Beschlüsse

3. Tagung der 9. Synode der EKD (1.-6. November 1998, Münster)

Kundgebung zur Zukunft der Diakonie

Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes. (1. Petrus 4,10)

Meine Freunde, es tut eines not, daß die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit anerkenne: "die Arbeit der innern Mission ist mein!", daß sie ein großes Siegel auf die Summe dieser Arbeit setze: die Liebe gehört mir wie der Glaube. (Johann Hinrich Wichern)

1. Diakonie heißt Dienst. Sie ist gelebte Nächstenliebe.

In diesem Jahr gedachten die evangelischen Christen in Deutschland des 150. Jahrestages des Wittenberger Kirchentages von 1848 mit der programmatischen Rede Johann Hinrich Wicherns zum diakonischen Auftrag der Christen und ihrer Kirche. Von dem Impuls, den Wichern gegeben hat, ist eine Erneuerung der evangelischen Kirche ausgegangen, die auch einen neuen Zugang zu Menschen geschaffen hat, die der Kirche fernstehen. Aus den diakonischen Aufbrüchen, die neben Wichern und dem Central-Ausschuß für Innere Mission besonders dem Pietismus und engagierten Christen im vorigen Jahrhundert zu danken sind, sind Einrichtungen entstanden, die der diakonischen Arbeit der Kirche Kontinuität und Stabilität verliehen haben. Viele Arbeitsfelder mit Kindergärten, Krankenhäusern, Einrichtungen der Behinderten-, Jugend- und Altenhilfe, Sozialstationen, Hospizen, Initiativen usf. sind aufgebaut und fortentwickelt worden. Heute ist die Diakonie eine der tragenden Säulen des sozialen Gemeinwesens und des modernen Sozialstaates. Im diakonischen Bereich sind gegenwärtig über 400.000 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Ebenso viele sind ehrenamtlich tätig.

Das Gedenken an den Wittenberger Kirchentag nimmt die Synode zum Anlaß, um an Grundlage und Auftrag der Diakonie zu erinnern und in einer Zeit wirtschaftlicher, sozialer und geistig-kultureller Umbrüche auf den Dienst der Diakonie und ihre Zukunftsaufgaben hinzuweisen. Dazu hat die Denkschrift "Herz und Mund und Tat und Leben" der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Vereinigung Evangelischer Freikirchen wichtige Beiträge geliefert. Die Synode begrüßt diese Denkschrift ausdrücklich und bekräftigt die dort gemachten Aussagen. Sie setzt sich dafür ein, daß ihr in Öffentlichkeit und Kirche Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Denkschrift enthält auch das "Leitbild Diakonie". Die Synode dankt dem Diakonischen Werk der EKD, daß es mit dieser Selbstverpflichtung Orientierung gegeben und Wege in die Zukunft gewiesen hat.

2. Der Dienst am Nächsten ist nach biblischem Verständnis eine Frucht des Glaubens. Glaube und tätige Liebe gehören untrennbar zusammen. Der Glaube wird in der Liebe erfahrbar, und die Liebe wird durch den Glauben eindeutig.

Darum ist Diakonie unveräußerliches Kennzeichen der christlichen Gemeinde. Sie "nimmt sich besonders der Menschen in leiblicher Not, seelischer Bedrängnis und sozial ungerechten Verhältnissen an" (Präambel der Satzung des Diakonischen Werkes der EKD). Sie geschieht in persönlicher Hilfe und Zuwendung sowie im solidarischen Für-einander-Einstehen. In der diakonischen Arbeit der Kirche geht es darum, die Gaben aller, ob in Gemeinden, Initiativen, Einrichtungen, Werken oder Verbänden, einzusetzen.

