7. Tagung der 11. Synode der EKD, 9. bis 12. November 2014 in Dresden

Einbringung des Berichts über die Vorbereitungen des Reformationsjubiläums 2017

Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, Professorin Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann

11. November 2014

Margot Käßmann

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Präses,
Hohe Synode,
meine Damen und Herren,

ich freue mich, Ihnen zum Ende der Amtszeit dieser Synode einen Zwischenbericht zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 geben zu können. Der schriftliche Bericht, der Ihnen vorliegt, gibt einen guten Überblick über den Stand der Dinge. Insbesondere dem Vizepräsidenten Dr. Thies Gundlach und Henning Kiene sei an dieser Stelle dafür gedankt.

Nennen will ich wie der Ratsvorsitzende in seinem mündlichen Bericht auch „Rechtfertigung und Freiheit“, die Schrift, mit der der Rat der EKD die theologischen Grundlagen des Jubiläums präsentiert hat. Prof. Dr. Christoph Markschies, der Vorsitzende der Kammer für Theologie, hat die entsprechende Ad-hoc-Kommission geleitet, dafür sei ihm herzlich gedankt. Die Schrift ist für Kirchenvorstände und Mitarbeitende als Zielgruppe bestimmt und zeigt sehr eindrücklich, dass die Soli die Wurzel der Reformation waren und bleiben: Solus Christus, sola gratia, sola fide, sola scriptura und solo verbo. Dass „Rechtfertigung und Freiheit“ an manchen Orten intensiv diskutiert wird, ist sehr erfreulich. Denn aus biblischen und theologischen Grundlagen entstand die Reformation. Das die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 nicht explizit erwähnt wird, ist in keiner Weise abgrenzend gemeint, und das hat sich in Gesprächen, die etwa Christoph Markschies mit den Kardinälen Kaspar, Koch, Lehmann und Marx geführt hat, auch bestätigt. Nicht zuletzt heißt es im Schlussteil von „Rechtfertigung und Freiheit“: „So können ... die evangelischen Christenmenschen in aller Welt im Jahr 2017 die Botschaft von der in der Rechtfertigung begründeten Freiheit als Christusfest feiern. Sie tun dies gemeinsam mit ihren römisch-katholischen und orthodoxen Glaubensgeschwistern in einer durch lange ökumenische Gespräche begründeten Gewissheit, dass alle miteinander jenseits von Streitigkeiten und Spaltungen die gemeinsame Grundlage im Evangelium von Jesus Christus erkennen und anerkennen können.“ (S.109) In diesem Geist ist der Text geschrieben.

Ebenso wird Ihnen in der Vorlage ein erstes „Gesamtbild der Gestaltung des Jubiläumsjahres“ präsentiert. Die Vorbereitungen haben nun wirklich an Fahrt aufgenommen, ich erlebe Begeisterung und Vorfreude. Dass EKD und DEKT in der Planung so eng zusammenarbeiten, ist ja fast ein historisches Ereignis; und dass ein gemeinsames Büro 2017 eröffnet wurde, ist ein sehr guter Schritt. Ulrich Schneider, Hartwig Bodmann und ihr stetig wachsendes Team sind mit den Planungen auf gutem Wege und die Konturen des Jubiläumsjahres, das am 31.10.16 beginnen wird, sind inzwischen sehr gut erkennbar: Stationenweg, Weltausstellung, Jugendcamp, Kirchentag und Kirchentage auf dem Wege. All das können Sie nachlesen und auch am 2017 Stand hier draußen vor dem Saal anschauen.

Lassen Sie mich aber drei Anmerkungen aus meiner Erfahrung als Reformationsbotschafterin des Rates der EKD hinzufügen:

Zum einen treffe ich durchgehend auf großes Interesse an 2017. Es gibt Einladungen zu kirchlichen aber auch ganz säkularen Veranstaltungen. Ich denke an den deutschen Richtertag in Kassel. An einen wunderbaren Gottesdienst in Zwickau wie an die Tagung der Schmerzmediziner. An den Arbeitskreis Kirche und Handwerk wie an die Versammlung des Deutschen Beamtenbundes. Das Reformationsjubiläum hat Ausstrahlung schon jetzt weit über kirchliche Kreise hinaus. Das dokumentiert auch eindrücklich das neue chrismon-Sonderheft zum Reformationstag mit so vielen evangelischen Gesichtern  auf dem Titel und in dem begleitenden von Nikolaus Schneider herausgegebenen Buch.

