6. Tagung der 11. Synode der EKD, Düsseldorf, 7. bis 13. November 2013

Bibelarbeit

Generalsekretärin Sonia Skupch, Bischof Dr. h.c. Markus Dröge

11. November 2013

“Es ist genug für alle da” - Welternährung und nachhaltige Wirtschaft


Joseph
“träumen, verändern, versöhnen”

Politik braucht Träume – wir haben Träume
“Hört doch, was mir geträumt hat.”
Genesis 37,6b


Generalsekretärin Skupch:

Joseph träumt.
Joseph träumt, dass er und seine elf Brüder Garben binden. Seine Garbe richtet sich auf und die weiteren Garben stellen sich ringsumher und neigen sich vor Josephs Garbe.
Joseph träumt, dass sich Sonne, Mond und Sterne vor ihm beugen.
Im Gefängnis legt Joseph zwei Mitgefangenen ihre Träume aus. Diese Gabe, Träume deuten zu können, bringt ihn schließlich aus dem Gefängnis.
Joseph deutet die Träume des Pharao: sieben dünne Ähren und sieben dicke und volle Ähren. Und die mageren Ähren verschlingen die vollen Ähren. Sieben magere Kühe fressen sieben schöne und fette Kühe.

Die Träume Josephs und die Gabe, Träume anderer zu deuten, bringen ihm den Neid der Brüder, aber auch den Aufstieg für sich selbst. Diese Träume ermöglichen, dass es Nahrung in den Hungerjahren gibt. Aber zur gleichen Zeit verursachen sie einen enormen Reichtum für den Pharao und dessen Herrschaft, nicht nur über alles Hab und Gut, sondern sogar über das Leben der Menschen. Die Träume ermöglichen die Rettung vor dem Hungertod der Familie Josephs: seine elf Brüder und sein Vater.
Die Geschichte Josephs ist eine ambivalente Geschichte. So wie auch unser Leben als Menschen in der Gesellschaft ambivalent ist.

Bischof Dröge:

Träume sind mächtig. Sie können das Leben von Menschen und das Schicksal eines Landes oder einer Region verändern.

Meine Landeskirche in der Einheit von Ost und West gibt es überhaupt nur, weil Menschen geträumt haben. Sie haben geträumt von Freiheit, von Demokratie und Bürgerrechten. Und sie haben für ihre Träume gekämpft und gelitten.

Im Leben fängt vieles mit dem Träumen an. Mit unserer Phantasie, in der wir uns vorstellen, wer wir einmal sein oder in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

Der Pharao steht seinen Träumen hilflos gegenüber. Er weiß mit ihnen nichts anzufangen. Er repräsentiert ein politisches System, das stagniert, weil es nur noch aus sich selbst heraus lebt. Aber das ist zu wenig.
 
Wir müssen träumen, unsere Träume deuten und zu Visionen formen, die wir in die Wirklichkeit hineinpflanzen. So wie Joseph es tut – und das ist gefährlich.
Joseph lässt sich ein auf den Pharao und wird damit zum Unterstützer eines politischen Systems, das auf Ausbeutung und Unterdrückung setzt. Das Volk Israel wird es später am eigenen Leibe erfahren. Die Bedrückung in Ägypten erscheint schon am Horizont der Josephsgeschichte.

Joseph lässt sich auf den Pharao ein. Aber damit rettet Joseph das Leben seines Volkes. Das ist die Ambivalenz, in der wir als Kirche immer stehen. Wir können und wollen nicht weltabgewandt, sondern öffentlich wirksame Kirche sein. Wir müssen Regierende und Regierte an Gottes Reich, Gebot und Gerechtigkeit erinnern, auch wenn es gefährlich ist. Wir müssen mit diesem Anspruch sorgsam umgehen und prüfen, wo wir den Staat unterstützen und wo wir eine kritische, prophetische Stimme gegen den Staat erheben müssen. Ohne all das geht es nicht, wenn wir unsere Träume einpflanzen wollen in die Wirklichkeit.

Wir sind keine verträumte, aber eine träumende Kirche.

Von welchen Träumen lebt die Kirche in Argentinien, Schwester Skupch?

