Lesebuch zur Vorbereitung auf das Schwerpunktthema

„Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“

Das Internet macht dumm

Von Anne Schüßler / Manon Priebe

Der Vorwurf

"Meiden Sie digitale Medien. Sie machen (...) dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich", warnt der Psychiater Manfred Spitzer in seinem Buch "Digitale Demenz" [1]. Seine Thesen: Die digitalen Medien läuten einen geistigen Verfall ein, das Internet ist eine Gefahr für das menschliche Gehirn und man verlernt das Denken, weil Computer dem Menschen geistige Arbeit abnehmen.

Was ist dran?

In der "Zeit" warf Medienpsychologe Peter Vorderer Spitzer eine unwissenschaftliche Arbeitsweise vor. Spitzer polemisiere und schüre Ängste: "Sie sind für mich der Sarrazin der Computerkritik." [2]

Auch die Medienpsychologen Markus Appel und Constanze Schreiner nahmen sich Spitzers Thesen vor. In einer Metastudie von 2014 entlarvten sie den Vorwurf "Das Internet macht dumm" als eine Legende. Vielmehr könnten Computer und Internet den Wissenserwerb unterstützen, wenn sie ergänzend zu Face-to-Face-Anweisungen eingesetzt würden. Es zeigte sich auch, dass der Lernerfolg bei interaktiven Computerlernspielen höher ist als bei rein traditionellen Methoden [3]. Eine regelmäßige PC-Nutzung verbessere sowohl die Hand-Augen-Koordination als auch das räumliche Denken, so der Neurobiologe Martin Korte von der TU Braunschweig [4]. Für die Älteren sei es "Training fürs Gehirn," sich "in E-Mail-Programme und Chat-Funktionen einzufuchsen" [5]. Laut australischen Wissenschaftlern könne durch eine regelmäßige Computernutzung bei älteren Männern das Demenzrisiko verringert werden [6]. Und Tablets eignen sich laut US-Ärzten sehr gut für die Therapie von Kindern mit neuronaler und psychologischer Störung. Autisten könnten über Bildschirmübungen Gefühle ausdrücken und lernen zu kommunizieren. [7]

Der Neurobiologe Korte fand jedoch auch heraus, dass sich Denkstrukturen der Jungen durch Computer und Internet ändern [8]. Die Psychologen Sparrow, Liu und Wegner bestätigten 2011 den "Google-Effekt" [9], welcher besagt, dass wir, wenn wir davon ausgehen, dass eine Information auch in Zukunft verfügbar ist, uns eher merken, wo wir sie finden können, als die Information an sich. Kein Grund zur Beunruhigung für Korte, denn neue Entwicklungen änderten seit jeher die Denkstrukturen.

Kritisch sehe er eher, dass die Jüngeren die Inhalte aus dem Netz weniger hinterfragten und reflektierten [10]. Zudem könne sich Internetkonsum negativ auf die Gehirnbereiche für Problemlösungen, Emotionskontrolle und Konzentrationsfähigkeit auswirken [11]. Vor allem die Fähigkeit zur Empathie leide [12].

Doch die Würzburger Psychologin Astrid Carolus merkt an, dass es "die Angst vor technischen Neuerungen" schon immer gegeben habe. "Ein Medium selbst kann nicht dumm machen, höchstens dessen falsche Nutzung." [13]

Lesetipp: Mrtin Korte, Was soll nur aus unseren Gehirnen erden? www.ekd.de/url/lesebuch14-gehirne

  1. Manfred Spitzer, Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand ringen, München 2012.
  2. www.ekd.de/url/lesebuch14-medienkonsum
  3. www.ekd.de/url/lesebuch14-mythen
  4. www.ekd.de/url/lesebuch14-korte
  5. www.ekd.de/url/lesebuch14-computerallein
  6. www.ekd.de/url/lesebuch14-demenz
  7. www.ekd.de/url/lesebuch14-tablets
  8. www.ekd.de/url/lesebuch14-computerallein
  9. www.ekd.de/url/lesebuch14-effekt
  10. www.ekd.de/url/lesebuch14-computerallein
  11. www.ekd.de/url/lesebuch14-lernen
  12. www.ekd.de/url/lesebuch14-gehirn
  13. www.ekd.de/url/lesebuch14-computerallein


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