Grußworte
2. Tagung der 9. Synode der EKD (2.-7. November 1997, Wetzlar)
Dr. Helmut Kohl
Bundeskanzler
Sehr geehrter Herr Präses,
sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender,
sehr geehrter Herr Bischof Lehmann,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich freue mich, heute hier bei Ihnen in Wetzlar zu sein.
Ihre Amtszeit als Mitglieder der neunten Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hat erst vor wenigen Monaten begonnen. Ich wünsche Ihnen für die kommenden Jahre viel Erfolg bei Ihrer wichtigen Arbeit.
Auf dieser Tagung werden Sie einen neuen Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland wählen - und auch einen neuen Ratsvorsitzenden. Sie, Herr Landesbischof Engelhardt, werden Ihr Amt in andere Hände geben. Ich will deshalb heute die Gelegenheit nutzen, Ihnen meinen herzlichen Dank auszusprechen.
Sie haben in einer Zeit dramatischer Umbrüche einen wichtigen Beitrag für die Zukunft der Evangelischen Kirche in Deutschland geleistet. In diesen Jahren haben Sie zugleich das partnerschaftliche Verhältnis zwischen Kirche und Staat mitgestaltet und weiter befördert - zum Wohl Ihrer Kirche und zum Wohle des Ganzen.
Ich denke gern an unsere Begegnungen in den vergangenen Jahren zurück: Unsere Zusammenarbeit war stets geprägt von gegenseitigem Respekt, von Offenheit und Vertrauen, nicht zuletzt vom gemeinsamen Bemühen um ein enges Miteinander. Wir haben viele gute Gespräche geführt. Auch dafür will ich Ihnen meinen Dank sagen.
Ich wünsche Ihnen, Herr Landesbischof, auch weiterhin Glück und Gottes Segen. Ich bin sicher, Ihre Stimme wird in der Evangelischen Kirche in Deutschland und weit darüber hinaus ihr großes Gewicht behalten.
Meine Damen und Herren,
als Kirchenparlament von fast 29 Millionen evangelischer Christen in unserem Land stellen Sie sich der Herausforderung, die Evangelische Kirche in Deutschland in das 21. Jahrhundert zu führen. Das ist eine besonders schwierige und zugleich lohnende Aufgabe.
In Deutschland, Europa und der Welt haben sich epochale Veränderungen vollzogen. Die Welt ist heute eine völlig andere als noch vor wenigen Jahren - und sie ist immer noch im Wandel begriffen.
Vor diesem Hintergrund blicken viele Menschen wieder stärker auf die Kirchen. Sie suchen dort einen festen Haltepunkt.
In gut zwei Jahren beginnt das neue Jahrtausend. Das Jahr 2000 fasziniert viele Menschen, sie verbinden damit den Aufbruch in etwas Neues und Unbekanntes. Aber gleichzeitig wächst bei vielen auch die Lebensangst. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich ihnen mit neuer, existentieller Dringlichkeit. Wo ein Mangel an Glauben herrscht, gibt es weniger Hoffnung. Und wo Hoffnung schwindet, verbreiten sich Ängste und Unsicherheiten. Das ist ein Preis der Säkularisierung unserer Gesellschaft.
Es gibt in unserer Gesellschaft ein tiefes Bedürfnis, ja einen Hunger nach Sicherheit und Orientierung. Hier liegt eine große Aufgabe gerade auch für die Kirchen. Dies ist eine große Chance. Gelegentlich habe ich das Gefühl, daß manche in den Kirchen diese Chance zu wenig nutzen - vielleicht, weil sie sich zu sehr mit sich selbst beschäftigen. Die Gefahr ist groß, daß dann andere in diese Lücke stoßen - und zwar mit Ideologien, die nicht frei, sondern abhängig machen.
Ich wünsche mir, daß die Menschen ihre Kirche als eine Kraft erleben, die ihnen in dieser Zeit großer Veränderungen Wege weist und Mut macht. Das setzt natürlich voraus, daß die Kirchen selbst Zuversicht ausstrahlen. Der Schlüssel dazu liegt in der unbeirrten Verkündigung des Wortes Gottes.
Ich freue mich deshalb sehr, daß Sie den Gottesdienst zum inhaltlichen Schwerpunkt Ihrer Tagung gemacht haben. Aus dem Wort Gottes erwachsen Kraft und Hoffnung - nicht aus den apokalyptischen Visionen falscher Propheten.