Generalsekretärin Skupch:

In Argentinien träumen wir von einer besseren Welt. Das kann etwas naiv klingen, aber es stimmt. Wir träumen davon. Wir träumen davon, dass keine Kinder, Frauen und ältere Menschen an Hunger sterben in einem Land, das vier Mal mehr Nahrungsmittel produziert als das, was wir selbst brauchen.

Wir träumen davon, dass die indigenen Völker, unsere Ureinwohner, ihr Land behalten können oder zurückbekommen, das von Eroberern, Großgrundbesitzern und dem Staat enteignet worden ist.

Wir träumen davon, dass wir alle den gleichen Zugang zum Gesundheitswesen und Erziehungswesen haben können. Nur so können wir aus der Ungleichheit, Gewalt und Armut kommen.

Bruder Dröge: Wovon träumt man in Deutschland?

Bischof Dröge:

Naiv klingt das gar nicht, wenn Sie sagen, in Argentinien träumen Sie von einer besseren Welt. Im Gegenteil. Ich würde mir wünschen, dass auch wir mutiger wären im Träumen und klarere Visionen entwickeln würden von einer besseren Welt, dass wir noch deutlicher die Welt vor Augen hätten, die sich nicht mehr selbst verstrahlen muss, um die notwendige Energie zu erzeugen; in der die Armen in Würde leben, weil es die Reichen als Ehrensache betrachten, sich für die Würde des Nächsten einzusetzen; in der der Friede zwischen Religionen und Kulturen im Dialog gestärkt wird; in der nicht nur wir satt werden, sondern in der kein Mensch mehr hungern muss.

Lied: Ich sing dir mein Lied (Strophe 1-2+5)
 
Hunger und Migration

“Und alle Welt kam nach Ägypten, um bei Josef zu kaufen;
 denn der Hunger war groß in allen Landen.”
Genesis 41,57

Bischof Dröge:

Weil Joseph vorausschauend handelt gibt es in Ägypten in den sieben Dürrejahren genug zu Essen. Und nicht nur die Ägypter profitieren davon, sondern auch die umliegenden Völker. Auch die Hebräer ziehen nach Ägypten. Sie fliehen vor Armut und Hunger. Sie bekommen etwas zu Essen.

Aber keineswegs umsonst. Der Pharao macht mit dem Hunger das Geschäft seines Lebens. Das ist die rationale Marktlogik, die bis heute zuverlässig greift, wo Angebot und Nachfrage und die Herrschaft über Ressourcen über Leben und Tod entscheiden. Und Joseph ist mitten drin.

Generalsekretärin Skupch:

Es ist schon interessant wie viele Parallelen es zwischen der Josephsgeschichte und unserer Wirklichkeit gibt. Ich möchte Ihnen etwas erzählen:

Katueté ist eine kleine Ortschaft im Nordosten Paraguays, von ungefähr 4.000 Bewohnern. Ich habe diese Ortschaft vor kurzem besucht, weil die Evangelische Kirche am La Plata dort eine Gemeinde hat. Als ich durch die Straßen Katuetés gegangen bin, habe ich neun Banken entdeckt. Danach habe ich meinen Kollegen dort gefragt weshalb es in so einem kleinen Ort so viele Banken gibt. Die Antwort war ganz einfach: “Weil es hier viel Geld gibt”. Ich fragte zurück: “Weshalb gibt es hier so viel Geld?” Durch den Sojaanbau. Die Bauern und Großgrundbesitzer sind in sehr wenigen Jahren sehr wohlhabend geworden. Alle großen Konzerne haben ihre Firmen hier. Der Urwald ist gerodet worden, die Erde ist sehr fruchtbar und jetzt wird vorwiegend Soja angebaut.

Paraguay ist kein Land in dem  eigentlich Soja konsumiert wird, weder für Menschen noch für Tiere noch für Treibstoffe. Nur ein sehr geringer Teil bleibt in Paraguay. Es wird praktisch alles exportiert, vorwiegend nach Asien. Zur gleichen Zeit sind 42% der Kinder und Jugendliche unterernährt oder im Risiko es zu sein. Kinder, Frauen, indigene Völker leiden vorwiegend unter dem Hunger. Und das in einem Land, das enorm produktiv ist!

