Grußworte

3. Tagung der 9. Synode der EKD (1.-6. November 1998, Münster)

Weihbischof Friedrich Ostermann, Münster

Verehrter Herr Präses, liebe Synode, Synodalinnen und Synodalen, sehr geehrte Gäste!

Im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz und im Namen unseres Bischofs Dr. Reinhard Lettmann, der durch eine Auslandsreise verhindert ist, das Grußwort an Sie zu richten, darf ich Sie herzlich in unserer Stadt Münster begrüßen. Das Jubiläum 350 Jahre Westfälischer Friede hat Sie hierher geführt. Dieser Friede, vor 350 Jahren geschlossen, hat nach einem schrecklichen Krieg voller unsäglicher Grausamkeiten die Koexistenz der verschiedenen Bekenntnisse des Kaisers mit den Reichsständen und der europäischen Mächte ermöglicht. Überaus beschwerlich war der Friedensprozeß, der vom 4. Dezember 1644 bis 24. Oktober 1648 dauerte. Das war nicht verwunderlich. Seit dem 14. Jahrhundert zerfiel mehr und mehr die mittelalterliche Einheit im Glauben und auch die Einheit von Kaiser und Reich. In allen Bereichen des Lebens wurde um Selbstbestimmung, um Freiheit und gleichzeitig um Einheit, um Einheit in der Vielfalt gerungen.

Was dieses Ringen bedeutet, das erfahren auch wir Heutigen Tag für Tag. Es bleibt die Spannung, zu leicht wird die Einheit der Freiheit und die Freiheit der Einheit geopfert. Die Vermittlung beider bleibt unser Problem und zugleich auch unsere Aufgabe. Der Westfälische Friede von 1648 hat Koexistenz ermöglicht. Mit größter Sorgfalt, und das kann uns allen Vorbild sein, wurden die Verträge ausgehandelt. Sie sollen Selbständigkeiten sichern, in Verantwortung aber für das Ganze. Die Koexistenz der Bekenntnisse, der Lutheraner, der Reformierten und der Katholiken, und das Gleichgewicht der Mächte war ein erster Schritt hin auf Einheit und Frieden. Die Koexistenz, damals gegründet, muß weiterführen in den Dialog, der darum weiß, daß jeder Mensch verpflichtet ist, die Wahrheit zu suchen und sich gleichzeitig dessen bewußt ist, daß die Wahrheit niemals aufgezwungen werden kann. Diesen Dialog pflegen wir, Gott sei es gedankt, seit mehreren Jahrzehnten, und der Beweis sind die vielen Gemeinsamen Erklärungen und besonders auch die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Da sind wir uns einig in der Grundwahrheit, über ihre Entfaltungen müssen wir offensichtlich noch weiter reden.

Dieser Dialog, der sich der Freiheit und der Wahrheit verpflichtet weiß, müßte er vielleicht noch bewußter unter dem Kreuz geführt werden, dem Zeichen der Liebe Gottes zum Menschen und des Menschen zu Gott? An die Epheser schreibt der heilige Paulus: "In der Liebe verwurzelt, auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnisse übersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt." Und darum geht es ja letztlich: Die Liebe Christi allein wird uns zur Wahrheit führen.

1648 liegt weit zurück, die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Heute ist der Dialog in einer Koexistenz verschiedener Kulturen, verschiedener Religionen und des Atheismus zu führen. Dieser Dialog könnte uns vielleicht auch helfen, wenn wir ihn gemeinsam führen, uns selbst tiefer zu verstehen und so leichter zur Einheit in der Vielfalt zu finden und der Interkulturation - ich meine nicht Inkulturation - in unserem Volk zu dienen.

Mit Ihrem Schwerpunktthema auf dieser 3. Tagung der 9. Synode - Diakonie - dienen Sie auch diesem erweiterten Dialog. Jesus Christus sagt uns im 10. Kapitel des Lukas-Evangeliums: "Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so eßt, was man euch vorsetzt. Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe."

In unserer demokratischen Gesellschaft, der Stadt von heute, sind wir alle aufgenommen. Mit Ihrem Schwerpunktthema wollen Sie ganz bewußt bei den Nöten der Menschen von heute sein. So werden Sie mancherlei Krankheiten heilen können. Bei den Nöten der Menschen wollen auch wir Katholiken sein. Gemeinsam laßt uns unserer Gesellschaft verkünden: Das Reich Gottes ist nahe, das Reich des Lebens, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens.

Gott möge Ihre Beratungen segnen. Ich danke Ihnen.


Bei den Grußworten handelt es sich um nicht redigierte Texte!



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