Weitere Berichte und Referate
2. Tagung der 9. Synode der EKD (2.-7. November 1997, Wetzlar)
Probleme des Ferntourismus
Für einen besseren Schutz von Frauen und Kindern vor sexueller Ausbeutung
I. Vorbemerkung
Die Synode der EKD hat bei ihrer Tagung in Borkum vom 3. bis 7. November 1996 um einen Bericht gebeten "über Initiativen und Maßnahmen zum Schutz von Frauen und Kindern als Opfern von Sextourismus und Kinderpornographie". Der vorliegende Bericht beschränkt sich auf Initiativen und Maßnahmen, an denen Gruppen und Organisationen aus dem Bereich der EKD und der Gliedkirchen beteiligt waren und sind.
Die Arbeit findet auf internationaler und auf nationaler Ebene statt, wobei beide Ebenen sich gegenseitig beeinflussen und befruchten. Auf der internationalen Ebene sind kirchlicherseits in erster Linie Einrichtungen des Kirchlichen Entwicklungsdienstes tätig, während auf nationaler Ebene die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland e.V. (EFD) und ihre Mitgliedsorganisationen sowie in den Gliedkirchen der EKD regionale Gruppen und Arbeitsstellen (Dritte-Welt-Arbeit, Frauenreferate, Dekadestellen, Missionswerke) aktiv wurden und sind. Schließlich beschäftigt sich der Evangelische Arbeitskreis Freizeit-Erholung-Tourismus kontinuierlich mit dieser Problematik. Das Kirchenforum bei der Internationalen Tourismus-Börse 1994 stand unter dem Thema "Kinder - Opfer im Tourismus?".
II. Das Problem
Der stark gewachsene Tourismus hat in vielen Ländern in der "Dritten Welt" neben positiven Wirkungen auch gravierende negative Folgen. Dazu gehört die Zunahme der Prostitution. Insbesondere trifft das für Länder wie Thailand, Sri Lanka, Philippinen, Dominikanische Republik, Brasilien, Kuba und Kenia zu. Ähnliche Probleme werden in Mittel- und Osteuropa zunehmend beobachtet. Da der Tourismus weiterhin stark wächst, steigt auch vielerorts die Prostitution weiter an.
Der Mißbrauch von Kindern in der Prostitution ist in den letzten Jahren leider ebenfalls dramatisch angewachsen. Kinder werden in die Prostitution gegeben, weil die Eltern auf die Versprechen der Kinderhändler hereinfallen, die angeblich den Kindern in der Stadt eine Ausbildung ermöglichen wollen. Oft zahlen die Eltern noch dafür und geben die Kinder vertrauensvoll ab in der Hoffnung, ihnen damit ein besseres Leben zu ermöglichen, als sie selbst erarbeitet haben. Kinder werden auch in die Prostitution verkauft - nicht unbedingt offen und bewußt, aber doch "zum Arbeiten" Händlern mitgegeben, weil der Lebensunterhalt für die Familie nicht reicht, weil die ältere Schwester den jüngeren Kindern den Schulbesuch ermöglichen will oder weil dringend das Haus regenfest gemacht werden muß.
Kinder werden in die Prostitution verschleppt, geraubt - z.B. Kinder aus Kambodscha, Tibet, Vietnam - weil die "Nachfrage" nach "Nachschub" so groß ist, daß die Zahl der Kinder, die auf die oben genannte Weise in die Prostitution gebracht werden, nicht ausreicht. Sie werden ohne Papiere über die Grenze geschmuggelt und sind ohne Sprachkenntnisse hilflos ihren Ausbeutern ausgeliefert.
Eine Rolle spielt auch die Aids-Problematik, die Männer veranlaßt hat, verstärkt nach Kindern zu fragen, in der irrigen Annahme, daß je jünger die Kinder seien, desto weniger wahrscheinlich sei eine Ansteckung durch AIDS. Aus Angst vor Ansteckung werden Kinder auch nach einiger Zeit des Mißbrauches zurückgeschickt, erst recht, wenn sie wirklich krank geworden sind.