Diakonie ist zunächst und grundlegend eine Lebens- und Wesensäußerung der persönlichen Nachfolge Jesu und der christlichen Gemeinde; erst in zweiter Linie nimmt sie organisierte Gestalt in Einrichtungen, Verbänden, Vereinen und in den Diakonischen Werken an. Daran zu erinnern ist um so nötiger, als heute in der Kirche das Stichwort "Diakonie" oftmals nur mit ihrer organisierten Gestalt in Verbindung gebracht wird. Wir brauchen eine Wiedergewinnung und Stärkung der diakonischen Dimension im Leben von Christenmenschen und Gemeinden, also in der persönlichen und gemeindlichen Diakonie.

Die Diakonie hat teil am Auftrag der Kirche: die Botschaft von der Liebe und Gerechtigkeit Gottes auszurichten und zum Glauben an Jesus Christus einzuladen. Das spielt schon bei Johann Hinrich Wichern in seiner folgenreichen Rede auf dem Wittenberger Kirchentag vor 150 Jahren eine zentrale Rolle. Für ihn lag das innere wie das äußere Elend seiner Zeit begründet in der "seit lange gereiften Entchristlichung des Volkes". Wir müssen heute feststellen: Gerade dort, wo Brot und soziale Hilfe zur Genüge vorhanden sind, gilt Jesu Hinweis: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht." Mit dem Hören auf Gottes Wort ist es in Wohlstand und Wohlfahrt kaum besser bestellt als in der Not, eher im Gegenteil. Wicherns Programm der "Inneren Mission" gewinnt heute neue Aktualität. Es verdient, unter den veränderten Bedingungen unserer Zeit weiterentwickelt zu werden. In diesen Zusammenhang gehört die Beobachtung, daß diakonische Einrichtungen eine unverkrampfte Begegnung mit Glauben und Kirche ermöglichen; sie bieten einen Erfahrungsraum, in dem gesellschaftliche, ethische und religiöse Fragen konkret und lebensbezogen miteinander verknüpft sind. Deswegen kann Diakonie zur Sprachschule des Glaubens werden.

In der Satzung des Diakonischen Werkes der EKD heißt es: "Da die Entfremdung von Gott die tiefste Not des Menschen ist und sein Heil und Wohl untrennbar zusammengehören, vollzieht sich Diakonie in Wort und Tat als ganzheitlicher Dienst am Menschen." Wir sind den Menschen mehr schuldig als die helfende Hand. "Schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn Jesus Christus" (2. Tim. 1,8). Die Menschen, denen wir mit Taten der Nächstenliebe helfen, brauchen genauso Worte des Trostes, des Zuspruchs und der Ermutigung. Wer für den Leib sorgt, soll auch für die Seele sorgen.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im diakonischen Bereich haben in ihrer Tätigkeit besondere Chancen, die Botschaft von Jesus Christus weiterzusagen. Der missionarische Auftrag der Diakonie sollte bei der Auswahl der Mitarbeitenden, bei ihrer Ausbildung und durch spezielle Maßnahmen der Fortbildung berücksichtigt werden. Es ist auch unerläßlich, daß es dafür eigene kirchliche Aus- und Fortbildungseinrichtungen gibt.

Um den inneren Zusammenhang der Kirche und ihrer Diakonie deutlicher zu machen, ist, unter anderem von der Synode der EKD, vorgeschlagen worden, den Diakonat als ein geordnetes Amt der Kirche einzurichten. Das bedeutet nicht, daß jede Dienstleistung im diakonischen Bereich einer öffentlichen Mandatsübertragung durch die Kirche bedarf; so wie die Ordination zum Predigtamt den allgemeinen Verkündigungsauftrag jedes Christen im Rahmen des Priestertums aller Gläubigen nicht überflüssig macht oder ausschließt, so gehören auch beim diakonischen Dienst Beauftragung mit dem Diakonat und allgemeiner diakonischer Auftrag jedes Christen zusammen.

