Grußworte

2. Tagung der 9. Synode der EKD (2.-7. November 1997, Wetzlar)

Bischof Dr. Karl Lehmann

Grußwort des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz zur Verabschiedung des Vorsitzenden des Rates Landesbischof Prof. Dr. Klaus Engelhardt

Dr. Karl Lehmann

Sehr herzlich danke ich dem Präses der Synode, Herrn Dr. Jürgen Schmude, als Gast heute in Ihrem Gottesdienst und während dieser Synodentagung sein zu dürfen. Vor einiger Zeit, als wir miteinander letzte Hand an die endgültige Fassung des Gemeinsamen Wortes "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" legten, haben Sie mich am 22.2.1997 in Hannover zu einer Sitzung des Rates eingeladen. Nicht nur für die alte Kirche waren solche Gelegenheiten des Besuches ein Ausdruck kirchlicher Gemeinschaft, sondern sie sind auch für uns heute ein sichtbares Symbol wachsender Communio.

Im übrigen ist dies nicht nur ein Ausdruck zwischenkirchlicher Höflichkeit, sondern wirklich gemeinsamer Zusammenarbeit, die uns zwar letztlich geschenkt wird, aber dennoch nicht einfach in den Schoß fällt. Da ich nun selbst gerade auf zehn Jahre in meiner Aufgabe als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz zurückblicken kann, darf ich in großer Dankbarkeit an die gemeinsame Zeit mit den beiden Vorsitzenden des Rates denken, nämlich der fruchtbaren Zusammenarbeit mit Bischof Dr. Martin Kruse (1985 - 1991) und mit Landesbischof Prof. Dr. Klaus Engelhardt (1991 - 1997). Dazu ist es mir immer wieder eine große Freude, mit Landesbischof i.R. Prof. Dr. Eduard Lohse den Vorsitz im Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen zu teilen und gemeinsam ausüben zu können.

Gerade die letzten fünf Jahre waren in vieler Hinsicht von einer wachsenden engen Zusammenarbeit geprägt. Ich denke dabei nicht nur an die großen gemeinsamen Dokumente zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland, zu den Herausforderungen durch Migration und Flucht und zu den Chancen und Risiken der Mediengesellschaft, die wir allein in diesem Jahr gemeinsam der Öffentlichkeit vorstellen durften. Sondern ich denke auch an kleine und große Bemühungen um eine gemeinsame Aussage zu wichtigen Gestaltungsproblemen unserer Gesellschaft: die Eigentumsfrage in der ehemaligen DDR (1991), die Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in den jungen Ländern (1995), die Klimafrage usw. Im Blick auf die schwierigen Probleme der Asylgesetzgebung (1993) und eine gemeinsame Stellungnahme zum Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin (1997) konnten wir uns in mühseligen, aber am Ende fruchtbaren Konsultationen zu einem Konsens durchringen. In dieser Zeit hat auch die gemeinsame Woche für das Leben immer mehr Profil gewonnen. Auch hier denke ich an gemeinsame Eröffnungsveranstaltungen und gemeinsame Verlautbarungen, wie z.B. "Im Sterben: umfangen vom Leben" (1996) und "Wieviel Wissen tut uns gut? Chancen und Risiken der voraussagenden Medizin" (1997). Viele kleine Initiativen und Abstimmungen, gemeinsame Grußworte und Briefe an die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft kommen hinzu. Der Konsultationsprozeß zum Wirtschafts- und Sozialwort hat uns hier über mehrere Jahre besonders eng zusammengeführt. Ich denke hier z.B. auch an das gemeinsame Auftreten beim Sozialstaatscharta-Gipfel des DGB in Köln.

Das Netz ist in diesen Jahren enger geworden. Wir haben dadurch nicht nur ein wichtiges gemeinsames Zeugnis gegeben, sondern wir konnten auch Orientierungen aus christlichem Geist stärker unseren Kirchen und der Gesellschaft vermitteln. Es ist gut, daß wir nach vielen gemeinsamen Aussagen in der Theologie, vor allem auch im Blick auf das Projekt "Lehrverurteilungen" und das gemeinsame Credo, damit ein zweites Standbein der Ökumene in unserem Land aufrichten konnten, das nicht minder wichtig ist. Davon ging dann auch manche Befruchtung aus für die gemeinsame Präsenz in unseren europäischen kirchlichen Gremien, nicht zuletzt auch hinsichtlich einer Aussage über die Kirchen im Umkreis des Maastrichter Vertragswerkes.