Viele Kinder können ihre Arbeit nicht ohne Drogen oder Schnüffeln von Klebstoffen ertragen. Die Gewalt durch Zuhälter und Kunden, die Gefährdung durch Geschlechtskrankheiten und die Übertragung von Aids sind eine Seite der Folgen - die seelische Seite die andere und kaum zu erfassen. Immer wieder sterben auch Kinder wegen des unglaublichen Ausmaßes von Brutalität, das sie erleiden müssen.
Als Ursachen für das Anwachsen der Prostitution mit Kindern müssen u.a. folgende Probleme genannt werden:
- die wirtschaftliche Situation weiter Teile der Bevölkerung in den Zielländern;
- der Werteverfall in den Herkunftsländern der Touristen, in dessen Gefolge Menschen auch in ihrem Sexualverhalten zunehmend rücksichtslos ihre Interessen durchsetzen;
- das Konsumdenken, das sich auch in der Werbestrategie der Reiseindustrie und der touristischen Produktgestaltung in vielfacher, teils subtiler, teils offensichtlicher Weise, niederschlägt;
- darüber hinaus muß die Kinderprostitution, wie auch die Prostitution mit Erwachsenen insgesamt, als bedeutender wirtschaftlicher Faktor gesehen werden. Nach der Studie einer Universität in Bangkok, die auch von offizieller Seite gelegentlich zitiert wird, beträgt der Umsatz aus dem Sexgeschäft pro Jahr in Thailand zwischen 18 und 21 Milliarden US-Dollar. Angesichts einer solchen ökonomischen Dimension ist deutlich, daß die Bekämpfung des Phänomens an Grenzen stößt und ohne die Mitwirkung von Regierungen nicht vorangetrieben werden kann.
III. Die Arbeit im Bereich der EKD gegen Sextourismus und Kinderprostitution auf nationaler Ebene
Einen entscheidenden Anstoß für die Arbeit der evangelischen Frauenorganisationen im Bereich der EKD auf diesem Gebiet hat 1980 der Weltgebetstag gebracht, bei dem Christinnen aus Thailand die Gottesdienstordnung entworfen hatten. Sie hatten den Sextourismus von Männern aus den westlichen Industrieländern nach Thailand und den Handel mit thailändischen Frauen nach Europa und in andere Regionen zur Sprache gebracht.
Anfang der 80er Jahre wurde zwar schon vereinzelt thematisiert, daß Südostasien unter anderem deshalb zum Eldorado der Sextouristen aus Deutschland geworden war, weil die zierlichen asiatischen Mädchen auf Europäer jung und verfügbar wirken, Kinderprostitution und sexueller Mißbrauch waren damals jedoch noch keine öffentlich diskutierten Probleme. Dank der Untersuchungen, die im Laufe der Jahre angestellt wurden, um deutlichere Aussagen darüber zu bekommen, welche Männer als Sextouristen reisen, weiß man heute, daß Prostitutionstouristen im allgemeinen nicht außergewöhnliche, sondern "ganz normale" Männer sind. Alle Altersgruppen sind vertreten. Sie stammen aus allen sozialen Schichten, aus allen Berufszweigen und Einkommensgruppen. Sie sind verheiratet, ledig oder geschieden, haben Kinder oder auch nicht. Manche sind religiös uninteressiert, oft sind es aber auch sehr fromme Menschen mit einer ablehnenden Haltung zur Sexualität und mit ausgeprägter Körperfeindlichkeit und Schuldgefühlen.
1990 wurde in Chiang Mai in Thailand auf die Initiative asiatischer Kinder- und Frauenorganisationen hin die internationale Kampagne "Beendet Kinderprostitution im Asientourismus" (End Child Prostitution in Asian Tourism, ECPAT) gegründet. Unsere asiatischen Schwestern und Partnerkirchen fragten, ob wir eigentlich wahrnehmen, daß Hunderttausende nach Südostasien fahren und dort Mädchen, Jungen und Frauen mißbrauchen. Sie fragten: Wie krank muß Eure Gesellschaft sein, daß so etwas geschieht ? Und: Was tut Ihr dagegen?
Nach der Gründung der Kampagne war Deutschland eines der ersten Länder, das der Koordinator der Kampagne, der protestantische Pfarrer aus Neuseeland Ron O'Grady, besuchte. Eine Folge dieses Besuches war die Gründung der deutschen Kampagne gegen Sextourismus und Kinderprostitution am 15. März 1991.