3. Die diakonische Arbeit steht heute vor großen Herausforderungen und Problemen. Die Synode weist im folgenden auf einige ausgewählte Schwerpunkte hin:

Diakonie und Sozialstaat

Für ein solidarisches und gerechtes Gemeinwesen eintreten: Diakonie hat eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Sie hat den modernen Sozialstaat mitgestaltet, der auf einem partnerschaftlichen Zusammenwirken zwischen Staat und freier Wohlfahrtspflege beruht. Dieses Verhältnis ist im Sinne der Subsidiarität geregelt (so insbesondere im Bundessozialhilfegesetz und im Kinder- und Jugendhilfegesetz). Für den sozialen Rechtsstaat der Bundesrepublik Deutschland sind die Prinzipien der Solidarität, der Pluralität, der Personalität und der Subsidiarität maßgeblich. Im Sinne der vorrangigen Option für die Armen setzt sich die Diakonie für die verantwortliche Gestaltung eines solidarischen und gerechten Gemeinwesens mit guten Lebensbedingungen für alle ein und wendet sich gegen Tendenzen der Entsolidarisierung und gegen die Erosion der sozialen Sicherungen, insbesondere der in ihnen gegebenen Rechtsansprüche. Angesichts des globalisierten Wettbewerbs, hoher struktureller Arbeitslosigkeit und der Defizite der öffentlichen Haushalte muß sich die politische Diakonie neu profilieren. Aufgabe von Diakonie ist auch die gesellschaftspolitische Mahnung.

Das Eintreten für Solidarität und Gerechtigkeit endet nicht an den Grenzen des Nationalstaats. Ökumenische Diakonie muß die europäische und die weltweite Dimension im Blick haben. Dafür stehen die Sofortmaßnahmen der Katastrophenhilfe, Aktionen wie "Brot für die Welt" oder "Hoffnung für Osteuropa" und die gesamte Arbeit des Entwicklungsdienstes.

Soziales Engagement und ehrenamtliche Arbeit fördern: Es ist erfreulich, daß heute in zunehmendem Maße neue Initiativen freiwilligen bürgerschaftlichen Engagements, sowohl in der Form von Selbsthilfegruppen als auch in der Form von freiwilligen sozialen Diensten, entstehen. Der Sozialstaat ist auf solche Mitverantwortung und Mithilfe auf Dauer angewiesen. Die staatliche und institutionell gewährleistete Versorgung muß durch mehr Eigenverantwortung und Verantwortung der kleinen sozialen Einheiten gestützt werden. Der Sozialstaat braucht den Unterbau und die Ergänzung durch eine lebendige Sozialkultur.

Auch die Diakonie hat es in hohem Maße verstanden, freiwillige Arbeit zu mobilisieren und kooperativ mit ehrenamtlichen Kräften zusammenzuwirken. Sie profitiert dabei von der Fortbildung der ehrenamtlichen Kräfte durch ihre Fachverbände. Es ist ermutigend, wie groß die Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement ist, in wie hohem Maß sich gerade jüngere Menschen beteiligen und daß der Anteil der Männer wächst - so sehr die Frauen auch weiterhin das Rückgrat der ehrenamtlichen Arbeit bilden. Von der Diakonie und ihren gut ausgebildeten und erfahrenen Kräften kann eine weitere Stärkung von Eigeninitiative, sozialen Netzen und Freiwilligenarbeit ausgehen.

Auch die Betroffenen selbst sollen mehr zur Bewältigung ihrer Probleme beitragen können. Menschen, die Hilfe benötigen, sollen nicht zu Objekten der Versorgung werden, sondern so weit wie irgend möglich in Eigenverantwortung und Mitverantwortung zur Selbsthilfe befähigt werden. Die Eigenständigkeit des Menschen achten heißt, ihm nach Möglichkeit im Rahmen seiner angestammten und vertrauten Lebenswelt zu helfen.

