Grußworte
7. Tagung der 8. Synode der EKD (3.-7. November 1996, Borkum)
Dr. Richard von Weizsäcker
Bundespräsident a.D.
Herr Präses, liebe Synodale, meine Damen und Herren! Zunächst möchte ich Ihnen für die Freundlichkeit der Einladung danken, daß ich wieder einmal in Ihre Mitte zurückkehren darf, aus der ich wie so viele andere von uns alles Wesentliche empfangen habe für das, was außerhalb dieses Kreises an Aufgaben auf uns gewartet hat oder noch wartet. Jetzt ein Grußwort zu sprechen, ist deswegen schwierig, weil das, was der Ratsbericht uns allen gestern hauptsächlich empfohlen hat, in der Bibelarbeit ja praktiziert worden ist.
Ich möchte aber doch so tun, als dürfte ich noch wie früher, und auch über den Ratsbericht sprechen, für den ich herzlich dankbar bin und der uns wohltut. Ich erlaube mir, über drei Themen daraus kurz zu sprechen: erstens über das Wächteramt gestern und heute, zweitens zum Konsultationsprozeß und dem Markt und drittens zur Bildungsverantwortung. Alle drei Themen haben, so wie ich sie sehe, zentral mit unserem Verhältnis zwischen Ost und West im eigenen Land zu tun.
Im Ratsbericht heißt es, daß das Wächteramt der Kirche, wenn es in politisches Engagement umgesetzt ist, wie verbraucht anmutet. Ich finde, das ist eine gute Mahnung, darüber nachzudenken, was denn mit einem solchen Wächteramt gemeint sein kann und was nicht. Es ist ja nicht so, daß die politische Substanz eine Schatztruhe wäre, die wir zu bewachen haben.
Es kann auch nicht darum gehen, Politik zu "machen", aber es geht halt doch darum, Politik möglich zu machen. Das ist es, was nach meinem Verständnis mit dem Begriff "Wächteramt" verbunden war und, soweit ich sehe, auch bleibt.
Denken wir an die Ostdenkschrift aus der Mitte der sechziger Jahre, überdies ein zentrales gemeinsames Werk zwischen Ost und West damals. Das war keine Handreichung für die richtige Politik oder für bestimmte politische Entscheidungen, aber ein Beitrag dazu, Voraussetzungen für ein ureigenes Ziel der Kirche zu liefern, nämlich Versöhnung. Schon damals, in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, ging es darum, uns aus dem Gefängnis eines politischen und eines medialen Jargons zu befreien und statt dessen eine humane Atmosphäre im deutsch-polnischen Verhältnis herzustellen, das Verlangen zu respektieren, daß die Zukunft nicht allzulange durch eine ungeklärte Vergangenheit belastet bleiben dürfe. Wie sonst soll man sich denn versöhnen? Das ist, wie ich meine, kein angemaßtes politisches Wächteramt, sondern das ist die Sprache der Kirche, die Hilfe der Kirche, unsere Sache, unser Glauben.
Was damals im deutsch-polnischen Verhältnis durch jene Denkschrift vorangebracht werden konnte, wiederholt sich natürlich nicht in der gleichen Weise. Trotzdem bin ich dafür dankbar, daß der Ratsvorsitzende gestern auch zu der noch nicht verabschiedeten Erklärung zwischen der Tschechischen Republik und unserem Land gesprochen und sie angemahnt hat.
Es ist ja ganz richtig, daß man im Verhältnis zwischen diesen beiden Völkern auch ohne eine solche Erklärung weiterkommen könnte. Aber man kann nicht anfangen, eine solche Erklärung in die Welt zu setzen mit dem ausdrücklichen Ziel, einander näherzukommen, die Zukunft nicht immer weiter durch die Vergangenheit belasten zu lassen - und sie dann einem anderthalbjährigen öffentlichen Disput anheimzugeben, ohne zu einer Entscheidung vorzudringen. Es geht auch nicht gut, daß man von der Aufgabe einer, soweit es gerade noch geht, materiellen Wiedergutmachung gegenüber Menschen spricht, von denen kaum noch jemand lebt, und dann die damit verbundene Erklärung immer weiter hinausschiebt. Das Wort des Ratsvorsitzenden zu dieser Erklärung halte ich für außerordentlich wichtig, und es wird hoffentlich seine Frucht tragen.