In den drei Jahren haben in der Kampagne evangelische, katholische und nicht-kirchliche Organisationen zusammengearbeitet. Im Arbeitsausschuß der Kampagne, der alle zwei Monate zusammentraf und die Aktionen maßgeblich voranbrachte, waren die folgenden Trägerorganisationen vertreten: AGISRA (Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung e.V.) aus Frankfurt, der BDKJ (Bund der Katholischen Jugend), die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland (EFD), das Informationszentrum Dritte Welt des evangelischen Kirchenkreises Herne, Solwodi e.V. aus Mainz, TERRE DES FEMMES e.V., terre des hommes e.V., Ökumenische Asiengruppe e.V., Tourism Watch und Vehement e.V., die Vereinigung ehemaliger Entwicklungshelferinnen und Entwicklungshelfer. Weitere Trägerorganisationen aus dem evangelischen Bereich waren Brot für die Welt, das Evangelische Familienbildungswerk Westfalen und Lippe e.V., die Evangelische Frauenhilfe in Deutschland e.V., die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen, die Evangelische Jugend Bayern, das Frauenreferat der Evangelischen Kirche von Westfalen, Kirchlicher Entwicklungsdienst Bayern, der Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten, die Männerarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen, der Verband der Mitternachtsmission im Diakonischen Werk der EKD, die Vereinigte Evangelische Mission und die Westfälische Arbeitsstelle Ökumenische Dekade - Solidarität der Kirchen mit den Frauen.
Die Kosten für die Koordinatorin der Kampagne, die Treffen des Arbeitsausschusses und die Öffentlichkeitsarbeit wurden vor allem aus Mitteln der Glücksspirale, von Misereor und vom Diakonischen Werk (pro Jahr ein Zuschuß von jeweils 7.000 DM) und aus Spenden und Beiträgen von Fördermitgliedern finanziert. Susanne Lipka, Referentin für interkulturelle Arbeit der EFD, war eine der Sprecherinnen der Kampagne. Eine weitere Sprecherin war Erika Bogatzki vom Informationszentrum Dritte Welt in Herne. Ein Großteil der Öffentlichkeitsarbeit und viele Kontakte zu Politikerinnen und Politikern liefen über das EFD-Büro. Pfarrer Martin Stäbler, der Inhaber der Fachstelle Ferntourismus, inzwischen umbenannt in Tourism Watch, die der Ausschuß für entwicklungsbezogene Bildung und Publizistik 1975 bei Dienste in Übersee eingerichtet hat, stellte als Mitglied des Vorstandes der internationalen ECPAT-Kampagne die Verbindung zur internationalen Ebene her.
Im Bereich der EKD fanden zahlreiche Diskussionsveranstaltungen, Tagungen und Aktionen statt. Das Thema wurde auch in den Gremien und Synoden aufgenommen. Es wurde versucht, konkrete Selbstverpflichtungen als Antwort auf die Frage der südostasiatischen Kirchen zu formulieren. So erklärte die Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen 1992: "Dazu gehört auch die Erkenntnis, daß die Kirche zu einem ungeklärten Verhältnis zur Sexualität und zu widersprüchlichen Rollenerwartungen zwischen Frauen und Männern beigetragen hat."
Viele Kirchengemeinden hatten im Laufe der letzten Jahrzehnte intensive Beziehungen zu Partnerkirchen in den Ländern des Südens aufgebaut. Plötzlich wurde deutlich, daß bei diesen Partnerbeziehungen, etwa mit den Philippinen, das Wissen um das Ausmaß der Kinderprostitution und die Beteiligung deutscher Männer ganz andere Akzente setzen konnte. Wo Gemeinden sich dem stellten, wurden weitere Aspekte der Problematik von kolonialer Ausbeutung und Folgen der Schuldenkrise durch die drastische Verarmung in diesen Ländern bewußt. Darüber hinaus wurde auch die Frage nach den Geschlechterbeziehungen in der Bundesrepublik, nach dem Verhältnis von Sexualität und Gewalt und nach der besonderen Beziehung von deutschen, weißen Männern zu Frauen und Kindern in den Ländern des Südens mit neuer Dringlichkeit gestellt.