Die Zusammenarbeit in der Gesellschaft intensivieren - eine Kultur des Helfens entwickeln: Die Aufgabe, bedürftigen Menschen beizustehen, ist Sache aller Bürgerinnen und Bürger, gleich welcher Weltanschauung sie sind. In Partnerschaft mit dem Staat und anderen gesellschaftlichen Einrichtungen geht es der Kirche und ihrer Diakonie um ein Zusammenwirken mit denjenigen Kräften in der Gesellschaft, die für menschenwürdige Lebensbedingungen und ein gerechtes und solidarisches Gemeinwesen eintreten. Dazu gehört auch das Vertreten sozialpolitischer Grundsätze in enger Kooperation mit den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege und anderen sozialen Dienstleistern.

Diakonie ist eine ausgestreckte Hand der Kirche in die Gesellschaft. Deswegen sollten die Angebote sozialen Lernens vom Konfirmanden- und Schülerpraktikum bis zum Freiwilligen Jahr für Ältere, vom Diakonischen Jahr in Europa bis zur Ehrenamtsbörse ausgebaut und weiterentwickelt werden - als Beitrag der Kirche zur Entwicklung einer verantwortlichen Bürgergesellschaft. Denn die Kirche trägt eine unaufgebbare Verantwortung für die Kultur des Helfens in der Gesellschaft.

Die Vorbereitung auf das Leben in der Bürgergesellschaft ist heute eine entscheidende Aufgabe von Bildung und Erziehung. Kindertagesstätten, Schulen und Familienbildungsstätten stellen ihre Arbeit unter das Ziel des Erwerbs sozialer Kompetenz. Die heute notwendige Entwicklung von Schulprofilen und -programmen bietet konkrete Anknüpfungspunkte für die Zusammenarbeit von Diakonie, Gemeinden und Schulen, z.B. in Form von Projekten und Praktika. Über die Motivation zu sozialverantwortlichem Handeln hinaus kann jungen Menschen in der Begegnung mit der Diakonie vermittelt werden, welche Gewißheit und orientierende Kraft aus der biblischen Botschaft gewonnen werden kann.

Diakonie und Wettbewerb

Im Wettbewerb stehen - eigene Akzente setzen: Die Diakonie steht im Wettbewerb und tritt als "Anbieter am Sozialmarkt" auf. Sie ist leistungsfähig. Die damit verbundene Marktorientierung ist dann nicht in Frage zu stellen, wenn sie darauf zielt, die Leistungen möglichst wirtschaftlich zu erbringen und unternehmerisches Handeln zu fördern. Entscheidend ist, daß auch bei der Erbringung sozialstaatlicher Dienstleistungen der Wettbewerb unter gleichen Rahmenbedingungen für alle Anbieter stattfindet. Schwache und Hilfsbedürftige dürfen nicht einfach als "Kunden" behandelt werden, Hilfe und Zuwendung zu Bedürftigen dürfen nicht zu bloßen "Angeboten" oder "Marktartikeln" werden. Bei der Stärkung wettbewerblicher Elemente in der diakonischen Arbeit geht es um einen wirksameren Einsatz der Mittel, um eine stärkere Konzentration auf die bedürftigen Menschen, um ein besseres Wahrnehmen der Hilfe für die Gesellschaft und um ein Herausstellen der persönlichen Zuwendung, die die Diakonie leisten kann. Denn der einzelne, der mit seinen Ängsten konfrontiert ist, wird dem Dienstleister den Vorzug geben, der sich einer besonderen Nähe zum Nächsten verpflichtet weiß.

