Beschlüsse
2. Tagung der 9. Synode der EKD (2.-7. November 1997, Wetzlar)
Kundgebung "Der Gottesdienst - eine Ermutigung"
I.
"Im Gottesdienst sammelt und erhält Gott seine Kirche" (Leitlinien kirchlichen Lebens der VELKD, Entwurf 1997).
"Weil Jesus Christus der versammelten Gemeinde seine Gegenwart verheißen hat, wird im Gottesdienst sein Zuspruch und sein Anspruch auf das ganze menschliche Leben kundgetan." (Ordnung des kirchlichen Lebens der EKU, Entwurf 1997)
1. Der Gottesdienst ist die zentrale Versammlung der christlichen Gemeinde. "Im Gottesdienst geschieht es, daß unser lieber Herr selbst mit uns redet durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang" (Martin Luther). Mit ihren Gottesdiensten, besonders am Sonntagmorgen feiert die Christenheit den auferstandenen Jesus Christus und erinnert alle Welt daran, daß er auferstanden ist. Darum ist der Gottesdienst eine unvergleichliche Quelle von Glaubensgewißheit und Lebensmut, von Trost im Leben und im Sterben.
Der Glaube an Gott, der sein Volk Israel aus lebenswidrigen Verhältnissen herausgeführt und der sich selbst in Jesus Christus, seinem Sohn, für die Versöhnung aller Menschen hingegeben hat, ist die Quelle unserer Zuversicht. Wo sich Menschen zum Gottesdienst versammeln, gewinnt sie konkrete Gestalt. Hier, im Gottesdienst, wird die Geschichte Gottes mit den Menschen immer wieder mit Worten und Zeichen vergegenwärtigt und die Zukunft Jesu Christi feiernd vorweggenommen. In der Verkündigung des Wortes Gottes, in der Feier des Heiligen Abendmahls, im Gebet und im Segen ist Gott selbst gegenwärtig mit seinem heiligen Willen, seinem Trost und Heil.
2. Die Synode der EKD hat in den letzten Jahren zu vielen bedrängenden Fragen des gesellschaftlichen Lebens Stellung genommen. Solche Erklärungen erfolgten im Wissen darum, daß der christliche Glaube sich den ethischen, politischen, sozialen, wirtschaftlichen oder ökologischen Herausforderungen unserer Zeit zu stellen hat und daß die Christen ihren Beitrag zur Klärung und zur Lösung solcher bedrängender Lebensfragen leisten müssen. Das Engagement für das Leben im umfassenden Sinne, für Gerechtigkeit und Versöhnung, für Demokratie und Bewahrung der Schöpfung, für die fernen und die nahen Nächsten, ja auch die tägliche Bewährung im Alltag, ist nach biblischer Überzeugung (Röm. 12,1) Gottesdienst. Das alles lebt aber davon, daß Christen nach dem Gebot Gottes und seiner Verheißung fragen und sich dessen in der Feier von Gottesdiensten vergewissern.
II.
1. Die gegenwärtige gottesdienstliche Situation läßt sich so beschreiben:
Es ist eine der entscheidenden Entwicklungen evangelischer Gottesdienstgeschichte in der Neuzeit, daß sich die Kirche eingelassen hat auf die Themen der Lebenswelt, der Kultur, daß sie neue Anlässe, Orte und Zeiten gefunden hat, um Gottesdienste zu feiern, sowie spezielle Zielgruppen, mit denen man feiert. Die These: Gottesdienst ist das Zentrum kirchlichen Lebens, stimmt dann mit der Realität überein, wenn das Verständnis des Gottesdienstes weit gefaßt und nicht auf den Gottesdienst am Sonntagvormittag beschränkt wird. Die vielen anderen Orte und Versammlungen, wo Gottesdienst gefeiert wird, sind hinzuzunehmen. Dazu gehört der ganze Bereich der lebensgeschichtlich veranlaßten Gottesdienste, Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung, mit ihren mannigfachen Verbindungen zum Gemeindegottesdienst (Taufgedächtnis, Goldene Konfirmation, Totensonntag). Dazu gehören die Gottesdienste, Andachten und Feiern in den verschiedenen Bereichen des kirchlichen Lebens, in den Häusern und Familien, in den Schulen und Hochschulen, in Gruppen und Kommunitäten, in den Einrichtungen der Diakonie, täglich, unter der Woche, auf Freizeiten, auf der Chorrüste, in Evangelischen Akademien, auf Kirchentagen und anderswo. Ökumenische Gottesdienste sind eine große Chance, den Stellenwert des Gottesdienstes als Mitte der christlichen Gemeinschaft zu erfahren.