Aber auch heute, wenn auch nur bedingt vergleichbar und doch irgendwie verwandt, stellt sich eine ähnliche Aufgabe im Ost-West-Verhältnis in unserem eigenen Land. Auch hier geht es darum, unsere Sprache zu finden, wie das im Ratsbericht, meine ich, sehr eindrucksvoll geschehen ist; eine Sprache, um der Verklemmung des Denkens und damit neuer Entfremdung zu wehren; eine Sprache, die eine Art quasi unbewußten Klassenkampfjargons zwischen West und Ost nicht weiter aufkommen läßt; aber auch, um persönliche Vergangenheiten nicht immer weiter die Zukunft belasten zu lassen. Diese Aufgabe ist noch nicht erledigt.
Gewiß, die Kirche muß dazu selbst auf einigermaßen festen Füßen stehen. Wiederum ist es ein Satz im Ratsbericht, für den ich dankbar bin, in dem es heißt: "Die Kirche selbst soll mit ihrem Erbe aus der DDR-Zeit offensiv umgehen." Das ist nicht immer geschehen und vielleicht auch nicht ganz rechtzeitig. Aber es ist gut, daran zu erinnern, und wir brauchen das auch jetzt.
Natürlich wissen wir alle, daß es Starke und Schwache gab, daß Mut und Klugheit unterschiedlich verteilt waren. Dennoch, ohne auf die Vergangenheit, was die Kirche selbst betrifft, im einzelnen eingehen zu wollen: Die Kirche muß sich nicht nur, sie kann sich klar und deutlich zu ihrem Leben in der DDR bekennen.
Noch heute verwaltet für die ganze Gesellschaft ein Pfarrer die Untaten der Stasivergangenheit und mahnt ihre Ahndung an.
Er hat ein schweres verantwortliches Amt. Trauen wir ihm die Kraft dafür zu und wünschen wir sie ihm.
Die Sache der Kirche ist damit nicht erfüllt. Noch heute ist es nötig und hilfreich, auf Frieden hinzuwirken. Es gilt, zu der schwierigen Wahrheit vorzudringen. Versöhnung ohne Wahrheit wird nicht mißlingen, aber je mehr wir eindringen, desto mehr müssen wir auch ehrlicherweise feststellen, wie schwierig es ist, zu ihr vorzudringen. Wo tiefer innerer Zwiespalt vorlag, wo sogar Zweideutigkeit unvermeidlich schien, wer will da nachträglich Eindeutigkeit herstellen? Und Wahrheit ohne Aussicht auf Versöhnung ist unmenschlich. Das Wächteramt ist nicht eine politische Aktion, aber ein Dienst unter Menschen.
Wir haben es, wie ich glaube, je länger desto mehr mit Fragen nicht speziell des Ostens zu tun, sondern mit Fragen, die uns, je weiter wir vordringen in der Zeit zwischen Ost und West, auch immer weiter verbinden.
Das betrifft meinen zweiten Punkt auch. Der Konsultationsprozeß hat, soweit ich das beurteilen kann, wie kaum ein anderes öffentliches Forum, mit einer Breite und Tiefe sich der wirtschaftlichen und sozialen Lage gestellt, für die ich sehr dankbar bin. Nun wird also auf ein kirchliches Wort zugesteuert, und auch ich habe natürlich die Hoffnung, daß kirchenleitende Weisheit nicht ein Gegensatz zu kirchenleitender Deutlichkeit werden möge.
Das ist ein Appell, der nicht nur an die hier versammelte Kirche gerichtet ist.
Wir haben die Aufgabe, in unserem Land die Wettbewerbsfähigkeit herzustellen, ohne den sozialen Zusammenhalt, den sozialen Frieden zu verlieren. Das sind zentrale Fragen der Wirtschaftspolitik und der Sozialpolitik. Die herkömmliche Stärke der christlichen Soziallehre und zumal der evangelischen Sozialethik ist in diesem Zusammenhang, wie ich meine, sehr wichtig - nicht nur der Sozialethik, sondern der Ethik überhaupt. Daran denke ich, wenn von der Stimme der Kirche bei der Suche unserer Gesellschaft nach Orientierung die Rede ist. Denn diese Orientierungssuche hat ja ganz zentral mit den Themen zu tun, die im Konsultationsprozeß auf der Tagesordnung stehen.
