Grußworte
3. Tagung der 9. Synode der EKD (1.-6. November 1998, Münster)
Professor Dr. Roman Herzog
Bundespräsident
Sehr geehrter Herr Präses,
sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender,
meine Damen und Herren!
Ich danke ihnen herzlich für die Einladung, wieder einmal an einer Tagung der Synode der EKD teilzunehmen. Ich bin sehr gern nach Münster gekommen, und zwar eben nicht nur, weil ich lange Zeit selbst Mitglied der Synode war, sondern weil ich mich Ihrer Arbeit nach wie vor und auch weiterhin sehr verbunden fühle.
Übrigens herzlichen Dank, Herr Präses, dafür, daß Sie mir die Daten meiner kirchlichen Wirksamkeit geschlossen vorgeführt haben. Es ist ja immer eine Peinlichkeit für den, der begrüßen muß, der dem anderen erzählen muß, daß er geboren ist und wo und was er alles getan hat, und es ist auch für den, der es hören muß, mitunter peinlich. Aber heute bin ich wirklich dankbar dafür.
Ich will Ihnen auch sagen, warum: Ich weiß die Daten nicht mehr. Ich bin felsenfest davon überzeugt, daß ich das alles noch in meinen Unterlagen habe, aber ich bin nicht davon überzeugt, daß ich diese Unterlagen in den nächsten Monaten finden werde. Herzlichen Dank. Ich sage das ohne jede Ironie.
Mein Eintreffen, so ist mir gesagt worden, fällt nach dem Verlaufsplan der Synode in die Beratung des Haushalts. Ist das richtig? Zur Aufstellung kirchlicher Haushalte gibt die Bibel, mit der wir sonst umgehen, leider nicht allzuviel her, außer, daß die Finanzierung der Gemeinde auch beim Entstehen der Bibel schon eindringlicher Appelle bedurfte: "So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer dem die Steuer gebührt." - Aus dem Römerbrief, wenn ich mich recht erinnere, aber auch dafür gehe ich nicht hundertprozentig ins Obligo. - Aber auch dieser Hinweis, meine Damen und Herren, führt heute angesichts weitreichender Abschreibungsmöglichkeiten nicht immer weiter. Es geht natürlich um das staatliche Steuerrecht.
Wer die inneren Mechanismen der Synode kennt, der weiß natürlich, wie wichtig die Haushaltsberatungen für das kirchliche Leben in Deutschland sind. Die Akzente, Schwerpunktverlagerungen, Kürzungen und auch Streichungen, die hier vorgenommen werden müssen, haben auch beim EKD-Haushalt Auswirkungen bis in die kleinsten Gemeinden.
Die für die Finanzierung kirchlicher Aufgaben zentrale Einnahmeposition "Kirchensteuer" ist seit Jahren rückläufig. Die Austrittswelle der vergangenen Jahre, die Lage auf dem Arbeitsmarkt, die Lohnzurückhaltung in den jüngsten Tarifrunden und die geringeren Erträge bei der Einkommensteuer, die alle in die Kirchensteuer hinüberwirken, sind dafür die wichtigsten Ursachen. Auf diese Rahmenbedingungen hat die EKD keinen direkten Einfluß. Sie findet sie gleichsam vor und muß damit umgehen.
Ich will noch einmal ein Zitat bringen, dieses Mal aus einem ganz anderen Jahrhundert: "Bei der Beratung der Etatentwürfe stellt sich immer dringlicher die Frage, wie lange sich noch das bisher geübte Verfahren, die hergebrachten kirchlichen Aufgabenfelder zu sichern und darüber hinaus gleichzeitig neuen Anforderungen an die kirchliche Arbeit gerecht zu werden, durchhalten läßt." Wenn, zumindest den älteren Synodalmitgliedern unter Ihnen, dieser Satz bekannt vorkommt, dann läßt Sie Ihre Erinnerung nicht im Stich. Ich habe den Bericht des Ständigen Haushaltsausschusses auf der Tagung der Synode in Bad Salzuflen 1986 zitiert, damals der Vorsitzende des Gremiums Dekan Beck aus Kaiserslautern. Er hat damals weiter ausgeführt: "Angesichts rückläufiger Mitgliederzahlen und eines Kirchensteueraufkommens, das zwangsläufig dieser Entwicklung folgt, wächst die Sorge, eines Tages unüberwindlichen Schwierigkeiten beim Ausgleich kirchlicher Haushalte gegenüberzustehen." Das sind Feststellungen, die auch bei den heutigen Beratungen getroffen werden könnten und in der einen oder anderen Form sicher auch bereits getroffen worden sind und die Ihnen Antworten abverlangen, mitunter wohl auch schmerzliche Antworten.
