Grußworte
2. Tagung der 9. Synode der EKD (2.-7. November 1997, Wetzlar)
Ignatz Bubis
Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland
Lieber Herr Bischof Engelhardt! Verehrte Geistlichkeit! Meine Damen und Herren!
Ich nutze diese Gelegenheit gerne und danke Ihnen auch für die Einladung. Ich war übrigens auch schon in Borkum dabei. Es ist also nicht mein erster Besuch bei Ihnen, wobei es manchmal einfacher ist, nach Borkum zu kommen als von Frankfurt nach Wetzlar. Auch das kann vorkommen.
Ich habe mit großem Interesse Ihren Vortrag, Herr Professor Cornehl, gehört und habe festgestellt, wie sehr sich die Probleme ähneln. Im Judentum heißt es, daß Gott überall ist und daß man überall Zwiesprache mit Gott halten kann. Das nehmen viel zu viele Gemeindemitglieder wörtlich und nutzen das als Entschuldigung.
Ich habe aber auch festgestellt, daß die Gestaltung des Gottesdienstes in der heutigen Zeit eine wichtige Rolle spielt. Frau Vesken(?) wird bestätigen, daß mit der Verpflichtung eines guten Kantors und durch seine Gestaltung des Gottesdienstes durchaus Anziehungskräfte entstehen, die tatsächlich bewirkt haben, daß der Synagogenbesuch etwas zugenommen hat.
Allerdings hat die Bedeutung des Ruhetages, der eigentlich als Beschäftigung mit der Seele, als Entspannung vom Weltlichen gelten soll, sehr nachgelassen. Der Ruhetag wird eher im Sinne von Freizeitgestaltung verstanden. Aber auch wir hoffen, daß der Besuch der Gottesdienste zunehmen wird, damit die Menschen tatsächlich nicht nur den Körper, sondern auch die Seele entspannen können. In diesem Sinne wollte ich mein Grußwort verstanden wissen.
Ich wollte aber die Gelegenheit nutzen, dem ausscheidenden Ratsvorsitzenden, dem von mir sehr verehrten Bischof Engelhardt, zu danken. In meiner fünfjährigen Amtszeit sind wir sehr oft zusammengekommen, haben uns sehr oft unterhalten und nicht nur über geistliche Dinge, sondern auch über weltliche Dinge gesprochen.
Ich zähle zu denjenigen, die genau wie Sie, lieber Bischof Engelhardt, meinen, daß es die Aufgabe der Kirche ist, sich in das gesellschaftliche Geschehen unseres Landes einzumischen und, wenn nötig, auch einmal den Finger zu erheben. Ich glaube, daß wir hier auf dem richtigen Wege sind. Auch wenn das vielleicht dem einen oder anderen Politiker weniger gefällt, sollten wir in diesem Bestreben nicht nachlassen und unsere Einmischung, unsere Warnungen, wann immer nötig, dann auch aussprechen, so wie wir es in den letzten Jahren schon sehr oft gemeinsam getan haben.
Ich danke Ihnen sehr herzlich für diese Jahre. Sie waren mir sehr wertvoll. Ich habe viel von Ihnen gelernt, auch im Umgang miteinander. Ich habe von Ihnen auch gelernt, wie man Grenzen, die manchmal der Glaube durchaus aufreißen kann, überwinden kann, ohne daß man sich dabei etwas vergibt oder etwas aufgibt. Dafür herzlichen Dank und alles Gute für Ihre Zukunft.
Der Synode wünsche ich eine erfolgreiche Tagung. Ich weiß, daß Ihnen wichtige Beschlüsse bevorstehen. Mögen Sie diese erfolgreich in Ihrem Sinne durchführen.
Ich danke Ihnen noch einmal für die Einladung und übermittle Ihnen natürlich die Grüße des Zentralrats der Juden in Deutschland. Gestern war es mir nicht möglich, hier zu sein, weil wir zur gleichen Zeit eine Direktoriumssitzung des Zentralrats in Düsseldorf hatten. Aber das gibt mir die Möglichkeit, Ihnen heute die Grüße unmittelbar zu übermitteln und eine erfolgreiche Tagung zu wünschen. - Danke schön.
Bei den Grußworten handelt es sich um nicht redigierte Texte!