Es ist notwendig, weiterhin Kosten niedrig und Hilfeleistungen finanziell erschwinglich zu halten. Dies ist auch möglich, ohne zugleich dem Trend zur vollständigen Kommerzialisierung sozialer Arbeit zu erliegen. Die Diakonie muß sich allerdings gegen solche Reglementierungen und Budgetierungen wehren, die einen vernünftigen und verantwortungsvollen Wettbewerb gerade nicht ermöglichen, sondern mit Preisdiktat und Bürokratisierung die Arbeit für den Nächsten erschweren. Es gibt Tendenzen des Wettbewerbs im Sozialbereich, denen man widerstehen muß. So ist es z.B. nicht akzeptabel, daß die Zahl der geringfügig Beschäftigten in diakonischen Einrichtungen zunimmt. Solche Beschäftigungsverhältnisse müssen die Ausnahme bleiben. Ebensowenig darf es dazu kommen, daß Reduzierungen beim Lohn- und Gehaltsniveau, mit denen der Verlust von Arbeitsplätzen abgewendet werden soll, einseitig zu Lasten der Geringverdienenden gehen.

Innovative Ansätze herausstellen und fördern: Gegenwärtig entstehen an vielen Orten und auf verschiedenen Gebieten Initiativen, die sich neuartiger Problemlagen annehmen oder auch herkömmliche Probleme auf neue Art und Weise angehen. Die Hospizbewegung mit ihrer Begleitung und Versorgung schwerkranker und sterbender Menschen kann heute als eindrucksvolles Beispiel für ein innovatives, lokal verankertes, von Freiwilligen und Hauptamtlichen gemeinsam ausgestaltetes neues Handlungsfeld verstanden werden. Aber auch in vielen anderen Bereichen wie etwa der Kinderbetreuung und Jugendarbeit, in Beschäftigungsinitiativen und Selbsthilfegruppen, bei den Obdachlosenmagazinen nach dem Vorbild von "Hinz & Kunzt" und dem Spendenparlament in Hamburg wird soziale Phantasie entfaltet und Neues erprobt. Dies alles zeigt, daß erstaunlich viel soziale Kompetenz in der Bevölkerung vorhanden ist bzw. geweckt werden kann und daß ein hohes Maß an Spendenbereitschaft für innovative - persönlich mitverantwortete - Initiativen da ist. Spenden sollten stärker als eigenständiger Beitrag zur Diakonie gewürdigt werden.

Diakonie und Kirche

Das Besondere der Diakonie deutlich machen: Diakonische Arbeit soll sich auszeichnen durch Menschlichkeit, Fachlichkeit und Engagement, wie sie auch von anderen sozialen Diensten und Initiativen erwartet werden. Dazu gehören die deutliche Orientierung an der Lebenswelt, den Bedürfnissen und Wünschen der Betroffenen, aber auch die Beteiligung der Betroffenen selbst, die ganzheitliche Hilfe, die Fürsprecherfunktion für die Hilfebedürftigen, Wärme und Zuwendung, Verläßlichkeit und Zeit für das Gespräch.

Die Menschen, die die Arbeit der Diakonie in Anspruch nehmen, verlangen mit Recht, daß diese Arbeit auf einem hohen Qualitätsniveau geschieht. Wir haben es dabei mit Menschen zu tun, die den sozialen Diensten sehr viel stärker als früher kritisch begegnen. Es fällt den diakonischen Einrichtungen nicht immer leicht, mit solcher Kritik konstruktiv umzugehen. Darum ist der Aufbau entsprechender Beschwerdeverfahren nötig.