Es wird damit deutlich: Es ging den Reformatoren zuallererst um biblische und theologische Grundlagen und sie bleiben entscheidend. Aber im Bildungsgedanken, in der Freiheit des Einzelgewissens und in der Frage nach der Haltung eines Menschen ging und geht es um Fragen, die bis heute auch ganz säkular relevant sind. So ist es kein Zufall, dass die Idee eines Sonderfeiertages am 31.10.2017 auf so breite Akzeptanz in fast allen Bundesländern stößt. Auch wenn die theologischen Inhalte der Reformation für viele Menschen unbekannte Größen sind, haben doch Reformation, Luther, Mut, Leidenschaft für sie einen guten Klang. Reformatorische Christinnen und Christen haben diesen aufrechten Gang mit Mut und Haltung immer wieder gelebt. Ich möchte 25 Jahre nach der friedlichen Revolution an zwei erinnern, die in diesem Jahr verstorben sind: Christian Führer und Reinhard Höppner.

Das zeigt sich auch bei den Themenjahren. Mit einem schönen, vom NDR übertragenen Gottesdienst konnten wir am 31. Oktober „Bild und Bibel“ eröffnen. Dieses Mal war das Format auch gelungen, denn direkt danach schloß sich die Verleihung der Luthermedaille durch den Ratsvorsitzenden an Renate Schmidt an. Danach wechselten wir ins Rathaus zum staatlichen Festakt. Die nächste Eröffnung wird in Straßburg stattfinden und gemeinsam mit den französischen Kirchen vorbereitet. Die staatliche Eröffnung wird Straßburgs europäische Bedeutung aufnehmen. In den Gemeinden und Kirchenkreisen werden die Themenjahre gern aufgenommen. Erst am Samstag konnte ich das in Bayreuth sehen, wo es ein beeindruckendes Kunstprojekt gibt, bei dem im Kirchenkreis an 12 Orten von 12 Künstlerinnen und Künstlern zu 12 Bibelworten Kunstwerke geschaffen wurden.

Zum zweiten besuche ich auf deren Einladung hin unsere Partnerkirchen. Seit dem Kongress in Zürich, zu dem 2013 SEK und EKD eingeladen hatten, ist ihnen sehr klar: Es wird kein deutsches Lutherjubiläum geben, sondern wir planen ein internationales Reformationsjubiläum in ökumenischem Horizont! Gerade die Schweizer Kirchen und auch die Schweizer Botschaft in Deutschland sind sehr engagiert und sowohl im Kuratorium von Staat und Kirche als auch in der Projektleitung Weltausstellung vertreten und die Kirchentagspräsidentin 2017 wird mit Christina Aus der Au eine Schweizerin sein. Es zeigt sich: 2017 wird inzwischen als Symboldatum breit akzeptiert, als Kristallisationspunkt, auf den wir uns geeinigt haben. Serge Fornerod hat mir hier auf der Synode gerade einen kleinen Tischkalender des SEK gegeben „Mit 40 Themen auf dem Weg“, der ganz gelassen mit 1517 beginnt.

Das gilt aber weit über die Schweiz hinaus! In den letzten Wochen habe ich beispielsweise in Dublin erlebt, wie der römisch-katholische und der anglikanische Bischof dort sich haben einbinden lassen in eine spannende Debatte über Reformation damals und heute. In Prag wird das Gedenken an Jan Hus eingebracht in die aktuellen Überlegungen. In Sibiu/Hermannstadt konnte ich mit rumänisch-orthodoxen Theologen intensiv über unser jeweiliges Kirchenverständnis debattieren. In den USA wird gefragt: Wie sind wir heute reformatorisch auch angesichts der fundamentalistischen Bewegungen? Das ist ungeheuer kreativ zu sehen, wie das anstehende Jubiläum immer breiteren Boden gewinnt und international als Chance zum Dialog gesehen wird! Das große Interesse an der Mitwirkung am Europäischen Stationenweg zeigt diese internationale Weite des Jubiläums.