Im Rahmen der "Ökumenischen Dekade Solidarität der Kirche mit den Frauen" wurde schließlich weltweit und lokal der Blick für Gewalt gegen Frauen und Kinder geschärft und als Herausforderung an die Kirche aufgegriffen.
Die Ziele der Kampagne waren:
- Enttabuisierung des Themas, Diskussion in der Öffentlichkeit;
- Lobbyarbeit für eine Strafverfolgung der Täter;
- Lobbyarbeit für eine Unterstützung von präventiven Maßnahmen und Maßnahmen zur Rehabilitierung der Opfer in den Zielländern des Tourismus;
- Thematisierung der Tätermotivation und Ursachen in der Gesellschaft.
Auf Gemeindeebene wurden vor allem zwei Ziele verfolgt: Zum einen, die Anfragen aus den Partnerkirchen an die Basis zu vermitteln, dort ein Bewußtsein für die Probleme zu schaffen und zum Nachdenken anzuregen. Zum anderen, auf politischer Ebene dafür zu arbeiten, daß die Gesetzeslage verändert wird, um Straftäter, die Kinder im Ausland mißbrauchen, auch in der Bundesrepublik strafrechtlich verfolgen zu können.
Die meisten Ziele hat die Kampagne erreicht. Es ist gelungen, das sensible Thema ohne eine sensationslüsterne Berichterstattung in die öffentliche Diskussion einzubringen. Viele engagierte Journalistinnen und Journalisten haben die Arbeit der Kampagne begleitet. Es haben mehrere bundesweite Fachtagungen und Tagungen für die allgemeine Öffentlichkeit stattgefunden. Zahlreiche Gespräche mit Abgeordneten aller Parteien im Bundestag wurden geführt. Eine parteiübergreifende Frauendelegation des Deutschen Bundestages hat an den Konferenzen der internationalen Kampagne in Bangkok teilgenommen. Durch zahlreiche Unterschriftenaktionen und Gespräche wurde im Herbst 1994 eine Gesetzesänderung erreicht, durch die der sexuelle Mißbrauch auch von ausländischen - und nicht, wie vorher, nur von deutschen - Kindern im Ausland ab dem 01.09.1994 in der Bundesrepublik strafrechtlich verfolgt wird. Kontakte zu den Strafverfolgungsbehörden wurden aufgebaut.
Nach zahlreichen Aktionen bei Reisebüros und Touristikunternehmen, in denen auf die Verantwortung der offenen oder heimlichen Vermittler hingewiesen wurde, kam es schließlich zu Gesprächen mit Vertreterinnen und Vertretern der Reiseindustrie. Inzwischen hat die Organisation "terre des hommes" mit allen großen deutschen Touristikunternehmen eine schriftliche Vereinbarung abgeschlossen, deren Nichteinhaltung vor Gericht eingeklagt werden kann und in der sich diese verpflichten,
- in ihren Vertragshotels das Verbot der Kinderprostitution durchzusetzen,
- Kundinnen und Kunden über die Hintergründe und Auswirkungen von Kinderprostitution zu informieren,
- Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hoteleinkauf und in der Reiseleitung entsprechend vorzubereiten und zu schulen.
Die Arbeit der Kampagne hat auch dazu beigetragen, daß kirchliche Entwicklungsdienste und -hilfswerke in den Zielländern des Tourismus Projekte gegen Kinderprostitution und Projekte zur Unterstützung und Rehabilitierung der Opfer fördern. Auch in Kirchengemeinden wurden für diesen Zweck Gelder gesammelt. Die internationale Öffentlichkeit hat denjenigen, die in ihren Heimatländern die Untaten der Sextouristen thematisieren und deshalb dort bekämpft und bedroht werden, Ansehen und Schutz gebracht.
Auf dem Weltkongreß gegen die gewerbsmäßige sexuelle Ausbeutung von Kindern 1996 in Stockholm waren unter anderem Brot für die Welt, die Evangelische Frauenarbeit und die Ökumenische Asiengruppe vertreten. Der Evangelische Pressedienst hatte eine Journalistin entsandt und hat die Veranstaltung dokumentiert. Die Vertreterinnen der genannten Organisationen haben mit Außenminister Kinkel und Frauenministerin Nolte Gespräche geführt. Bei einer Folgetagung in Bonn wurden die verschiedenen Aspekte des Problems und mögliche Maßnahmen mit interessierten Bundestagsabgeordneten und leitenden Beamten aus verschiedenen Ministerien ausführlich diskutiert.