Als bloßes soziales Dienstleistungsunternehmen - und sei es noch so tüchtig - verliert jedoch die Diakonie über die Länge der Zeit ihr Profil. Es kommt auf die Entwicklung und Entfaltung diakonischer Qualität an. Der christliche Charakter einer diakonischen Einrichtung wird schon an der äußeren Gestaltung erkennbar (Bilder, Sprüche, christliche Symbole). Er zeigt sich ebenso durch die Gestaltung der Tages- und Kirchenjahreszeiten mit ihren Festen, durch Andachten und Gottesdienste, Gruppengespräche über Bibel und Glauben, Lied und Gebet, Kirchenmusik und das Angebot der Seelsorge für Klienten und ihre Angehörigen und für die Mitarbeitenden. Die Spiritualität etwa in einem christlichen Krankenhaus hängt von der Haltung aller Mitarbeitenden ab: von der Telefonzentrale bis zur Ärzteschaft, vom Sozialdienst über die Pflegekräfte bis zu den Ehrenamtlichen in der Bücherei. Wie sie auf Menschen zugehen und was sie sagen, entscheidet mit, ob sowohl im Prozeß der Gesundung als auch im Prozeß des Sterbens die Frage nach dem Heil des Menschen wachgehalten wird. Der Glaube gibt den längeren Atem für die Arbeit mit Menschen, die Hilfe und Zuwendung brauchen. Im "Leitbild Diakonie" von 1997 heißt es: "Wir nehmen den einzelnen Menschen wahr. Darin sehen wir unseren Auftrag in der Nachfolge Jesu." Auf dieser Grundlage ist Diakonie etwas Eigenes und Besonderes und kann Besonderes einbringen.

Die ethischen Fragen gemeinsam bedenken: Wir brauchen eine gesteigerte Wachsamkeit in ethischen Fragen. Das folgt schon aus den Erfahrungen der Vergangenheit, insbesondere im Zusammenhang mit der "Medizin ohne Menschlichkeit" in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Erinnerung an früheres Versagen, auch in der Diakonie, macht sensibel für den Schutz des menschlichen Lebensrechts und der menschlichen Würde. Vor allem aber ist es unübersehbar, daß die menschliche Verfügungsmacht über Leben stetig wächst. Anfang und Ausgang des Lebens sind immer mehr in die Hand des Menschen gegeben. Auch gilt es, einem Menschenbild vom ausschließlich starken, gesunden und leistungsfähigen Menschen, der keiner Hilfe bedarf, zu widersprechen und für ein ganzheitliches Menschenbild einzutreten, das auch Krankheit, Behinderung, Gefährdung, Krisen, Schuld und Tod nicht ausblendet. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Diakonie dürfen mit diesen Fragen nicht alleingelassen werden. Wir brauchen zwischen ihnen und dem ärztlichen und pflegerischen Personal, den fachkundigen Personen aus der Theologie und Ethik, den Kirchenleitungen sowie den Gemeindegliedern mit ihren praktischen Erfahrungen aus Familie und Nachbarschaft das kontinuierliche Gespräch und den intensiven Austausch.

Die diakonische Arbeit in den Gemeinden ausbauen - das kirchliche Profil der Diakonie stärken: Der Ausbau der diakonischen Arbeit in den Gemeinden und die Stärkung der Kirchlichkeit der Diakonie hängen zusammen. Darum muß mehr Wert gelegt werden auf die partnerschaftliche Einbeziehung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Diakonie in die gemeindliche Arbeit, die Belebung der diakonischen Arbeit in den Gemeinden und die Stärkung der Kultur des Ehrenamts in den Gemeinden. Es geht darum, das diakonische Bewußtsein in den Gemeinden zu stärken.

Die Kirchengemeinden leisten heute wichtige Beiträge zur Hilfe für Mitmenschen in ihrem Wirkungsbereich und wirken dabei mit den diakonischen Werken und Einrichtungen zusammen. Beispiele hierfür sind:

  • die Arbeit gemeindlicher Einrichtungen (Kindergärten, Teestuben, Wärmestuben u.ä.),
  • die Pflege von alten, behinderten und kranken Menschen und die Unterstützung der Familien bei der Pflege von Angehörigen,
  • die unmittelbare Hilfe für Betroffene (Speisungen, Nahrungsmittelgeschenke),
  • Betreuung von sozial Schwachen im Stadtteil durch den gemeindlichen Diakoniearbeitskreis oder Besuchsdienstkreis,
  • die Beratung von Asylsuchenden.

