Bericht des Rates, Teil A - mündlich

7. Tagung der 11. Synode der EKD, Dresden, 9. bis 12. November 2014

I Theologische Grundlegung: Die Jahreslosung 2015

Es gilt das gesprochene Wort.

"Schaffe in mir gott ein neues herz

Und gib mir einen neuen geist
dass ich dich loben kann
ohne zu lügen
mit tränen in den augen
wenns denn sein muss
aber ohne zu lügen"

(Dorothee Sölle)

Gott loben in einer zerrissenen und uns immer neu erschreckenden Welt – wie kann das gehen, ohne dass wir beschwichtigen, beschönigen, vertrösten, ausblenden oder lügen? Es geht, wenn wir Gottes Liebe zu seiner Schöpfung und zu seinen Menschen nicht von der Geschichte Jesu Christi trennen.

"Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob." (Römer 15,7) – die Jahreslosung für das vor uns liegende Jahr 2015 beginnt zwar mit einem Imperativ an uns Menschen, macht aber deutlich: An erster Stelle steht das große Geschenk Gottes für uns. Vorbehaltlos und in Liebe hat Gott uns Menschen in Jesus Christus angenommen. Gott hat uns zuerst geliebt. Als Geliebte werden wir zu Liebenden und können Gottes Liebe untereinander und für die Welt erfahrbar werden lassen.

Was ist Liebe? Die Bibel lässt diese Frage nicht offen wie Pilatus seine Frage nach Wahrheit. Sie bezeugt, was sich in der Liebe Gottes verbirgt. So heißt es im ersten Johannesbrief: "Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht, denn Gott ist die Liebe." (1. Johannes 4,8) Diese Liebe ist kein romantisches und flüchtiges Gefühl, sie ist die Grundlage unseres Lebens, ohne die alles nichts wäre. Sie ist der Lebenshauch, der uns am Leben hält. Und der erste Johannesbrief führt weiter aus: "Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden." (1. Johannes 4,9f)

"Gott ist die Liebe" – das wurde und das wird im Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi für uns Menschen erfahrbar. "Gott ist die Liebe" – dieses Bekenntnis darf das Leiden und Sterben des Gottessohnes am Kreuz nicht ausblenden. Sonst kann dieser Satz all dem Leiden von Menschen in unserer Welt nicht standhalten, nicht in der Ukraine und nicht im Irak, nicht in den Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer, nicht in den Folterkammern der Gewaltherrscher, nicht in den Krebsstationen unserer Krankenhäuser und nicht an den Gräbern geliebter Menschen. Die Passionsgeschichte Jesu Christi bewahrt unser theologisches Denken und Verkündigen davor, die Liebe Gottes gleichzusetzen mit der Verheißung eines leidfreien Lebens und dem leichten Triumph über den Tod. Es gab für Jesus kein Ostern ohne Karfreitag. Und es gibt für uns kein Leben und keine Liebe ohne Kreuzeserfahrungen. Die Auferstehung des Gekreuzigten aber schenkt Menschen bis heute die Kraft, ihren Glauben an Gottes Gegenwart und Liebe auch im Leiden nicht preiszugeben. Die Botschaft von Golgatha ist: Gott selbst war im Kreuz Christi präsent. Christi Kreuz ist deshalb zu allen Zeiten Zeichen dafür, dass menschliche Kreuzeserfahrungen nicht gottverlassen sein müssen.

Im Glauben an den Auferstandenen können wir auch und gerade in einer zerrissenen und uns immer neu erschreckenden Welt Gott "loben ohne zu lügen". Mit verwundeten Herzen, mit Zweifeln, Ängsten und Tränen, auch angesichts von Schuldverstrickungen und eigenem Versagen halten wir am Gotteslob fest. Nicht triumphalistisch und nicht vertröstend, sondern gewiss und tröstend setzen Christinnen und Christen ihr Gotteslob den Todeserfahrungen in dieser Welt entgegen.

Als Angenommene Christi sollen und können wir einander annehmen, nach seinem Vorbild: vorbehaltlos und in Liebe. Vorbehaltlos meint, andere in ihrem Anderssein, in ihren Eigenarten und eigenen Prägungen annehmen und dabei gemeinsame Wege für Veränderungen eröffnen. Vorbehaltlos meint also nicht folgenlos. Vorbehaltlose und liebevolle Annahme sucht nach Respekt, Nähe und Verständnis; sucht nach dem, was das Gottvertrauen der Schwester und des Bruders und die gegenseitige Gemeinschaft stärkt.

Konflikte und Spaltungen zwischen Christenmenschen, die einander im Blick auf je aktuelle ethische Fragen ein zu großes Maß an Glaubensgehorsam oder an Glaubensfreiheit vorwerfen, gab es schon in der jungen Gemeinde in Rom.

Eine vorbehaltlose und liebevolle Annahme andersdenkender Glaubensgeschwister riskiert es, eigene theologische Vorstellungen und Entscheidungen in Frage stellen zu lassen. 'Glaubensstärke' und 'Glaubensschwäche' sind dann keine Etiketten, die ich mir oder anderen aufkleben müsste. Die Gewissheit, dass Christus mich und meine Schwestern und Brüder mit unseren Schwächen und Fehlern angenommen hat und täglich neu annimmt, macht demütig. Sie befreit von dem Zwang, nur auf das eigene Ansehen und die eigene Position zu achten und bewahrt vor Rechthaberei in theologischen Disputen. Wenn wir einander annehmen wie Christus uns angenommen hat, dann können wir unsere unterschiedlichen Gaben, Einsichten und Perspektiven als gegenseitige Korrektur und Bereicherung verstehen und beieinander bleiben – und gerade dadurch Gott loben!