Nach Beendigung der Kampagne hat die Arbeitsgemeinschaft gegen Sextourismus und Kinderprostitution die Nachfolge angetreten. Dort sind zahlreiche weitere Organisationen aus dem evangelischen Bereich, wie Brot für die Welt, das Dritte Welt-Zentrum Herne und der Arbeitskreis in der Evangelischen Kirche von Westfalen, "Kampagne gegen die Kinderprostitution", in dem auch die Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Westfalen mitarbeitet, vertreten. In der Arbeitsgemeinschaft werden Informationen ausgetauscht und die Aktivitäten koordiniert.
IV. Die Arbeit des Kirchlichen Entwicklungsdienstes (KED) gegen Sextourismus und Kinderprostitution im Zusammenhang mit Tourismus auf internationaler Ebene
1. Die Arbeit von Tourism Watch
Der Ausschuß für entwicklungsbezogene Bildung und Publizistik fördert den Personal- und Sachkostenetat von Tourism Watch seit der Gründung als Fachstelle im Jahr 1975. Die Programmkosten stellt KED direkt zur Verfügung. Tourism Watch gibt vierteljährlich einen Informationsdienst "Dritte Welt Tourismus" heraus, der sich vor allem an Vertreterinnen und Vertreter der Medien richtet.
Tourism Watch unterhält enge Arbeitsbeziehungen zur Ecumenical Coalition on Third World Tourism (ECTWT), die von den Regionalen Kirchenkonferenzen für Afrika, Asien, die Karibik, Lateinamerika, den Mittleren Osten und den Pazifik getragen ist und ihren Sitz in Barbados (unter dem Dach des Karibischen Kirchenrates CCC) hat. Sie wird u.a. vom Evangelischen Missionswerk mit KED-Mitteln unterstützt. Außerdem ist Tourism Watch das Koordinationsbüro des Third World Tourism-European Ecumenical Net, in dem vergleichbare Initiativen/Organisationen aus England, Belgien, den Niederlanden, Frankreich, Italien und der Schweiz in einem losen Netzwerk verbunden sind. Durch eigene Kontakte in die Dritte Welt, die sich durch die Anbindung von Tourism Watch an Dienste in Übersee problemlos ergeben, konnten in den letzten Jahren tourismuskritische Konferenzen in Kuba (durch den Kubanischen Kirchenrat) und Südafrika (durch einen Partner aus dem Gewerkschaftsbereich) initiiert werden. Beide Ereignisse wirken sich sehr fruchtbar aus und ziehen nun weitere Initiativen nach sich.
Bei der Umsetzung ihres Auftrags, entwicklungspolitische Bildungsarbeit auf dem Sektor Tourismus zu machen, kooperiert Tourism Watch eng mit dem 1994 wieder neu gegründeten Studienkreis für Tourismus und Entwicklung (STE), in dem Vertreter der beiden Kirchen, Tourismuswissenschaftler, Unternehmer und Reisejournalisten zusammenarbeiten. Der Leiter von Tourism Watch ist Vorsitzender des STE. Ein Ergebnis dieser Kooperation ist insbesondere das Projekt der Sympathie-Magazine (Gesamtauflage: 4 Millionen), das Touristen über den Alltag in ihren Reisezielländern informiert und einen detaillierten Blick hinter die touristische Kulisse gewährt. Themenhefte werden seit einigen Jahren produziert. Die Magazine "Judentum Verstehen" und "Islam Verstehen" wurden im Rahmen eines Empfangs auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin am 9. März 1997 vom Ratsvorsitzenden der EKD, Landesbischof Dr. Klaus Engelhardt, der Öffentlichkeit vorgestellt.