Umstritten ist nicht die überlegene Effizienz des Marktes, seine ökonomischen Leistungen, aber sein Einfluß auf das Ganze des Lebens und damit seine menschliche Akzeptanz, das wird immer schwerer - im Osten, aber zunehmend auch im Westen. Dabei geht es um die allgemeine Frage nach den menschlichen Bedürfnissen und nach ihrem Einfluß auf den Markt oder dem Einfluß des Marktes auf sie, nach ihrer Verträglichkeit. Davon ist, wie ich finde, in unserer evangelischen Sozialethik und Ethik zur Zeit zu wenig die Rede oder zumindest zu wenig zu hören. Es ist merkwürdig, daß in unserer liberalen Gesellschaft, in der säkularisierten Gesellschaft, es über diese Themen eine wachsende lebhafte Diskussion gibt - nicht nur bei uns, vor allem in Amerika. Denken Sie an die berühmten Communitarier und deren Standardwerken mit den Titeln "Jenseits des Egoismusprinzips" und "Die Entdeckung des Gemeinwesens. Das sind säkular behandelte Themen dort.
Sind wir als Christen hörbar und spürbar an dieser Diskussion, an dieser Sache beteiligt? Wir haben doch allen Grund dazu. Wir brauchen nur zu denken an unser Menschenbild von der Einmaligkeit und Würde der Person. Daraus wurden unsere Werte von der Freiheit, vom Schutz des Schwachen und von der Hilfe für ihn, aber auch von den Gütern der Welt. Im Mittelpunkt steht nicht eine Gemeinschaft, sondern das Individuum. Ihm sind die Güter der Welt zugeordnet, ihre Schätze setzen sich aus Eigentumstiteln zusammen.
Und nun also hat die Individualisierung durchgeschlagen. Auch davon war im Ratsbericht, Herr Ratsvorsitzender, die Rede. Sie hat durchgeschlagen zu weit, zu rücksichtslos, zu lebensbestimmend. Wir haben unser Menschenbild exportiert, es war eine Expansion um die ganze Welt. Diese wurde für uns christlich geprägte Europäer zum Markt, zur Rohstoffquelle und da und dort auch zur Müllkippe. Das ist auch eine Art von Globalisierung. Und unsere Ziele zu Hause sind dann länger leben, gesünder leben, wohlhabender leben und unterhaltsamer leben. Das ist eine exzessive Individualisierung bis hin zur Entpflichtung im persönlichen Umfeld von Eltern gegen Kinder, von Jugendlichen gegen Ältere, von Bürgern gegenüber dem Gemeinwesen.
Ich will die Schilderung nicht fortsetzen, sondern nur sagen: Das sind Themen, die jeden Menschen etwas angehen, ganz egal, was für eine Religion er für sich für richtig hält oder ob er gar keine in Betracht zieht. Das sind Themen, die viele beschäftigen. Communitarier tun es. Ihr Kopf heißt Etioni, vorher hieß er Werner Falk. Er ist ein jüdischer Emigrant aus Köln, Überdies ist er ein Schüler von Martin Buber, von dem wir vorhin so Gutes gehört haben, ein von Martin Buber zutiefst geprägter Mann, aber in einer säkularisierten liberalen Diskussion über dieses Thema.
Meine Hoffnung ist, daß wir uns als Christen, als Kirchenleitung, vor allem als Laien lebhaft beteiligen, um die exzessive Individualisierung zu erkennen und zu sehen, wie wir mit ihr umgehen können. Denn sie hat etwas mit unserem christlich geprägten Menschenbild in der Entstehung zu tun. Aber dieses Menschenbild bietet doch wahrlich auch die Ansätze, mit aller Nüchternheit die Funktionskraft des Marktes zu respektieren, aber ohne das Leben schlechthin vom Markt, von seinen dort besonders nützlichen Eigenschaften allein ausfüllen zu lassen. Ich meine, von uns als Christen erwarten die Menschen auf der Suche nach Orientierung eher noch stärker dazu eine Hilfe als zu konkreten wirtschaftspolitischen und sozialpolitischen Entscheidungen.
Die Politik läuft dem Markt hinterher, der Markt läuft den menschlichen Bedürfnissen hinterher. Um welche menschlichen Bedürfnisse es geht, das ist eine Frage an uns, das ist unsere Frage.
Mein drittes Thema ist erst recht ein Thema von Ost und West, auch wenn es sich an einem Ostthema besonders entzündet hat: Die Bildungsverantwortung. Ich glaube, der Herr Präses hat uns nach Borkum eingeladen, weil hier alle Autoschilder des Kreises LER heißen und damit unser Thema LER - Lebensgestaltung, Ethik, Religion - in uns wachrufen. Von der Bildungsverantwortung ist scheinbar nur ein sehr kleiner zwingender Schritt zu dem zur Zeit im Gang befindlichen Kampf gegen LER.