Ein wesentlicher Aspekt ist aber mittlerweile hinzugetreten, der die Leistungen der Evangelischen Kirche in Deutschland in einem ganz besonderen Licht erscheinen läßt:, nämlich die Einheit Deutschlands und die schnelle Zusammenführung der Kirchen in Ost und West. In vielen Bereichen hat dieses historische Ereignis vorher bestehende Sorgen und Nöte relativiert, aber es hat auch neue Fragen aufgeworfen und neue Antworten auf sie verlangt, aber auch seit 1991 hat es in jedem Jahr einen EKD-Haushalt gegeben. Die Schwierigkeiten sind - das zeigt alle menschliche Erfahrung und das müssen vor allem Christen wissen und dadurch müssen sie sich von anderen, die so gern und so rasch jammern, auf die Dauer unterscheiden - mit Mut und Tatkraft und mit ein bißchen Opferbereitschaft überwindbar. Mut und Tatkraft war den Christen im Osten unseres Vaterlandes ohnehin abverlangt, als es darum ging, der Vereinnahmung durch den SED-Staat zu entgehen. Das war für viele ein schwieriger Weg zwischen abgenötigter politischer Loyalität um der kirchlichen Bewegungsfreiheit willen und radikaler Distanz mit dem Risiko seelsorgerlicher Unwirksamkeit.
Das unter diesen schwierigen Bedingungen abgegebene und vor allen Dingen auch gelebte Bekenntnis der "besonderen Gemeinschaft der Christen in Deutschland" - ich weiß nicht, wieweit man sich heute an diesen Begriff überhaupt noch lebendig erinnert - war eine enge, verbindende Klammer zwischen den Menschen in den innerdeutschen Beziehungen. Mit den wichtigsten Hilfen und mit der Unterstützung durch die Verantwortlichen in Kirche, Politik und Gesellschaft aus der alten Bundesrepublik wurde hier ein Gefühl der Zusammengehörigkeit bewahrt, von dem die eine oder andere Fehlentwicklung oder das eine oder andere menschliche Fehlverhalten nicht ablenken darf. Das ist etwas, was man insbesondere den Medien immer wieder sagen muß. Es ist das historische Verdienst der Kirchen in der damaligen DDR, auch unter großem Druck an der Einheit der Christen unseres Landes festgehalten zu haben und den ihre Gemeinschaft suchenden Menschen in Not und Bedrängnis Anwalt gewesen zu sein. Unser Bekenntnis zur Einheit hier im Westen Deutschlands war damals ganz gewiß ebenso ernsthaft, aber es war eben ein Bekenntnis ohne Risiko.
Darüber hinaus war die Kirche in der damaligen DDR auch Schutz- und Freiraum für viele, die wir heute mit dem vereinfachenden Begriff Opposition belegen. Die schützenden Hände beispielsweise von Friedrich Schorlemmer über Menschen aus der Umwelt- und Friedensbewegung oder der Einsatz von Rainer Eppelmann in der Ostberliner Samariter-Kirche, wo Freya Klier und Stefan Krawczyk ein Forum erhielten, sind hierfür eindrucksvolle Beispiele, die man auch nicht einfach der Vergessenheit anheim geben sollte.
Mir liegt daran, die Menschen zu würdigen, die diesen Prozeß - bis hin zur staatlichen Einheit Deutschlands - mit großem persönlichen Mut mitgestaltet haben. Sie haben sich aufgrund ihrer christlichen Verantwortung einer friedlichen Revolution verpflichtet gefühlt, für die sie weltweit größten Respekt geerntet haben, und im übrigen jenseits der Grenzen Deutschlands mehr als diesseits der Grenzen immer noch ernten.
