalt.

Ist die Reformation als Kommunikationsgeschehen also tot?

Nun, heute ist es das Internet, das Kommunikation revolutioniert – das die ganze Welt zu den Menschen nach Hause bringt. Mit Facebook sitzen sozusagen alle Bekannten im Wohnzimmer, Twitter ist das Schwarze Brett der heutigen Zeit – und viele schlagen daran an: Popstars, Regierungssprecher, inzwischen auch Pfarrer und Bischöfe.

Die Reformation wurde getragen durch den geschickten Gebrauch des neuen Mediums Druck. Ich würde mir sehr wünschen, dass wir als Kirche der Reformation zur Verkündigung des Evangeliums ebenso unverkrampft mit dem neuen Medium Internet wären. Hier ein Beispiel, wie das digitale Flugblatt von heute aussehen könnte: (Clip – „Church night“)

Vor allem anderen ist es uns als Protestanten in die Wiege gelegt, das Evangelium mit den Mitteln der Zeit weiterzugeben – ich denke, da ist noch Spielraum nach oben.

II. Reformation, die neue Frömmigkeit:

Die Reformation kreiert eine neue Frömmigkeit; sie stößt die Türen zum Himmel auf und gibt mit ihrem Berufsethos dennoch der Welt Gewicht. Luthers Frage, die Frage einer ganzen Zeit, nach dem gnädigen Gott ist beantwortet: Er IST gnädig, mein Wagnis ist es allein darauf zu vertrauen, die ausgestreckte Hand Christi zu ergreifen. Allein – wann hat Sie zuletzt jemand gefragt, wie er einen gnädigen Gott finden kann? Im Zuge der Vorbereitungen auf 2017 sagte jemand wir würden ja beständig eine Frage beantworten, die kaum jemand mehr stellt.
Wo der Zorn Gottes aus dem Denken der Menschen verschwunden ist, da scheint seine vergebende Zuwendung nichts Besonderes zu sein. Sind wir, die Kinder der so wortgewaltigen Reformation sprachlos geworden, für den Glauben/die Fragen von heute? Ich fürchte manchmal ist das in der Tat so.

Dabei haben wir doch wirklich etwas anzubieten! Leben im Glauben. Glaube mit Luther ist ja nicht irgendein für wahr halten – weil es fürs Wissen nicht gereicht hat. Oder eine Spekulation, wie wenn ich „glaube“, dass in dieser Saison nicht Bayern Deutscher Meister wird, sondern eine Art und Weise im Vertrauen auf Gott zu leben – „ihm von Herzen trauen“ wie Luther sagt. Ich denke, wer so lebt, in einer Zeit, in der jede 2. Ehe geschieden wird und viele, besonders junge Menschen Sorge haben einen Job zu finden und zu behalten. Wer so im Gottvertrauen lebt, der fällt auf, und wird befragt, und darf erzählen. „Wir sind die einzige Bibel, die die Menschen heute noch lesen“, sagt man – lassen Sie uns so leben und glauben, dass wir gerne gelesen werden und nicht nur für Notfälle im Regal stehen.

III. Reformation und das unerschrockene Wort.

Wer aus diesem Vertrauen auf Gott lebt, der bekommt plötzlich eine Distanz zur Welt, die ihn frei macht. Luther hätte genug Grund gehabt, den Mund zu halten. Und da steht er vor dem Kaiser und sagt: "Ich stehe hier und kann nicht anders" – so oder so ähnlich. Er sah sich Gott verpflichtet, nicht den menschlichen Satzungen. Dieser Luther, der sich Kirchen- und Kaisermacht wiedersetzt, der "Revoluzzer-Luther" findet weit über die Kirche hinaus, auch in der Jugend, große An-erkennung.

Heute, da das weltliche Regiment in unserem Land mit seinen Widersachern schonender umgeht als im 16. Jh. und wo der kirchl. Bannstahl nur noch selten trifft, ist es schwierig geworden, für große unerschrockene Worte um Christi willen. Dennoch sind sie nötig, jeden Tag auch im Kleinen! Es beginnt schon beim unerschrockenen Einschreiten gegen Mobbing auf dem Schulhof.
Dort wo Christen sich laut gegen Neonazis wenden, gibt es sie.

Und auch die Kirche ist angewiesen auf unerschrockene Worte, auf Protestierende, dann z.B., wenn sie sich angreifbar und unfrei macht, etwa durch einseitige politische Einflussnahme. Für solche unerschrockenen Worte ernten die einen böse Blicke, die anderen Brandsätze aufs Pfarrhaus und wieder andere müssen ins Straflager.
Als Kinder der Reformation wissen wir, dass unerschrockene Worte nicht immer stilsicher oder angenehm sind, aber oft genug sind Kirche und Gesellschaft darauf angewiesen, dass sie jemand spricht.

Das war der Versuch Schlaglichter auf drei Tugenden der Reformation zu werfen, ohne die unsere Kirche und unser Land meines Erachtens ärmer wären.

Lassen sie uns den Weg nach 2017 und darüber hinaus weiter gehen, fröhlich-kommunikativ, mit Gottvertrauen und begleitet von unerschrockenen Worten. Vielen Dank.