Wenn Gemeinden sich für ihr Dorf oder ihren Stadtteil öffnen, bekommen Menschen Lust, sich zu engagieren, mit denen die Gemeinde gar nicht mehr rechnet. Was sonst hinter vorgehaltener Hand gesagt wird, kommt auf den Tisch. Neue Ideen, Initiativen und Selbsthilfegruppen wachsen. Auch in Projekten für Flüchtlinge und Wohnungslose, in Arbeitsloseninitiativen und beim Erstellen von Armutsberichten hat sich gezeigt, wie ideenreich Gemeinden agieren können. Diakonische Einrichtungen, in denen die Arbeitszeit der Hauptamtlichen durch definierte und refinanzierte Aufgaben beschrieben ist, tun sich oft schwerer, das gesicherte Feld der Fachlichkeit zu verlassen und sich auf Experimente einzulassen.

Viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sind in diakonischen Aufgaben der Gemeinden tätig. Sie erleben Menschen in Notsituationen aus der Nähe und können neu entstehende Probleme erkennen und unmittelbar handeln. Beide - hauptamtlich Tätige und ehrenamtlich Tätige - brauchen einander.

Motivation, partnerschaftliches Miteinander, Kollegialität und Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fördern: Diakonische Arbeit lebt von einer engagierten, motivierten, gut ausgebildeten und loyalen Mitarbeiterschaft. Mehr als 70% von ihnen sind Frauen. Dieser hohe Anteil muß seine Entsprechung auch darin finden, daß Leitungsfunktionen verstärkt mit Frauen besetzt werden. Die Dienstgemeinschaft der Diakonie umfaßt Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Stärken, unterschiedlichen Prägungen und Motivationen, unterschiedlichen Charakteren und Stilen, Angestellte im üblichen Sinn ebenso wie Mitglieder diakonischer Gemeinschaften. Es ist das besondere Verdienst der diakonischen Gemeinschaften, daß der Sinn für diakonische Qualität entwickelt wurde und sich in der diakonischen Arbeit verbreitet hat. Die Motivation zum Pflegen, Heilen, Trösten, Stärken, Fördern und Ausbilden im diakonischen Dienst wird nicht nur in diesem Dienst selbst erworben und aufgebaut, sie wird auch mitgebracht. Wenn diakonische Arbeit gelingen soll, müssen Motivation, partnerschaftliches Miteinander und Kollegialität gefördert werden. Die besondere Lebenssituation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern muß bei der Organisation des Dienstes besonders bedacht werden.

Dienstgeber, Einrichtungsleitungen und Mitarbeitervertretungen sollten fortfahren, diakonisches und kirchliches Bewußtsein unter den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu stärken und dem Engagement und den Beiträgen der Mitarbeitenden Beachtung und Wertschätzung entgegenzubringen.

4. Die Synode dankt Gott für den Segen, der auf der Arbeit zahlloser Frauen und Männer im Dienst der Nächstenliebe liegt.

Sie dankt ihm für den Reichtum an Menschlichkeit, der der Kirche aus dem Umgang mit den Armen und Schwachen zugewachsen ist. Diese sind Gebende, nicht nur Nehmende.

Die Synode dankt allen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich im Geist Christi für ihre Mitmenschen einsetzen und persönliche Opfer nicht scheuen. Sie bringen nicht nur ihre Arbeit ein, sondern auch sich selbst, ihren Glauben, ihre Haltung, ihr Engagement, ihre Bereitschaft zur Anteilnahme und zum Mitleiden. Der Dank gilt ebenso denen, die mit ihren Spenden die diakonische Arbeit unterstützen. Die Kirche bekennt sich zur Arbeit der Diakonie. Ihr Dienst ist nicht nur Hilfe für den Nächsten, sondern auch bereichernder Beitrag zum Leben der Kirche und zur Verkündigung der frohen Botschaft von Gottes Barmherzigkeit für diese Welt.

Münster, den 6. November 1998
Präses der Synode


Die Veröffentlichung der Beschlüsse erfolgt unter dem Vorbehalt der endgültigen Ausfertigung durch den Präses der Synode!



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