Mit der Herausgabe der Dokumentation "Tourismus, Prostitution, Entwicklung" wurde die breitere Öffentlichkeit in der Bundesrepublik bereits 1983 erstmals fachlich und detailliert über die Tatsache des Sextourismus und die Zusammenhänge von Tourismus und Prostitution informiert. In zahlreichen Tagungen, Seminaren, Pressegesprächen usw. wurde diese verhängnisvolle Seite des Tourismus Gegenstand der Diskussion. Insbesondere die Reiseindustrie wurde in öffentlichen Veranstaltungen mit der Problematik konfrontiert. Mit der teilweisen Übersetzung der Dokumentation "Tourismus, Prostitution, Entwicklung" ins Thailändische hat Tourism Watch auch eine wichtige Grundlage für eine öffentliche Diskussion in diesem bedeutenden Zielland des Sextourismus selbst geliefert. Wesentliche Informationsquelle und Kooperationspartner dabei war die ECTWT.
2. Die Gründung von ECPAT
Die ECTWT hat in den späten 80er Jahren in Thailand, Philippinen und in Sri Lanka eine Recherche durchgeführt, um zuverlässiges Datenmaterial im Blick auf die in diesen Ländern vorhandene Kinderprostitution zusammenzutragen. Das Datenmaterial wurde auf der internationalen Konferenz vom 1. bis 5. Mai 1990 in Chiang Mai/Thailand vorgetragen und diskutiert. Am Ende der Tagung fühlten sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen aufgerufen, aktiv gegen diese moderne Form der Sklaverei vorzugehen, und forderten eine internationale Kampagne zur Aufklärung und Bekämpfung. Ein kleines Aktionskomitee wurde gebildet, das die Gründung einer zunächst auf drei Jahre begrenzten Kampagne beschloß ("End Child Prostitution in Asian Tourism" - ECPAT). Nach Ablauf der ersten drei Jahre wurde die Fortführung der Kampagne für weitere drei Jahre beschlossen. Die Kampagnenform von ECPAT wurde aufgrund der weltweiten Akzeptanz ihrer Arbeit in eine internationale Organisation überführt, die am 1. Januar 1997 ihre Arbeit aufgenommen hat.
3. Die Mitwirkung von Tourism Watch
Im Verlauf der bisherigen Arbeit von ECPAT hat Tourism Watch
- von Anfang an im Vorstand der internationalen Kampagne als eine der Trägerorganisationen mitgewirkt;
- sich nach der Gründung der internationalen Kampagne in Chiang Mai zunächst federführend und koordinierend um die Gründung einer entsprechenden Kampagne in Deutschland bemüht. Am 15. März 1991 wurde sie in Räumen des Diakonischen Werkes der EKD offiziell gegründet;
- die juristische Trägerschaft der deutschen Kampagne bei Dienste in Übersee initiiert;
- insbesondere in den ersten Jahren der Arbeit der internationalen Kampagne intensive Kontakte zu Mitgliedern des Deutschen Bundestages und zu Regierungsstellen aufgebaut und gehalten;
- auf Anregung des Vorstands der internationalen Kampagne einen ganzseitigen Aufruf in der Frankfurter Rundschau (17.04./21.10.1993) und in der Frankfurter Allgemeinen (20.04.1993) veröffentlicht, in dem die Bevölkerung aufgerufen wurde, sich gegen den sexuellen Mißbrauch von Kindern durch Touristen zu wenden. Dieser Aufruf war unterzeichnet von den Ministern Dr. Klaus Kinkel, Frau Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Dr. Irmgard Schwaetzer, ca. 130 Abgeordneten des Deutschen Bundestages aller Parteien, Politikern und Persönlichkeiten aus den verschiedenen Teilen der Welt, sowie Vertretern internationaler Organisationen. Bei der einige Monate später folgenden Beratung des neuen Gesetzes im Bundestag, wonach der Mißbrauch eines ausländischen Kindes im Ausland durch einen Deutschen strafbar ist, hat sich diese Anzeigeninitiative als sehr hilfreich erwiesen, weil zahlreiche Abgeordnete bereits sensibilisiert waren;
- die Federführung gehabt bei der Ausrichtung einer internationalen ECPAT-Konferenz im Mai 1993 bei Stuttgart. Auf dieser Konferenz hat Bundestagspräsidentin Prof. Rita Süßmuth in einer viel beachteten Eröffnungsrede die Problematik konkret benannt, die Mitwirkung der deutschen Politik an der Bearbeitung des Problems zugesagt und alle gesellschaftlichen Kräfte aufgerufen, sich dieser Verantwortung ebenfalls zu stellen. Die Präsenz von Frau Prof. Süßmuth hat der internationalen Kampagne den ersten wichtigen politischen Durchbruch auf globaler Ebene gebracht. Deutlich wurde das besonders dadurch, daß internationale Organisationen wie Welt-Tourismus-Organisation (WTO/ Madrid), die International Labour Organisation (ILO, Genf), Interpol (Lyon) bei der Konferenz anwesend waren und seitdem kontinuierlich und engagiert mit ECPAT zusammenarbeiten;
- die Federführung zum Thema Tourismus bei der Vorbereitung des Weltkongresses gegen die gewerbsmäßige sexuelle Ausbeutung von Kindern im Jahre 1996 in Stockholm gehabt. Pfarrer Martin Stäbler ist Autor des Vorbereitungspapieres für den Kongreß, hat die Konzeption des Kongresses für die Fachgruppe "Tourismus" und das Podium und notwendige Redebeiträge organisiert;
- die Verbindung zu Dienste in Übersee hergestellt, was im Verlaufe der bisherigen Arbeit von ECPAT zur Vermittlung von zwei Experten an das Zentralsekretariat in Bangkok führte. Einer dieser Expertenverträge dauert noch an (eine Juristin, die Nichtregierungsorganisationen und nationale ECPAT-Gruppen sowie Regierungsstellen in vielen Ländern bei Gesetzgebungsinitiativen berät).
ECPAT wurde inzwischen in eine internationale Organisation (ECPAT bedeutet seitdem End Child Prostitution, Child Pornography and Trafficking of Children for Sexual Purposes) umgewandelt. Pfarrer Martin Stäbler wurde berufen, weiterhin als Vertreter von ECPAT bei der Welt-Tourismus-Organisation (WTO) die Tourismusproblematik zu verfolgen. Er ist Mitglied der "Tourism and Child Prostitution Watch Task Force" der WTO, die diese Task Force nach dem Kongreß in Stockholm gegründet hat.
Auf Initiative und Einladung des Vatikans empfing Papst Johannes Paul II. am 21.03.1997 eine ECPAT-Delegation zu einer Audienz in Rom. Der Heilige Stuhl hat am Stockholmer Kongreß teilgenommen und hat die Abschlußdokumente, die vom Kongreß verabschiedet wurden, mitunterzeichnet.
4. Perspektiven
An dem Internationalen Kongreß in Stockholm haben 122 Regierungen teilgenommen, aus der Bundesrepublik waren es die Minister Dr. Klaus Kinkel sowie Frau Claudia Nolte. Über ein Dutzend Länder haben bereits bestehende Gesetze entsprechend geändert oder neue auf den Weg gebracht mit dem Ziel, Kinderprostitution "interterritorial" im Wege der Strafverfolgung bekämpfen zu können.
Nach dem Kongreß wurde ECPAT vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF beauftragt, das "Monitoring" der in Stockholm vereinbarten Zielsetzungen zu übernehmen. Das bedeutet, daß ECPAT nun das Instrument der internationalen Staatengemeinschaft ist, das die Nacharbeit der Konferenz zu überprüfen hat und Bericht erstatten muß. Für ECPAT bedeutet dies zwar eine enorme Arbeit, schafft aber andererseits neue Mitwirkungsmöglichkeiten bezüglich der Anregung für entwicklungspolitische Initiativen zum Schutz von Kindern und Frauen weltweit.
ECPAT ist nach wie vor eine ökumenische Initiative, was auch in der fortdauernden Unterstützung durch kirchliche Hilfswerke in Deutschland (Dienste in Übersee, Brot für die Welt, KED und Misereor) zum Ausdruck kommt.
Durch die Arbeit von ECPAT sind tragfähige Kontakte zur internationalen Tourismusindustrie entstanden. Die Einrichtung der Tourism and Child Prostitution Watch Task Force durch die WTO zeigt, daß die Tourismusindustrie und die in Stockholm anwesenden Regierungen die dort geführten Diskussionen ernst nehmen. Angesichts der Tatsache, daß bis in die frühen 90er Jahre hinein die Tourismusbranche eine Mitverantwortung bei der Bekämpfung des Sextourismus und der Kinderprostitution weitgehend abgelehnt hatte, sind diese Kooperationsmöglichkeiten auf der internationalen Ebene ein enormer Fortschritt. Koordiniert von der WTO besteht durch die Task-Force nunmehr die Möglichkeit, Impulse in alle wichtigen internationalen Tourismusverbände zu geben und Unterstützung zu erwirken für den Kampf gegen Kinderprostitution und Sextourismus. Damit ist aber auch die Möglichkeit gegeben, eine gesamte Industriebranche weltweit für die Entwicklungsproblematik zu sensibilisieren. Die entstandenen Kontakte sollten in diesem Sinne genutzt werden.
Die Mitgliedsstaaten der WTO und die wichtigen internationalen Verbände der Tourismusindustrie sind inzwischen in diesem Problemfeld sehr engagiert. Konkret zeigte sich dies auf der Tagung des Exekutivrates der WTO in Manila Ende Mai 1997. Erstmals in der Geschichte dieser Organisation fand auf Bitten der gastgebenden philippinischen Regierung ein Arbeitstag zum Thema "Sozialverantwortlicher Tourismus" statt. Die WTO hatte Ron O'Grady, den Vorsitzenden von ECPAT, gebeten, dazu die Einführungsrede zu halten. Daß eine "Intergovernmental Organization" wie die WTO eine NGO wie ECPAT bittet, diesbezüglich Leitlinien vorzutragen, markiert eine erfreuliche Entwicklung, die genutzt werden sollte.
Sowohl in internationalen Organisationen als auch bei Regierungen haben also Menschen in verantwortlicher Position die Initiative von ECPAT aufgegriffen als eine Möglichkeit, eigene ethische, moralische und auch religiöse Werte in ihrer Arbeit wirksam zu machen.
V. Fazit:
Es ist intensiv gearbeitet und viel erreicht worden. Trotzdem weiten sich die Probleme aus, und es bleibt viel zu tun. Die fachliche Diskussion ist inzwischen differenzierter und spezialisierter geworden. Es muß anders und in anderen Kooperationen zusammengearbeitet werden:
- Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden (Verbindungsbeamte der Polizei im Ausland);
- Sensibilisierung der Justiz;
- gesetzgeberische Maßnahmen (Eigentumsdelikte werden bisher härter bestraft als Körperverletzungsdelikte);
- Durchsetzung von Opferentschädigung;
- Finanzierung von Beratungsstellen im In- und Ausland;
- Studien zu den Ursachen in unserer Gesellschaft;
- Zusammenhang zwischen Sexualität und Gewalt, Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern;
- Therapien für die Täter;
- Prävention durch Erziehung.
Ein großes weiteres Arbeitsfeld ist das der Kinderpornographie, vor allem im Internet. Nach Expertenschätzungen konsumieren in Deutschland 30.000 bis 40.000 Erwachsene regelmäßig Kinderpornographie. Internet-Spezialisten und Menschenrechtler müssen sich hier zusammentun. Kinderpornographie muß gesellschaftlich und politisch geächtet werden. Die kirchliche Arbeit ist auf diesem Gebiet noch ganz am Anfang. Sextouristen suchen sich neue Zielländer. Nachdem in Asien die Gesetze verschärft worden sind und es mehr Sensibilität für das Problem gibt, reisen sie jetzt verstärkt nach Brasilien, in die Karibik oder in osteuropäische Länder. Auch dort müssen entsprechende Initiativen unterstützt werden. Dabei sollten die bestehenden kirchlichen Kontakte genutzt werden. Die Initiativen zur Problematik der Kinderprostitution müssen ausgeweitet werden auf Aktionen gegen Menschenhandel mit Mädchen und Frauen aus Mittel- und Osteuropa.
Im evangelischen Bereich gibt es zu wenig Beratungsstellen, die qualifiziert mit Fällen auf dem Gebiet Frauenhandel und Arbeitsmigration umgehen können. Besonders wichtig sind auch gut besetzte Stellen für den Kinder- und Jugendschutz. Wo sie vorhanden sind, ist ihre Arbeit durch Sparmaßnahmen bedroht. Es handelt sich hier jedoch um eine wichtige diakonische Aufgabe.