Der ist nun zur Verfassungsrechtsfrage geschrumpft. Aber die wichtigeren inhaltlichen Fragen kann das Gericht nicht beantworten. In der Tat, es ist gewiß richtig, was im Ratsbericht steht, daß es nämlich kein guter Vorwurf an die Adresse der Kirche ist, zu sagen, sie kämpfe hier nur um Privilegien, auch wenn man hinzufügen darf, daß es natürlich Sache der Kirche selbst ist und nicht Sache staatlicher Hilfe, daß die Kirche lebt und wirkt.
Aber das Problem sehe ich mehr darin, daß es doch eine gemeinsame Sache von Ost und West ist, nicht welche staatliche Hilfe, sondern welchen Inhalt der Religionsunterricht hat. Davon war ja schon gestern die Rede. Ist denn die westliche Praxis immer ein so gutes Modell für den Osten? Wie groß ist denn, konkret gesprochen, der Unterschied zwischen viel westlichem Religionsunterricht und dem Ziel von LER, wenn auch bisher noch kaum von seiner Praxis?
Man stößt halt im Osten nicht laut, aber ernsthaft auf Fragen, wie es denn in der Substanz und in der Lebenspraxis aussieht mit der Gottesfülle im Westen und der Gottlosigkeit im Osten. Je mehr Kirche davon spürbar macht, von einer solchen Frage umgetrieben zu sein, desto verständlicher würde dann auch ein Rechtsstreit. Er nimmt seinen Lauf, aber wir haben die Chance, das Thema zu nutzen, um gemeinsam zwischen Ost und West zu lernen, worum es geht.
Wir haben das ja oft genug versäumt. Anfangs haben wir gesagt, wer sich vereinigen will, muß teilen lernen, und haben dabei nur ans Geld gedacht. Aber wer sich vereinigen will, muß teilen lernen auch in bezug auf die geistigen Fragen.
Ich will hier kein Religionsunterrichtsmodell propagieren oder angreifen, aber eines müssen wir im Westen doch wenigstens sehen, daß LER nun wirklich nicht eine Erfindung der SED ist.
Es hat lange Diskussionen gerade unter Christen in ihrer Bedrängnis gegeben, Alternativmodelle zu entwickeln gegenüber dem, was der Staat in Wirklichkeit unterbinden wollte, und es hat ja immerhin auch eine Kirche gerade in dem betreffenden Land selbst gegeben, die lange genug gebraucht hat, um überhaupt zu glauben, daß sie den Mut finden würde, Religionsunterricht anbieten zu können. Es ist nicht eine Erfindung der SED, es ist ein Problem von uns zusammen.
Schließlich müssen wir Kirchen ja auch gemeinsam aufpassen und dafür sorgen, daß über Fragen dieser Tiefe keine neuen Versäumnisse und keine neuen Trennungen entstehen.
Und wir verdienen es doch auch als Kirche nicht, bei ernsthaften Menschen im Osten in einen Topf geworfen zu werden mit einigen jener wenig gut beratenen Westler in Berlin, die es für richtig befunden haben, bei der Volksabstimmung über die Fusion zwischen Brandenburg und Berlin mit dem Plakat zu werben - ich zitiere -: "Für ein christliches Preußen!" - Der alte Fritz hätte sich darüber nur ins Fäustchen lachen können.
Aber natürlich hat dieses Plakat manchen durchaus nicht gottlosen Brandenburger veranlaßt, so eine Fusion nicht zu wollen. Ich sage noch einmal mit Nachdruck: Aus der Kirche sind solche Töne nie zu hören gewesen, aber wir wollen damit auch nicht in einen Topf geworfen werden. Es wäre ganz gut gewesen, wenn wir uns damals vielleicht noch etwas lauter dazu geäußert hätten, als die Plakate sichtbar wurden. Einige haben es dankenswerterweise getan.
Wir wollen und wir werden uns vereinen. Dazu kann, muß und wird Kirche entscheidend helfen. Das ist ein Wächteramt, das sich nicht an die Stelle der politischen Entscheidungen setzt, sondern das ist ein Dienst. Es ist ein dienendes Amt am Menschen. In diesem Sinne möchte ich dafür plädieren, daß es uns in der Sache erhalten bleibt.
Ich danke Ihnen vielmals, Herr Präses, daß Sie mir Gelegenheit gegeben haben, zu kommen und mit Ihnen zu sprechen.
Bei den Grußworten handelt es sich um nicht redigierte Texte!