Gemessen an den Verhältnissen von 1989 und 1990 ist jetzt zunehmend auch im kirchlichen Bereich der Alltag wieder eingekehrt. Jedenfalls spiegelt die Zusammenarbeit innerhalb der Synode seit längerem diesen Eindruck wider, gerade auch weil sie bei der Bewältigung von Sachthemen keine vorherigen geographischen Ortungen mehr betreiben muß.
In der Diakonie, die ein zentrales Thema dieser Synode ist, kann schließlich nicht danach gefragt werden, wo der Schwache, Kranke, Verlierer oder Absteiger seinen Wohnsitz hat. Und für diesen Personenkreis ist schon gar nicht entscheidend, welche geographische Herkunft der Helfer hat, der sich dann findet.
In der Diakonie drückt sich die Liebe Christi in ihrer eindrucksvollsten Form aus. Hier wirken Wort und Tat zusammen. Hier bietet sich die große Chance christlicher Direkterfahrung, gerade auch für jene, die der Kirche distanziert gegenüberstehen. Trost ist hier gleichzeitig auch tätige, mitmenschliche Hilfe am anderen. Die Anforderungen, denen sich die Helfer in der Diakonie täglich stellen, sind enorm. Fachliche Kompetenz und seelsorgerliche Qualität sind zugleich nötig, um den Erwartungen der Hilfesuchenden gerecht zu werden und ihnen die Hoffnung zu vermitteln, die der christlichen Botschaft innewohnt.
Die eindrucksvolle Leistung der Diakonie habe ich anläßlich des Festakts zum 150jährigen Bestehen des Diakonischen Werkes in Wittenberg unlängst schon gewürdigt. Das will ich nicht wiederholen, aber ich sage doch: In der Diakonie liegt für die Kirche aber auch eine große Chance von Wirksamkeit. Fachliche Kompetenz mag man auch staatlichen Institutionen nicht bestreiten wollen, wenn es um die Unterstützung der Schwachen in unserer Gesellschaft geht. Sich den Menschen mit christlicher Liebe zuzuwenden, ist - auch dort vielleicht noch dem einen oder anderen aufgrund persönlichen Engagements gegeben, aber zu den arbeitsvertraglichen oder Amtspflichten der Menschen in staatlichen Einrichtungen gehört es nicht. Und wer Augen hat zu sehen, der sieht die Unterschiede, die sich aus diesem wesentlichen Unterschied ergeben. Hier hat christliche Diakonie ein uneinholbares Prä vor dem Staat, wenn sie nur genug Mut hat, dieses Prä zu zeigen und auch auszuspielen. Auch das muß ich gelegentlich immer wieder einmal sagen.
Eine Überschrift über den Referaten zur Einführung des Schwerpunktthemas am gestrigen Tage lautete - und ich hoffe, da hat sich seit dem Druck des Programms nichts geändert, sonst rede ich neben der Sache -: Diakonie und Wettbewerb. Wenn das Platz greift, wovon ich gerade gesprochen habe, meine Damen und Herren, dann bin ich sicher, daß die Diakonie diesen Wettbewerb nicht zu fürchten hat, wenn weiterhin Wort und Tat zusammenwirken und übereinstimmen. Dann hat die kirchliche Diakonie das große Prä, in dem sie unschlagbar ist.
Sie werden sich gleich wieder Ihrem heutigen Tagungsordnungspunkt, den Haushaltsberatungen, zuwenden. Bei allen Entscheidungen, die Sie dabei treffen, sollte Sie immer auch die Frage bewegen, die mich eigentlich ständig bewegt, welche Auswirkungen sich aus der einzelnen Entscheidung für die Familie ergeben. Man sagt so leicht hin: Die Familie ist die Keimzelle unserer Gesellschaft. Sie ist für mich zugleich die größte und zukunftsträchtigste Bürgerbewegung in Deutschland, die sich aber selten lautstark zu Wort meldet, weil Eltern, die sich verantwortlich um die Erziehung ihrer Kinder kümmern und mit dem täglichen Familien- und oft noch Berufsmanagement beschäftigt sind, wenig Zeit haben, auch noch ihre eigenen Interessen lautstark zu vertreten.