Das erlebe ich auch in angeregten Gesprächen mit römischen Katholiken. Oja, die Frage ist manches: Können wir eine Spaltung feiern? Nein. Aber wir können Reformation, die Rückbesinnung auf Christus und die Bibel feiern, in der der Ursprung unserer Kirche liegt. Und natürlich können wir auch feiern, dass wir nun seit mehr als mehr als 100 Jahren eine ökumenische Bewegung kennen! Beim Katholikentag in Regensburg musste die Veranstaltung unter dem Titel „Reformationsjubiläum 2017   - können Katholiken mitfeiern?“ wegen Überfüllung geschlossen werden! Wir werden 2017 Zeichen der Versöhnung brauchen. Da ist etwa an einen Versöhnungsgottesdienst gedacht, der auch vor Ort gefeiert werden kann. Oder wie wäre es mit Pilgerwegen, die wir gestalten. Sie könnten symbolisieren: Wir hängen nicht fest in der Vergangenheit, sondern sind gemeinsam unterwegs nach vorn.

Zuletzt: Mit großer Begeisterung planen wir die Weltausstellung Reformation im Sommer 2017 in Wittenberg! Ich bin zutiefst überzeugt, Menschen werden sagen: Da musst du mal gewesen sein. Es gibt so viele Ideen, dort „Tore der Freiheit“ zu entwickeln, Orte der Debatte über Ökumene und Wirtschaft, Bildung und Religionen, Spiritualität und Gerechtigkeit, dass wir dieses Jahr 2017 damit prägen werden. Und wir werden Menschen damit prägen, vor allem die jungen, die im ganzen Sommer im Jugendcamp zusammenkommen, immer 1500 gleichzeitig! Ganz besonders freut mich, wie konstruktiv nicht nur staatliche und kirchliche Stellen zusammenarbeiten, sondern auch mit den Erfahrungen aus Deutschland Ost und West. Das macht Freude und zeigt, dass wir uns in der Sache Reformation so nahe sind, dass wir auch gemeinsam gestalten können. Einen besonderen Dank daher stellvertretend für alle vor Ort und in der mitteldeutschen Landeskirche an Propst Kasparick, der sie in Wittenberg als Beauftragter vertritt und an Landesbischöfin Ilse Junkermann, die in unzähligen Sitzung für die Anliegen von 2017 einsteht.

Ansonsten: Oja, es gibt viele Interessierte und viele Interessen. Wir werden eine gewisse Gelassenheit brauchen, damit umzugehen. Da sind Historikerdebatten zur Bedeutung Luthers innerhalb der Reformation und auch zu den Folgen seines Antijudaismus. Und da sind auch Tourismusinteressen und Kommerzinteressen bis hin zu Luthersocken, ReformationsCDs und Luther T-Shirts. Aber das alles können wir mit Gelassenheit sehen, denke ich. Wie sagte Luther: „Das Evangelium kann nur mit Humor gepredigt werden.“

Kurzum: Es geht nicht um einen Rückblick auf das 16. Jahrhundert, nicht um einen Wissenschaftskongress, nicht um eine Gedenkfeier. Oja, von all dem darf ein wenig sein. Aber vor allem geht es um ein lebendiges Nachdenken, was wir aus unseren Wurzeln heute für die Zukunft entwickeln. Dann werden wir am 1.11.17 nicht ermattet in die Kissen sinken, sondern ermutigt sagen: Das war ein internationales Reformationsjubiläum in ökumenischem Horizont und die Kraftquelle für den klaren reformatorischen Weg nach vorn ins 21. Jahrhundert.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.