Im Mittelpunkt unseres christlichen Glaubens steht die Frohe Botschaft. In diesem Geist können und müssen die Kirchen mit darauf hinwirken, daß die Menschen die Herausforderungen unserer Zeit nicht in erster Linie als Risiko, sondern als Chance begreifen.
Dies setzt den Mut zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme voraus. Wir Deutschen leben nicht in einer Nische, an der die globalen Veränderungen vorbeigehen. Wenn wir nicht bereit sind, umzudenken und die notwendigen Entscheidungen zu treffen, dann wird unser Land unweigerlich absteigen.
Uns stellt sich immer dramatischer die Frage, wie wir im verschärften internationalen Wettbewerb unseren Spitzenplatz bewahren - und damit Arbeit und soziale Sicherheit für die Menschen in unserem Land.
Ich habe mit Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen, was die Kirchen in ihrem Gemeinsamen Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland geschrieben haben. Und ich bin mit Ihnen der Überzeugung: Das "Ja" zum Wettbewerb bedarf stets der Ergänzung durch das "Ja" zum Miteinander und zum Füreinander in unserer Gesellschaft. Wie Freiheit und Verantwortung, so gehören auch Leistung und Gemeinsinn untrennbar zusammen.
Dieses Miteinander und Füreinander muß sich ganz besonders bewähren bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Für mich bleibt es die größte soziale Ungerechtigkeit, wenn Menschen, die arbeiten wollen, keinen Arbeitsplatz finden.
Wenn wir den Arbeitslosen in unserem Land wirklich helfen wollen, dann kommen wir nicht umhin, in vielen Bereichen neue Wege einzuschlagen, und das heißt auch: Kosten zu senken und Sozialleistungen umzuschichten.
Wer bei jeder notwendigen Reform nur Stoppschilder und Barrieren aufstellt, hilft nicht den arbeitsuchenden Menschen und ihren Familien, sondern in Wahrheit nur bestimmten Interessengruppen.
Wir wollen eine menschliche Gesellschaft im 21. Jahrhundert gestalten - eine Gesellschaft in Frieden und Freiheit, in Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit. Wir haben alle Möglichkeiten dazu, wenn wir nur wollen.
Globalisierung heißt ja nicht nur verschärfter Wettbewerb, sondern auch neue Märkte und neue Chancen. Im übrigen eröffnen sich damit auch neue Perspektiven für die Menschen in den aufstrebenden Ländern Asiens oder Lateinamerikas. Wer es ernst meint mit der weltweiten Solidarität, der muß eine solche Entwicklung begrüßen.
Chancen liegen auch in den revolutionären technologischen Neuerungen unserer Zeit. Sie bilden ein gewaltiges Potential, das wir erschließen müssen, um
- neue Arbeitsplätze zu schaffen,
- Hunger, Elend und Krankheit in der Welt zu bekämpfen und
- die Schöpfung zu bewahren.
Und wenn wir von den Chancen des Wandels sprechen: Nie waren Frieden und Freiheit für die Menschen in unserem Land so sicher wie heute. Wann jemals konnte man einer jungen Generation in Deutschland sagen, daß sie nach menschlichem Ermessen niemals in einen Krieg wird ziehen müssen?
Unser Vaterland ist in Freiheit wiedervereint. Das kommunistische Imperium ist zerbrochen, der Ost-West-Konflikt überwunden. Ganz Europa wächst zusammen auf der Grundlage der Werte, die maßgeblich im christlichen Glauben begründet sind. Es gibt überhaupt keinen Grund für Kleinmut und Resignation!
Wer hätte vor zehn Jahren beispielsweise die Voraussage gewagt, daß schon bald auch im Osten unseres Kontinents die Freiheit der Religionsausübung gewährleistet sein werde?
Diese Entwicklung ist für uns alle ein Anlaß zu großer Freude. Um so erbärmlicher ist es, daß heute in Deutschland manche den Religionsunterricht aus den Schulen verdrängen wollen.
Ich halte dies für einen Skandal, und ich kann nicht verstehen, daß solchen Tendenzen nicht häufiger und vernehmlicher widerprochen wird. Der Angriff auf die religiöse Erziehung unserer Kinder muß uns als Christen wie als Staatsbürger alarmieren.
