Lesebuch zur Vorbereitung auf das Schwerpunktthema

„Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“

Online macht einsam

Der Vorwurf

"Digitale Geräte entfernen uns Menschen voneinander", sagt die Psychotherapeutin Franziska Kühne [1]. Der Vorwurf, die Nutzung des Internets schade sozialen Kontakten und mache einsam, ist nicht neu. Bei Probanden des Sozialpsychologen Robert E. Kraut, die zum ersten Mal mit dem Internet in Berührung kamen, zeigte sich bereits 1998 ein Rückgang der sozialen Interaktionen außerhalb des Internets und eine Verschlechterung des Befindens [2].

Was ist dran?

"Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass das Internet einsam macht", sagt hingegen Ludger Wößmann [3]. Er fand heraus, dass das Internet die sozialen Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen fördert. Die jungen Leute seien zwar mehrere Stunden am Tag online, nutzten das Internet aber vor allem interaktiv – im Gegensatz zum Fernseher. Durch das Internet falle es leichter, Kontakt mit anderen aufrechtzuerhalten und sich "in der realen Welt zu verabreden". Zudem könnten sich die Nutzer über "Freizeit- und Kulturangebote sowie über (lokale) Politik und ehrenamtliches Engagement" informieren, so Wößmann. Auch die Soziologin Shelley Boulianne ermittelte in einer Meta-Anaylse einen geringfügig positiven Effekt des Internets auf soziales und politisches Engagement [4].

Der Vorwurf, wer viel online ist, sei einsam, wird durch einen weiteren Grund entkräftet: Online- und Offlinewelt verschmelzen immer mehr. Menschen, die sich online kennenlernen, treffen sich auch offline. Der Internet-Unternehmer Brain Chesky nennt dies "getting online, getting together online, getting together offline" ("online gehen, online zusammenkommen, offline zusammenkommen") [5]. Internet-Erklärer Sascha Lobo spricht vom "Glück, im Netz interessanten und wertvollen Menschen zu begegnen", die ihm "näher als die meisten in der Offline-Welt" seien [6]. Peter Sunde, ein skandinavischer IT-Experte auf die Frage, wann er jemanden zum ersten Mal im echten Leben getroffen habe: "Ich glaube, das Internet ist auch echt." [7]

Trotz aller Vorteile kommt es auf das Maß an. Eine Studie der Uni Mainz machte 2012 bei 0,9 Prozent der 14- bis 17-Jährigen in Deutschland ein internetsüchtiges Surfverhalten aus, 9,7 Prozent seien gefährdet [8]. Die betroffenen Jugendlichen seien häufig intensive Nutzer von sozialen Netzwerken und Onlinespielen, in der Schule schlechter und im Umgang mit anderen Menschen weniger gewandt. Als Folge vernachlässigten sie soziale Kontakte und isolierten sich zunehmend. Hierbei handelt es sich jedoch um den Bereich der Sucht, nicht um das Kommunikationsverhalten der breiten Masse der Netznutzer.

Vier Jahre nach seiner ersten Studie wiederholte Robert E. Kraut die Untersuchung und sah seine ursprüngliche These aus dem Jahr 1998, wonach die Offline-Interaktionen und das eigene Wohlbefinden durch das Internet abnähmen, auf lange Sicht nicht mehr belegt [9].

Anne Schüßler/Manon Priebe

Lesetipps:

Gemeinsam einsam, www.ekd.de/url/lesebuch14-alleinsein

Faszination Offlinesein – "ebenso nervig wie veraltet", www.ekd.de/url/lesebuch14-offline

  1. Franziska Kühne, Keine E-Mail für Dich. Warum wir trotz Facebook & Co. vereinsamen, Köln 2012.
  2. Robert Kraut / Michael Patterson / Vicki Lundmark / Sara Kiesler / Tridas Mukopadhyay / William Scherlis, Internet Paradox, in: American Psychologist, 53 (9), 1998, S. 1017–1031, www.ekd.de/url/lesebuch14-paradox
  3. Stefan Bauernschuster / Oliver Falck / Ludger Wößmann, Surfing Alone? CESifo Working Papers 3469, Mai 2011, www.ekd.de/url/lesebuch14-socialcapital
  4. Shelley Boulianne, Does Internet Use Affect Engagement?, Political Communication 26 (2), 2009, S. 193–211, www.ekd.de/url/lesebuch14-engagement
  5. www.ekd.de/url/lesebuch14-grenzen
  6. www.ekd.de/url/lesebuch14-internetheimat
  7. www.ekd.de/url/lesebuch14-real
  8. Michael Dreier / Eva Duven / Kai W. Müller / Manfred E. Beutel / Peter Behrens / Sebastian Holtz / Klaus Wölfling und das EU NET ADB Konsortium (Hg.), Studie über das Internetsuchtverhalten von europäischen Jugendlichen, Mainz 2012, www.ekd.de/url/lesebuch14-jugend
  9. Robert Kraut / Sara Kiesler / Bonka Boneva / Jonathon Cummings / Vicki Helgeson / Anne Crawford, Internet Paradox Revisited, in: Journal of Social Issues, 58 (1), 2002, S. 49–74, www.ekd.de/url/lesebuch14-internet-paradox


erweiterte Suche