Aber in der Familie werden heute die Fundamente unseres Zusammenlebens jenseits der Jahrhundertwende gelegt, und deshalb braucht sie unser aller Hilfe. Sie ist im übrigen auch das allerbilligste und allereffektivste Mittel, um christliche Werte weiterzutransportieren.
Das setzt natürlich schon voraus, daß die Eltern noch wissen, was christlich ist - das gehört dazu. Die Familien müssen spüren, daß sie für eine Gesellschaft und besonders innerhalb der christlichen Gemeinschaft Vorrang haben. Hier gibt es noch vielfältige Benachteiligungen, und deshalb ist hier noch unerhört viel zu tun.
Das Bundesverfassungsgericht - aus dem ich ähnlich ausgeschieden bin wie aus der Synode der EKD, dem ich aber auch noch verbunden bin - hat in einer Entscheidung von 1992 festgestellt: "Das bestehende Alterssicherungssystem führt zu einer Benachteiligung von Personen, die sich innerhalb der Familie der Kindererziehung widmen, gegenüber kinderlosen Personen, die durchgängig einer Erwerbstägkeit nachgehen können." Eine Feststellung, die man heute immer noch so treffen kann. Inzwischen hat diese Diskussion die Gesellschaft erreicht. Wenn es, um mit den Begriffen des Gemeinsamen Wortes des Rates und der Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland zu sprechen, um eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit geht, müssen diese und andere Fragen endlich einer Lösung nähergebracht werden. Und ich sage auch das, damit das ganz deutlich ist: Hier geht es nicht nur um staatliche Politik, hier geht es nicht nur um Kindergeld und Kinderfreibeträge, sondern es geht um das Verhalten jedes einzelnen gegenüber Familien und Kindern, also um ein Arbeitsfeld, auf dem Kirchen ganz besonders viel bewirken können. Da geht es um den Vermieter, der auch an Ehepaaren mit Kindern, das ist gleich Familie, vermieten soll. Da geht es um den Arbeitgeber, von dem man auch erwarten muß, daß er seine Arbeitszeitregelungen auch auf die Bedürfnisse von Familien, insbesondere von Müttern abstellt.
Da geht es um den letzten Straßenbahnfahrer. Ich meine jetzt nicht den, der vorn sitzt, denn der ist meistens schon durch einen Computer ersetzt, sondern um den, der mitfährt und Krach macht, wenn Kinder ein bißchen lauter sind oder ein bißchen herumtoben. Da geht es um jeden einzelnen.
Wenn wir es neben allen politischen Maßnahmen, die unzweifelhaft notwendig sind, nicht schaffen, diese Atmosphäre umzudrehen, dann werden wir nie mehr zu einem kinderfreundlichen Land werden. Die Kirchen können da sehr viel tun, weil die Leute von ihnen mit Recht erwarten, daß sie ihnen Verhaltensregeln geben, selbst wenn der einzelne, der sie hört, sie nicht in jedem einzelnen Fall befolgt. In der Hälfte der Fälle zu einer Besserung zu kommen ist schon fast die halbe Miete.
Ich sollte eine Viertelstunde reden. Ich sehe, ich rede bereits 17 Minuten, aber ich habe schon mein letztes Blatt erreicht, und ich werde das nur ganz kurz vortragen. Sie müssen jetzt weiterarbeiten. Ich wünsche Ihnen einen guten Verlauf Ihrer Arbeit. Ich wünsche Ihnen, daß Sie am Ende der Synode - was nach meinen Erfahrungen auch nicht immer der Fall ist - mit der Überzeugung nach Hause fahren können, Sie hätten etwas Gutes geleistet. Auch das muß erworben werden. Das ist auch bei Synoden nicht automatisch so.
Bei den Grußworten handelt es sich um nicht redigierte Texte!