Wir sind auch als Staatsbürger betroffen, weil es hier nicht zuletzt um Grundwerte der freiheitlichen Demokratie geht. Konfessioneller Religionsunterricht ist kein überholtes Privileg der Kirchen, sondern eine notwendige Aufgabe des säkularen Staates. Darauf haben Sie auf lhrer Tagung im Mai zu Recht hingewiesen.
Für uns Christen ist der Glaube der eigentliche Ursprung der Verantwortung, die uns in der Welt und für die Welt auferlegt ist. Auch wer die Glaubenslehre der christlichen Kirchen nicht teilt, muß ihre herausragende, ja ihre tragende Rolle für unsere demokratische Ordnung anerkennen.
Religiöse Bildung ist etwas völlig anderes als eine Anhäufung religionskundlichen Wissens oder philosophisch-ethischer Theorien. Junge Menschen müssen auch erfahren können, wie man Glauben lebt. Wer religiöse Toleranz mit religiöser Äquidistanz gleichsetzt, verweigert jungen Menschen eine unentbehrliche Hilfestellung bei ihrer Suche nach Orientierung.
Hier geht es um ein Thema, das für die Zukunft unserer Gesellschaft von entscheidender Bedeutung ist. Ich bin sicher: Wir verfügen über die notwendigen materiellen Voraussetzungen, um unsere wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu lösen. Aber ob wir die Zukunft gewinnen können, ist ganz wesentlich eine Frage der geistigen Verfassung unseres Landes.
Es geht dabei um die immateriellen Werte, um unser Verständnis von Freiheit, um die Bedeutung von Tugenden und den Stellenwert der Familie. Es geht nicht zuletzt auch um die Kraft des Glaubens und die Rolle der Kirchen.
Deshalb gilt es, jene Institutionen zu stärken, die Werte vermitteln und den Menschen so Halt und Orientierung geben können.
Die zentrale Bedeutung der christlichen Botschaft für das Wertefundament unserer Demokratie hat der Rat der EKD in seiner soeben veröffentlichten Erklärung "Über das Verhältnis des demokratischen Rechtsstates zum Christentum" eindringlich unterstrichen. Ich bin Ihnen sehr dankbar für dieses zukunftsweisende Wort.
Das gemeinsame Wertefundament zu bewahren, ist der Kern der bewährten Partnerschaft von Kirchen und Staat in der Bundesrepublik Deutschland.
Vor allem müssen wir das Bewußtsein für den unauflöslichen Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung stärken. Freiheit ohne Verantwortung führt in neue Formen der Abhängigkeit. Erst in der Verantwortung für unser eigenes Leben, für den Mitmenschen, für die Gemeinschaft und für die Schöpfung ist wirkliche Freiheit erlebbar. Es geht letztlich um unsere Verantwortung vor Gott.
Die Kirchen sind es, die die Frage nach einer den Staat und die Gesellschaft übersteigenden Wirklichkeit, nach der letzten Sinngebung menschlicher Existenz offenhalten. Auf diese Weise erinnern sie zugleich daran, daß irdischer Macht Grenzen gesetzt sind, die diese nicht überschreiten darf.
Wer die Fehlbarkeit und Schuldhaftigkeit des Menschen leugnet, läuft Gefahr, an Politik ideologische Heilserwartungen zu knüpfen. Die beste Immunisierung dagegen ist die Stärkung des Glaubens und der christlichen Institutionen.
Meine Damen und Herren, den Auftrag, die Welt mitzugestalten, verstehen wir Christen als Pflicht. Und in diesem Sinne lade ich Sie ein: Tun wir gemeinsam unsere Pflicht. Wir wollen für die kommenden Generationen eine gute Zukunft gestalten - eine Zukunft des menschlichen Miteinanders in einem vereinten Vaterland, in einem vereinten Europa.
Stellen wir uns dieser Heraustorderung - jeder in seiner Verantwortung, aber vereint durch unsere christliche Überzeugung und mit der Zuversicht, dem Gottvertrauen und nicht zuletzt dem fröhlichen Herzen, die einem Christen gut anstehen.
Ihnen allen, die Sie sich zur neunten Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland versammelt haben, wünsche ich fruchtbare und erfolgreiche Beratungen hier in der alten Reichsstadt Wetzlar.
Bei den Grußworten handelt es sich um nicht redigierte Texte!