Die Ursachen des skandalösen Hungers, unter dem Millionen von Menschen leiden sind eine komplexe Kombination von Zerstörung der Schöpfung, Ausbeutung der Natur, land grabbing, Monokultur und internationaler Spekulation mit Lebensmitteln.

Bischof Dröge:

Auch ich will Ihnen eine Geschichte erzählen.

Vor zwei Wochen haben Prälat Martin Dutzmann, Diakoniepräsident Johannes Stockmeier und ich die hunger- und durststreikenden Flüchtlinge vor dem Brandenburger Tor in Berlin besucht. Wir haben von lebensgefährlichen Fluchten gehört. Und davon, wie sie herumgereicht wurden, weil keiner sich zuständig fühlte. Das ist die bittere Realität. Da sind immer andere zuständig, wenn irgendwo Menschen verhungern. Aber nun waren sie in unserer Stadt, in der Hauptstadt unseres Landes, mitten auf dem Pariser Platz. Ganz nah. Verzweifelte Menschen. “Sterben muss ich sowieso. Dann will ich das hier in der Öffentlichkeit tun, wo die Welt es wahrnimmt.” So hat es mir ein völlig geschwächter Flüchtling erzählt.

Wir spüren inzwischen, dass da etwas gewaltig nicht stimmt, dass die Welt aus den Fugen gerät, wenn wir nicht gegensteuern, dass wir etwas gemeinsam tun müssen: nicht schmallippig auf die bayrische Zuständigkeit für die Flüchtlinge am Brandenburger Tor verweisen; nicht Lampedusa den Italienern überlassen. Die neuen Herausforderungen gehen weit über gewohnte regionale und nationale Horizonte hinaus.

In Berlin steht ein neues Haus. Das Gebäude des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung. Es beherbergt eine Vision, die ihren Weg in die Realität sucht: Die Vision, nationale und internationale Probleme nicht mehr getrennt voneinander zu betrachten und Lösungs-ansätze im globalen Horizont zu suchen; die Diakonie bei uns mit der Katastrophenhilfe und nachhaltiger Entwicklungsarbeit weltweit zusammendenken in Wort und Tat. Denn weder Armut noch Klimaveränderungen machen vor nationalen Grenzen halt.

Die Flüchtlinge am Brandenburger Tor tragen in aller Schwachheit diese Botschaft in die Öffentlichkeit unserer Gesellschaft. Und wenn Europa immer noch versucht, sich an seinen Außenmauern diese Themen mit Gewalt vom Hals zu halten, dann wird dies nicht mehr lange gut gehen. Die globalen Herausforderungen wollen angenommen und bearbeitet werden. Mit dem neuen Werk für Diakonie und Entwicklung ist ein Ansatz gefunden: interdisziplinäerer Austausch zwischen Diakonie und Entwicklungsarbeit, Kontaktpflege mit der Politik, vernetzte Partnerschaften weltweit. Die ersten Schritte einer Entdeckungsreise sind getan.  

Lied: Meine engen Grenzen (Strophe 1+2)

Teilen schafft Raum für Versöhnung

“Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen,
 aber Gott gedachte es gut zu machen.”
Genesis 50,20


Generalsekretärin Skupch:

Die Brüder Josephs hatten ihren Bruder, aus Neid, verkauft. Ein grausamer Fall von Menschenhandel. Nach vielen Jahren, empfängt Joseph, derjenige der als Sklave verkauft wurde, seine Brüder und schließlich auch seinen Vater. Die elf Brüder erkennen ihren Bruder am Anfang nicht. Doch Joseph erkennt sie sofort, und im Bibeltext werden dramatische Szenen tiefen Schmerzens erzählt. Joseph weint bitterlich. Was hat er alles durchgemacht! Was hat er aber auch alles erreicht!

Und in dieser Situation, mit all ihren Wiedersprüchen, den komplexen menschlichen Beziehungen und der Ausbreitung der Herrschaft des Pharao (dem Joseph dient!) findet die Versöhnung Josephs mit seiner Familie statt.
Und der Versöhnung folgt das Teilen. Die Brüder Josephs und sein Vater litten unter dem Hunger. Die Dürrezeit hatte in Kanaan katastrophische Konsequenzen gehabt. Der Hunger und der Tod standen vor der Tür. Doch jetzt, plötzlich, öffnet sich eine andere Tür, die Tür des Teilens, der Einladung: Du kannst hier bleiben wo du das Nötige zum würdevollen Leben hast!
 