Wir sind uns jedoch bewußt, daß diese vornehmlich sozialethischen Aussagen nicht im luftleeren Raum stehen, nicht ein gesellschaftspolitisches Alibi für mangelnde Präsenz des Glaubenszeugnisses oder Ausdruck eines ökumenischen Aktionismus werden dürfen. Wir brauchen dringend die gründliche, verläßliche Fundierung dieser gemeinsamen Worte im Zentrum aller Theologie. Darum war uns auch in den Grenzen unserer Zuständigkeit die gemeinsame Botschaft der Rechtfertigung ein zentrales Anliegen. Wir könnten auf die Dauer nicht sozialethische Programme verkünden, wenn wir keine verantwortliche, tragfähige Gemeinsamkeit in diesem theologischen Kernbereich hätten. Aber umgekehrt fließt auch manche Einsicht unserer Konsultationen wieder positiv in diese Mitte bereichernd zurück. Wir sind deshalb gegen Einwände, gerade wenn sie von kompetenter Seite kommen, sensibel. Aber wir bitten auch sehr herzlich, knappe und einfache Texte, hinter denen große und lange Konsensbemühungen stehen, differenziert und immer auch im Blick auf den anderen Partner zu lesen. Wenn wir dies tun, werden wir dankbar bleiben für den erreichten gemeinsamen Schritt nach vorne, so viel auch noch jenseits eines Grundkonsens es zu klären bleibt. Unsere Generation, die sonst an solchen Chancen eher arm ist, entscheidet hier über eine Weichenstellung, die vermutlich in dieser Form nicht öfter möglich ist. Ich muß es mir versagen, hier auf mehr Einzelheiten einzugehen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, aus meiner Sicht und Erfahrung wäre dies alles nicht möglich, ohne daß die wachsende Kooperation auch eine Entsprechung findet im persönlichen Verhältnis und Miteinander all derer, die in unseren Kirchen Verantwortung tragen. Es ist mir darum ein großes Bedürfnis, Ihnen, verehrter Herr Ratsvorsitzender, lieber Bruder Engelhardt, einen herzlichen Dank zu sagen für das Glück, in diesen vergangenen sechs Jahren mit Ihnen für diese Ziele zusammenarbeiten zu dürfen. Galt dies schon für die Zeit mit Martin Kruse, so hat sich dies auf eigene, segensreiche Weise mit Ihnen fortgesetzt. Ich hatte in Ihnen stets einen Partner, der zuhören konnte, der die Sorgen des anderen begriff, der grundehrlich blieb und darum auch äußerst verläßlich war. Sie waren grundsatzfest, darum konnten Sie auch in vielen Dingen flexibel sein. Ohne es zur Schau zu stellen, waren Sie tief verankert im Glauben der Bibel und in den Zeugnissen Ihrer Väter des Glaubens. So fanden wir auch persönlich immer mehr zueinander und konnten uns vieles gegenseitig anvertrauen, was wir nicht immer in den eigenen Reihen so aufrichtig miteinander besprechen konnten. Auch bei unterschiedlichen Temperamenten fanden wir in den Gottesdiensten und Predigten zu einer wirklichen Symphonie, die gerade beim Reichtum mancher Verschiedenheit zu einem wirklichen Gleichklang kommt. Dafür und für vieles andere möchte ich ein herzliches Vergelt's Gott sagen.

Ohne das gute Verhältnis zu unseren Gremien, zu Ihrer Synode und ihrem Präses, zum Gesprächskontaktkreis, zu den allermeisten Gliedkirchen und ohne den hohen Einsatz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - ich darf hier besonders Herrn Bischof Dr. Löwe und Herrn Vizepräsident Dr. Barth nennen - wäre uns dies nicht gelungen. Meine sehr verehrten Damen und Herren, Ihnen allen gebührt darum tiefer Dank.

Dieser Rückblick erlaubt bei aller Freude keine Nostalgie. Solange unsere Kirchen noch getrennt sind und manches in der Gemeinschaft schmerzlich offenbleiben muß, müssen wir nach vorne blicken und uns auf den weiteren Weg machen. Ich bitte Sie alle sehr herzlich, auf dem guten Fundament dieser Jahre dies nun in der Hoffnung und Zuversicht des Glaubens gemeinsam zu wagen. Gottes Segen für Ihre Arbeit und Ihre Entscheidungen in diesen Tagen.


Bei den Grußworten handelt es sich um nicht redigierte Texte!



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