2. Die Synode unterstreicht, daß überlieferte gottesdienstliche Formen stets neu belebt und weiterentwickelt werden müssen.
- Innerhalb einer stabilen Grundstruktur bietet der Gottesdienst Raum für vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. Dazu helfen sowohl das neue Evangelische Gesangbuch mit seiner Öffnung zum Liedgut der Gegenwart und der Ökumene als auch die Erneuerte Agende und die Agendenarbeit der übrigen Gliedkirchen. Auch die Tätigkeit der Arbeitsstellen für Gottesdienst leisten dazu wichtige Beiträge.
- Kinder-, Schul- und Jugendgottesdienste sind wesentliche Elemente gottesdienstlichen Handelns der Kirche. Viele Anstöße zur Erneuerung des gottesdienstlichen Lebens haben dort ihre Wurzeln.
- Kirchenmusik und -kunst geben der Verkündigung der Gemeinde wesentlichen Ausdruck. Neue Formen sind hier willkommen und notwendig. Sie bereichern den Gottesdienst und laden besonders auch die jüngere Generation ein, in dem sie Glaube und Lebensgefühl des modernen Menschen verbinden.
- Wichtig geworden sind in den letzten Jahren Gottesdienste zu besonderen Anlässen, zu bestimmten Themen oder mit bestimmten Zielgruppen und an gesellschaftlichen Brennpunkten, zum Beispiel Gottesdienste mit Jugendlichen und Familien, Gottesdienste im Grünen, zu Orts- und Vereinsjubiläen usw. Ebenso haben sich neue bereichernde Gestaltungsformen des Gottesdienstes entwickelt, zum Beispiel Friedensgebete, meditative Gottesdienste, Gebet nach Taizé, Thomasmesse, Weltgebetstag und andere Gottesdienste von Frauen.
- Nicht wenige Menschen werden durch Gottesdienstübertragungen in Hörfunk und Fernsehen erreicht. Sie haben auf diese Weise teil am gottesdienstlichen Leben der Kirche.
Es gibt viele Menschen, die in den Wechselfällen des Lebens nach einem Sinn und Zusammenhang suchen. Diesen Suchenden eine Heimat anzubieten, ohne ihnen eine nicht gewollte Bindung aufzunötigen, ist eine wesentliche Aufgabe der Volkskirche und ihre Chance.
III.
1. Als Synodale der EKD wenden wir uns an alle, die am Gottesdienst teilnehmen: Wir freuen uns über alle, die treu am Gottesdienst teilnehmen. Regelmäßigkeit und gute Gewohnheit sind auch Ausdruck dafür, daß wir als Gemeinde Gott verpflichtet sind. Durch die Feier des Gottesdienstes nimmt die versammelte Gemeinde auch einen stellvertretenden Dienst für die ganze Gemeinde wahr.
Zum Gottesdienst sind alle eingeladen. Heißen Sie deshalb auch die willkommen, die nur zu einem besonderen Anlaß oder gelegentlich in die Kirche gehen, zum Beispiel an den großen Stationen des Lebens oder an den Festen des Kirchenjahres.
Wir bitten Sie, andere zum Gottesdienst persönlich einzuladen. Es ist gut, wenn Sie sich aktiv in die Gottesdienstgestaltung einbringen. Sagen Sie den Verantwortlichen, was Ihnen in Ihrem Gottesdienst gefällt oder mißfällt, was Sie ändern und auf was Sie nicht verzichten möchten!
2. Wir wenden uns an alle, die Gottesdienste gestalten:
Wir danken Ihnen für alle Sorgfalt, mit der Sie sich um die Verkündigung und die Gottesdienstgestaltung mühen. Der Gottesdienst wird vor allem dann lebendig, wenn in ihm Gemeindeglieder, Kirchenmusikerinnen und -musiker, Pfarrerinnen und Pfarrer, Küsterinnen und Küster zusammenwirken. Die Möglichkeiten, Gemeindeglieder in das gottesdienstliche Geschehen mitdenkend, mitplanend, mithandelnd einzubeziehen, sind noch lange nicht ausgeschöpft. An vielen Orten haben sich gemeinsame Gottesdienstvorbereitungen und Nachgespräche bewährt.
Für alle bewußt gestaltete liturgische Kooperation, besonders die von Wort und Musik, danken wir Ihnen. Mit der reichen Tradition der evangelischen Kirchenmusik und deren lebendiger Fortführung in der Gegenwart, sowohl im Gottesdienst wie in gottesdienstlichen Konzerten, ist uns in Deutschland ein Schatz anvertraut, den wir pflegen und nutzen sollten. Die Kirchenmusik erreicht viele Menschen, die sonst wenig Zugang zur Botschaft des Glaubens haben. Sie erfüllt wie die Predigt eine evangelistisch-missionarische Aufgabe.
Zuweilen wird die Meinung vertreten, der Gottesdienstbesuch in unserem Land sei rückläufig. Dies trifft nicht zu: Seit Jahren besuchen im Durchschnitt 1,4 Millionen Menschen jeden Sonntag einen evangelischen Gottesdienst. Dabei sind die vielen anderen Gottesdienste nicht eingerechnet. Dennoch ist uns bewußt, daß wir viele Menschen nicht erreichen. Deshalb dürfen wir in der Bemühung um einen einladenden Gottesdienst nicht nachlassen. Auch Gottesdienste mit kleiner Teilnehmerzahl sind der Mühe sorgfältiger Vorbereitung wert.
In vielen Gemeinden haben sich unterschiedliche Gottesdienstformen entwickelt. Wir danken allen, die sich für vielfältige Gestaltungsformen eingesetzt haben und einsetzen. Die Gemeinden brauchen Ihre Kreativität und Ihren Mut zum liturgischen Experiment. Wir bitten Sie zugleich, sich den guten Sinn der geprägten liturgischen Formen neu zu erschließen. Sie bilden ein wichtiges Band ökumenischer Gemeinschaft mit der weltweiten Kirche.
IV.
Als Synodale der EKD wenden wir uns an die Öffentlichkeit:
1. In einer Zeit, in der viele Aktivitäten nur nach ihrem Zweck befragt werden, geraten auch der Gottesdienst, die Traditionen des arbeitsfreien Sonntags und die Aufwendungen für die Kirchengebäude, für die Kirchenmusik und die religiöse Kunst schnell unter das Diktat des Kosten-Nutzen-Denkens. Wir sind dagegen überzeugt, daß die christliche Gemeinde allen Menschen einen Dienst tut, wenn sie einer totalen Ökonomisierung und Funktionalisierung des gesellschaftlichen Lebens Grenzen setzt. Darum ist es für die Kirche, wie für unsere Gesellschaft im Ganzen von großer Bedeutung, daß der Schutz des Sonntags und der kirchlichen Feiertage erhalten bleibt und nicht zugunsten wirtschaftlicher Belange abgebaut wird.
2. Die Kirche ist mit ihren Gottesdiensten und mit ihren gottesdienstlichen Räumen Teil der öffentlichen Kultur. Liturgie und allgemeine Kultur befruchten sich wechselseitig und prägen so z.B. die Musik, die Bildenden Künste und die Architektur mit. Die öffentliche Kultur lebt von solchen Impulsen.
Es ist gesellschaftlich wichtig, daß die Evangelische Kirche in 18.000 Gemeinden in Deutschland durch ihre Gottesdienste ihre Identität zu erkennen gibt. Menschen suchen hier Antworten des christlichen Glaubens zu den Fragen der Zeit. Unsere Gesellschaft und unser Staat stützen sich auf Grundwerte, die sie nicht selber schaffen, die vielmehr ihre Wurzeln auch in der christlichen Verkündigung haben: Gerechtigkeit, Verantwortung, Solidarität mit den Schwachen, Mut für die Zukunft. Durch die gottesdienstliche Verkündigung nehmen Christen Mitverantwortung wahr für die Werte und Wege unserer Gesellschaft und treten stellvertretend vor Gott dafür ein.
In allen Bemühungen um die Erneuerung des Gottesdienstes bittet die Kirche Jesu Christi: Veni creator spiritus! Komm Gott Schöpfer, Heiliger Geist.
Wetzlar, 7. November 1997
Der Präses der Synode
Die Veröffentlichung der Beschlüsse erfolgt unter dem Vorbehalt der endgültigen Ausfertigung durch den Präses der Synode!