Bischof Dröge:

Versöhnung geschieht mitten in unserem Leben. Sie ist nicht jenseitig, sondern gegenwärtig. Jesus Christus ist mitten in dieser Welt geboren worden, mit all ihrem Elend, ihren Wider¬sprüchen und ihrer Sünde, und ist am Kreuz zur Erlösung der Welt gestorben. Das ermöglicht die Versöhnung inmitten dieser Wirklichkeit.

Generalsekretärin Skupch:

Ja, Versöhnung wird in dieser Wirklichkeit erlebt. Und das ermöglicht uns, das Reich Gottes jetzt schon, wenn auch nicht vollkommen, zu erleben. Die Versöhnung Gottes mit dem Menschen und der Menschen unter sich öffnet uns den Horizont: es wird geteilt da wo Gier herrscht; die Unterdrückungsstrukturen, die Hunger und Elend verursachen, werden in Frage gestellt, und da wo egoistisch gehandelt wird, entsteht Gemeinschaft.

Doch, die Tatsache, dass Versöhnung schon in dieser Wirklichkeit stattfindet, darf uns nicht davon abhalten mit all unserem Streben auf dem Weg des Reiches Gottes, in dem Frieden und Gerechtigkeit eine komplette Wirklichkeit sein werden, feste Schritte zu tun. Wir können und dürfen uns nicht mit den jetzigen Gegebenheiten zufriedengeben. Solange auf dieser Welt, die Gott geschaffen, Menschen hungern und dürsten, können wir nicht aufhören unsere Stimmen zu erheben, uns für sie einzusetzen  und Stimme der Stimmlosen sein. Denn Christen und Christinnen sind Menschen, die träumen. Und wir träumen von einer gerechten Welt, in der alle Menschen, egal welche Hautfarbe oder Herkunft, ein würdevolles Leben haben können. Nur mit Träumen, die unsere Vision erweitern, kann man zu der Wirklichkeit kommen, in der man sagen kann: Es ist genug für alle da! 

Bischof Dröge:

Träumen – verändern – versöhnen. Mit Joseph gehen wir in die thematische Arbeit dieser Synode. Mit einem geschärften Blick für die eine Welt. Und wenn wir in diesen Tagen dem Heiligen Geist nicht im Wege stehen, dann wird von dieser Synode ein Signal der Hoffnung und des Aufbruchs ausgehen, dann werden wir unsere Vision ein  Stück tiefer in die Wirklichkeit einpflanzen: „Es ist genug für alle da“.
Amen.

Lied: Meine Hoffnung und meine Freude

Generalsekretärin Skupch:

Lasst uns beten!

Unser guter Gott:

Du hast diese Welt geschaffen: die Erde, die Sonne, die Pflanzen, die Tiere, die Menschen. Du hast uns alles gegeben damit wir alle ein würdevolles Leben haben können. Wir sind dankbar dafür!

Wir bitten dich um Vergebung weil wir als Menschheit nicht richtig mit dem umgehen können, was du uns großzügig gegeben hast. Dadurch entstehen Hunger, Durst, Verzweiflung, Elend und Tod. Erbarme dich unser!
Wir bitten dich, dass du uns Träume gibst, starke und mächtige Träume von einer gerechten und friedvollen Welt. Gibt uns die Vision und Kraft uns mit kleinen aber festen Schritten auf den Weg in diese neue Welt zu machen. Wir sind nicht die einzigen auf diesem Weg. Diesen Weg gehen wir mit so vielen Schwestern und Brüdern, so unterschiedlicher Herkunft. Wir danken dir dafür und bitten dich, dass du uns weiterhin mit dieser Gemeinschaft segnest.

Im Namen Jesus Christus.

Amen.

Bischof Dröge:

Einleitung Vaterunser

Segenswort

Gott, segne die Erde, auf der wir stehen, segne uns den Weg, den wir gehen.

Gott, segne uns das Ziel, für das wir leben, segne uns das, worauf unsere Hoffnung ruht.

Gott, segne unseren Blick, auf dass wir, von dir gesegnet, einander zum Segen werden können.

Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen.